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Whett eines neuen Stiles. Die Ideen, die den Zusammenbruch aller bestehenden Verhältnisse herbeigeführt hatten, geben auch dein neuen Stile seine Eigenart. Tas bürgerliche Element, welches in der neuen Gesellschaft dominiert', gab ihm die Richtung. Auf der Suche nach einem Vorbild für die neuen Lebensformen lenkt umn die Blicke auf den Civis Romcmus und wurde „antik". Nicht nur die Kunst suchte ihre Ideale im Altertum der Griechen und Römer: cs sollten auch alle anderen Aeuherungen des Lebens, vom innersten Kern ihres Wesens aus wollte die neue Gesell- schaft antik sein. KUnst und Handwerk, Möbel und Kleidung wurden antikisiert, ja selbst das Gehaben der Menschen, ihre Sitten und Gebräuche wurden diesem Streben angepaßt. Wie sich diese Wandlungen vollzogen, wie sich der Stil entwickelte und verflieg, wie die Menschen innerlich und äußerlich den Anforderungen der Zeit folgten, veranschaulicht das vorliegende Merkchen. Tas Bild der Mode menschlich und ohne Verzerrung tvieder- zugeben, hat es sich zum Ziel gesetzt. Der temperamentvolle Text, der gelesen sein will, schildert als Parallele dazu die Menschen, die .nach des Autors Meinung doch nicht bloß, wenn auch zum wesentlichsten Teil, aus Kleidern bestehen, und das Leben in seinen geistigen, politischen und künstlerischen Faktoren, kurz alles, ivas die Abbildungen schuldig bleiben müssen. Ganz ineinander aufgehen können Bild und SBtort hiev naturgemäß nicht. Der Text verschuniht es, eine Paraphrase der Abbildungen zu geben, die einer solchen auch nicht bedürfen, und nur tver Text und Bild als ein Ganzes nimmt, wird das, ivas der Titel verspricht, „Menschen und Modcn" finden und zwar in einer überaus ansprechenden und anregenden Form. Tie Anklänge an die Form um 1800, die uns heute auf vielen Gebieten, so auch vornehmlich int modischen Kostüm wieder begegnen, machen die Lektüre, des sorgfältig und reich ausgestatteten Merkchens ungemein reizvoll.
Literarisches.
— Jung Willibald, das Wunderkind. Eine lehrsame Familiengeschichte in lustigen Versen von Felix Renker, illustriert von Moritz Zocher. Webels Verlag Dr. Abel & Born, Leipzig. Preis 2.— Mk. — Eine Buschiade voller Humor und voll tragischeul Ernst! Ein in Versen kurz und bündig geschildertes Leben! Eines „Wnnder- kntdes" Gang von der Wiege bis zur Bahre. Es ist kein besonderes, kein „echtes" Wunderkind, das der Dichter schildert. Nein, Willi ist eines jener Wttnderkinder, die heute so vielfach — gezüchtet toerbe». Die aus törichtem Stolze, aus falscher Elternliebe entkeimen und schließlich zur Geißel sich über alle und alles setzen. Es liegt ein tiefer Sinn in diesem lustig-losen Reim. Das ist der Wert dieses Buches.
— Otto Erich Hartleben, Briefe an seine Frau. Mit 19 Abbild. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 5.— Mk. — Am 11. Februar dieses Jahres hat sich das dritte Jahr vollendet, seitdem Otto Erich Hartleben in seiner Villa Halkyone am Gardasee die lachenden Augen schloß. Der Reiz dieser Persönlichkeit war so groß, daß schon gleich nach dem Tode Stimmen laut wurden, tvelche die Erscheinung Otto Erichs höher bewerten wollten als die rein dichterische Bedeutung Hartlebens. Stimme,:, welche kecklich behaupteten, daß — wenn der raschflutende Strom der Zeit das nicht umfangreiche Dichterwerk selbst tveggespült hätte — im Gegensatz hierzu die seltsamen Züge seiner Persönlichkeit, grotesk vergröbert und vergrößert, aufs neue zusammenschießen und unverloren int Bewußtsein künftiger Zeiten verharren würden. Einer dieser Propheten wollte sich dabei so etwas wie eine Art vvt: verfeinertem und vergeistigtem Eulenspiegel vorstellen. Wie dem auch sei: wir dürfen ttns auf dieser Linie etwas von Hartlebenscher Zukunft denken. Mit der Tendenz dieser Perspektive hängt es zusammen, daß auch die Gegenwart schon ein Recht ans die nichtdichterischen Levensäußerungen dieses Mannes zu haben glaubt. Die Witwe des Dichters, Frau Selma Hartleben, hat sich deshalb entschlossen, mit der Veröffentlichung der an sie gerichteten Briefe den Anfang zu machen. Das Knospen und Wachsen der Liebe zweier Menschen ztteinander, die immer eine Ehe !oar und niemals aufhörte, Liebe zu sein — das ist der Inhalt dieser „Novellen in Briefform", lind in diesem weiteren Sinne sind diese Briefe auch „Liebesbriefe". Sogar die Ehe- scheidungsbriefe muß man so nennen: Gerade in ihnen tritt die Empfindung tiefer, schmerzhafter Liebe am reinsten hervor.
Kunst.
DieWerke derMalerei verdienen ebenso wie die der Dichtkunst und Musik in lansendsacher Vervielfältigung in die
Kreise des Volke? zu gelangen. Wohl versuchten Holzschnitte, Stiche und Photographien uns eine Vorstellung des Meisterwerkes zu geben; aber was sein Wesentlichstes war, das fehlte: Die Farbe Seit mm die Verlagsbuchhandlung E. A. Seemann in Leipzig mit ihren farbigen Reproduktionen anf den Plan getreten ist, wissen die Kunstfreunde, daß sie den Reiz der Originalwerke v-rmittels dieser Seemann'schen Dreifarbendrucke genau so aus sich wirken lassen können, als ivenn sie sich unter Zeit- und Kostenausivand in dw Galenen begeben, in denen der ruhige Betrachter nicht immer zum ungestörten Genuß der Kunstwerke kommt, wie ihn die „Galerien E n ropa S" Neue Folge (28 Hefte ä 2 Mary aus dem Seemaiin'ichen Verlage ihm verschaffen können. Das erste Heft dieser schönen Sainmlnng, die ziniächst eine Serie von Bilder» aus der Eremitage iind der Akademie der Künste in St. Peters- bürg bringt, wurde hier angezeigt. Im zweiten und vierten Heft finden wir vor allem einige erlesene Stücke der franz. Malerei, von Millet, Geröme, Troyon, Deeamps, Delacroix, Vernet, Gallait. Nicht jeder wirb so kostbare Schätze in den Petersburger Galerien vermutet haben, wie sie in vollendeter Wiedergabe üt'bieien Sie?e- rimgen vorliegen. Im dritten Hefte fesseln ein Rubens („Die Statue der Ceres") und die „Toilette der Venus" von Tizian, die er im Greisenalter malte, und womit er uns die letzte Fassung seines Frauenideales hinterließ. Die Lieferung enthält noch das Porträt eines Offiziers von Frans Hals, eine heroische Landschaft von Nicolas Poussin, sowie von Paul Potter einen Wolfshund, dessen Modell seinerzeit aus Rußland nach Holland gebracht tvorden war, tmd der nunmehr at>f dem Bilde in seine alte Heimat zurückgekehrt ist.
Reiss.
— ©riebenS Re ise führe r. Band 76: Wiesbaden und Umgebung. Preis 1 Mk. Berlin W., Verlag von Albert Goldschmidt. Das von W. Schultz-Riesenberg rnngearbeitete, in 8. Auflage vorliegende Büchlein trägt den durchgreifenden Veränderungen im Stadtbilde seit Eröffnung des neuen glanzvollen Kurhauses und des pompösen Zentralbahithoies durch ausführliche Beschreibungen, sowie Hinzufügung eines Grundrisses und eines neuen Stadtplanes Rechnung. Erschöpsend ist auf alles ausmerk- sam gemacht, was für den Kurgast wisseusivert ist; auch ein Verzeichnis der mehr als 200 Aerzie mit Angabe ihrer Sprechstunden ist beigesügt. Mit gleicher Sorgfalt sind die Nachbarkurorte Langeu- fchwalbach und Schlangenbad behandelt.
Goldens Worts.
Tas Glück, das glatt tmd schlüpfrig rollt. Tauscht in Sekunden seine Pfade.
Ist heute mir, dir morgen hold
Und treibt die Narren rund im Rade.
Laß flieh'», was sich tiicht halten läßt, Den leichten Schmetterling laß schweben, Und halte nur dich selber fest:
Du hältst das Schicksal und das Leben.
* E. M. Arndt.
Wissen, Tugend, Kraft sind die Siege des Menschen über die “wt seiner Lage, jein Fortschreiten zur Beherrschung der Welt. Jeder Mensch sollte die Gelegenheit haben, sich selbst die Welt zu erobern. Nur solche Menschen interessieren uns, Spartaner, Römer, Sarazenen, Deutsche, Engländer, Amerikaner, die im Rachen der Not gestanden und sich durch eigene Klugheit und Macht her- ausgerettet tmd den Menschen zum Sieger gemacht haben.
R- W. Emerson.
Abstrich-Rätsel.
(7 Buchstaben.)
Das Mägdlein sitzet im schattigen Garten, Umwebt von des Wortes lieblichem Dust; Die Vöglein schmettern in allen Arten Gar viele das Wort ohne 1 in die Lust. Es denkt ohne 1 und 2 gar gerne An seine Lieben in weiter Ferne;
Des Mägdleins Liebster weilet zur Stunde
Am Strande des Worts ohne 1 bis 3:
Ein Seukzer der Sehnsucht entschlüpst ihrem Munde, Ohn' 1 bis 4 gar vielerlei
Dem Liebsten ivohl zu sagen wüßte, Wofür ohne 1 bis 5 sie küßte! hb.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des scherzhaften Ergänzungsrätsels in vor. Nuinmer: Was ich tat, das tat ich nur Um der Tat, iveil's keiner tat.
Was ich rat, das rat' ich nur, Weil du, Rat, mich batst um Rat.
Was ich will, das will ich auch. Lieber Will, sei stets dein Will'. Bin ich still, sei still du auch; Sind wir beide still, ist Still'.
Redaktion: P. Wittko. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R.Lange, Gießen.


