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Das Gemeindebad.
Das Dorf N. liegt auf einem Hügel und ist auf drei Seiten von Obstbäumen umgeben. Am Fuße des Hügels dehnt sich lang, aber in mäßiger Breite ein Wieseugrund aus, der in seiner Mitte von einem klaren Bächlein durchschnitten wird. Das Bächlein läuft krumm und gerade, wie es ihm am besten paßt, und kein Mensch hat etwas dagegen, denn in N. ist man noch nicht bei der geraden Linie angekommen; dort lieben sie die Natur noch, wie sie unser Herrgott erschaffen hat, und sind der freilich heute etwas altfränkischen Meinung, daß man's nicht viel besser machen könnte. An den Ufern des Baches stehen Birken und Weiden, nicht gestutzt und gepflegt, sondern in ursprünglicher Wildheit, die das fchönhertsempfindende Auge immer anspricht.
Als isch jüngst zwischen den letzten Häusern des Dorfes stand, da, wo man hinunterblickt aus die Wiesen und den Bach, und auf die grünen Bäume, leuchtete zwischen dem Krün ein niedriges, hellrotes Ziegeldach hervor.
„Was dort entstanden sei?" fragte ich einen Mann, der eben die Straße heraufkam.
„Das ist unser Gemeindebad", antwortete er.
Ein Dorf von 700 Einwohnern und ein Kemeiudebad? Mau wird verstehen, daß ich begierig war, etwas Näheres darüber zu hören. Nicht nur aus Neugierde, sondern auch Um andere Dorfgemeinden auf das Gemeindebad in N. aufmerksam machen zu können. Ich erkundigte mich, und was ich erkundet habe, ist das folgende:
Vor einem Jahr kam nach N. ein neuer Lehrer. Der kam aus einer großen Stadt; er war ein Freund des Landes und hatte es zwischen den Steinen der Stadt nicht mehr ausgehalten. N. gefiel ihm, aber er vermißte doch bald dies und das, was man in der Stadt sich ohne Schwierigkeit leisten kann und dazu gehörte auch das Bad. Außerdem war der junge Lehrer ein großer Freund der Naturheilbewegung, die bekanntlich ohne Wasser und Bäder gar nicht auskommt. In der ersten Zeit ging er manchmal unter Mittag, wenn die Leute beim Essen saßen, oder auch Um frühen Morgen, an den Bach und nahm in aller Eile ein frisches Bad, aber das war doch eine recht unbequeme Sache, und als er einmal vom Feldschütz überrascht wurde, wie er eben im Wasser saß, da steckte er diese ungemütliche Und fast wie ein verbotenes Tun aussehende Baderei auf. Aber er dachte fortgesetzt darüber nach, ob sich nicht am Bache in irgend einer Weise ein Bad errichten lasse, das allen Einwohnern gleichermaßen zugute kommen könnte. So kam er auf den Gedanken an die Errichtung eines Gemeindebades. Als er sich darüber im klaren war, setzte er sich mit dem Bürgermeister, einem vernünftigen Mann, jin Verbindung und gemeinschaftlich arbeiteten sie den Plan zu dem Bade aus. Es traf sich insofern besonders günstig, als der Bürgermeister Besitzer einiger Morgen auf beiden Seiten des Baches liegender Wiesen war, die er gegen ein geringes Entgelt gerne zur Verfügung stellen wollte.
Die Sache wurde dem Gemeinderat unterbreitet. Der wollte allerdings zunächst wenig davon wissen, die meisten Mitglieder waren der Meinung, es sei bis jetzt ohne Bad gegangen und es werde wohl auch schwerlich ein Bedürfnis fitr ein Gemeindebad vorhanden sein. Außerdem gebe es noch andere unerledigte Dinge, die man zuerst in Angriff Uehmen solle. Schließlich aber gaben sie nach, da der Kostenpunkt fast keine Rolle spielte, denn der Bürgermeister und der Lehrer wollten sämtliche Herstellungskosten auf ihre 'Kappe nehmen.
Dem Lehrer fiel die Ausgabe zu, den Plan des Bades zu entwerfen. Er tat das mit großer Freude. Er setzte sich mit einem erfahrenen Maurer in Verbindung, der ihm in den technischen Fragen zur Hand ging, und im Frühjahr des nächsten Jahres konnte bereits mit den Arbeiten begonnen werden. Rechts und links des Baches, an diner besonders geschützten Stelle, wurde auf einem Umfange von je zwei Ruten der Boden ausgehoben, so daß sich eine der Sohle des Baches gleichkommende Vertiefung ergab, die mit einem glatten Zementboden und ebensolchen Wänden versehen wurde. Um dieses einfache Bassin wurde eine 2i/2 Meter hohe doppelte Bretterwand aufgebaut und das Bad in der Mitte über den Bach hiniveg mit einer ebenso hohen Wand in zwei Teile zerlegt. So ergab sich in der einfachsten Weise ein Männer- und Frauenbad. Wo der Bach'zuflvß, wurde ein eiserner Rost eingelassen, der den
Zweck hatte, etwaige Unreinlichkeiten dem Bad sernzuhalten, und eine am Ausfluß des Baches angebrachte Schleuse sorgte für die Regelung des Wasserstandes.
An der dem Dorfe zugewaudteu Seite des Bades aber wurde ein Anbau errichtet, ein leichtgebauter und mit Hellen Fenstern versehener Schuppen, der gleichfalls in zwei Abteilungen zerlegt und mit einigen Bänken und Kleiderhaken; versehen wurde. Eure gut schließende Tür führte zu jedem' Raume; auf der einen Tür wurde die Inschrift „Männer" und ans der andern die Inschrift „Frauen" angebracht, tiefer' beiden Türen aber prangte auf schwarzer Tafel in weißen. Buchstaben der Name: „Gemeiudebad".
So hatte denn in wenigen Wochen N. sein Gemeindebad'. Um den als Ankleideräumen dienenden Anbau wurde eine Pflanzung schnell wachsender und blattreicher Bäume angelegt. Dem Polizeidiener fiel die Pflicht zu, das Bad' abends zu- 11116 morgens aufzufchließen. Auch ein Badereglement entwarf der Lehrer. Das besagte, daß sich jeder fei» Handtuch und seine Seife selbst stellen müsse, daß niemand ohne Badehosen das Bad benutzen dürfe, daß das Bad mir während der schönen Jahreszeit, und zwar vom 1. Mai bis zum 1. Oktober geöffnet fei. Wer sich außer dieser Zeit auch noch dem Genuß eines frischen Bades hingeben wolle, der habe den Schlüssel beim Bürgermeister in Empfang zu nehmen. Und endlich wurde bestimmt, daß das Bad Mittwochs- und Samstagsnachmittags für die Kinder reserviert bleibe.
Die von dem Bürgermeister und dem Lehrer je zur Hälfte getragenen Kosten des Bades beliefen sich auf 250 Mark. Für den geopferten Grund und Boden erhält der Bürgermeister jährlich als Pachtsumme 20 Mark, die aus der Gemeindekasse bezahlt werden, die auch für die Unterhaltung des Bades aufzukommen hat. So hat der Gemeinderat beschlossen. Der Gebrauch des Bades ist frei.
Die N.er freuen sich Yente dieser schönen Einrichtung. Nicht alle machen davon Gebrauch- aber doch sehr viele- Männer allerdings mehr wie Frauen. Aber auch für die, die aus irgendwelchen Gründen das Bad nicht benutzen, hat es sich als sehr segensreich erwiesen. Die Pflege des Körpers kam in größeres Ansehen, wer nicht in das GemeindebaL geht, will wenigstens durch fleißigen Gebrauch daheim zurecht gemachter Bäder zeigen, daß auch er zu den Reinlichen! und zu den Wasserfreunden gehört, daß auch er weiß, was schicklich ist. Im Bad selbst herrscht die größte Ordnung, die Genierlichkeit, die anfangs manchen schreckte, hat sich bald verloren.
Nur eins bedauern die Leute; nämlich das, daß ihr Gemeindebad nicht auch im Minter gebraucht werden kaum
Und nun gehet hin und folgt dem guten Beispiel! Dir Gesundheit wird sich dabei nur gut stehen!
H. D. (in der „Dtschu. Dorfztg.").
Vermischtes.
* V0in ui0detnste 11 Briefpapier. Aus Paris.wird! uns berichtet: Auch bas Briefpapier hat seine Moden, auch in ihm spiegelt sich in neckischer Arabeske der Geist der Zeit. Wir haben' schon' allzulange unter dem starren englischen Einfluß gelitten, dessen starkes steifes Papier und schmucklos knappes Monogramm! dem zartesten Liebesbrief einen kalten Anhauch des Geschäftlichen verleiht. Man sehnte sich wieder nach einem reicheren Ausdruck des Gefühls schon in dem Aeußeren des Briefes und empfand den rührenden Duft, den die vergilbten Blättchen des! Empire mit ihren schnäbelnden Tauben und Aschcurnen, die der Bicdcrmaicrzeit mit ihren Rosengirlandcn und Landschaftsbckdchcn hinterließen. Nun wird freilich unsere moderne Papierfabrikation nickt von ihrer Höhe herabsteigen und in einem schlecht verstandenen Archaismus das gelbe knitterige Papier unserer Vorfahren nach- abmeN, aber im Ornament und im Format geht man jetzt in Briefpapier wie in der Enveloppe auf die älteren Stile zurück.^ Das Monogramm wird klein und zierlich in eine Ecke gerückt; die Buchstaben sind in bunten Farben, oft mit der miihsanieu Zierlichkeit einer alten Miniatur ausgesührt; sehr apart wirkt auch die Verbindung von goldenen Buchstaben und goldenem Rand mit dem weißen Papier. Eine Vignette im etil Ludwigs XV., die sich bei aristokratischen Briefschreibern mit dem kostbar ausgeführten Wappen vertragen muß, soll sogleich eine gewisse Stimmung für den Brief anklingen lassen. Die Adresse ist oben an der rechten Seite des Briefes ebenfalls imt möglichst kleinen Buchstaben aufgedruckt. Eine Vorliebe für dünnes! Papier macht sich allgemein geltend und die feinen Blätter der überseeischen Briefe, die zunächst der praktischen Notwendigkeit eines geringen Gewichtes entsprangen, werden heute von Herr- schaften verwendet, die eiste flüchtige Nachricht ist die nächste Straste verseuchen-


