307
starren, ausdruckslosen Gesichter, als Ware jedes Leben, jedes Suchen nach J-reude darin erstorben. Wo soll auch bei der harten Arbeit, die doch wohl jedes Gefühl abtötet, noch etwas von Sinn für das Leben außerhalb des engen Gesichtskreises dieser Leute Herkommen! Die Tretmühle des täglichen Lebens nimmt sie schon am frühesten Morgen in harte und härteste Tätigkeit und läßt sie erst spät abends wieder frei. Da ist keine Zeit für die 'Ausbildung feineren Gefühls? Armes, armes Dasein!"
Das ungefähr war der Inhalt dessen, was ich hinter meinem Rücken zu hören bekam. Haben solche Leute überhaupt eine Ah- nung von dem, was ein Bauernantlitz zeigt oder verbirgt! Können sie nicht den Vergleich ziehen mit dem glimmenden Feuer unter der Asche, das nicht in grellen, heiße» Flammen ausbricht, um bald alle seine Kräfte zu verzehren und dann um so rascher wieber zusammenzusinken, sondern das in verborgener Glut noch nach Wochen, Monaten und Jahren seine beglückende oder verheerende Wirkung ausübt, otyne daß eine sprühende Flamme Kunde gibt von den Gluten in der Tiefe! Denn gerade das Bauerndasein ist ein reiches Dasein an Naturbeobachtung, an Gefühlseindrücken, an Gedankenfülle und -tiefe.
Unser städtisches hastendes Leben und Treiben, das ohne Aufhören neue Eindrücke, neue Bilder der Seele vorführt — läßt es denn überhaupt eine Sammlung zu, wie sie der Bauer genießt?
„Woas seid ihr Steerer (Städter) doach fir oarme Mensche; des ganz Johr setzt ihr ernt amt (cuertt) Stuwe dreann (drinnen), nur Sonndoags derst ihr e besst Loft riche ernt e bissi Sonn sehe. Eich mecht ean cre (in einer) Stoadt näit oabgemolt sein!" lautete das Urteil eines Bauern, deut ich die Vorteile des Stadtlebens zu schildern versucht hatte. Er sprach weiter: „Etz dauert's noach c paar Woche (es war in der Weihnachtszeit), dann däuscht eich met dem reichste Steerer naut mih. Wann eich morsens mein Gaul eanspanit ean foahrn on Acker, doas - eaß die schiltst Zeit fir uns Bauern. Woas eaß do die Loft so fresch ean gesond, doas regt mih (mehr) ott, wäi all au Ver- fomelenge (Versammlungen); ean wann dann die Vielercher (Vögelchen) so schih (schön) seange, doas laut' schihner wäi all au Konzerte ean der Stoadt."
Ist das Gefühlsleben des Bauern also wirklich so unentwickelt?
Ein anderes:
Frühmorgens zog ich vom Dörfchen aus dem nahen Walde zu.
Ein früherer Kämerad fährt zur Pflugarbeit aufs Feld. Die Sonne lacht uns entgegen; aber freudiger noch leuchtet das Antlitz des Bauern, der der harten Tagesarbeit entgegenfährt. Es ist eben. 6 Uhr morgens, und vor 8 Uhr abends ist, mit Ausnahme der Essenszeiten, an fein Verschnaufen zu denken —. Die Freude, die Lust am Leben, sie blitzen aus feinen Augen, sie klingen aus all feinen Worten. Bon den Klagen über die Hohen Steuern, die schlechten Vieh- und Frachtpreise redet er in eben so lustig spöttelndem Ton, wie von den vielen Gehalts- eingaben der Beamten und Lehrer; über die harte Arbeit der Torfpfarrer weiß er ebensoviel zu reden, lute über die ewigen Klagen der Arbeiter über angebliche Ausbeuter und Blutsauger. All' feine Bemerkungen aber, die keinem wehtun sollen, schließt tr mit den Worten: „Ean doarim (darum), weils alle Armem so schlecht giht, däuscht eich mit kaam (keinem) bei all meinen timte Aerwit, dann so fefrire (zufrieden) eaß doach kaaner wäi eich."
An einem Feldweg, der in der Nähe des Waldes abbiegt, trennen wir uns. Ein Buchenhochwald irn Schmuck des ersten Maiengrüns nimmt mich auf. Zwei Stunden lang durchstreife ich ihn, der mir immer wieder neue Schönheiten erschließt, nach allen Richtungen hin. Endlich bitt ich wieder am Waldrande am- gekommeu, an einer Stelle, in deren Nähe mein Kamerad feine Furchen zieht. Eben ruhen Pflug und Pferd und Ackersmattn. Mit gesenktem Kopfe philosophiert „Kastor", wahrscheinlich über die Freuden und Nöten des Psevdedasems, fein Sperr aber sitzt ans 'dem Psluggrindel und scheint in tiefe Gedanken versunken. Ein rotes Taschentuch, das am Rehhorü hängt, gibt Zeugnis davon, daß Frühstückspause gewesen ist.
Langsam trete ich näher, um! mit dem Manne nochmals ein paar Worte zu wechseln. Auf der weichen Ackerkrume verhallen meine Tritte fast vollständig. Den Kopf geneigt, wie in sich gekehrt, sitzt der Bauer. Schon denke ich, er mache ein Nickerchen, da hebt sich langsam das Haupt, und ein tränenfeuchtes Antlitz schaut mich schmerzlich lächelnd an.
„Neamm uürsch näit fir itoel (Übelnehmen)," sagt er, „deaß Don meid) häi so setze siehst. Siehst Don, wann mr so elan (allein) häi ean dem toeire Feald eaß, do komme aatn frühe ean «ach schwere Gedanke; ean do eaß mr vorhin groad uns' Kärlche eangesann (eingefallen); wann doas doach noach do wär', do toär’S, doach so väil, väil schihner (schöner) off dr Welt, ean do hun eich mr häi emol aans gegoarrn (geweint), eich doocht (dachte), häi sieht's jo kaans (keines, niemand). Wann eich Deich äjer (eher) geseh' hätt', dann härr eich's (hätte ich es) noach verberje kenne. No, so moagst Dou aach sehe, deaß so e lostig Haut, wäi mch sost (sonst) aan sein, aach ihr biefe (böse, schwere) ©tonn (Stunden) hott."
Du lieber, lieber Mensch! Verzeihen soll ich dir, daß du tzewemt hast um dein Kind, das vor cinent halben Jahre ge
storben ist; verzeihen, daß ich dich schwach gesehen habe; verzeihen, daß ich in dein Herz habe einen Blick tun dürfen? Nicht um alle Schönheit des Wäldes, die ich vor wenigen Minuten noch genoß, möchte ich diesen Augenblick, der eine ganze Welt von Gefühlen eines sogenannten rauhen Mannes mir enthüllt, missen. Wie stehst du hoch, hoch über denen, die Bantzersche Bilder betrachten und genießen wie das Paar, von dem eingangs die Rede war. Ist das Gefühlsleben des Bauern wirklich so arm?
Ein drittes Bild:
Vor Beginn des Unterrichts macht der alte Lehrer des Dörfchens gern einen kleinen Morgengang; ein Viertelstündchen hin, ein Vietelstndchen her. Ta begegnet ihm auf dem Ausmarsch ein Schmiedemeister seines Ortes. Der junge Mann ist Witwer, feine Fran ist ihm ein Jahr vorher gestorben, den Gatten und zwei kleine, prächtige Kinder zurücklassend. Eben kommt der Meister mit einem großen Pack blühenden Heidekrautes vor sich auf dem Rade von einer Frühfahrt, wie es scheint. Verwundert schaut der Lehrer den früheren Schüler an, der den Ruf eines außerordentlich fleißigen Mannes genießt. Wie kamt der jetzt in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres ganze Stunden versäumen, nur um Blumen zu pflücken; denn von weither hat er sie holen müssen, das weiß der alte Mann, der die ganze Umgegend, ihre Pflanzen und Gesteine, kennt. So schöne Heiden find auf Stunden im Umkreis Nicht zu haben. Der erstaunte Blick des Greises fällt auch dem Meister auf. „Ich muß doch absteige, Herr Lehrer," sagte er mit tiefem Ernst, „damit ich Sie aufkläre, warum ich bei all der Arbeit, die eben auf uns Bauern, am meisten aber auf mir selbst liegt, noch Zeit finde, eine mehrstündige Fahrt zu mache, nur um ein Bündel Blume heimzuschleppe. Ihne will ich's sage, weil ich weiß, daß Sie mich verstehe. Seh'» Sie, wie's Liesche noch gelebt hat, da hat fe von alle Blumme nix lieber gehabt als Heidekraut. Immer irn Herbst hat fe sich ein paar Steckcher aus Gieße mitbringe lasse. Da bin ich nun am Samstag mit der Bahn nach Büdinge gefahrn un hab' da bei X. die wunderschöne Blimmercher hier gesehe. lln weil's Liesche heut fein Geburtstag hält', ivann's noch am Lewe mär', so bin ich heut morgen in aller Frih fort mit dem Rad und hab' mir geholt, was ich faßen könnt! E paar von meine beste Arweits- ftunne versäum ich ja, aber ich hab' doch ebbes fir meiner Fran ihr Grab an ihrem Geburtstag. Un zwar iS es ebbes, Herr Lehrer, wvdriwer sich's Liesche, wann's die Blumme von da owe sieht, ganz anders freut, als wenn ich ihr heut e paar Bluminesteck aus meint Garte hart uff ihr Grab pflanze lasse."
Noch eine Minute stehen die beiden Manner sich wortlos, aber mit feuchten Augen gegenüber. Dann schütteln sie sich die Hände, sie verstehen einander. Das Rad und sein Besitzer verschwinden auf dem Friedhof bei dem Dorfe, der Greis aber faltet die Hände in Ehrfurcht vor solcher Siebe und solchem Glauben.
Ist der Bauer, den Mutzer in so trefflicher Weise dargestellt hat, wirklich dem Bilde entsprechend, das die zwei städtischen Betrachter über ihn zurechtgemacht haben?
Verschlossen gegen den Fremden ist der Oberhesse. Bei seinen Torfgenoffen aber, da ist er nicht nur der harte Arbeitsmann, da ist er auch der Mensch, der Freund, der Helfer, und wenn er auch nicht viele Worte macht, er tut umsomehr.
Wer den Bauern kennen zu lernen sucht, wer sich dabei nicht als der Gebildetere, Vornehmere dünkt, wird bald erkennen, daß der Bauer feine Scheu ablegt, und aus den vorher so Freumden werden wohl bald gute Bekannte, vielleicht im Laufe der Zeit Freunde werden, und Stadt und Land werden durch solches Sichkennen- und -tierstehenlernen gewinn e n.
VeL'MZßÄxSes,
* ueber den „R ückgang der Schürte n" in Deutschland sprach unlängst auf dein Bereinstage für innere Mission in Dresden der Pfarrer Ritsche aus Neukirchen. Er schilderte den Rückgang der Geburtsziffern in Frankreich, England und anderen Kulturstaatcn und wies zahlenmäßig nach, daß mit dem wachsenden Wohlstand auch in Deutschland weniger Kinder gezeugt werden. Es komme der Moment, wo Deutschland auch dort anlangt, wo Frankreich, das mit Recht eine sterbende Nation genannt wird, sich jetzt befindet. Die Kirchenstatistik zeige einen Rückgang der ehelichen Geburten, während die unehelichen Geburten auf der Höhe geblieben feien. Je wohlhabender die Frauen leben könnten, um so weniger neigten sie zur Tragung der mit einer Geburt verbundenen Schmerzen und Unannehmlichkeiten. Der Rückgang der Geburten habe bereits ein starkes Wachstum der ausländischen Arbeiterschaft mit sich gebracht, was vom nationalen und kulturellen Standpunkt bedenklich sei. Weiter brachte der Redner ein großes statistisches Material über die Geburten, die Sterblichkeit und die Säuglingssterblichkeit zur Kenntnis. Ein Hauptgrund zur Säuglingssterblichkeit und zum Heranwachsen eines schwachen, vermindert zeugungsfähigen Geschlechts liege darin, daß die Mütter ihre Kinder nicht mehr stillen wollen oder können. Auch die steigende Verbreitung der Geschlechtskrankheiten sei mit schuld an dem Geburtenrückgang. Gegen beide Uebel habe Staat wie Gemeinde den Kampf ausgenommen. Schließlich kam der Vortragende noch auf die mannigfachen Vorbeugungsmittel gegen die Empfängnis zu sprechen und forderte zum entschiedenen, energischen Kampf gegen den Neumalthnsianismus aut. Ent


