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Lage eine bequeme Lockerung der starren Hofetikette, die in der Hauptstadt aus repräsentativen Gründen so streng eingehalten werden muß. Ter Zar und die Zarin sind keine Freunde dieser Zeremonien, und gern tauschen sie das prunkvolle Stadtleben aus gegen das ungebundene, stille Familienleben auf den Landfchlössern. Beide lieben sie ihre reizenden und gesunden Kinder, und mit ihnen verbringen sie auch so viel Zeit, als sie aufbringen können. Die Hof- lente des Zaren sind längst au den Anblick gewöhnt, den Beherrscher aller Reußen in heiterem Spiel inmitten einer Kinderschar zu treffen. Aber auch in Peterhof und in Zarskoje Selo lassen die Regierungspflichten dem Kaiser nur wenig freie Zeit, um seiner Unterhaltung und seiner Liebe zu den Kindern nachzugehen. Der Zar ist 'Früh- anfsteher, und nach dem Bade und einem leichten F-rühstück pflegt er fast allmorgendlich auszureiten. Er ist ein guter Reiter, hält sich auf dem Pferde sehr aufrecht und macht eine gute Figur. Gegen 10 Uhr kehrt er zurück, und nun nimmt er am Schreibtisch Platz. Bis gegen ein Uhr, zur Frühstückszeit, bleibt er ans Arbeitskabinett gebannt, bald find es Berichte, bald Minister, bald auswärtige Diplomaten, die empfangen werden müssen, mit denen Konferenzen gepflogen werden und wichtige Angelegenheiten zu beraten sind. Nach dem Frühstück zieht der Zar sich gewöhnlich wieder in sein Arbeitszimmer zurück; bisweilen unterbricht dann die Besichtigung des einen oder anderen Garderegiments die Nachmittagsarbeit. Wer mit dem Diner legt der Zar sozusagen seine Krone nieder und wird Familienvater. Das Diner wie auch das Frühstück werden dex kaiserlichen Familie in den Privatgemächern serviert, Gäste sind eine Seltenheit, und nur hin und wieder ereignet es sich, daß einer der kaiserlichen Adjutanten zur Tafel gezogen wird. Seit dem Nihilisten - Allen tat gegen Alexander II., das glücklich verhindert wurde und dessen Plan es war, int Winterpalast unter dem Speiseraum eine Mine zur Explosion zu bringen, ist es Gepflogenheit am russischen Hofe, der kaiserlichen Familie die Mahlzeiten stets in anderen Gemächern zu servieren. Der General M., der kürzlich zur Frühstückstafel gebeten war, war sehr erstaunt, als er den Tisch im Boudoir der Zarin gedeckt fand. „Das nächste Mal," so sagte die kleine Großfürstin Tatjana naseweis, „werden ivir wahrscheinlich int Badezimmer frühstücken." Nach beut Diner wünschen die Kinder gute Nacht und der Zar widmet sich gewöhnlich dem Billardspiel, das er besonders liebt. Noch größer freilich ist seine Leidenschaft für die Musik, und er selbst gilt als ein sehr geübter und begabter Klavierspieler, der oft in intimem Kreise spielt, teils allein, teils als Begleiter seiner Schwester, die Violine spielt. Auch die Zarin gilt als sehr musikalisch, sie hat eine besondere Vorliebe für moderne italic- uische Musik. Der Zar ist auch ein gewandter Tennisspieler und ein ausdauernder Ruderer. Auch der Automobilsport interessiert ihn lebhaft, und fast täglich unternimmt er mit seinem Adjutanten, dem Fürsten Stoff, eine Ausfahrt. Während der alljährlichen Herbstreise in den finnischen Gewässern erprobt der Zar sich auch als Jäger, und oft geht er ans Land, um einen Tag lang, das Gewehr im Arm, durch Feld und Wald zu streifen. Bei diesen Kreuzfahrten wird der Zar voit der Zarin und den Kindern begleitet. Die Kinder genießen eine sehr gesunde Erziehung, in der körperliche Hebungen und Aufenthalt in frischer Luft eine Hauptrolle spielen. Während die Kinder unter sich russisch sprechen, bedienen sie sich im Verkehr mit den Eltern fast ausschließlich des En g l i sch e n, und auch das Z a r c n- pa ar unter sich spricht englisch, wenn auch die Zarin die russische Sprache sehr rasch erlernt hat und fließend spricht. Der kleine Kronprinz Alexei, der trotz seiner vier Fahre schon so sicher auf seinem eigenen kleinen Pony sitzt, ist ein gesunder, kräftiger und kluger Kitabe und für sein Alter in der Entwicklung außerordentlich weit vorgeschritten. Seine vorlauten Urteile und Handlungen sind den älteren Geschwistern eine nie versiegende Quelle des Ergötzens und der Erheiterung.
VeNmißchte».
* Die Behänd!u ng von Schnakenstichen. In der „Boss. Ztg." berichtet ein Leser über seine Erfahrungen aus diesem Gebiete folgendermaßen: Im vorigen Sommer war die Schnakenplage sehr groß. Bei Ausflügen sah man oft Damen und Kinder mit stark ausgelaufenen Beulen, die von Schnakenstichen herrührten, auf bloßliegendeu
Teilen der Haut, wie Arme, Hals und Nacken. Wie Zeit- ungen berichteten, waren durch Schnakenstiche Personen, besonders Kinder, schwer erkrankt, so daß sie in ärztliche Behandlung gegeben werden mußten. In diesen: Jahre dürfte die Schnakenplage nicht minder stark iverden, denn schon jetzt melde!: sich diese Insekten recht aufdringlich und in erheblicher Zahl. (Auch bei uns in Gießen! Warum verrichtete nicht ivieder im letzten Winter die „Schnaken- kommission" ihr Amt in allen Häusern? D. Rd.) Auf Grund der nachstehenden Beobachtung, die ich verschiedentlich ausgeprobt habe, kann sich ein jeder auf die einfachste Art Schnakenstiche und Beulei: sofort schmerzlos machen und beseitigen. Einmal wurde ich voi: einer Schnake in den Handrücken gestochen, so daß eine Anschwellung in Größe einer halben Walnuß entstand, die sehr schmerzte. In meiner Verzweiflung — gewissermaßen einer Eingebung folgend, fing ich mir einige Schnaken, zerdrückte sie auf der Stelle der Hand und rieb mir den Saft, der in dem Hinterleib der Schnake sich befindet, in die Geschwulst ein. Darauf verspürte ich sofort ein sonderbares „Kribbeln", die Geschwulst ließ nach und war in zirka einer Stunde verschwunden. Nun habe ich daraufhin bei jedem Ausfluge mit dieser Methode Versuche angestellt, und stets nnt Erfolg. Ich habe versuchsweise mehrmals von zwei nebeneinander liegenden Schnakenstichei: bei: einen behandelt und den anderen unbehandelt gelassen und stets schwoll der unbehandelte, an, während der behandelte verging. Wenn man e:nen Schnakenstich sofort behandelt, dann äußert er sich gar nicht, weder durch Jucken, noch durch Entzündung. Es wirkt am besten, wenn man dieselbe Schnake, die gerade sticht, gleich auf der Stelle verarbeitet. Man muß die Schnake zuerst behutsam mit der Fingerspitze verbiegen, damit sie nicht fortfliegt oder zerdrückt ivird, dann schiebt man den Hinterleib der Schnake auf die gestochene Stelle, drückt ein Welchen mit dem Fingernagel — noch besser mit einem festen Gegenstand, wie den: Griff eines Taschenmessers ■- darauf, und die Kür ist beendet. Versuche an meinen Bekannten habet: denselben Erfolg gezeitigt.
* Tolstois Schloß als Armenhaus. In wenigen Monaten wird ein Lieblingsgedanke des greisen Dichters Graset: Tolstoi in Erfüllung gehen. Das Gut Tolstois Jaßnaja Poljana soll zum Jubiläum des großen russische:: Dichters für die armen Bauern seiner! Gegend au gekauft werden. Die Besitzerin des Gutes, Gräfin Tolstoi, ivar ursprünglich gegen dieses Projekt. Doch gelang es den Fretmden des Grafet: Tolstoi, sie schließlich für diese Idee, die dem Dichter selbst große Freude n:acht, zu gemimten. Herr Tschertkow, ein begeisterter Verehrer des Grafen Tolstoi, befindet sich auf einer Tournee in' Amerika, um die nötigen Geldmittel für die Umwandlung von Tolstois Schloß in ein Armenhaus aufznbringen.
* Boshafte Witzb old innen. Eit: köstliches Gegenstück zu der bekannten Geschichte von den lustigen Weibern von Windsor, die ihre Männer als das Liebste, das sie auf der Welt besaßen, aus der belagerten Stadt trugen, wird aus einer kleinen Stadt Pennsylvauiens gemeldet. Eine Fraueuvereinigung, die det: siamesisch an- nmtendett Namen „Zum weißet: Elefanten" führt, veranstaltete eit: Gartenfest. Die Mitglieder waren verpflichtet worden, das mitzubringeu, was für sie das Nutzloseste auf der Welt sei. Und was brachten sie? Elf vot: den neunzehn Frauen brachten ihre — Männer mit! Sie müsset: aber alle in glücklicher Ehe leben, sonst hättet: die Männer den uber- mütigen Scherz nicht mitgemacht.
Mode.
— Die Mode. Menschen und Moden int 19. Jahrhundert nach Bildern und Kupfert: der Zett. Nach Auswahl von Dr. Oskar Fischet: mit Text von Max von Boehn. 1790—1817. Em schmucker Oltavbaud, 172 Seiten mit 175 Abbildungen und 37 farbige Vollbilder. Gebunden im Stile der Zeit Mk. 6,70. (München, F. Bruckmam: A.--G.). Mit den: Jahre 1790 setzt in den politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Anschammgm der Umschwung ein, der den Beginn einer neuen Epoche bezeichnet und einem neuen Jahrhundert sein Gepräge verleiht. In diesem Sinne beginnt das 19. Jahrhundert mit den: Jahre 1790. Ter unerhörte Aufstieg, bett Kunst, Literatur, Wissetu- sckiaft, Technik, Handel und Wandel bis in unsere Tage genommen, führt seinen Ursprung auf jene Sturm- und Trangperiode der große:: Revolution zurück. Tie neuen Ideen lassen eine neue Gesellschaft entstehen und die neue Gesellschaft begleitet das EuE


