Ausgabe 
16.1.1908
 
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Luisane setzte sich ans Pult und begann zu rechn««. Sie hatte ihrer Prinzipalin wohl den Verlust ihrer Singstimme, doch nichts von ihren« Selbstmordversuch mitgeteilt.

Was hat er denn jekoost?"

Sechs paar dänische Damenhandschuhe."

Schon wieder? Hören Sie, Fräulein, dat fällt mir uff!" Das Mädchen zuckte die Achseln.

Er wird wohl eine Brant haben."

Wenn er man nicht wegen Ihrer schönen Augen herkommj."

Ter blasse Mund krümmte sich spöttisch:Ja, so sehe ich ja wohl aus, daß sich die jungen Herren wegen meiner Schönheit herbemühen. Tas wird's sein."

Mit so tiefinnerster Bitterkeit ward das gesagt, daß die Alte schwieg. Das Ladenfräulein beugte sich wieder über ihre Zahlen. Sie hatte auch, während |ie sprach, weitergerechnet, ganz mechanisch mit unfehlbarer Sicherheit. Es lag fast etwas Som- nambulcs in dieser maschinenmäßigen Erledigung ihrer Obliegen­heiten. Auch fühlte sie sich durch das Mißtrauen, welches in der Bemerkung lag, nicht getroffen. Liebesangelegenheiten hatten in ihren« Leben noch keine Rolle gespielt.

Einige Tage später sah Loysensein armes Ting" im Opern­hause. Von der Rangloge aus, in welcher er mit den Trotzens und einen« Freunde, einem Garde-Dragoner, saß, um ein neues Ballett in einer Ausstattungsoper zil sehen, erblickte er gegenüber, zwei Etagen höher, Luisanens Kopf über die Brüstung geneigt. Die gelbe Seidenbluse und das dunkle, krause Haar waren nicht zu verkennen. Sie Ivar wieder mit allen Sinnen auf der Bühne. Ihr Anblick, erregte von Neuem sein betroffenes Staunen sie hatte sich in dies« wenigen Tagen noch mehr erholt. Sogar das Haar hatte einen matten Glanz aufsteigender Lebenskraft, ihr Gesicht hatte die spitzen, scharfen Linien des Hungerelends verloren, die gelbliche Hautfarbe erschien gleichsam geklärt und sein schimmerte das rote Blut durch die schmalen Wangen.

Er mutzte sie immerfort beobachten und wurde ganz zerstreut. Zum erstenmal tvard er sich bewußt, daß sie sehr hübsch sei. lieber diese Entdeckung war er ganz verblüfft und nicht gerade erfreut. Je länger er sie ansah, desto unheimlicher wurde sie ihm freilich unheimlich schön. So zart, so dünn, so zerbrechlich und dabei durchlodert von einer maßlosen Leidenschaftlichkeit. Brennem­der Ehrgeiz, tolles Hoffen, Verzweiflung und Verzückung, alles spiegelte sich in ihren Augen wieder, die wie zwei schwarze Pech­fackeln loderten.

Tas Mädel wird noch toll über diese Singerei, dachte er verdrießlich

Gab es eine magnetische Verbindung von Willen zu Willen? 1 Sie lenkte da oben den Blick zögernd, widerwillig von der Bühne und begegnete den seinen, ein ganz unbewußtes, zer­streutes Lächeln des Wiedererkennens glitt über ihr Gesicht und schor« drehte sich der Kopf wieder nach der Bühne hin.

In Loysen regte sich die verletzte LentnantSeitelkeit, er legte sein Opernglas hin. !

Jst's erlaubt zu fragen, wen Sie da oben so angelegentlich 'musterten, Kamerad?" frug der Gardedragoner neben ihm.

Ein hübsches Mädchen."

Ah! Wo? Wo?"

Ja, lieber Freund, Sie haben doch selbst sehr gute Augen suchen Sie nur."

Tw kleine Blondine in« dritten Rang? Eh?"

Baron Troß wandte langsam den glattpolierten Kopf nach bett beiden:

Aber meine verehrten Herren Leutnants," tadelte er kopf­schüttelndwer wird denn offiziell das Publikum da oben mustern? Einfach verboten. Js nich. Gemüse!"

Sehr hübsch ausgedrückt, Ermund" bemerkte seine Frau Uhl. Man lachte und von demhübschen Mädchen" luat' nicht mehr die Rede.

. Am nächsten Tage begegnete Loysen der kleinen Verkäuferin auf der Straße. Es Ivar fast, als habe sie die Begegnung ab­sichtlich herbeigeführt, denn sie eilte ihm entgegen:

Ich finge wieder! Ich singe wieder!"

Nicht möglich!, Ra, wenn das nur nicht zu unvor­sichtig ist!"

Ach, iventi sagen Sie das! Wie mit einem rohen Ei gehe ich mit «reiner Stimme um. Erst klangs ja matt, wie wenn «in kranker Vogel zwitschert aber jeder Tag brachte Kraft und Wohllaut. Noch wage ich nicht zu hoffen, daß alles so wird kvie einst . . , und doch klammert sich meine innerste Natur an diese Hoffnung. Wenn Sie mich doch hören könnten selber ur­teilen wollten. Sie sollten der Erste fein, den« ich vorsinge. Wollen Sie?"

Sie ging mit schwiMenden, elastischen Schritten an seiner

Seite hin, gan!z achtlos darauf, wo sie warm und wohin sie gingen, nur von ihrem eigenen Denken erfüllt. Ihren« Begleiter ward etwas unbehaglich. Wie? und wann? Und wo denn? Rein, es ging doch gar nicht, und im Grunde lag ihm auch gar nichts daran. Dies Mädchen mit ihrer krankhaften Leidenschaft­lichkeit, mit ihren brennenden Augen fing an, ihn zu beun­ruhigen. Ta er nicht gleich antwortete, sah fie ihn rasch an und lachte bitter.

Was soll cs Sie auch interessieren," sagte sie, als habe er schon einen Einwand erhoben.

Natürlich würde es mich interessieren. Ich weiß nur nicht, wie es sich bewerkstelligen ließe."

Aber auf das Einfachste. Besuchen Sie mich nur und ich finge Ihnen vor. Wahrhaftig," bat sie fast flehend,es wäre mir eine Freude und eine Genugtuung. Sie sollen selber hören, w-as Sie durch zweimaligen Eingriff in mein Schicksal zum Leben zurückgerufen haben!"

Ihre bisher so heisere Stimme klang mit fast schmeicheln­dem Wohllaut an sein Ohr. Ihm wurde wieder etwas unbe­haglich, aber kurz entschlossen sagte er:

Natürlich &nmne ich, wenn Ihnen etwas daran liegt. Leider bin ich nur kein Richter in musikalischen Dingen. Also bitte, wo wohnen Sie?"

Hastig zog sie Notizbüchlein und Stift aus der Tasche und kritzelte im Weitergehen die Adresse hin. Er nahm das Blättchen und las ab, was darauf stand. Die Straße war ihm völlig un­bekannt und der Schluß: im Hinterhause vier Treppen bei Frau Schipcke l'lang nicht sehr einladend.

Puh! Hinterhaus. Bier Treppe!«.... und wias für Trrppett. Er konnte sich den Schmutz unid die Dunkelheit lebhaft vorstellen, die zu Fran Schipckes Chambres garnies heraufführten. Luisane lvarf wieder einen scharfen Blick in sein Estsicht und das unfrohe, herbe Lachen erklang von neuem.

Ja, die Beletage, die ich einst zu bewohnen gedachte, ist's freilich noch nicht. Ich sehe, Ihnen läuft eine Gänsehaut über. Vielleicht muß ich Sie noch einmal darauf vorbereiten, wie es in meinem Palais aussieht. Wenn Sie Frau Schipckes Wohnung erstiegen haben und meinen, am Ende der vier Treppen zu sein, dann müssen Sie sich noch die Bodentreppe hinaufbemühen. Dort oben ist der Verschlag, dasLuftschloß", welches meine jetzigen Mittel mir zu bewohnen gestatten. Aus der Luke, die mir als Fenster dient, sehe ich einen Wald qualnvender Schornsteine, nnd ein Gewebe von Telephondrähten, und wie oft und in welchen Farben die Waide getüncht waren, ist noch deutlich nachzu­weisen."

(Forlscl'ung folgt.)

der Geschichte von Hungen.

Bon Oberlehrer Dreher, Friedberg.

Nachdruck verboten.

Ungefähr eine Viertelstunde Wegs südlich von Hungen zog sich die schier endlose Grenzscheide hin, welche das fruchtbare und dicht bevölkerte römische Gebiet mit seinen zahlreichen und vorzüglichen Verkehrswegeir von batschaurigen Wäldern" und wüsten Sümpfen" Germaniens trennte: der um 100 n. Ehr. errichtete Pfahl grab en. Er verband dort das vorge­schobene Kastell Inheiden und das von Langsdorf, Langs vomFeldheimer Wald" läßt sich sein Lauf noch ohne Mühe verfolgen. Hier hielten, um den Grenzverkehr zu über­wachet», römische Posten Tag wie Nacht bei Wind und Wetter, scharf Ausschau; vor sich die sanften, waldigen Hügel der Horloffuser und weiter im Hintergrund die blaudämmernden, mächtigen Höhenzüge des Vogelsberges. In der Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christi aber brausten die ungestümen Germanenscharei! mit unwiderstehlicher Macht heran und über­rannten die fremden Eindringlinge. Bald überwucherte dann überall aufsprossender Wald mit dichtan Bnschwerk die in Trümmer gelegten römischen Kastelle, Billen nnd Tempel. Die Wetterau wurde bei dem gewaltigen Germanensturm von den feindseligen" Chatten, den späterenHessen", überschwemmt. Daneben schoben sich vom Main her auch noch Alemannen ein; die Ortsnamen auf -weil, -weiter siird Zeugen hierfür. Genauere Kunde von unserer Gegend erhalten wir erst mit dem Einzug des Christentums, durch die Aufzeichnungen der Klöster. Tie Wetterau erscheint da urkundlich zuerst im Jahre 767 unter dem Namen Wettereiba (= Wettergau). Sie ist zu jener Zeit schon seit langem ein Teil des mächtigen Frankenreiches tAu- strasten) und dank ihrer Frnchtbarkeit mit Ortschaften dickst besetzt. Unter den Wetterauer Ansiedeluugen nun ist Hungen eine der ältesten. Der Name bedeutetTas Haus, das Anivesen des Höho". Andere Erklärungen sindzu den Ab- kömmlmgen des Höho" undBewohner (am Fuße) der Höhe",

Hungen wird zum erstenmal 782 urkundlich erwähnt. Am 28. Jul, dreses Jahres schenkte Karl der Große nämlich