Ausgabe 
15.8.1908
 
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Nr. 127

1908

Samstag den 15. August

MW WüSiix

Sie sollen ihn nicht haben!

Modelle aus der Zeit der Eisenbahnfurcht.

Bon Johannes Proelß.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Unter den einst verfolgten Patrioten, die der neue König von Preußen in ein Amt berufen hatte, befand sich! Ernst Moritz Arndt. Much in Hessen war .es nun keinem Beamten mehr verwehrt, sich durch Singen des Liedes zu seinem Inhalt zu bekennen. Regierungsbaumeister Werner hatte es herzhaft mitgesungen. Seinem Schwager Hell aber ivarcn Tranen ins Auge getreten. Für solche Gesinnungen und ihr Bekenntnis hatte er fünf Jahr: lang der Heimat fern bleiben und das Brot der Fremde essen müssen! Und ihm war es' vor hunderten von Schicksalsgenossen Noch gut ergangen! Er hatte in der Fremde Dinge gelernt, die er daheim so nicht hätte lernen können daheim, wo der Aus­bau der Eisenbahnen durch die Kleinstaaterei bisher in so schmäh­licher Weise verzögert und gehindert war! Aber nun tagte die Neue Zeit, in der sich all die gehemmten Verkehrsunternehmen mit unaufhaltsamer Kraft entwickeln mußten! Fetzt kehrte er heim, ausgerüstet mit Kenntnissen, die er im Dienste der Heimat fruchtbar verwerten konnte und die er freudig in ihren Dienst stellen wollte, war doch nun endlich sein Jugendideal im Begriff, Wirklichkeit zu werden dasganze Deutschland" Ernst Moritz Arndts.

Doch Hell hatte keine Zeit, sich dieser Stimmung lange hinzu­geben. Nur einige Augenblicke beugte er sich, zärtlich zu seiner Braut, aus deren leuchtenden Augen warm ein stolzes Glücks­gefühl strahlt; dann aber mußten sich beide denen widmen, die ihnen die erste Stunde des Wiedervereinigtseins und die Erinnerung ftn das vergangene Leid so- festlich verklärten.

Werner hatte schnell Wein kommen lassen und mit den ge­füllten Römern taten sie den Sängern Bescheid, die vorhin beim Gesang von Arndts Lied die Führung gehabt hatten. Auch der Spenderin der Rosen brachten sie nochmals ihren Dank. Es war Zugleich ein Verabschieden, denn schon meldete der Klang der Schifssglocke das Bevorstchen der Landung.

Da schaute Hell auf: Bon Lichtern übersät glänzte durch das Abenddunkel das alte Mainz, aber links vom Schiff zog sich gleich einem Riesenwall die dunkle Schiffsbrücke hinüber nach Castel. Dieser Anblick weckte in ihm ein Gefühl des Grausens, das sich in tiefem Dank austöste gegen das Geschick, welches ihm vor fünf Jahren seine Flucht über diese Brücke gut gelingen ließ und ihm jetzt eine so glückliche Rückkehr in die ihm damals so drohend erscheinende Festungsstadt gewährte.

Die Erinnernngen an jene Tage der Flucht ließen sich frei­lich nicht so leicht bannen. Aber der Lebensmut, der seine Adern durchströmte, war so stark, daß er: mit Käthe, die jetzt üuch an diese von ihr mit qualvoller Sorge durchlebte Zeit denken mußte, nur im Tone fröhlichsten Humors die Vergangenheit berührte. Nur im Tone fröhlichsten Humors: die Vergangenheit berührte. .Südlich sich selbst überlassen, gingen sie hinter Schwager und

Schwägerin her nach dem Hause, das diese bewohnten. Hells Gepäck war unterwegs nach demDarmstädter Hof", wo er zu übernachten gedachte.

_ Einer Fülle von Glückumständen hatte der junge Feuer­kopf es damals zu danken gehabt, daß er den nach ihm fahnden­den Schergen der politischen Geheimpolizei entgangen war! Ein früheres Mitglied derPalatia", jener burschenschaftlichen Verbindung in Gießen, der er mit Karl Vogt angehörte, war als Akzessist int Ministerium in Darmstadt beschäftigt. Dieser bekam als solcher einen Erlaß zu protokollieren, darin das Ministerium die Herstellung von zwanzig neuen Einzelhaftstellen in den Untersuchungsgefängnissen von Gießen, Friedberg und Darmstadtvertraulich" dekredierte. Es geschah auf Ansuchen des neuen Untersuchungsrichters der politischen Umtriebe, Ge­orgi. Der Akzessist ahnte sogleich den Zweck dieser Einzel» Haftzellen, steckte den Erlaß in die Tasche, meldete sich krank, be- itachrichtigte feine Freunde und entfloh gleich diesen über die Grenze. So hatte auch Hell rechtzeitig von der drohenden Gefahr gehört..

Doch nicht ohne Abschied von Braut und Vater hatte er die Heimat verlassen. Sein Vater war Pfarrer in einem Torf bei Friedberg, der Vater Käthes Förster einer Standesherr- schaft in der Nähe. In einem Waldhüterhäuschen hielt Hell sich damals versteckt, bis er von Gesinnungsgenossen die heim­liche Nachricht erhielt, daß am nächsten Tag zu einer bestimm­ten Stunde vor einem Wirts-Haus zwischen Höchst und Hatters­heim ein Lastwagen mit Weinfässern stehen werde, dessen Fuhrmann ihn erwarte, um seinen blauen Leinenkittel und die übrigen Kleidungsstücke mit den seinen zn vertauschen. Das Schicksal mehrerer seiner Gießener Freunde, die auf der Flucht in Gefangenschaft gerieten, hatte zu äußerster Vorsicht gemahnt, und auf der Mainbrücke bei Offenbach und der Rheinbrücke nach Mainz standen Geheimpolizisten, die jeden, dessen Aussehen irgendwie an einen Studenten gemahnte, an­hielten, und solche, die keinen Paß hatten, verhafteten. In die Rolle des Fuhrmanns hatte er sich gut eingelebt; mit dem Saft von frischen Nußschalen, die er zerstampfte, hatte er sich vorher Gesicht und Hals' braun gefärbt.

Aber beim Passieren der Schiffsbrücke zwischen Kastel und Mainz, unter den Wällen und Bastionen von Kastel und Gustavsbnrg, beim Vorüberfahren an den Militärposten, beim Halten vor der Zollstation, wo der Inspektor ihm mit der Laterne mißtrauisch ins Gesicht leuchtete, als er auf Be­fragen sieh für beit Neffen des Fuhrwerksbesitzcrs ausgab, da hatte ihm doch das Herz vor Bangigkeit' mächtig geschlagen! Das urechte Fulder- Deutsch, über das er verfügte seine Lust am Erzählen von Anekdoten aus dem heimischen Volks­leben hatte ihn darin zum Virtuosen gemacht war sein Retter gewesen. i j,

Lachend gedachte jetzt Hell int Gespräch mit seiner Braut dieser Szene und wiederholte ihr die schlagfertige Antwort, die er dem.mißtrauigen Beamten gegeben. Erst als er damals auch die Mauern' von Mainz glücklich hinter sich hatte, war die Gefahr vorüber gewesen.