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„Wenn d»s wenigstens >'v lange tun wolltest, bis ich mir mein Haar aufgesteckt habe," antwortete Martha.
Als jic mit denr Hut auf dem Kvpfc wieder zum Vorschein kam, sagte sie:
„Wir werden die Pferde ausspauuen müssen. An ein Hcim- bringcn des Wagens ist nicht zu denken, so lange die Pappeln tuet über die Chaussee liegen."
Heinz nickte.
„Es wird uns nichts anderes übrig bleiben."
Hans Ivar schon dabei, die Stränge von den Vorlegern zu lösen. Nachdem er dann noch die langen Zügel zusamnicngcknvtct hatte, schwang er sich auf das Handpferd.
„Es ist das Einfachste, ich reite die Braunen nach Hause," läckselte er verschwitzt. „Vorwärts, Dicker!" und er ritt ein paar Meter voran.
Martha und Heinz gingen Seite an Seite hinterdrein. Keines sprach ein Wort. Der Regen goß in Strömen. lieber dem Dorf züngelte Blitz auf Blitz.
„Jener!" rief plötzlich der Knabe und parierte seine Gäule.
Heinz und Martha waren stehen geblieben. Wahrhaftig .... aus dem Torf schlug eine Flammengarbe auf und leckte mit ihrer gelben Riesenzunge empor zu dem schwarzen, unaufhörlich von rötlichen Blitzen zerrissenen Gewölk.
Hans ritt schon Galopp. Heinz und Martha, liefen. Wimmernd mischte sich das Geläut der Sturmglocke mit den. Brüllen des AonnerS.
17. Kapitel.
Am Mcnd lag der Bartikowsche Hof in Schutt und Asche. Der Blitz hatte das Wohnhaus entzündet, und bei deni Sturm waren die Flammen rasch auf Ställe und Scheunen übergeschlagen, deren altes) morsches, von der wochenlangen Gluthitze ausgc- dörrtes Holzwerk dem verheerenden Element eine leichte Bente hatte werden müssen. Nur mit Mühe hatte man die Kühe und einiges Haus- und Ackergerät gerettet; alles Uebrige, hauptsäch- lich die Erntevvrräte waren den Flammen zum Opfer gefallen. Ein Glück, daß Pferde und Schafe mich auf dem Felde gewesen; denn nichts, außer den nackten Gebäuden, war versichert. Bar- tikow kümmerte sich seit Jahren um keinerlei Mrtschaftsangelcgen- heiten; und Martha, von immerw,ährenden Geldsorgen zur nnßer- stm Sparsamkeit gezwungen, hatte sich gescheut, das schwere Geld fite die Assekuranz „ hinzu,vcrfew’. Es würde schon nichts passieren .... Dafür, daß mit Feuer und Licht vorsichtig umgegaugen wurde, sorgte sie unablässig, und Furcht vor dem Gewitter hatte sie nie gekannt.
Nun, da nichts mehr zu helfen und zu retten war, stand Martha UN Garten, die Ackergeräte, die man dorthin gebracht hatte, vor Diebesbanden zu bewachen, und blickte auf die Trümmer ihrer Heimstätte, von der widerlicher Brandgeruch zu ihr hinüber wehte. Tie Löschmannschaften zogen eiserne Träger, angekohlte Balken, Maschinen- und Wagenteile, Brauchbares und Wertloses, in bunter Folge aus dem Steinhaufen hervor und schleppten es stumm und gemächlich beiseite. Mit desto lebhafterem, geräuschvollerem Eifer gaben sich die Torsjungen den Aufräumungsarbeiten hin. Ihrer sechs trugen eine Spannkette weg, die sie sich wie eine Rüseu- schlange über die Schultern geworfen hatten, andere durchwühlten den Schutt nach ersticktem und angesengtem Federvieh, wieder andere rissen die Tapeten von den eingestürzten Minden, und eine vierte Abteilung, mit zwei Eimern und einer Kuhglocke ausgerüstet, markierte einen Spritzenzug.
Martha betrachtete das alles, als ginge es sie nichts an. Sie wunderte sich selbst darüber, daß sie keinen Schmerz empfand. Denken, was nun werden sollte, konnte sie nicht. Gleichgültigkeit hatte^sie übermannt, und in dieser lag etwas wie Erleichterung.
Tie schloere Last, die Jahr um Jahr auf ihre Schultern gedrückt hatte, war von ihr genommen; auf welche Weise, das blieb schließlich gleich. Die Wirtschaft, deren Bestand sie Jahre und Jahre mühselig aufrecht erhalten hatte, — sie konnte sie Nicht mehr weiterfllhren, nun, da das Feuer sie aller Betriebsmittel beraubt hatte. Tie Gläubiger, die schon lange auf dem Sprunge standen, würden kommen, ihre Hand auf das niedergc- brannte Gehöft, auf das Bich, auf den Grund und Boden legen, der sich seit mehr denn zwei Jahrhunderten im Besitz der Barti- kowichen Familie befunden hatte. Ein Fremder würde das Haus wieder aufbauen, in dem sie ein klein wenig Freude gekostet und so lehr viel, Leid erduldet hatte. Fortan würde sie nicht mehr Tag aus, ^ag ein grübeln und sorgen brauchen: wo nehm ich die -.ohne her, wie krieg ich die Zinsen zusammen .... fortan — wie sich ihr Leben auch gestalten möchte — würde sie wieder mit leichtem Köpf schlafen gehen und mit leichtein Kopf wieder «usstehen köiinen.
Fraii .Vollrath, die es über sich gebracht hatte, trotz der
immer besonders einträglichen Abendzeit ihren Ladcii auf ein Biertetstündcheii zu schließen, trat von der Brandstätte her z,r ihr, Hans und Grete neben sich.
„Kvmm, Martha," sagte sie und nahm des Mädchens schlaff hcrabhängende Hand in die ihre, „drüben bei mir ist Platz für dich und die Kinder. Betten hab ich Euch schon zurecht gemacht nr der großen Stube, die ich ja doch iricht brauche. Nur mit den Kisserr siehts ein bißchen dürftig aus. Ihr seid immerhin Euer drei. Aber vorläufig ist ja noch Sommer; und bis es Winter wird, werden wir schon weiter sehen. Komm, Mädel, komm!"
Und Martha folgte der guten Seele ohne Widerrede. Es tat ja so wohl, sich einmal wieder zu stützen und'anzulehnen, nachdem man so lange auf sich selbst gestanden .... es tat ja so wohl, ^sich einmal wieder bemuttern zu lassen.
„Für die andern nsird Heinz schon sorgen," sagte Frau Vollrath, als man an der Ladentür angelangt war, und drückte Marthas Arm an sich.
Heinz Vollrath war unterdes Um Bartikow bemüht, dessen Verstand sich völlig umdüstert zu haben schien. Mit Lebens- gejahr hatte er nach dem Ausbruch des Feuers das Bild seiner Fran ans der lichterloh brennenden guten Stube gerettet und war, die angekohlte Leinwand wie ein Heiligtum an seine Brust pressend, auf den Kirchhof geflüchtet, von wo ihn Heinz im Verein mit Nagel nur mit Aufbietung aller Ueberrednngskunst ins Schulhaus hinübergelockt hatten. In des Kantors Wohnzimmer lief er auf und nieder, ohne das Bild aus den Händen zu geben, und toiedcrholte immer dieselbe Rede:
„Ich Habs gewußt .... Meine Frau straft mich .... meine Frau jagt mich von Haus und Hof, damit ich verrecken soll . . . weil ich ihr nicht nachgefolgt bin, als sie mich gerufen hach Und sie läßt mir nicht Ruhe, bis ich neben ihr liege im Grab. Und auch da wird sie mir keine Ruhe lassen .... nie . . . ."
Krampfhaft umklammerten seine Finger den Rahmen des Bildes, stier, mit dem Ausdruck des Irrsinns, starrten seine scheuen Augen ins Leere. Dabei hielt er keinen Moment in seiner Wanderung inne.
„Daß er nicht müde wird," sagte kopfschüttelnd Nagel, der, von einem Gichtaufall im großen Zeh geplagt, auf dem anti- diluvialen Sofa lag, den eingewickelten Fuß hoch auf die Lehne stützte, um den Blutandrang zu verhindern, und seine Schmerzen durch schlotarligcs Rauchen zu betäuben suchte.
Heinz zuckte die Achseln. Nach einem Weilchen fragte er:
„Willst du nicht mal ein Biertelstündchen auf ihn acht-- gcben? Ich möchte zusehen, daß ich dem Bartikowschen Gesinde Abendessen und Unterkunft für bi-J Nacht schaffen kann."
Ter Kantor kraute sich hinterm Ohr und antwortete: „Essen könnten wir ja den Leuten geben .... red doch mal mit der Lene, daß sie ihrem Herzen ’nen Stoß versetzt und sich der Arbeit unterzieht, ein paar Dutzend Stullen zurecht zu machen. Wenn ichs ihr sage, brummt sie mich an — vor dir hat sie mehr Respekt. Und die Männer könnten ja bei «uns auf ’m Heuboden schlafen. Aber sie dürfen kein Licht und keine Streichhölzer mit sich nehmen; fo'n Feuer in der nächsten Nachbarschaft fällt einem verteufelt auf die Nerven."
Heinz nickte und ging. Lene brummte zwar auch ihn an, erklärte sich aber schließlich zu der von ihr erbetenen Extra- leistung bereit.
„Kartoffeln werd ich kochen," antwortete sie, „und Specksauce dazu. Denn Brot und Bütter . . . wieviel müßt ich ’n da verschmieren, um die Gesellschaft satt zu kriegen. Und nachher reden sie einem noch nach, daß man ihnen nicht genug Belach gegeben hat."
Heinz ging, den Leuten Bescheid zu sagen. Auch Quartiere, in denen die Mägde ihre Häupter zur Ruhe legen konnten, trieb er rascher auf, als ers gedacht hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Wie der Zar jetzt lebt,
childert ein englischer Korrespondent. Seit dein Jahre 1905, da bei der Reujahrsfeier von der Peter Pauls-Festung „irrtümlich" ein scharfes Geschoß auf das Wnterpalais gefeuert wurde, hat die kaiserliche Familie Petersburg verlassen und ist nur zweimal auf ivenige Stunden in die Hauptstadt des Reiches zurückgekehrt, zur Eröffnung der ersten Duma und zur Einweihung der Alexander II.-Gedächtniskirche. Für die Zarenfamilie hat jener unliebsame Zwischenfall im Grunde nur die besten Folgen gehabt. Das Klima von Petersburg ist nicht das beste, itnb die Verpflichtungen des höfischen Lebens sind schwer, vielseitig und drückend. Pelerhof und Zarskoje Selo dagegen sind die reinen Lust- kurorte, und zugleich gestattet ihre einsame und abgelegene


