Donnerstag -en 16. Juli

1908

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John Darrows Tod.

Roman von Melvin L. S e v e r y.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Endlich kam ein langer Brief des Herrn Siddons, den ich mit vor Tlufregung bebender Stimme vorlas; es traf sich gut, daß Maitland, betf seit kurzem wieder ausgehen durfte, zum Abendbrot bei uns war. Der Brief lautete nach einer kurzen Einleitung, in der uns Herr Siddons noch einmal seiner steten Hilfsbereitschaft versicherte, wie folgt:

,;Zu meiner Freude habe ich etwas zu berichten, das auf unseren traurigen Fall Bezug hat. Es lag mir zunächst daran, den Hauptschauplatz des Dramas, das sich hier abgespielt hat, kennen zu lernen, und so begab ich mich nach dem von Herrn Darrow mir gegenüber so oft erwähnten Malabarhügel, wo er die Geliebte zu treffen pflegte. Ich fand unschwer den Bananen­baum und dicht dabei die HöUe mit dem geheimnisvollen Schacht, alles genau Herrn Darrows Bericht entsprechend, bis auf den Parsenfriedhof mit seinem Turm des Schweigens. Die Höhle und der Baum liegen jetzt in dem Garten, der zu der Billa eines Herrn Blaschek gehört. Dieser Herr nahm mich mit echt deutscher Gastfreiheit auf, und als ich ihm sagte, ich wünschte näheres Über einen gewissen Rama Ragobah zu erfahren, der so etwas zwischen einem Rischi und einem Fakir gewesen sei, wies er mich sofort an einen Fakir namens Parinama, der mir sicher Aus­kunft geben könnte. «

Sie können sich denken,, wie angenehm ich überrascht war, als ich fand, daß Parinama Ragobah gut kannte. Mittels einer Handvoll Rupien erfuhr ich folgendes:

Ragobah, mit dem der Gefragte seit fünfunddreißig Jahren bekannt war, sei jahrelang von Bombay abwesend gewesen und auch zur Zeit nicht in der Stadt. Wegen seines grausamen, rach­süchtigen Wesens werde er von allen, die ihn kennen, gehaßt, airch von Parinama selbst. Dieser bestätigte mir, daß Ragobahs Frau vor mehr als zwanzig Jahren auf geheimnisvolle Weise gestorben sei, wo nicht durch Ragobahs eigene Haird, so doch sicher durch seine Schuld. Bon ihren Verwandten seien nur noch ihr Gatte und ein Vetter am Leben. Mehr als irgend ein anderer wisse über Ragobahs Frau dieser Vetter von ihr, namens Moro Scindia, der zwar ein persönlicher Feind Ramas sei, aber einen Eid geleistet habe/ über diese Ereignisse Schweigen zu bewahren. Schließlich ließ sich jedoch Parinama zu dem Versprechen be­wegen, er wolle sich abends um acht Uhr mit Moro Scindia in Herrn Blascheks Villa einfindcn. Nach Besonderheiten in Ramas Äußerer Erscheinung befragt, erklärte er noch, Ragobah habe für seinen großen und starken Körper sehr kleine Hände und Füße; sein linker Fuß sei außerdem verunstaltet, das ganze linke Bein schwach und darum sein Gang lahm.

Es scheint sich mir schon jetzt, wenn ich die gewonnenen Tatsachen von Anfang bis zu (Snbe überschaue, ein so dichtes Netz um Ragobah zu ziehen, daß keine Mücke durchschlüpfen kann. .Er allein hatte nach unserem Wissen einen Beweggrund zum

Morde. Sein Opfer hat von der bestehenden Todfeindschaft Zeugnis abgelegt und den tatsächlichen Ausgang vovausgesagt. Weiter: Rama hat Indien verlassen, um nach der Ueberzeugung der Leute, die ihn am besten kennen, Rache an einem Feinde zu üben, und er konnte nach dem Zeitpunkt seiner Mreise gerade kurz vor Begehung des Mordes in Boston sein. So sicher bin ich, daß Ragobah der Schuldige ist, daß ich kein Bedenken tragen werde, ihn verhaften zu lassen, so bald er hier wieder eintrifft.

Weiter habe ich Ihnen nun über meine Unterredung mit Moro Scindia zu berichten, die ohne Dolmetscher vor sich gehen konnte, da mein Gast, ein gebichetes und wohlhabendes Mitglied der Waisya-Kaste, leicht und fließend Englisch sprach. Es schien mir besser, den würdigen Herrn ohne Zeugen zu sprechen, weshalb ich Parinama und den Dolmetscher» die ihn zu mir begleitet hatten, aus dem Zimmer sandte.

Ich denke, cs wird Ihnen lieb sein, über alles so genau als möglich unterrichtet zu sein; in diesem Sinne fasse ich dies« Mitteilungen ab. Moro Scindia bekannte sich offen als Feind Ragobahs, dessen Weib Somt seine, des Gefragten, Blutsverwandte gewesen sei. Er selbst habe'sie innig geliebt und nur wegen seincS bedeutend höheren Alters nicht um ihre Hand geworben. Ihre Che mit Ragobah, sagte er, sei unglücklich! gewesen. Den Grund könne er nicht angeben, denn er habe geschworen, die letzten Er-, eignisse iut Leben seiner verstorbenen Verwandten nur einer ein­zigen Person auf Erden mitzuteilen. Als ich ihin nun sagte, ich wüßte, wer diese Person sei, und den Namen John Hinton Dar> rows nannte, fuhr der Alte auf wie gestochen uitb sah mich mit fast entsetztem Erstaunen an. Er schien zuerst zu meinen, ich hätte seine Gedanken gelesen, und heftete seine dunklen Augen so starr auf mich, als wollte er cs mit mir ebenso machen. Dann antwortete er etwas ruhiger:Ja, ich kann nur zu John Hinton Darrow sprechen."

John Darrow ist tot," sagte ich

Tot!" rief er, aufspringend;Sahib Darrow tot!". Und er fiel wieder auf seinen Stuhl und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.O, meine arme Lona!" murmelte er leise,ich habe mein Versprechen nicht gehalten. Tadle mich nicht, ich habe mein möglichstes getan. Zwanzig Jahre lang habe ich vergeblich den dir teuren Mann gesucht, und das erste, was ich erfahre, ist die Nachricht von seinem Tode."

Ich teilte ihm nun mit, Darrow sei ermordet worden und die näheren Umstände iviesen insgesaint auf Ragobah als Täter. Darrows letzter Lebenswunsch sei die Bestrafung seines Verfolgers gewesen, und so gewiß Lona alles daran gesetzt haben würde, zur Erfüllung dieses Wunsches beizulragcn, so sicher müsse auch er, den sie gewissermaßen zum Vollstrecker ihres letzten Willens eingesetzt habe, seine Kraft der Erreichung dieses Zieles widmen.

Zweifellos," antwortete er mir,wäre all ihr Sinnen und Trachten darauf gerichtet gewesen, und ich werde nun an ihrer Statt alles tun, was ich vermag, damit der Gerechtigkeit Genüge geschehe. Breche ich damit, luenn ich den Schleier von ihrem Leben ziehe, dem Buchstaben nach meinen Eid, jo würde ich ihn dem Geiste nach brechen, teilte ich heute nicht unumwunden mit, was ich weiß. Hören Sie also: