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Nr. 180
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Herr Lecoq.
Ktziminal-Roman von E. Gaborkau.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
33. Kapitel.
WaS für eine Enttäuschung brachte dieses lakonische und dunkle Billett «acht der hochgespannten Erwartung, die die int Kabinett des Richters versammelten Personen beinahe außer Atem gehalten hatte.
SegmüllerS Auge, das hoffnnngsfreudig anfgeleuchtet hatte, erlosch wieder, und Goquet kam auf seine frühere Meinung zurück, daß der Angeklagte vielleicht den Kopf aus der Schlinge ziehen würde.
Mas für ein Unglück! sagte der Direktor, mit einer deutlich erkennbaren Beimischung von Ironie. Wie schade, daß so viel Mühe und bewunderungswürdiger Scharfsinn ganz vergebens auf- gewandt sind.
LecoqS Zuversicht schien dagegen unerschütterlich zu sein; er maß den Direktor mit einem überlegenen Blick und sagte:
Wirklich? Der Herr Direktor findet, ich habe meine Zeit verloren! Der Meinung bin ich nicht. Aus diesem kleinen Papier scheint mir recht deutlich hervorzugehen, daß wenn jemand sich Über die Persönlichkeit des Angeklagten getäuscht hat, jedenfalls Nicht ich dies gewesen bin!
Zugegeben! Herr Gsvrol und ich haben nn§! durch den Augenschein täuschen lassen, frin Mensch ist unfehlbar. Aber sind Sie damit weiter gekommen?
Aber gewiß, Herr Direktor! Da man jetzt weiß, wer der Angeklagte nicht ist, so wird man mir vielleicht helfen, zu ent- dccren, wer es ist, anstatt sich über mich lustig zu machen un» mir Steine in den Weg zu werfen.
Der Ton des jungen Beamten, seine Auspiegelung auf die Schikanen, denen er begegnet Ivar, verletzten den Direktor, und er fühlte sich, gerade weil der Vorwurf berechtigt war, verpflichtet, den Untergebenen in seine Schranken zurückzuweiseu. Er sagte also kalt:
Sie haben recht. Diese» Mai muß irgend eine bedeutende und bekannte Persönlichkeit sein. .Aber, mein lieber Herr Lecoq — denn es ist ein Aber dabei — tun Sie mir doch den Gefallen und erklären Sie mir, wie diese wichtige Persönlichkeit hat verschwinden können, ohne daß die Polizei Meldung davon empfangen hat. Ein Mann von hohem Range, wie Sie ihn in Mai sehen, hat für gewöhnlich eine Familie, Verwandte, Freunde, kurz, sehr ausgedehnte Beziehungen; und von all tue;en Leuten sollte niemand in den drei Wochen, seitdem Mai bei mir hinter Schloß und Riegel sitzt, einen Ton haben verlauten lassen? Gehen Sie mir doch Herr Lecoq, und gestehen Sie zu, daß Sie diesen Punkt nicht bedacht hatten!
Der Direktor hatte den einzigen wunden Punkt des Anklage- systems berührt, und Lecoq war daher im Begriff, ihm eine scharfe Antwort zu geben; denn es ist menschlich, daß man gxrade Angriffe auf seine schwachen Stellen nicht vertragen kann.
Aber Segmüllev kam ihm zuvor und sagte mit seiner ruhige«! Stimme:
Alle diese Gegenbeschuldigungen führen uns zu nichts. ES wäre vernünftiger, wir berieten darüber:, wie wir uns den Vorfall zunutze machen können.
Lecoq lächelte; sein Groll wckrt schnell verschwunden, und er sagte:
Das Mittel dazu ist gefunden.
Oh!
Und es ist, Ivie ich glaube, unfehlbar, weil es so ungeheuer entfach ist. Es besteht darin, daß wir für dies Billett ein anderes unterschieben. Das ist ganz leicht, da ich den Schlüssel zum Briefwechsel habe. Ich brauche nur ein Exemplar von BsrangerÄ Gedichten zu kaufen. In dem Glauben, sich an seinen Komplizen zu wenden, wird Mai in aller Unschuld antworten.
Aber bitte, unterbrach der Direktor ihn, auf welche Weise wird er ihnen denn antlvorten?
Ja, da fragen Sie mich zu viel, Herr Direktor. Ich weiß, auf welche Art man ihm seine Briefe zukommen läßt, das ist schon etwas. Um das übrige herauszubnngen, werde ich beobachten, suchen, sehen. . .
Goquet konnte ein beifälliges Nicken nicht unterdrücken. Hätte er zehn Franken zu riskieren gehabt, so hätte er sie auf Leoog gewettet..
Zunächst, fuhr der junge Beautte fort, werde ich diese Botschaft durch eine andere von meiner Mache ersetzen. Wenn morgen um die Zeit der Suppenverteilung Mai wieder sein Signallied anstimmt, wird der alte Absinth ihm das Ding zum Fenster hineinwerfen, während ich von meinem Lauerposten aus die Wirkung beobachten werde.
Lecoq war so entzückt von seinem Plan, daß er sich erlaubte zu klingeln und dem eintretenden Gerichtsdiencr ein Zehnsoustück zu übergeben, nur ihm einen Bogen feinstes Seidenpapier zu kaufen.
Sobald er dies Papier hatte — das in der Tat völlig dem des Zettels glich — setzte er sich au den Tisch des Sekretärs, nahm das Gedichtbuch zur Hand und begann seinen Brief zu schmieden, wobei er nach Möglichkeit die Form der von bent geheimnisvollen Korrespondenten geschriebenen Zahlen nachahmte.
In zehn Minuten war er mit der Arbeit fertig. Um keine Unvorsichtigkeit zu begehen, hatte er die Ausdrücke des echten Brieses beiüehalten, aber dabei dessen Sinn genau in sein Gegew teil verkehrt.
Er schrieb also:
Ich habe ihr Ihren Willen ntitgeteitt. Sie ergibt sich nicht darein. Unsere Sicherheit ist also gefährdet. Wir erwarten Ihre Befehle. Ich zittere.
Hierauf rollte er das Papier zusammen, knetete es in die Brotkrume hinein und sagte:
Morgen werden wir was erfahren!
Morgen! Die vierundzrvanzig Stunden, die ihn von dem entscheidenden Augenblick trennten, erschienen ihm wie ein Jahv» hundert. Nach einer schlaflosen Nacht sah er, sobald es hell wurde, den Gefangenen auf dem Fußende seines Bettes sitzen.


