306
schastlich interessiere" — nicht wahr, so sagten Sie ooch? — in demselben Atemzuge machen Sie mir einen Heiratsantrag. Aber Scherz beiseite, lieber Baron. Ihr Antrag ehrt mich natürlich sehr. . . um in dem vor Ihne« angeschlagenen Ton bewährter Liebesbricssteller zu blewuit, — und unter anderen Umstanden hätt' ich ihn mit Vergnügen angenommen. Aber. . . Sie wissen ja, daß ich meine Hoffnung nicht auf die Ehe, sondern auf die Kunst gesetzt habe. Jetzt mehr denn je. Und wenn mein Vater durchaus seine Einwilligung versagt, ich bin majorenn. Morgen, wo ich ohnehin in Berlin zn tun habe, werde ich einen mir von meinem Professor seit lange empfohlenen Agenten beauftragen, mir eine Konzerttournee unter irgendwelchen Bedingungen zu arrangieren. Ich habe das öde Leben satt. Heute ist der neuuundzwauzigste Dezember. In vier Wochen bin ich über alle Berge. So. . . hier haben Sie meine Hand darauf, und nun ziehen Sie keinen Schmollmnud, sondern snchen Sie sich ein anderes Mädchen zur Frau. Es gibt ja noch so viele — hübsche und reiche — außer mir." Sie wmtbte sich jetzt ernstlich znm Gehen.
„Ist das Ihr letztes Wort?" rief der Forstmeister hinter ihr her. Er war bleich bis in die Lippen, seine Angen flirrten.
„Mein allerletztes, bündigstes, unwiderruflichstes," antwortete Isabella, ohne im Borwärtsschreiten Halt zu machen oder den Kdpf zu wenden.
Bannemanns Zähne knirschten, sein Gesicht hatte sich znm Ausdruck grenzenloser Wut verzerrt.
Eben kamen quer durch das Treiben einige Herren von der Jagdgesellschaft in lebhaftem Geplauder daher.
Ter Forstmeister schüttelte sich, setzte seinen Hut auf und ging ihnen entgegen, mit einem Scherzwort, als wäre nichts geschehen.
Vier Wochen später, Ende Januar, reiste Isabella ab. Ohne väterlichen Fluch natürlich. Als der Kommerzienrat eingesehen hatte, daß all sein Sperren nichts half, hatte er klein beigegeben. Mochte das Mädel sich die Hörner ablaufen, toenu sie denn durchaus keinen Verstand anzunehmen gedachte. Tie Sache würde ihr schon leid werden. Daß ihr nichts Böses zustieß auf ihrer sechswöcheutlichen „Kunstreise", dafür bot die mitgegebene „Ehrendame", eine verwitwete Majorin von strengsten Anschauungen, Garantie.
Achtes Kapitel.
Aus dem partiellen Streik in der Frankensteinscheit Weberei, pon der Herr von Baunemann gelegentlich der Friedheimschen Tischgesellschaft gesprochen hatte, war int Laufe der Wochen ein allgemeiner Ausstand geworden. Tie Webstühle standen still; die siebzig Arbeiter, welche sie sonst von früh bis spät in emsige Bewegung gesetzt hatten, lungerten zu Hause herum.
Am Abend des ersten Febrttar hielten die Ausständigen wieder im Tanzsaal des Gasthauses „Zum grünen Seidel" Versammlung ab.
Einer der Familienväter bat ums Wort amd begann zu reden: Die Abordnung, die sich zu Frankenstein begeben häu.., wäre wieder unverrichteter Sache heimgekehrt. Frankenstein dächte nicht daran, sich in Verhandlungen einzulassen; .überhaupt stelle er rs den Streikenden nur noch für die nächsten acht Tage anheim, zu den alten Bedingungen die Arbeit wieder aufzunehmen. Ständen sie am Montag, dem achten Februar, nicht vollzählig an den Webstühlen, so würde er seine Fabrik als endgültig geschlossen betrachten und sie nie wieder öffnen. Er hätte den ewigen Aerger satt, und überdies käme der lumpige Ertrag, den die Weberei abwürfe, ohnehin , für ihn nicht in Betracht .... Tas wäre sein unwiderruflich letztes Wort in der Sache.
Als der Lärm, der danach entstand, fich gelegt hatte, sprach der Redner, ein bejahrter Mann, weiter: Alles Entrüsten hätte keinen Zweck. Frankenstein wäre nun mal der Stärkere; man solle Vernunft annehmen und sich seinem Vorschlag fügen. Man wisse ja doch, daß Frankenstein in Berlin zwei glänzend gehende Warenhäuser besäße . . . und daß er daher in der Tat auf den Ertrag der Schönauer Fabrik nicht angewiesen wäre. Deswegen müßte man es ihm schon zutrauen, daß er feine Drohung wahr machte. Schließlich könnte er sich aber auch Arbeiter aus Schlesien oder sonst. woher kommen lassen . . . ."
Als einer mitten aus der Versammlung rief: „Wir wollen abstimmen. Wer die Arbeit wieder aufnehmen Witt, hebt die Hand hoch", waren der zum Aeußersten.Entschlossenen nur wenige.
Gleich nach elf Uhr wav der alte Bartikow, der erst seit drei Tagen, auf eine» Stock gestützt, mühsam genug wieder ein wenig herumhumpeln konnte, aus seinem Stammlokal, dem „weißen Roß", heimgekehrt. Er harte über den Durst getarnten und saß nun, das massige Gesicht rot und gedunsen, die Augen feucht- glühend, im Schein der großen Petroleumlampe in dem bequemen Lehnsessel am Tisch, die alte, arg zerleseue Bibel vor sich.
Er wollte eben die Bibel zuklappen, als sein Sohn, von der Schönauer Versammlung heimkehrend, leise zu ihm jus Zimmer trat.
Der Alte fuhr auf seinem Stuhl herum, seine Stirn lag in tiefen Falten.
„Nanu? Was willst bu denn noch in aller Nacht?"
„Hm . . ." Wilhelm wagte nicht recht, den Blick zu erheben — „ich hätte gern ein paar Worte mit dir gesprochen!"
„Tas muß heut' «och sein?"
„Ja!"
„Na, denn los, los. Ich bin müde und will ins Bett!" Bartikow bückte sich nach seinem derben Krückstock, der ihm beim raschen Herumrücken des Sessels auf die Diele gefallen war.
Wilhelm kam ihm in feinem schweren Bemühen zuvor und gab ihm den Stock wieber in die Hand.
„Bitte," sagte er höflich.
„Na, so red' doch. Was soll's?"
„Ja, also ..." begann Wilhelm und drehte mit nervösen Fingern seine Uhrkette hin und her, „ich wollte dich bitten, mir etwas Geld zu geben."
„Schon wieder attes durchgebracht?" schrie der Alte, und sein Gesicht wurde noch um einen Schein dunkler.
Heber Wilhelms blasses Antlitz huschte ein vages Lächeln.
„Ich kenne deine väterliche Gefühle für mich," erwiderte er im gleichgültigen Ton, „und will mich darum nicht lauge mit der Vorrede anfhalteu. Es handelt sich diesmal nicht um lumpige zwanzig, dreißig Mark, die ich von dir haben will, sondern um . . . um zweitausend."
„Wa . . .? machte der Bauer; der letzte Buchstabe blieb ihm zwischen den offenen Lippen hängen.
„Ich brauch das Geld fehr nötig," sprach Wilhelm, mit einer gewissen Verlegenheit kämpfend, weiter. „Wozu, kann ich dir im Augenblick nicht sagen. Nur soviel: Meine ganze Zukunst hängt davon ab."
„Mas geht mich deine Zukunft an. . . was frag' ich nach deiner Zukunft !" rief der Alte. „Wenn bit gestorben wärst vor ... vor . . ., nein, wenn du lieber gar nicht geboren wärst, dann wär' mir am wohlsten!"
„Tas weiß ich . . ." gab Wilhelm in ruhigem Ton zurück, doch feine Brust begann sich lebhaft zu heben rind zu senken, und feine Brauen zuckten ein paarmal auf und nieder. „Ich weiß auch, weshalb. Aber das tut ja hier nichts zur Sache. Stur darum bitt' ich dich, laß die Schimpfworte. Ich laß mich nicht schimpfen Und. . . hm ... da du die zweitausend Mark, die ich notwendig brauche, natürlich nicht hast, so will ich dir sagen, wie du sie dir verschaffen kannst. Ich hab' da einen Bekannten, einen gewissen Roßkamm, einen Agenten, der ivill dir eine dritte Hypothek besorgen. Trotzdem deine Wirtschaft schon mit der zweiten weit über Wert belastet ist, wie er ausgerechnet hat. Du läufst also kein Risiko weiter, und abgesehen von den paar Mark Zinsen . . ." er brach ab.
Bartikow hätte seinen Sohn schwerlich so weit reden lassen. Wenn ihm nicht die Wut, die ihn in ihren Mauen hielt, die Kehle wie mit einem eisernen Band zugeschnürt hätte.
„Raus mit dir," vermochte er jetzt endlich hervorzuwürgen . . . „'raus auf der Stelle und laß dich nie wieder vor mir sehen."
Sein massiver Körper zitterte, fein Gesicht hatte eine bläuliche Färbung angenommen, und seine Singen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen.
„Tu ... du überlegst dir heute offenbar nicht, waS du sprichst," antwortete Wilhelm, scheinbar ganz gelassen, hielt es aber doch für geraten, von dem im Jähzorn Schäumenden einen Schritt zurückzuweichen; „ich will deshalb morgen früh noch ein-, mal fragen. Aber ich . . . ich bitte dich, schlag mir's morgen nicht ab. Treib' mich nicht zum äußersten. Mir wär' dann alles egal. Ich würde mich nicht bedenken, Gleiches mit Gleiche«! zu vergelten, und . . . und . . • Na, du Weißt ja. Was ich . . ."
Weiter kam er nicht.
Bartikow war aufgesprungen, fein schwerer Stock sauste durch die Lust, und mit einem dumpfen Wehlaut schlug Wilhelm der Länge nach vornüber auf die Tiele.
(Fortsetzung folgt.
Der oberhessische Bauer.
Von einem Oberhessen.
(Originalbeitrag der „Gieß. Farn.-Blätter".) (Nachdruck verboten.)
Vor kurzer Zeit stand ich vor einem Gießener Kunstladen. Zwei Bantzersche Gemälde bildeten den Hauptschmuck der Ausstellung. Ei« gutgefleibeter Herr stand mit seiner Frau (im elegantesten Modekostüm) dicht hinter mir. „Sieh mal, diese


