Ausgabe 
15.8.1908
 
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So heiteren Tones sich Hell in diesen Erinnerungen erging, i Küthe konnte sich beim Zurückdenken an jene Flucht eines Schauers nicht erwehren. Sie hängte sich scster in seinen Arm-Ach, cs !var eine furchtbare Zeit!" flüsterte sie vor sich hin.Aber Nicht wahr, Fritz? Diese Zustände kommen nie wieder?" Kannst du noch fragen? Seitdem ich die wackeren Mainzer Bürger ganz ungeniert auf dem Rhein Arndts Vaterlandslied habe singen hören, ist es mir, als atme ich wirklich die Frühlings- I lüft einer neuen Zeit, als sei alles in Saft und Trieb gekommen, I Was bisher Winterfrost in Banden hielt!"

Er sprach so lebhaft, das; Käthe unwillkürlich an den wirk- ! liehen Frühling denken mußte, wobei ihr Blick auf die entblätterten I Bäume eines Gartens fiel, an welchem der Weg vorbeiführte. ! Wie schade, daß nicht auch in der Natur gerade jetzt Frühling ist! Wir gehen dem Winter entgegen. Man fühlts!" Sie zog ihre leichte Mantille fröstelnd über den Schultern zusammen.

Du bist leicht gekleidet und es ist kühler geworden," sagte er besorgt und blickte zärtlich auf sie nieder. Dann nahm er seinen Ueberrock vom Arm und legte ihr ihn sanft um den Rücken. Dabei küßte er sie auf die Wange- Sie ließ es sich glückselig lächelnd gefallen.Ist dir denn gar nicht kalt?" Ich fühle den Herbst nicht, der die Bäume entlaubt; ich spüre den Lenz, der meine Jugcndiräume wahr macht!" gab er heiter zurück.

Und wenn der Winter nun doch noch einmal die Herr­schaft anträte?" Er schüttelte den Kopf.Es kann Za nicht sein, denke an das, was wir Heute erlebten. Diesmal behält der Dichter recht: es muß doch Frühling werden!"

Wenn aber doch erst ein Rückschlag kommt?"So wandern I wir zusammen aus! Dann sind wir längst Mann und Frau unsere Hochzeit muß bald sein, Käthe! Das ist doch auch deine I Meinung?"

Sie antwortete nicht. Aber durchdrungen von dem Gefühl, I daß im Schutz dieses Mannes ihr Glück für immer gesichert sei, was auch die Zukunft bringen möge, schmiegte sie sich inniger an ihn. Als Fritz und Käthe bei Werners am gastlichen Tisch I zwischen Schwager und Schwägerin saßen, kam wiederum die I Gegenwart ganz zu ihren) Recht. Nach dem einfachen Nacht­mahl, bei welchem ein guter Tropfen Rheingauer nicht fehlte, über­flog der Regierungsbaumeister «schnell die neueMainzer Zeitung" I und machte den. andern Mitteilungen aus deren Inhalt.Donner- I Wetter! rief er plötzlich,der Doktor Andree geht aber gehörig I ins Zeug! Ta hört mal!"

Und er las mit warmem Interesse laut einen Artikel vor, | der mit den Worten anhob:Heute lebt in Deutschland keiner j mehr, der nicht wüßte, daß die einzelnen Staaten unseres Vater- I müdes einzeln genommen, politisch wenig bedeuten" und dessen I Schluß lautete:Aber noch viele Interessen sind zu bcrnck- sichtigen und dahin gehört auch unser Seehandel und unsere Schiffahrt!"

ersten Rauchwölkchen kunstvoll von sich gestoßen hätte. Das ist noch alles im Unklaren", erwiderte Werner.Bisher hoffte man durch diplomatische Verhandlungen die jenseitige Regierung zu nötigen, den Damm wieder abzutragen. Ich muß mich vorläufig auf Berechnungen des Schadens beschränken, den uns die neue Strombahn macht, und auf Schutzmaßregeln gegen die Vcrsan- dung,^die dem Mainzer Hafen und unserer alten Fahrbahn jetzt

Wer bekämpft doch die Gewalt mit Gewalt! Ich habe heute viel au meine Flucht denkeir müssen. Erst vorhin wieder, als ich die Straßen von Mainz zum erstenmal wieder betrat! Da­mals galt es auch Gewalt gegen Gewalt, und Heimlichkeit gegen Heimlichkeit! Unsere Verfolger unterhielten auf Weg und Steg Geheimagenten, um uns zu fangen: unsere Freunde unterhielten im Geheimen die Flüchtlingspvst durch die Pfalz. Die Herren in Nassau haben in aller Heimlichkeit, wie du sagst, ihren Damm! zi« bauen begonnen nun, vergeltet doch Gleiches mit Gleichem: antwortet auf den Fang dämm mit einem Staudamm, der daß Fahrwasser wieder ins alte Bett leitet!"

Ich habe auch schon daran gedacht, ob etwas Aehnliches nicht möglich wäre", erwiderte mit nachdenklichem Kvpfschütteln Werä ner.Die Schwierigkeiten aber sind zu groß! Wir dachten air einen Damm von der Peters-An in der Richtung nach links/ etwas oberhalb des Biebricher Dammes. Aber meine Techniker haben mit mir berechnet, daß das gestaute Stromwasser doch dem tiefer gelegenen Fangwehr zufließen müsse."

Ei, so baut man den zweifellos berechtigten StaudamiN neben den Fangdamm, so daß beide zusammen einen Damm bilden, der gar kein Wässer mehr durchläßt, so daß aller Strom nach links abfließt. Paß' auf, dann werden sich die Herren in Nassau zu einer Verständigung schon bereit sinden lassen, die das Rocht gleichmäßig verteilt!"

Bravo! Eine kapitale Idee!" rief Werner begeistert, indem er aufstand und im Zimmer auf-und abzuschreiten begann.Wirk­lich das Ei des Kolumbus! Zwar höllisch frech, aber fein! Nur die Ausführung!? Glaubst du, mau wird drüben ruhig zusehen, wenn wir auf der Peters-Au zu bauen anfangen! müßte man schon den Hexenmeister zu Hilfe bitten, der die Teufels­brücke bei Andermatt, wie die Legende sagt, in einer Nacht ett- baut hat!"

Geht auch ohne Teufelskünste! Denke doch nur daran, wie man in Belgien und Holland die Riesendämme und Deiche anfge- führt hat, die deir Wellen des Meeres die festen Ufer abrastgen!"

(Fortsetzung folgt.)

Leihgestern.

Altes und Neues zur Geschichte des Dorfes von Ludwig Strack.

(Originalbeitrag derGieß. Fam.-Blätter".)

Werner seufzte auf.Ich denke ganz wie dieser Doktor Andree, und dabei muß ich mich für unser Hessen-Darmstadt mrt den Nassauern wegen des Fahrwassers im Rhein herum- schlagen. Ist es nicht schmachvoll!" Ein anderer Artikel der Zeuung fiel ihm auf.Da fieh." rief er zu Hell gewandt-Die bclgiichen Eyenbahnen. Das geht dich an!" Seine Augen über­flogen die Spalten; den Schluß las er laut:Baut erst Deutsch­land wre Belgien seine Eisenbahnen fertig von Grenze zu Grenze, so wird seine politische Einheit nur noch eine Frage der Zeit )e,n und sein Wählstand muß einen unermeßlichen Aufschwung nehmen!"

Unter frohem Lachen sagte da Hell:Das ist ein Grriß von nur an die Heimat! Ich bin mit Doktor Andree befreundet

wir hatten ja ein ähnliches Schichal ich sandte ihm schon manchen ähnlichen Aufsatz! Aber was helfen solche Mahnung^' Nocy immer sind alle dentschen Bahnen Stückwerk! Sag' mal rT8cr; warum baut ihr bei eilch nicht die Bahnstrecken, die doch langst geplant sind? Was hindert eigentlich die Regierungen poch, «ert sie demZollverein" angehörcn?"

Es sind dieselben Ursache)!, die drüben vor Biebrich deir Fangvamm ins Leben riefen. Jeder einzelne Staat will seine Bahnstrecken ;o bauen, daß er vor den Nachbarn im Vorteil ist Und w kommt cS zu keiner Verständigung über den Anschluß!" , "~a$ "(le deutsche Elend!" warf Hell mit bitterem Tone hin. Aber Frau Lotte ließ die ttübe Stimmung nicht aufkommen und, chrem Drangen folgend, machten die Herren cs sich bald auf dem Sofa bequem und zündeten sich Zigarren an, wozil ihnen Käthe das Feuer reichte.

m"Was wollt ihr nun eigentlich gegen den Gcwaltstreich der Nassauer Positives unternehmen?" fragte auf ciumal Hell, wäh­rend er gedankenvoll den blauen Ringen nachsah, in denen er die

Nachdruck verboten.

(Schluß.)-^

Wir wollen sie uns noch kurz näher ansehen. Am malerischstes zeigt sie sich von der gegenüberliegenden Straßenecke aus. Im Vordergründe die stilvolle massive Kirchhofeinfriedigung mit dem großen Torbogen. Dahinter, mitten im Grün der Bäume, das neue Kirchenschiff, dessen beschiefertes Dach den Blick zu dem alten, unter staatlichen^ Denkmalsschutz stehenden Kirchturm mit den vier charakteristischen Ecktürmchen hinauflenkt. Es ist in ober­hessischem Dorfkirchenstil erbaut und besteht aus einem Haupt­schiff und einem zweijochigen Ncbenschiff auf der Südseite. Nach der Straße hin gliedert sich eine Vorhalle an, in deren Ober­geschoß das Blaswerk der Orgel aufgestellt Ivorden ist. Sehr malerisch macht sich der in Fachwerk ausgeführte Sakristeianbau mit Turmaufgang im Osten, bei dem, wie schon erwähnt, die alte Freitreppe wieder verwandt worden ist. Ueberhaupt ist unter weitgehendster Berücksichtigung der Grundsätze der Denkmals­pflege gebaut worden. Das Mauerwerk (Bruchsteine aus ober­hessischem Basalt) ist dem des Turmes angeglichen ivorden. Vier Türen führen in das Innere, das ebenso wie das Aeußere ein­fach und schlicht, aber würdig gehalten ist. Es hat Raum für 727 feste Sitzplätze, die jedoch durch einen dritten Emporeneinban noch vermehrt werden können. Wenn wir durch den Hauptein­gang eintreten, so wird unser Augenmerk zunächst auf den wun­derschönen gotischen Chor mit den alten Malereien gelenkt. Ec bildet eine kleine Kapelle mit massivem Kreuzgewölbe, der Altar der alten Kirche hat in ihm Aufstellung gefunden. Die Malereien! stellen Christus und 10 Apostel dar: Christus, Jakobus der jüngere und Simon Zelotes auf der Wand des Turmes, die dem Kirchenschiff zugewandt ist. Unmittelbar darüber schloß früher das Kirchenschiff mit einer Decke ab. Als es dann mit einem höheren Gewölbe versehen wurde, blieb an der Wand ein freier Raum, den man mit einer sehr primitiv gemalten Kreuzigungs- gruppe und der oben erwähnten Inschrift von 1692 ausfüllte. Da diese redoch sehr unschön bezw. verdorben waren, wurden sie über-