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Gemäldes, bereit Haar in jngenblicher Wildheit und Unordnung auf den mädchenhaften Busen fällt und die mit vorgestrecktem Oberkörper und nach vorn hastenden Armen aus den Händen eines geflügelten Jünglings zu entweichen sucht. Ihre Augen sind weit geöffnet mit einer Mischung von Angst und Staunen auf das Gesicht des Jünglings gerichtet. Aus ihrem Munde entsprießt ein blühender Zweig. Diese Gestalt deutet Uhde sehr sinnvoll als die Jungfrau, die nichts von Liebe weift. Der symbolische Blütenzweig, der ihrem Munde entsprießt, das in Unschuld getragene durchsichtige Gewand, das von keiner Eitelkeit geschürzte wildflatternde Haar zeigen das junge Mädchen, dem der Sturm und Atem des Dämons der Leidenschaft unbekannt sind. Mit scheuem und erstauntem Auge blickt sie ihm ins Gesicht und. entflieht in Reinheit und Unschuld seinen Armen. Sie steht im Frühling des Lebens. Der schreitet neben ihr her und streut ihr seine Rosen auf den Weg. Auf der linken Seite des Bildes sehen wir sie wieder in der mittleren der drei tanzenden Gestalten als die zur Blüte gekommene Jungfrau. Im Spiele mit den Freundinnen gehen ihr die sonnigen Tage dahin. Da trifft sie der Pfeil des Liebesgottes; die Freude am Tanze versiegt und ihr Auge blickt sehnsuchtsvoll zum jungen Krieger, dessen Hand verlangend nach Ruhm und Genuß greift. Aber gleich wett entfernt vom jungen Mädchen und der herangereiften liebenden Jungfrau, ganz im Mittelpunkte der Komposition, steht das Weib; nachdem es die Liebe genossen hat, ohne Maiin, ohne Gespielin; es neigt sinnend das Haupt, hebt erwartungsvoll die Hand und fühlt voll Ehrfurcht, daß in ihm ein großer heiliger Akt der Natur sich vollzieht, daß, wenn seine eigenen Freuden und Leiden vergehen, sein gesegiieter Schoß künftiges Leben birgt. So Wilhelm Uhdes schöne Deiitung des schönen Werkes. Aiistatt der nicht von Botticelli stammendeti, sondern später eiitstande- nen Bezeichnung des Bildes „Primavera"schlägt er den Titel „Das Mysterium des Weibes" vor.
* Der „Mund des Negus". Nasibo, der vom Volk der Mund des Negus" genannte Chef der abessinischen Justiz, hat sich endlich zu seinen Vätern versammelt. Der Verstorbene war der Schrecken des Landes. Wie viele Schuldner hat er gefesselt ihren Gläubigern überantwortet, wieviel flüchtige Sklaven dem Herrn wieder an die Kette geliefert, wieviele Füße und Hände hat er abgehauen und auf wieviele Stirnen von unschuldig Angeklagten hat er auf haltlose Verdachtsgründe hin das Schandmal aufgebrannt. Wievielen der Gotteslästerung Beschuldigten hat er die Zunge herausgerissen, wieviele hat er steinigen, wieviele aufhängeu lassen, bloß weil die Familie des Getöteten die Hinrichtung des Angeklagten der Zahlung des „Blutgeldes" vorzog! Und stets und immer hat Nasibo seines Amtes mit der Feierlichkeit des Priesters gewaltet, der eine heilige Handlung vollzieht. Hatte er dgs Urteil gefällt, so sagte er dem Verurteilten: Nicht Nasibo war es, der also gesprochen hat, sondern der „Löwe von Aethiopien"! Er war nicht ein Mensch, sondern das imfehlbare Organ der Staatsgewalt, der „Mund des Negus". So hatte er jahraus, jahrein die Justiz mit dem Instinkt des äthiopischen Beutemachers geübt. Wer von ihm Gerechtigkeit verlangt, mußte ihm zunächst ein Geschenk machen. Er nahm die Geschenke und sprach dann mit ausgiebiger Grandezza das Urteil. Oft genug geschah es, daß die verurteilte Partei entrüstet einwandte: „Ja, ich habe dir doch das und das gebracht." Worauf Nasibo mit unerschütterlicher Würde erwiderte: „Du hast der äthiopischen Justiz die schuldige Erkenntlichkeit bewiesen. Das war dir Bedürfnis, und es war dein freier Wille, zu tun, wie du getan. Aber Recht muß Recht bleiben."
* Eine Ueberraschung. In „Wild und Hund" erzählt Dr. v. Ahlefeld: Als vor acht Tagen eine in dem benachbarten Dorfe S. wohnende Bauersfrau morgens 8 Uhr in einen kleinen Stall, der unmittelbar an den Schweinestall grenzt, trat, in dem außer einigen Geräten nur etwas altes Stroh lag, gewahrte sie einen größeren,
sich bewegenden schwarzgrauen „Klumpen." In der Annahme, daß der nachts lose umherlaufende Hofhund „Ami" sich dort sein Quartier aufgeschlagen, trat die Fran näher hinzu und bemerkte, daß statt „Ami" ein Wildschwein dort sein Lager aufgeschlagen hatte. Bei näherer Besichtigung entpuppte sich die Sau als eine ill/z jährige stark abgekommene Bache. Die nähere Untersuchung der Bache, Sie jegliche Scheu abgelegt hat, sich wie ein Haustier streicheln läßt und das gereichte Futter gierig aufnimmt, ergab, daß sie vor nicht zu langer Zeit mit „Posten" angebleit war, der Oberkiefer war quer durchschossen und dicht unterhalb der Drossel befand sich eine fast verheilte Wunde, von einem Posten herrührend. Die Bache halte beim Atmen und Schlingen Schmerzen, und man muß wohl annehmeu, daß diese zweifellos sehr bedeutenden Beschwerden sie veranlaßt hatten, menschliche Hilfe aufzusuchen. Sie war in der Nacht, von Feldern kommend, durch die zufällig offen gebliebene Hoftür quer über den Bauernhof in den erwähnten Stall gewechselt, ohne daß der frei umherlaufende „Ami" von ihr Notiz genommen hatte.
— Künstlerische Monogramme. Es gibt wohl ungezählt viele Monogramme, ein wirklich gutes Monogramm aber ist eine Seltenheit. Der Grund hiervon liegt darin, daß es durchaus nicht leicht ist, die hier gestellten Forderungen zu erfüllen. Es kommt dabei nicht so sehr darauf ,au, daß die einzelnen Buchstaben sofort leicht zu entziffern sind, als daß das Ganze so eigenartig gestaltet ist, daß es sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägt und ein damit gezeichneter Gegenstand sofort von anderen ähnlichen zu unterscheiden ist. Das bekannteste klassische Beispiel, eines guten Monogrammes ist wohl das Albrecht Durers. Bon der großen Masse minderwertiger und unzweckmatzi- qer moderner Monogramme unterscheiden sich vortem)aft die im Oktoberheft der „Deutschen Kunst und Dekoration (Verlagsanstalt Alexander Koch—Darmstadt) veroycm- lichten ea. 100 Monogramme von Behrens, Rigg, Ehmte, den Wiener Künstlern etc. Hier ist eine reiche Fundgrube der Anregung für Kunstgewerbler und die kunstliebende Frauenwelt. Im übrigen Teil enthält das Heft die Arbeiren aus der „Wiener Kunstschau", darunter graphische Arbeiten und Stickereien, eine Veröffentlichung über ca^ Eigenhaus Muthesius, moderne Bildnis-Photographien, künstlerische Besuchskarten etc., im ganzen ca. 200 zum Teil ganzseitige Abbildungen.
An- und Einsichten.
Geheimnisvoll am lichten Tag, r
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und nut 0 ai Schrauben.
•----—z Ooerhe.
Silbenrätsel. . .
ei, da, dorf, eu, frei, frey, gen. bar, bi ir len, m, mo, 'not, m, M nk, nol, o, o, ph, rat, re, sch, si, tat, tho, u, um, vei, .
Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen neun Mader gebildet und derart untereinander gefetzt werden,. daß die dwang. bnchstaben von oben nach unten mib die Eudbuch stabe ui
nach oben gelesen ein Sprichwort ergeben. ES bedeuten aber einzelnen Wörter folgendes: .
1. Eine Unterrichtsanstalt.
2. Geschichtlich bekannten Ort.
8. Stadt in Westfalen.
4. Strom in Vorderasiem
5. Nützlichen Gegenstand.
6. Eiii Musikinstrument.
7. Nordanierikanischen Freistaat.
8. Mittelhochdeutschen Dichter.
9. Französischen Staatsmann.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Streben — Sterben — Erben.
Redaktion: E. Auderion. — Rotationsdruck und sßerlaa der Brühl'ichek UntversilälS-Vuch- und Steindruckereh R, Lange, Gießen.


