Ausgabe 
15.8.1908
 
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malt. Jetzt finden wir dort ein einfaches Kreuz Und den Spruch: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm." Die Größe der alten Kirche im Quer­durchschnitt ist durch einen Mauerabsatz markiert. Den Bartholo­mäus und Philippus sehen wir in dem Triumphbogen, der das Schiff mit dem Chor verbindet; Petrus, Andreas, Jakobus den Aelteren, Johannes, Thomas und Matthäus an den inneren Wän­den des Chors. Die Apostel tragen die ihnen im Mittelalter eigentümlichen Attribute, die sich zumeist auf ihren Märthrertod beziehen und sie sind umgeben von bunten Blatt- und Rankenver­zierungen. Die Malereien stammen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (vielleicht 1575). lieber ihre kunstgeschichtliche .Bedeutung zu schreiben überlasse ich berufenerer Feder. Jeden­falls find durch Aufdeckung und Erhaltung derselben die Sehens­würdigkeiten in der Umgegend von Gießen um eine weitere ver- inehrt worden.

Vor dem Chor steht der neue Altar mit einer Sandstein­platte und einer Sandsteinstufe, im übrigen aus Backsteinen cmf- gebaut, verziert durch eine Leiste mit Aehren und Reben in ober- yesiischer Kratzarbeit. Links von dem Chorbogen steht die Kanzel. Rach Süden und Westen sind zwei größere Emporen eingebaut. Auf der Querempore (Westen) steht die wundervolle neue Orgel. Sie hat zwei Manuale, ein Pedal und 19 klingende Register und wurde ber der Prüfung von zuständiger Seite als ein Meister- werk bezeichnet. Das Kirchenschiff wird überspannt von einem foelß gestrichenen Tonnengewölbe aus Holz, das von kräftigen Eichensaulen getragen wird. Für die Giebelwand sind schöne bunte Fenster gestiftet worden. Im Chor hat man die alten sechs- ecklgen Scherben wieder angebracht, während die Fenster der Nord- und Südseite gewöhnliches Helles Glas haben. Das Ganze, farben­freudig gestimmt und bis ins Einzelne künstlerisch ausgeführt, dars^als ecu Meisterwerk bezeichnet werden.

Zu einer Baugeschichte gehören auch die Baumeister und Bauhandwerker, dre hier nicht fehlen sollen:

£>o-1T VEMbistcr: Ludwig Hofmann, Kirchenbaumeister zu Her-

R Bauführer: Bis zum 18. April 1907 Wilhelm Schudt E von da an Adam Trietsch aus Fränkisch-Krumbach.

C. Bauhandwerker und Lieferanten:

1. Abermann und Kling, Bauunternehmer in Gießen: Erd- und Maurerarbeiten.

2. I. Atzbach, Gießen: Stcinmetzarbeiten.

^ohs Weller, Leihgestern: Zimmerarbeiten des Dach­stuhls, des Vorbaus und des Sakristeianbaus.

4. ^ost Bößer, Holzhausen: Dachdeckerarbeiten. ~

5. Heinrich Walz, Lieh: Klempnerarbeiten.

6. Julius Stohr, Gießen: Blitzableiteranlage.

, Ludwig Wehrum, Leihgestern, und Friedrich Zeig, Griedel: Gestühl imd^K'anz?^"' Emporböden, Emporbrüstungen, Decken, .dcm^Gestiihl^"^ ®llf) nnb Kl'ck, Leihgestern: Dielungen unter Ott, Leihgestern: Schlosserarbciten.

i i Luh, Gießen, Glaserarbeiten.

r. .-P; 'S- Brück' Leihgestern, und H. Demmer, Wetzlar: An­streicher- und Malerarbeit.

Heizung Schaffstaedt, Gießen: Zentral-Niederdruckdampf-

13. Förster und Nicolaus, Lich: Lieferung der Orgel.

an < ^rrmann Velte, Frankfurt a. M.: Wiederherstellung alter Malereien cm Chor und der Oelbilder au der Emporenbrüstung.

Io. Karl Laux, Leihgestern: Gärtnerische Anlagen.

ffi.?11 Psatulleren der Gemeinde Leihgestern zu ihrer neuen

' io =y 'lt eine der schönsten der Umgegend. Möge das neue Gotteshaus der Gemeinde reichsten Segen bringen! Möge sie einer solchen Kirche wert fein. Möge sie auch derer nie ver- die, oft unter schwierigen Verhältiiissen, dafür gesorgt Fi en, dast der Bau zu einem so glücklichen Ende geführt worden ist- Gott allein aber sei die Ehre!

Line hübsche Schilderung der Landung bei Oppenheim sandte einer Berliner Zeitung ein Darmstädter Pri- ntnncr. Sie zeigt, löte stark Deutschlands Jugend mit dem Herzen an der großen Sache teilnimmt:

Eine große Ueberraschung war es, als wir in Darmstadt durch Telegramm erfuhren: Heute morgen 6 Uhr ist Zeppelin aufge- stlegen und hat die große Rheinfahrt angetreten. Schnell ging zum Bahnhof, um mit dem Zuge um 3A2 nach Mainz zu fahren. Dort fand ich bereits alles in großer Aufregung: Haufenweise standen dre Leute vor den Telegrammen, Automobile saustest dse Straße entlang, und ein Menschenstrom ergoß sich die Große Bleiche hinunter, dem Rheinufer zu. Tausende und Abertausende standen da und warteten. Zwischen 4 und 5 sollte Zeppelin nach Mainz kommen. Aber es schlug 4, 5, st?6, und immer war Uoch nichts in Sicht. Als gegen 6 Uhr der Ballost noch immer sticht erschien, ging ich nach Weisenau zu und fragte einige Vorbei- Sehende. Höchst verschieden waren da die Antworten:Zeppelist ist umgedreht."Er ist mit seinem Luftschiff in den Rhein gestürzt." Am wahrscheinlichsten, weil es die meisten Leute sagten, fMen mir die Nachricht, daß Zeppelin Bei Nierstein gelandet sei.

A so stwglichst schnell nach Nrerstem. Ich sprang auf die voll- gepfrvpfte Elektrische, um nach Weisenau zu fahren. Das war ein Leben auf der Straße! Rasend fahrende Autos verursachten einen schreckftchen Staub, Radfahrer fuhren mit ihnen um die Wette, die Kutscher hieben verzweifelt auf ihre Pferde ein kurz, em Gedränge, daß jeden Augenblick ein schwerer Zusammen­stoß geschehen konnte.

In Weisenau begab ich mich im Eilmarsch nach Laubenheim, der nächsten Bahnstation, obwohl viele Leute behaupteteir, Zep­pelin sei umgekehrt. In Laubenheim warteten schon viele aus °«n Zug. Endlich lief er ein; aber er war dermaßen über­füllt, daß man kaum Platz bekommen konnte. Der Packwagen war bereits ganz besetzt, selbst auf der Lokomotive standen Fahr­gäste, und oben in einem Bremserhäuschen befanden sich nicht weniger als drei Mann. Ich konnte mir noch einen Platz ist einem, vollgepfropften Wagen vierter Klasse erkämpfen.

Biel zu langsam für unsere aufgeregten Gemüter zog der Zug an den Wernbergen dahin. Als er dann in Nierstein hielt, prang alles schleunigst heraus. Bon Billettabgeben war keine Rede mehr, die ganze Menschenmasse ergoß sich über das Bahn- üblande. ^er-och fiel der, Bahndamm fo steil ab, daß einige rns Rollen kamen und unliebsame Bekanntschaft mit einem unten vorbeifließenden Bache machten.Zehn Minuten nach Oppen- helNl zu liegt der Ballon auf dem anderen Ufer", hieß es. Jetzt gab es einen allgemeinen Wettlauf zum Landungsplatz der fliegen­den Brücke, die, besetzt bis auf den letzten Platz, gerade langsant über den Fluß zu uns herankam. Und richtig, rechts an ber Brücke vorbei, lag das weiße Ungetüm, das Hinterteil uns zu­gekehrt, ruhig auf dem Flusse zwischen zwei Buhnen.

Nach dem Uebersetzen hatte man noch etwa zwei Miautest zu gehen, bis man zu dem Luftschiffe gelangte, dessen Gondeln, nur etwa einen halben Meter vom Ufer entfernt, auf dem Wasser schwammen. In der Hintergondel waren nur drei Maschinisten, so daß ich die Vordergondel aufsuchte, wo ich den Grafen ver- uiiitete. Er stand dort im Gespräch mit seinem Neffen, dem jungen Grafen Zeppelin, und seinen Ingenieuren. Ich konnte mich vom, User aus an die Gondel lehnen, so daß ich alles aus nächster Nähe beobachten konnte. So oft Graf Zeppelist seist sympathischiH Gesicht dem Ufer zuwandte, ertönten begeisterte Hoch­rufe, so daß er öfter um Ruhe bitten mußte, um sich mit seinest Leuten verständigen zu können. Es war etwa/29 Uhr geworden, als plötzlich der rouimandierende General des 18. Armeekorps, Exzellenz von Eichhorn, erschien, um dcst Grafest herzlich zst begrüßen; er war auf die Künde von der großen Fahrt vost Hagenau nach Ludwigshafen und vost dort per Auto ast die Landungsstelle gefahren. Bei der Begrüßung fragte Exzellenz v. Eichhorn beit Grafen nach dem Grunde seiner Landung, worauf dieser antwortete:Ich war auf der Fahrt sehr hoch gegangen.' und hatte hierbei und durch die Wärme der Sonne viel Gas ver­loren, so daß ich,beschloß, zu landen und die Abkühlung abzu- warten." Hierauf sah der junge Graf am Thermometer nach und rief seinem Onkel zu:Onkel, es sind immer stoch 191/2 Grad."Dann müssen wir noch warten."

Noch längere Zeit unterhielten sich die beiden Herren; ich hörte, wie Graf Zeppelin für die Kommandierung von Mainzer Pionieren seinen Dank aussprach. Als sich deren Ankunft etwas lange hinaus­zog, entfernte sich Exzellenz von Eichhorn, um das Uebersetzest zu beschleunigen. Unterdessen beobachtete ich, wie ein Herr dem Grasen einen Trunk edlen Niersteiner darbot. Hocherfreut nahm Graf Zeppelin die Gabe an, tränt, füllte dann ber Reihe nach jebent feiner Leute das Glas, schenkte sich das Glas dann noch­mals ein, traut der Menge zu und rief:Sehen Sie, so ge­hören wir zusammen." Ein begeisterter Jubel der Menge lohnte diesen großherzigen Zug. Noch öfter wurden Hochrufe ausgebracht und Deutschland, Deutschland über alles gefungen, bis endlich gegen zehn Uhr die Pioniere erschienen. Jetzt wurde alles abgesperrt, und da es sich ziemlich abgekühlt hatte, die Vorbereitungen zum Aufstieg getroffen. In beiden Gondeln flammte helles, elek­trisches Licht auf, und die Pioniere begannen langsam die Vor- dergoudel herauszubewegen. Sobald sie ein wenig über dem Wasser schwebte, wurde auch die hintere Gondel vorgeschoben, bis das Luftschiff, durch Automobilscheinwerfer hell beleuchtet, ganz frei auf dem Wasser lag. Nach einigen Minuten atemloser Spannung hob sich der Ballon ein wenig, senkte sich dann wieder, und erhob sich dann zum zweiten Male. Höher und höher flieg! er rind als er etwa in 30 Metern Höhe schwebte, hörte man plötzlich ein Klingelsignal, dann arbeitete erst der vordere, dann der hintere Motor, die Schrauben begannen laut zu surrest und unter jubelnden Hochrufen der Menge und Sirenengeheul der Dampfer stieg der Ballon majestätisch immer höher, schlug dann einen Bogen und entfernte sich mit großer Geschwindigkeit in der Richtung nach Mainz zu.

Rasch zerstreuten sich nun die Zuschauer, und auch ich wan­derte, da die letzten Bahnzüge laugst abgegangen mären",. zu Fuß der Heimat zu. Unterwegs hielt ich aber in Geinsheim Rast.- Etwa V2I2 Uhr rief ein Gast am Fenster unserer Wirtsstube;Da kommt er wieder!" Alles eilte hinaus, und' nun sahen mit bte Lichter, die dem Ballon auf seiner siegreichen, wenn auch leider letzten Fahrt leuchteten, in der Ferne sternenahnlich vorüberziehen."