Dsmersjag den <6. Januar
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Kelmuiß von Lovlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Was aber am meisten auffiel, mar das sonderbar hin- hvrchcnde Lauschen der ganzen Erscheinung. Mit geläufiger, wortreicher Ausdatver pries sie die Gute der Ware und dabei schien sie inrmer wie träumend ins Weite zu horchen. Auf was? — Auf ihre eigene Stimme! Das wurde ihm plötzlich klar. Sie sprach, um sich zu hören, und sie konnte sich nicht satt hören an der wiederkehrenden Modulationsfähigkeit des verstimmten Instrumentes.
Tic vier jungen Dauren hatten ihre Einkäufe beendet und wandten sich zum Gehen.
Tie hübscheste von ihnen, die schneidige kleine Komtesse Waldheim, stieß einen allerliebsten kleinen Schrei aus, als sie den „herzigen Lotsten", diesen „Leutnant der Leutnants" so unbeweglich an der Türe stehen sah:
„Jegcrl, der Herr von Lotsten! — Wie haben S' mich erschreckt! Ja, aber was wollen Sie denn hier?"
„Ja, das fragt man aber nicht, Jelka," lachte eine Freundin, „er wird wohl eine Wette auf sechzehnknöpfige Glaces verloren haben."
„Ah ya! Etwa an die Wcndtlebcn? Machen Sie der berühmten neuesten Gräfin auch bett Hof?" rief eine Tritte dazwischen.
„Berüchtigt, nicht berühmt," korrigierte die Waldheim keck.
„Sie ist aber enorm schön, nickst wahr?"
„Tas darf ich doch vier schönen jungen Damen gegenüber gar nicht zugeben," scherzte Loosen.
Er begleitete die Mädchen bis auf die Straste, sagte jeder iwch eine Artigkeit und verabschiedete sich dann.
Als er in den Laden zurlickkehrte, fand er Luisane damit beschäftigt, alle die Handschuhe, welche die jungen Mädchen rücksichtslos durcheinander geworfen hatten, wieder zu ordnen.
Sie sah auf, fuhr in die Höhe und ohne zu grüßen rief sie ihm zu:
„Haben Sie cs gehört? Hörten Sie? Meine Stimme! Und das dank ich Ihnen!"
Sie hielt ihm die Hand hin, welche er herzhaft schüttelte.
„Freut nvich pyramidal, Fräulein Luisane! Sehen Sic, ich behalte recht. Immer Kopf hoch!"
„Ich bin wie verwandelt — beseligt!" fuhr sie fort. „Wenn Cie nur wüßtetr, wie das tut Alle meine kühnen Luftschlösser erheben sich wieder — die Zukunft — die ruhmreiche Zukunft —"
„Na, nur nicht gleich so himnrelstürmend — hübsch vernünftig," ermahnte er gutmütig. „Und dann — wie ist es denn mit Ihrer Prinzipalin? Tie ist Wohl gut für Sie?"
„Ach, mag sie sein!vie sie Ivill — mich könnte sie weder durch Bosheit kränken noch durch Güte beglücken. Was frage ich nach Menschen! Was fiitb sie mir! Ich werde immer eine Einsame bleiben — war cs immer — in mir selbst liegt, was mich glücklich oder ttnglücklich nmcht."
„Ich hätte es aber gut und nützlich gesunden, wenn Sie sich der Alten anvertraut hätten. Das gäbe Ihrer ganzen Existenz so einen gewisse» äußeren Halt."
Sie sah ihn groß an.
„Ich bin mir selber Halt genug. Ueöerdem — Frau Zahlt ist nur zti -geneigt, mir gegenüber die Wohltäterin zu spielen, Wohltaten aber verpflichten, und ich hasse diese Gebundenheit! — Diese gelbe Seidenfahne schenkte sie mir. Wenn ich abends fortgehe, wickelt sie mir Wurst und Stullen ein, und drängt mir diese Gaben auf, und schon zweimal hat sie mich mit ins Theater genommen, da sie durch viele neugierig« J-ragen herausgekriegt hatte, daß ich ursprünglich zur Bühn« gehen wollte."
„Hören Sie, das ist ja aber eine prächtige Frau!"
„Mir liegt nichts an ihrer Protektion. Gestern, da ich mich bereit erklärte, außer dem Berkaus auch die Buchführung zu übernehmen — was frage ich nach etwas mehr Arbeit —, schlug sie mir vor ganz zu ihr in Quartier zu komincn. Meine Stelle vertrat bisher eine ihrer Nichten, tvelche sich verheiratet hat. Tas Stübchen derselben ist frei geworden, ich soll es haben und umsonst."
„Gratuliere Ihnen von Herzen! — Das ist ja fanws für Sie!"
„Nein!" — versetzte sie heftig, „das tue ich nicht! — Es würde mich zu ferneren Gefälligkeiten verpflichten — der Alten abends die Gartenlaube oder was sie sonst erquickt, vorzulesen und ihre Wäsche auszubessern. Ich wäre keine Stunde des Tages mein eigener Herr — und das bin ich, sowie ich die elende Manfardeirstubc betrete, die mir bisher als Wohnung dient!"
Er zuckte die Achseln. Ihr war nicht zu helfen. DicS Mädchen in all seiner Schwäche und Armseligkeit war ans zähem Holz gemacht, das liest sich weder biegen noch brechen. Er tvollte gehen, als ihm cinfiel, daß er doch etwas kaufen nwissc — das schien ihm schicklich. Anne Marie tjatte die Handschuhe gelobt, die er ihr mitgebracht, nun wollte er auch Marie Anne zum nahen Geburtstag welche schicken. Freilich eine Nummer größer, sie hatte nicht die feinen schmalen Feenhände der Baronin Trost. Wie er die Paare aussuchte, bemerkte das Mädchen zum erstenmal, daß er den Arm in der Binde trug oder war sie zum ersteirmal so weit ans ihrer teilnahmlofe» Lethargie erwacht, eine diesbezügliche Frage zu tun.
„Gebrochen," sagte er kurz, „aber nichts von Bedeutung. Gut, daß das jetzt erst passierte," fügte er scherzend hinzu — „hätte ich das vor acht Wochen erlebt, so wäre mein Versuch, Sie von dem fatalen Hopser ins schwarze Wasser zu bewahren, wohl utistglückt und das wäre doch sehr schade gewesen."
„Ja!" sagte sie mit fast naivem Egoismus — „nun sage ich das selbst. Es wäre schade gewesen." ■
Er lachte und da Frau Jahn jetzt aus dem Hinterstübchen in den Laden wat, verliest er denselben nach flüchtigem Gruß.
Die Matvone sah dem Forteilenden forschend nach.
„Das war doch tvieder der Herr von neulich," sagte sie.
„Jawohl."


