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die Augen geschlossen. Sein Gesicht trug den Ausdruck großer Erschöpfung. Beim Eintritt der Tochter blickte er auf und fragte freundlich:
„Soll ich zum Abendbrot kommen?"
„Noch nicht, lieber Vater," — sie setzte sich neben ihn und Nahm seine Hand — „du siehst müde ans. Gotthard hätte nicht so viel mit dir sprechen sollen."
Ter Pastor hob abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf.
„Es war gut, das; er kam, — cs war sehr gut. Er hat mir Ruhe gebracht und alle meine unruhigen Zweifel sind geschwunden. Ich chnnte nur gutheißen, was er sagte."
„Wirst du morgen an Luise schreiben?"
„Nein, mein Kind, denn ich habe ihr heute schon geschrieben und Gotthard nahm den Brief bereits mit."
XX.
Herr und Frau von Loysen standen auf der großen, glas- umfchützten Aussichtshalle eines Rivierahotels und blickten auf das tiefblaue Meer herab, auf die Palmen der belebten Strandpromenade, auf die pittoresken Linien der die Bucht umschließenden Felsengebirge. Er schien durch die Beobachtung einer Regatta momentan gefesselt, sie aber wandte sich mit müdem Seufzer ab und zog sich einen bequemen, langgestreckten Rohrstuhl herbei, in welchem sie sich ausstreckte, die Arme unter dein Kopf verschränkt, den Blick zur Tecke emporgerichtet.
Er hörte das Knistern ihres Kleides und wandte sich nm, Nahne ein Kissen von einem anderen Stuhl und schob ihr das bunte Seidenpolster unter den Kopf.
„Der Spaziergang hat dich ermüdet," sagte er, „wir waren wohl zu weit?"
Sie nahm seine Hand und drückte sie heftig.
„Spaziergänge ermüden mich nicht," sagte sie fast ungeduldig.
-Sondern?"
„Ach, du weißt es ja, wozu fragst du? — Fragst du schon stach Briesen? Tie Post muß da sein."
„Ich «ehe augenblicklich. Soll ich dir nicht eine Erfrischung bestellen? Oder nimmst du sie lieber im Zimmer?"
„Tanke, nein, — hier ist es ja ganz gut."
Er verließ die Halle und sie lag ganz still, immer auf seinen wlederkehrenden Schritt horchend. Dabei sahen ihre heißen Augen Völlig gleichgültig auf das schöne Paiwrama zu ihren Füßen.
Als ihr Mann nicht gleich wiedcrkam, erfaßte sie Unruhe, sie sprang auf und begann im großen Raum hin- und herzugehen. Endlich — da kam er! Ein Stückchen lief sie ihm entgegen und blieb dann stehen, wandte sich tiefenttäuscht ab und ließ die schon busgestreckten Hände sinken.
„Nichts!" — sagte sie — „wieder! nichts!"
„Leider," bestätigte er achselzuckend.
Sie warf sich wieder in den Rohrsessel, drückte ihr Gesicht in das bunte Seidenkissen und schluchzte tränenlos. Er trat zu ihr und strich beschwichtigend über ihr Haar.
„Denke nicht immerfort hieran, Kind, cs hilft wirklich nichts. Latz uvich an Wilhelm schreiben und ihn bitten, daß er mit deinem Vater spricht. Sein Wort hat Gewicht."
„Tas will ich eben nicht!" — fuhr sie auf, „nicht fremder Vermittlung, sondern dem freien Entschluß meines Vaters will ich Versöhnung verdanken. Loys, ich finde ja keine Ruhe, bis dies geschehen!"
„Tein Vater hat dich brieflich seiner Vergebung versichert. Das muß dir vorläusig genügen."
„Neiir, es genügt mir nicht. Ich muß ihrs Wiedersehen, feine Hand muß mich segnen, von seinen Lippen will ich es hören, daß ich wieder sein Kind bin. Oh, wenn du ahntest, wie mich das quält, seit jener Schreckensstunde, als ich erfuhr, datz sie nicht mehr ist . . . wie nun, wenn auch er hingeht, ehe ich ihn stoch einmal gesehen? — Das' ist es, was mich quält, was mich elend macht, was wie ein Fieber in meinen Adern brennt . . ."
Sie verstunimte. Eine heiter plaudernde Gesellschaft, die Damen in sommerlich hellen Seidenblusen, die Herren in iveißen Anzügen, trat ein. Einige neugierige Micke flogen nach bein Paar, welches natürlich, so unauffällig es auftrat, bereits der Gegenstand widerstreitender Vermutungen war. Loysen fühlte das, Md es war ihm fürchterlich; Luise merkte nichts davon. Sie war immer viel gu sehr mit sich selbst beschäftigt. Tie Stören- sriede keines Blickes vde« Grußes würdigend, sprang sie auf und Verließ die Glashalle.
Loysen blieb mit seinen bitteren Gedanken zurück. Er stieg die in den Garten führenden Stufen hinab, setzte sich in den .Schatten einer riesigen Magnolie aus eine Bank und dachte an Vergangenes und Zukünftiges.
Seit er ihr damals seine Hand bot und damit all der entsetz- Wen Unsicherheit ein Ende gemacht war, war ein halbes Jahr
verstrichen. Ter März neigte sich jetzt seinem! Ende zu, cs wird Zeit, daß er, soll er nicht geistig zu Grunde gehen, dies müßige Douristcnlebcii aufgibt und sich eine Arbeit und eine Wohustatt schafft.
Mit Luise mar in dieser Zeit wieder eine Wandlung borge-, gangen. Ihre Gleichgültigkeit gegen das Elternhaus war in glühende Sehnsucht nach Aussöhnung umgeschlagen. Es lag dies so in ihrer Natur, daß sich hinter dem erreichten Ziel stets ein neues erhob. Ter Mann, den sie jahrelang mit hoffnungsloser Verzweiflung geliebt hatte, war nun ihr Gatte, es blieb ihrem Glück zu wünschen nichts mehr übrig, denn was Loysen tat, das tot er ganz, und so widmete er ihr all die Fürsorge, Rücksicht und liebevollste Aufmerksamkeit, die er seiner Frau schuldig zu sein glaubte. Anfangs war sic wie betäubt vor Seligkeit, überschwenglich in ihrer leidenschaftlichen Gegenliebe und maßlos stolz auf ihren Namen,- ihren Titel, ihre, wie sie meinte, nun für immer gesicherte Stellung! — aber durch das alles hindurch ging schon das ruhelose Sehnen nach noch Unerreichtem. Ein bitterer Tropfen Ivar in ihren Freudenbecher gefallen, als fie diesen kaum ergriffen hatte. Als Loysen sie bei jenem Wiedersehen bat, Friede zu machen mit den Ihrigen, hatte er nicht den Mut gefunden, ihr zu sagen, daß die Mutter, welche fie noch am Leben wähnte, seit mehreren Jahren tot sei. Er meinte auch, das erfahre sie am besten durch den Vater, an den sie, wie er annahm, am nächsten Tage schreiben wolle. Er reiste noch in derselben Nacht wieder ab, nnd für ihn begann nun die letzte schwere Zeit, da er aus dem Regiment schied, ohne Sang und Klang, von vielen betrauert und auch bedauert, von niemand begriffen, am wenigsten von der, welcher er sein Lebensglück zunk Opfer brachte. In dieser Zeit war er kaum fähig, Luisens ins Maßlose ausgesponnene Briese durchzulesen, geschweige denn zu bemerken, daß sie ihres Elternhauses nicht wieder erwähnte. Sie aber, die nun wieder in Berlin war, verschob ihr Vorhaben von Tag zu Tag — einerseits, weil sie sich berechtigt glaubte, deck Ihrigen zu grotten, andrerseits, weil sie warten wollte, bis sie mit dem Namen Luise von Loysen unterzeichuen könne. Mit fieberhafter Ungeduld erwartete fie daher die Trauung, welcher, sich, wie ihr schien, unüberwindliche Hindernisse in den Weg stellten. Mittlerweile besorgte sie ihre Ausstattung, wobei ihr Frau Iahst hilfreich zur Hand ging. Es war ihr eine Genugtuung, daß fie dies ans eigenen Mitteln tun konnte, und sie hoffte, Loysen durch Toiletten -zu überraschen, tote solche seiner Gattin zukamen. Ta schrieb Icr eines Tages, er werde von nun ab in Berlin leben und hoffe, daß die Trauung ine Januar stattfinden könne. Dabei fragte er au, ob etwa ihre Schwestern zu derselben kommen würden? Er nahm also an, es habe eine Versöhnung stattgeftmden. Sie erschrak und bereute dies Versäumnis. Nun schrieb sie sogleich und zwar an ihre Mutter. Ta sie nicht einmal wußte, ob diel Familie noch in Nothaide wohnhaft sei, vermerkte sie ihre Adresse auf der Rückseite des Kuverts. Nach drei Tagen kam der Brief zurück, eine zackige Schrift mit groben Grundstrichen hatte quep über das Kuvert geschrieben: Adressatin verstorben.
Sie saß wie vom Donner gerührt. An eine solche Möglichkeit hatte sie seltsamerweise nie gedacht. Ihre Mutter tot! --- Tie immer geduldige, sanfte und dabei so geistig regsame Mutter, deren Liebling sie gewesen, obzwar sie dies nie verdient!
(Fortsetzung folgt.)
Zwei oberhessische Schnurren.
(Bei unserem! ersten Preisausschreiben mit dem Zweiten preise ausgezeichnet.)
Wai se de ahlt Hannes krank gesproche harre.
Ter Hannes wuhnt noch ean sein's Voarrersch Haus cast braucht naut mie se ärweln. Owends gung hea eans Wirtshaus ean trunk sei Viertelche ean gung dann wirrer Haan». — Er but de Leu, bei earn! begahnte die Zeit, ean fotzt fimmert sich iist faan Mensche, bann e hat eabbes Kapetoal. — Sei Aecker ean bie Wisse harr hea veclihnt ean kroch pinklich sei Poachgealb cast be Zins cans Haus gebraucht. — Owwer diese Mcusche gets iwwcr- all: Wei he wirrer bei feim Viertelche soaß, bo kom ahner bcist Hannes ean saht: „No Hannes, Wei gihts? Ton sihst ewink blaß ans." — „Ach," säht he, „es giht mer gant, owwer es friert meid) eabbes."
Nochend kom ahner ean säht: „Ei Hannes, Teich harr eich bohl näiit tzekennt, Ton mischst jo e bevrerbis Gesicht; vn Deicr Stcatt, geng eich eans Bett, mer kann niemals weasse —"
To kom nach noch bent Hannes sei Schwohcr, be Louis, cast säht: „Wor haut Owend mei Schwohr Hai? Eich hihrt eawwe her Dokter wir Haus geweatzt bei ernt Ja, dar ahle Len packt's der-, irscht'." Txwährend setzt de Hannes do, ean es wirr em Himmil- giigft — „Ei, do setzt Ton jo, eich Wt deich jo buhl nait gekeimt,


