580
* Die Pflege der kindlichen Phanta sie. Ueber dieses so wichtige als interessante Thema veröffentlicht Franz Strauß in Sarnau einen Aufsatz, dem wir folgendes entnehmen: Bei dem Kinde offenbart sich die Phantasie zunächst in seinen Spielen und Spielzeugen, die es selbst erfindet. Wie vielseitig ist doch die Erfindungsgabe, sobald sich dem Kinde Stoffe, wie Sand, Ton, Wachs, Holzstücke usw. darbieten, die sich formen und miteinander verbinden lassen! Da baut das Kind Häuser, macht Teiche, Wasserleitungen usw. Mit Recht sagt Goethe: „Kinder wisserr beim Spiele aus allem alles zu machen: ein Stab wird zur Flinte, ein Stückchen Holz zu in Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und jeder Winkel zur Hütte!" Nicht genug kann vor der Dar- bietuirg fertiger Spielzeuge gewarnt werden. Diese stumpfen nicht nur die Erfindungsgabe der Kinder ab, sondern sie sind auch oft — von den Geldkosten abgesehen — gesundheitsschädlich. Peter Rosegger bemerkt in seinem „Waldschnlmeister" ganz richtig: Man hüte das Kinderherz, so lange es zu hüten ist. Man greife so spät als möglich in den Wirkungskreis des Kindes ein. Selbst kleinere Kinder haben schon ihren selbstgeschaffenen Wirkungskreis. Sie verfertigen sich ihre Spielzeuge selbst. Wie sollten auch die Kinder erfinderisch werden, ivic könnten sie sich im Erwerben und Erhalten üben, wenn alles, tvas ihr Herz begehrt, sofort fertig da ist: So kommt es oft, daß die Kinder armer Leute, die in ihrer ersten Jugend alles, was sie haben wollten, sich selbst suchen und schaffen mußten, Kinder von reichen Leuten oft an Geisteskraft übertreffen. Aber aufmuntern und amleiten soll man die Kleinen stets in ihren Beschäftigungen und Heine» Schöpfungen! Ein vorzügliches Mittel zur Pflege der Phantasie besitzt die Mutter in den Erzählungen, besonders in den Märchen. „Gerade in der Erregung der Phantasie liegt der Hauptwert der Märchen." (W. Baumgart.) Leider wird in unseren — vielfach — poesielosen Familien so wenig erzählt, und es entsteht die Gefahr, daß „diese unscheinbare, aber reine und köstliche Perle unserer Bolkspoesie" (Vilmar) dem Kinde ganz verloren gehen könnte. Der alte Jakob Grimm sagt: „Es geht durch diese Märchendichtungen innerlich dieselbe Reinheit, um derentwillen uns Kinder so wunderbar und selig erscheinen." Von dem wirklichen Leben zieht das Kind in her Regel nur an, was es selbst angeht. Von dem Märchen dagegen läßt es sich mit Entzücken über Berg und Tal, über Land und Meer usw. führen, und wenn es ihm von fremden Dingen spricht, so ist ihm das alles so nah und vertraut, mit einem Wort: Die Welt des Märchens ist des Kindes Welt; denn es ist die Welt der Phantasie! Wohl bringt das Märchen manches, was, spießbürgerlich betrachtet, nicht unbedenklich erscheinen kann, was aber dem unverdorbenen Ksemüte zeigt, daß es im innersten Kern gesund ist. Das Märchen führt uns in das ideale Reich der einfachsten sittlichen Verhältnisse ein: dem Guten geht es gut, dem Schlechten schlecht, immer trägt das Gute — wenn auch oft spät den Sieg davon! So weht in den meisten Märchen eine gesunde Lust, welche die Organe des sittlichen Lebens unmittelbar nährt und kräftigt. Auch das Schöne und Erhabene in der Natur ist ein mächtiger Faktor zur Pflege und Bereicherung der kindlichen Phantasie. Darum ihr Mütter, führt die Kinder hinaus in den Tempel der Natur!
* Die Hotkneurkiste. Oberst v. Z. legte — so erzählt eilt Leser der Tägl. Rdsch. — großen Wert darauf, daß die Mannschaften' seines Regiments Nicht nur im Dienst den höchsten Anforderungen genügten, sonder» daß sie auch außer Dienst sich jederzeit musterhaft betragen' sollten. Besonders scharf achtete er auf die Straßendisziplin, und es kam, besonders in der ersten Zeit, fast täglich vor, daß er einzelne Leute bestrafte, welche ihm auf der Straße eine mangelhafte Ehrenbezeugung erwiesen und entweder gar nicht oder in schlechter Haltung Front vor ihnr machten. Mit der Zeit wurde dies besser, und es kamen solche Fälle fast gar nicht mehr vor, worüber der Oberst int stillen eine gewisse Befriedigung empfand. Während der Rekrutenausbildung pflegte Oberst v. Z. manchmal unerwartet in die Kaserne zu komme» und dem Unterricht bei irgend einer Kompagnie bei- zuwohneu. Eines Abends erschien er wieder in einer Mannschafts- ftube, in welcher gerade ein Unteroffizier unter Aufsicht des Rekrutenoffiziers mit seiner Korporalschaft Unterricht abhielt. Wie bei alle» solchen Gelegenheiten, prüfte der Oberst auch jetzt wieder mit. scharfem Blick die Stube inbezug auf Ordnung und Sauberkeit und da entdeckte er in der Nähe der Tür auf einem Wandbrett eine leere Holzkiste, auf welcher sich kein Name be
fand, und deren Bestimmung ihm nicht Aar war. Er fragt daher den' Unteroffizier nach der Bedeutung dieser Kiste. „Das ist die Honneurkiste, Herr Oberst", antwortete der Unteroffizier. „Die Honneurkiste?" fragte der Oberst nun kopfschüttelnd den' Leutnant. Dem Oberst wurde die Sache immer unklarer, und er verlangte daher eine nähere Aufklärung von dem Rekruten-Offizier.; „Wenn unter deck Rekruten," erklärte daraufhin der letztere, „sich solche Leute befinden, die in den Ehrenbezeugungen noch nicht ganz sicher sind, wird ihnen, wenn sie auSgehen, diese Kistes mitgegeben' damit sie nicht durch schlechtes Grüßen auf bet* Straße auffallen'. Wenn sie die Kiste tragen, brauchen sie nicht zu grüßen und vor allem nicht Front zu machen." „So," meinte; der Oberst, „und diese Kiste ist besonders für diesen Zweck beschafft?" „Jawohl, Herr Oberst, früher bekamen die Leute ein Kommißbrot mit, aber weil einmal ein Rekrut ein solches Brot unterwegs aüfgegessen hat, befindet sich jetzt auf jeder Stube eine Honneurkiste!"
* Ein Zahnarzt empfing den Besuch eines Landbewohners, der sich eine Zahnfistel behandeln lassen wollte. „Der Zahn ist schlecht," sagte der Mann der Zange, „und ich möchte Ihnen den Rat geben, sich Schmerzen zu ersparen, indem Sie sich mit Lachgas behandeln lassen. Es kostet nur 50 Cents mehr." Und der Zahnarzt zeigte dem Patienten seine Maschine und erklärte ihm, wie sie arbeitete —< wie er eine ober zwei Minuten in Schlaf fallen werde, um dann beim Erwachsen seine Schmerzen und feinen Zahn los' zu fein. Schließlich war der Patient damit einverstanden und zog seinen Geldbeutel. „Das Zahlen hat keine Eile," sprach der Zahnarzt gönnerhaft. „Ans Bezahlen dachte ich auch nicht," antwortete der Bauer, „aber ich dachte, wenn ich einschlafen soll, wollte ich lieber mein Geld erst mal nachzählen."
Literarisches.
— „März", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Laugen, Shirt Aram. Erstes Seplemberheü 1908. Verlag von Albert Lange» in München. Im ersten Septembcrhest der Halbmonatsschrift „März" übt Professor Lujo Brentano, anknüpsend an den „Internationalen Freihandelskongreß", eine scharfe Kritik an dem ganze» Schutzzollsystem, das in Deutschland an der gegenwärtigen Finanz- Misere allein schuld fei. Von Leo Tolstoi bringt das Hest unveröffentlichte „Briese an M. L. E. Obolenslü". Paul Buffons „Spaziergänge in Konstantinopel" wird man heute mit besonderem Interesse' lesen, die „Erinnerungen eines Arztes aus dem russisch-» japanischen Kriege" von W. Weressajew werden fortgesetzt. Robert Hessen erörtert in seinem Aufsatz „Rad gegen Auto" die Schäden de§ Automobilismus nicht nur von der hygienischen sondern auch von der wirtschattlichen und sozialpolitischen Seite. Dr. Karl Oppenheimer verbreitet sich in seinem Aussatz „Der Mensch im Hochgebirge" über die Wirkungen, die der Ausenlhalt im Hochgebirge auf den Menschen in physischer und psychischer Beziehung ausübt. Weiter enthält das Hest eine köstlich geschriebene „Liebesgeschichte" von Hermann Hesse, den Schluß der Satire „Der Genius von Hintermichelswaag" von Wilhelm Schnssen und einen Beitrag von Oskar Friedrich Luchner „An der Wende!"; ferner „Das Geld meiner Frau", eine Studie über Dollarheiraten von Freiherrn von Stetten. Die „Rundschau des März" berichtet über die jüngsten Ereignisse auf dem Gebiete der Technik, Luftschiffahrl und Musik und die Rubriken Rundschau und Glossen behandeln wieder eine große Anzahl aktnetter Themen.
Art- und Einsichten.
Ausspruch eines Künstlers: „Geniale sottten ihre Zeit nicht vertrödeln mit Geldverdienen l”
Die Ehe ist eine Fessel, von vielen Mädchen ersehnt, um endlich frei zu sein. Otto Weiß.
Bilderrätsel.
■S-
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer; Luft, Schloß. - Luftschloß.
Redaktion: E, Anderson. — Rotationsdruck und Verla« der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».


