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Die Schlacht bei Sergen.
Zum 13. April. (Original-Artikel der „Gieß. Fant.-Bl"). (Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Als der Feind die Rückzugsbeweguug wahrnahm, kam er unter großem Geschrei aus dem Flecken heraus und ließ sich trotz des Verbotes des Herzogs Broglie verleiten, zur Verfol- gung vorzugehen. Am weitesten war das Regiment Beauvoisis nachgeeilt. General v. Urff, der dies bemerkte, sprengte mit fünf Schwadronen hessischer Reiter heran und ließ aus das isolierte feindliche Regiment einhauen, so daß es ganz aufgelöst wurde.
Die alliierte Armee zog sich gegen Mittag hinter den „Hohen Stein" zurück. Nunmehr ließ der Herzog von Braunschweig eine veränderte Schlachtordnung eintreten und stellte seine Truppen so aus, das; die Kavallerie das Zentrum bildete, und die Infanterie die beiden Flügel einnahm. Nach dieser Formation rückte man wieder vom „Hohen Stein" vor.
• Es folgten jetzt von 2—7 Uhr unter lebhaftem Kanonendonner auf beiden Seiten einzelne Vorstöße vom linken und rechten Flügel der Verbündeten gegen Bergen und den Vilbeler Wald hin. Bis zur einbrechenden Nacht ließ der Herzog die Kanonade fortsetzen. Aber -alle Manöver, die er am Nachmittag noch machen ließ, „waren bloß falsche Demonstrationen, um die Franzosen zu hintergehen und sie abzuhalten,. seinen Rückzug zu beunruhigen, keineswegs aber, nm Broglie aus dem festen Punkte herauszulocken und bequemer zu schlagen".
Mit einbrechender Nacht wurden die Toten bestattet und die Verwundeten sortgeschafst. Die Armee zog sich mir 10 Uhr abends, der „Hohen Straße" meist folgend, nach Windecken zurück, wo man bei bcnt „Wartbaum", dem Rendezvousplatze des Morgens, um 121/2 Uhr das Lager bezog.
Die Angaben über die französischen Verluste in der Schlacht bei Bergen sind sehr widersprechend. _ Während nach einigen französischen Berichten der Verlust auf 500 Tote und 1300 Verwundete berechnet wird, erwähnen andere Zusammenstellungen einen Verlust von 4000 Mann. Aus alle Fälle ist die Angabe 500 Tote und 1300 Verwundete zu niedrig. Wir können annehmen, daß der Verlust der Franzosen mindestens derselbe war, wie der der Verbündeten. Ans Seite der Verbündeten aber war ein Verlust von 122 Offizieren und 2521 Gemeinen, insgesamt von 2643 Personen zn beklagen. Aus der Liste der Toten stehen an höheren Hessen-Kassclschen Ossizieren Gc- uerallentnant Prinz von Isenburg, stellvertretender Brigademajor v. Gilsa, die bei den ersten Angriffen auf die Ostecke von Bergen fielen. Bon den höheren Offizieren der Hannoveraner und Braunschtveigcr blieben tot Oberstleutnant v. Dinklage, Oberst v. May.
Der mißlungene Angriff des Herzogs Ferdinand aus Bergen wurde in Paris als großer Sieg gefeiert, der dem Herzog Broglie von seinem König den Biarschallstab und vom deutschen Kaiser die Würde eines Reichsfürsten einbrachte. Friedrich der Große suchte den Herzog Ferdinand wegen seines mißlungenen Unternehmens zu trösten. Der Herzog möge die Schlacht betrachten als „une assaire de bibus" (Bagatelle).
Tie Schlacht bei Bergen gibt zu verschiedenen Betrachtungen Anlaß. Wir haben schon früher darauf aufmerksam gemacht, das; d'r Plan des Herzogs, die französische Armee am Main zu verdrängen, ausgesührt werden mußte, zu einer Zeit, da die Verhältnisse günstiger lagen, also Ende 1758, oder Anfang 1759. Weiter war die gewählte Marschroute durch das schwer passierbare Bogelsgebirge dazu angetan, die schnelle und schwere Ausführung des Planes in Frage zu stellen. Dem Herzog standen noch zwei andere, bedeutend kürzere Marschlinien nach Frankfurt zur Verfügung, die eine durch das Lahntal über Gießen, die andere, über Ziegenhain, Alsfeld, Grünberg, Lich, Hnngen, Nidda, Friedberg.
Wenn der Marsch über Fulda mit Rücksicht auf die Bedrohung durch die Reichsarmee geboten war, so ist ein Verweilen der ganzen Armee daselbst während 10 Tagen nicht begreiflich. Ein zn Fulda zurückgelassenes kleines Korps hätte wohl die vereinigten Oesterreicher und Reichstruppen in Schach gehalten. Sollte der Feind bei Bergen überrascht werden, so Ivar Eile geboten.
Ein so tüchtiger Feldherr, wie Herzog Ferdinand war, mußte über die Stärke des Feindes und die Verhältnisse bei Bergen unterrichtet sein. Es mußte ihm bei sorgfältiger Erwägung der Angriff auf Bergen sehr zweifelhaft erscheinen. Es wäre zweckmäßiger gewesen, ein kleines Korps zur Beschäftigung des Feindes in der Richtung auf Bergen abgehen zu lassen und mit der Hauptarmee auf der guten Straße von Windecken nach Friedberg (etwa 3—4 Stunden) zum Angriff auf letz- tcren Ort vorzugehen, den zn nehmen eher möglich war, als den durch feilte Lage schon geschützten Flecken Bergen. Der Marsch auf das Schlachtfeld durfte nicht so früh nngetreten werden, zumal auf die Unterstützung durch die dritte Kolonne des Herzogs von Holstein, da sie den weiteren Marsch über Gronau zu wählen hatte, am Vormittag !mtm, gerechnet werden
konnte. Die leichten Truppen, die schon vor Tagesanbruch von Vilbel aus vorgingen, standen von 8 Uhr an gänzlich isoliert auf der Höhe des Vilbeler Waldes im heftigsten Feuergefecht, bis ihnen endlich um 8V2 Uhr durch d.u Anmarsch einer Grenadierkompagnie und des Leibdragonerregiments eine Erleichterung zuteil wurde.
Im Laufschritt fönten die drei, die Spitze der Avantgarde bildenden Grenadierbataillone auf dem Schlachtfeld« an, als sie auch sofort zum Angriff auf die Ö st e ck e von Bergen vorgeschickt wurden. Anstatt die braven Grenadiere nach Ankunft der Division des Erbprinzen von Braunschweig mit allen verfügbaren Bataillonen sofort zu uitterstützen, wurden sie im heftigsten Feuergefecht nutzlos geopfert. Zum zweiten Male begeht man denselben Fehler, als mit dem Eintreffen der Jsenburgischen Division nur einzelne Bataillone zur Unterstützung der drei Grena- dierbataillone besohlen wurden.
Nutzlos verbrachte man die Zeit mit der Formation der üblichen Schlachtordnung, wodurch man nicht nur nichts gewann, sondern sich sogar einem furchtbaren Geschützfeuer vom Wartberge aus aussetzte.
LLenn Broglie den geschlagenen Feind nicht verfolgte, so geschah dies in der Ueberzeugung, daß dem Herzog Ferdinand nicht zu trauen war, indein dieser es wohl darauf abgesehen habe, in einer weniger günstigen Stellung wie Bergen ihm eine Schlacht anzubieten. Alle Truppen der Verbündeten hatten sich brav gehalten, besonders die hefsen-kaffelschen Regimenter, für die der Tag von Bergen hinsichtlich ihrer Leistungen ein Tag der Ehre war. Von Windeckeit aus setzte sich die „alliierte" Armee nm 15. April mittags nach dem drei Stunden entfernt liegenden Marienborn bei der Ronneburg in Bewegung und kantonierte zum Teil in den umliegenden Ortschaften, während der größere Teil ein Lager bezog. In größter Ordnung vollzieht sich der Rückzug, wie er selten bei einem geschlagenen Heere der Fall ist. Am 19. April befanden sich die Quartiere der sämtlichen Truppen in einer Stärke von 35 Schwadronen und 35 Bataillonen in Grünberg und Umgegend, lieber Alsfeld, Ziegenhain, zum Teil über Fritzlar, wurde der Rückzug nach Westfalen angetreten. Die französische Hauptarmee unter Contades setzte sich vom Rhein her in Bewegung, um dem Herzog zu folgen. Contades nahm feilten Weg über Gießen und bezog anfangs Juni sein .Hauptquartier in Wiese ck. Die französische Mainarmee unter Broglie folgte als Reserve nach. Ende Juni war der Rückzug der betder- seitigen Truppen aus dem nördlichen Hessen beendet und dadurch die Vorbereitung gegeben zu einem entscheidenden Schlage, der sich auf dem westsälischeit Kriegsschauplätze am 1. August bet Minden vollzog, durch den die Scharte von Bergen reichlich ausgemerzt wurde. ’es-
Airs Kaiser Wilhelms Kindertage«.
Miß Frith, eine Tochter des verstorbenen Malers Frith, hat ein Buch unter dem Titel „Blätter aus einem Leben" erscheinen lassen, das lesenswerte Dinge über die verstorbene Königin Viktoria und den fetzigen Kaiser Wilhelm enthält. Beide wurden von Frith gemalt und daher rührt die Bekanntschaft der Dame mit diesen hohen Personl-ch- keiteit. Miß Frith legt sich in ihren Beschreibungen und Aeußerungen keine Beschränkung auf und so schreibt sic über den Kaiser, wie sie ihn in seinem Knabenalter kennen lernte: „Würde es eine Majestätsbeleidigung sein, wenn ich einen kleinen widerspenstigen und recht schlimmen Knaben beschreibe, der sich gewöhnlich in Gesellschaft der Princeß Royal (seiner Mutter) befand und der jetzt der deutsche Kaiser ist? Nun wohl, wenn es Majestätsbeleidigung ist, will ich das Risiko aus mich nehmen. Er war ein winziges, hübsches, zartes Kind; er haßte die schottische Hochlandkleidung, welche er bei besonderen Gelegenheiten tragen mußte, aus deren Anlaß er nach England gebracht worden war. Ich glaube, der kalte Wind biß seine kleinen Kutee. Wie immer sich das verhalten mag, sein Benehmen war entsetzlich. Unter allen Umständen war er nicht mit dem Dolch ausgcstattet, der zu seiner Tracht gehörte, und es wurde ihm einer geliehen, den fein Onkel Leopold besaß. Während des ersten Teils der Zeremonie verhielt er sich ziemlich ruhig. Erst nachträglich tvurde entdeckt, daß er die großen Topase aus dem Griffe gebrochen und weggeworsen hatte, und ich glaube nicht, daß sie jemals wiedergefunden wurden. Dann wurde er unruhig; seine Mutter trachtete ihn festzuhalten, übergab ihn aber schließlich seinen zwei Onkeln, Leopold und Arthur, deren nackte Beine er biß, während sie die ihnen bereiteten Schmerzen mit stoischer Ruhe ertrugen. Ich hoffe nur, daß sie ihn tüchtig züchtigten, als sie den kleinen Ausbund wieder im Schlosse hatten. Seine Schwester, die kleine Prinzessin Charlotte, hatte viel durch ihn zu leiden und ich selbst versetzte ihm einmal einen scharfen Schlag über seine ungezogenen kleinen Finger, als er sie bei den Haaren zog. Er sah mich eine


