Bald daraus fpraitg Mai Kur Erde und ging schwell in der Zelle auf und ab. Er war, gegen seine Gewohnheit, sehr aufgeregt, gestikulierte und stieß von Zeit zn Zeit den Ausruf aus:
Was für ein Kreuz, lieber Gott! was für ein Kreuz!
Gut! dachte Lecoq, du bist unruhig, mein Junge, weil du gestern dein tägliches Billett nicht erhalten hast. Geduld, Geduld! du wirst eins von meiner Art kriegen!
Endlich schlug es elf Uhr, der Gefangene stimmte sein Lied an:
Wie Mögen in seinem alten Rock, So sing ich froh und . . .
Er kam nicht weiter; das leise Geräusch des auf die Sieiir- sliefen fallenden BrotkügelcheuI hatte ihn unterbrochen. Lecoq hatte den Kopf in feinem Loch und beobachtete mit angehaltenem Atem. Keine Bewegung, kein Mmperzucken des Mannes entging ihm.
Mai hatte erst in die Luft gesehen, nach dem Fenster zu, dann rund um sich, als könnte er sich die Herkunft des Wurfgeschosses durchaus nicht erklären. Erst nach einer kleinen Weile entschloß er sich, es aufzuheben; er hielt e5 in der hohlen Hand und betrachtete es neugierig. Seine Züge drückte:! die höchste Ueberraschung aus. Bald indessen lächelte er, zuckte die Achseln, als wollte er sagen: „Bin ich aber dumm!" und brach mit einer schnellen Bewegung die Brotkrume auseinander. Beim Anblick des Wsanmrengerollten Papierchens machte er ein sehr uaHdenAiches Gesicht.
Ah was! dachte Lecoq, ,.anz außer Fassung gebracht. Was sind denn das für Manieren?
Der Angeklagte hatte das Billett aufgewllt und sah mit Mfammengezogenen Brauen auf die Reihenfolge von Zahlen, mit denen er anscheinend nichts anzufangen wußte. Aber plötzlich sprang er an seine Zellentür, führte mit aller Kraft einen Faust- schlag dagegen und ries:
Hilfe! Wörter, Hilfe!!
Ein Aufseher eilte herzu — Lecoq hörte seine Schritte im Korridor — und fragte durch den Türschalter:
WaS wollen Sie?
Ich will den Untersuchungsrichter sprechen.
Gut! Er wird benachrichtigt werden.
Wer bitte sofort, nicht wahr? Ich will Enthüllungen Machen.
Ich werde gleich jemanden schicken.
Lecoq hörte nicht mehr; er stürmte die steile Treppe von seinem Hängeboden herunter und eilte im Laufschritt nach Scg- jnüllers Kabinett.
Was bedeutet denn das? dachte er. Sollten wir uns der Lösung des Rätsels nähern? So viel steht fest, mit einem solchen EntsllKuß des Angeklagten hätte mein Billett nichts zu tun. Er Konnte es nur mit Hilfe seines Buches entziffern, und er hat dieses nicht augerührt, also hat er es nicht gelesen. Segmüller »var nicht weniger überrascht als Lecoq und begab sich mit ihn» Esort nach Mais Zelle; im Korridor trafen sie den Direktor, r auf das Mvrt „Enthüllungen" hin ebenfalls sofort herbei- geeilt war. Er schob mit eigener Hand die Riegel zurück, und sie traten ein. Mai faß an seinem Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. Als er die Riegel klirren hörte, sprang er von seinem Stuhl auf, riß die Mütze vvm Kops und wartete in ehrerbietiger Haltung, bis man ihn anredete.
Sie haben mich rufen lassen? fragte Segmüller.
Ja, Herr Richter.
Sie haben, wie sie sagen, Enthüllungen zu machen?
Ich habe Ihnen Wichtiges mitzuieilcn.
Gut; die anderen Herren werden sich zurückziehest
Das lohnt sich nicht! rief Mai schnell. Ich bin es int Gegenteil sehr zufrieden, vor aller Welt zu sprechen.
Also reden Sie.
Mai ließ sich das wicht zweimal sagen. Sofort setzte er sich in Rednerpositur, wie er es wahrend der ganzen Untersuchung stets gemacht hatte, wenn er etwas längeres zu sagen hatte, und begann: •
Ich muß vorausschicken, meine Herren, daß ich ein ganz ehrlich«: Mann bin. Der Beruf hat damit nichts zu tun, nicht wahr? Man Bann Lei einer Jahrmarktsbude . . .
Oh, verschonen Sie uns bitte mit Ihren Betrachtungen.
Ganz wie Sie wollen. Also dann in zwei Worten; hier ist ein kleines Papier, das mir in diesem Augenblick zugeworfen wurde. Es stehen Zahlen darauf, die jedenfalls irgend was bedeuten. Aber ich habe keine Ahnung davon.
Er hielt dem Richter den Zettel hin und fügte hinzu:
Es war in einem Kügelchen aus Brotkrume eingerollt.
Die drei Herren waren von diesem unerwarteten Streich wie betäubt; aber Mai schien die Wirkung feiner Worte gar nicht 81t bemerken und fuhr fort:
sJch nehme dir, der Betreffende, der mir deck Zettel Olg'e- warfen, hat sich int Fenster geirrt. Ich weiß wohl, es ist nicht schön, einen Gefängniskameraden anzuzeigen, es ist sogar niederträchtig, man riskiert, ihm dadurch Unannehmlichkeiten zu mache», aber man muß wohl vorsichtig sein, trenn man, wie ich, eines Mordes beschuldigt wird und vor der Gefahr einer viel größere» Unannehmlichkeit steht. , \
Ein Bewegung mit der Handschärfe Über seinen Hals ließ keinen Zweifel darüber, was er unter der „Unannehmlichkeit" verstaitd.
Ich bin doch unschuldig, murmelte er.
Der Richter hatte zuerst seine volle Selbstbeherrschung Ivieder- erlangt. Er sah Mai mit einem durchbohrenden Blick an und sagte langsam:
Sie lügen! Der Zettel war für Sie bestimmt.
Für mich! Dann bin ich ja der allergrößte Dummkopf, daß ich Sie rufen lasse, um es Ihnen zu übergeben. Für mich! Warum habe ich cs dann nicht behalten? Wer wußte, wer konnte wissen, daß ich es empfangen hatte!
Dies alles wurde mit einem wuitderbaren Ausdruck von Ehrlichkeit vorgebracht, mit freier offener Stimme, mit Hellem Auge. Doch Segmüller erwiderte, unberührt davoit:
Und trenn ich Ihnen beweise, daß Sie lügen? Wenn ich es Ihnen hier, gleich auf der Stelle bewiese?
Donnerwetter, dann wären Sie ein großer Schlaumeier — oh, entschuldigen Sie, Herr Richter, ich wollte sagen . . .
Aber es kam Segmüller nicht auf einen mehr oder treniger unpassenden Ausdruck an; er winkte Mai, zu schweigen, und! wandte sich an Lecoq:
Bitte zeigen Sie dem Augeschuldigten, daß Sie deit Schlüssel seiner Korrrstwndenz entdeckt haben.
Plötzlich veränderte sich der Gesichtsansdruck des Gefangenen, und er sagte mit dumpfer Stimme:
Aha! dieser Kriminalbeamte hat das gefunden; derselbe Be? mntf, der behauptet, ich sei ein großer Herr . . .
Er maß Lecoq verächtlich von oben bis unten und fuhr forft
Wenn cs so ist, dann ist ja meine Sackte in Ordnung. Wenn die Polizei einen Menschen absolut zum Schuldigen stempelst will, so beweist sie, daß er schuldig ist — das ist ’ne bekannteSache.- Und trenn ein Gefangener keine Zettel bekommt, so treiß eist Beamter, der gerne befördert werden möchte, ihm’ welche zu- zustellen.
Lecoq war wütend, aber er nahm sich aus einen Wmk des! Richters zusammen, nahm das Gedichtbuch vour Tisch und zeigte dem Augeschuldigten, daß jeder Zahl des Billetts ein Wort der bezeichneten Seite entspräche, und daß alle diese Worte kittest vollkommenen Sinn enthielten.
Selbst dies niederschmetternde Zeugnis schien aber Mai nicht in Verlegenheit zu setzen. Nachdem ev die Geheimschrift bewundert hatte, wie ein Kind von einem neuen Spielzeug entzückt wird, erklärte er, nur die Polizei könnte sich so wundervolle Sackest ausdenketi.
Was sollte man einer solchen Verstocktheit gegenüber machen? Segmüller gab jeden .Versuch auf und zog sich mit seinen Begleitern zurück. Bis zum Kabinett des Direktors, wohin sie sich begaben, sprach er fein Wort; aber er ließ sich in einen Sessel sinken und sagte:
Wir müssen uns für geschlagen erklären. Der Mann wir» bleiben was ex ist: «in Rätsel.
(Fortsetzung folgt.)
Eine zeitgenössische Nachricht von unserer Lander- Aniversität.
Von Köhler- Langsdorf.
Ist einem alten Chronik-Buche, dem die 114 ersten Seitest samt dem Titelblatte fehlen, von dem die Seiten 115—750 noch vorhanden sind, und dem eine Fortsetzung angehängt ,st unter dem Titel „GottfriedSchultzens Nen-augirten Chronrcken Continuatio. Lübeck, bei August-Johann Beckern — Im Jahr 1660", finde ich folgende bemerkenswerte zeitgenöisische Nachrrcht:
Anno Christi 1650 — Seite 606 und 607. (Giessen) Nachdem Ihre Fürstl Gn der Herr Landgraff zu Hessen / dero bißher snspendirt gewesene Universität zu Giessen restauriren zu lassest sich entschlossen / als kamen anff Dero gnädige Verordnung Ihre beyde geliebte Herren Söhne / Herr Ludewig und Herr Georg der Jüngere / Gebrüdere / Landgrafen zu Hessen / und in deroselben Comitat, Herr Graff Georg Ernst zu Erbach / wre auch hoÜMineldtes Herren Landgraff Georgens zu Hessen Fürstl. Gnaden Vice-Stadthalter und Cantzler zu Darmstadt / dann ferner verschiedene Adeliche / und andere Bediente zu Giessen an / wre seelbst Jh. Ihr. Fürstl. Fürstl. Gn. Gn. in Gegenwart des Herren Professorum und Stndiosorum von dem Cantzler allda /


