Ausgabe 
15.4.1908
 
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Ja, das tue ich auch dankbar."

Ich wünsche dir Glück, Wilhelm," brachte sie mühsam her­vordu wirst sic ja wohl heiraten."

Edel! Edel!" rief er voll Wärme. Er zog die Schwester in die Arme und sprach beschwichtigend, wie zu einem aufgeregten Kindenein! Beunruhige dich gar nicht hierum. Du kennst Anne eben nicht. Sie hat meine Bewerbung abgewiesen. Sie will nicht Jetzt, wo ich den Mut hätte findet sie ihn nicht. Der Gedanke, dir Weh zuzufägcii, wäre ihr unerträglich, nein, sie will nicht."

Sie empfand momentan eine gewisse Erleichterung aber nicht auf lange. Im Grunde kam wenig darauf an, ob die wollte oder nicht. Wilhelms Herz war ihr ja doch verloren. Er war nicht mehr ihr unbestrittenes Eigentum. Ja ver­wirrender Gedanke! war es nie gewesen. Wie konnte solch Doppellieben Hand in Hand gehen - Hatte sie nicht das Be­wußtsein gehabt, ihm alles zu sein, Schwester und liebste Freundin? Und nun? Sie saß ganz stumm in sich zusammen­gesunken neben ihm und ließ alles, was er ihr sagte, über sieh ergehen. Er wußte es wohl, sie mußte sieh erst mit diesem Neuen, Bestürzenden abfinden. Tie Seelengemeiuschaft der Geschwister war y.t groß, als daß er ihr nicht alles hätte nachfühlen können, und sie jammerte ihn. Aber das ließ er sie nicht merken. Grade das, was sie jetzt erfuhr, Ivar vielleicht gut und notwendig für sie. Bitter blieb es deswegen freilich.

Ich muß fort," sagte sie endlich, sich ausraffend,die Leute erwarten mich."

Meine Edel!" sagte er zärtlich.

Fast zornig schluckte sie die Tränen herab, die sein weicher Ton heröorrief.

Gib mir nur noch einmal die Hand, Liebling. Zwischen uns bleibt ja doch alles beim alten. Siehst du, ich hätte dir diesen Schreck gerne erspart. Tu weißt, wie es kam, daß ich dir mehr mitteilen mußte als die Nachricht, Frau von Troß habe mich besucht."

Ich weiß," sagte sie hastig,ich war selber schuld."

Gräme dich nun nicht hierum."

Nein nein" sagte sie ebenso und lies aus dem Zimmer.

Sie mußte jetzt allein sein. Sie mußte all das Häßliche und Schwere in sich Niederkämpfen. Sie mußte sich dazu bringen, daß sie ihm heute abend aus voller Seele sagen konnte: Ja, es soll zwischen uns alles fein wie bisher! Ihr Charakter hatte etwas vom klaren, hellgeschlisfenen Edelstein. Trübungen konnten nur äußerlich haften. Auch war sie jung, gesund an Leib und Seele. Als der Abend da war und sie dem Bruder Guteuacht wünschte, geschah es Ivarur und. herzlich. Unmut gegen Wilhelm wäre ja undenkbar gewesen.

Und doch! . . . Sonderbar und beängstigend blieb es, sich in die veränderte Stellung zu ihm hereinzupassen.

Als sie am nächsten Morgen die Posttasche rüstete, um sie dem Milchjungen nach Jawwitz abzugeben, hatte unter den von Wilhelm geschriebenen Geschäftsbriefen auch ein an Baronin Troß in Bordes adressierter Bries gelegen. Sie ließ ihn zögernd in die TasckZ: gleiten. Das hat er also gestern abend noch geschrieben, hat sich nach den Schmerzensstunden freiwillig die Nachtruhe verkürzt!

Am Fviihstückstisch erschien er indessen wieder völlig her­gestellt und erklärte auf die besorgte Frage der Großmutter, er habe sehr gut geschlafen. Sein Gesicht war wieder frisch ge­rötet und die dunkelblauen Augen glänzten.

Tu expediertest wohl meine Briefe?" fragte er, sich zu Edcltraut wendend.

Wie immer," entgegnete sie,an die Firma Holzmann hatte ich übrigens schon geschrieben. Tas hättest du dir sparen können." Wahrhastig! Ja, das war zerstreut von mir" er lächelte rtwas verlegen.

Am Nachmittag gingen sie auf die hinter dem Garten ge­legene Kirchbergwiese, die gestern gehauen Ivorden war. Als sie dabei an der Gartenhalle vorbeikamen, wandte sie unwillkürlich den Kops weg.. Etwas Fremdes, der Schatteir einer Peinvollen Erinnerung wird ihr jetzt immer diesen Lieblingsraum über­schatten. Wilhelms Züge trugen den Ausdruck einer so fried­lichen Freude, daß sie sich ihres Unbehagens schämte. Auf der Wiese lag das Gras trocknend in der Sonne. Sie gingen zwischen durch, die Arbeit des vergangenen Nachmittages prüfend.

Wilhelm stand ans feinen Stock gestützt da und schaute zum Nave» Himmel empor.

Ich begreife deine Borliebe für die Wiesenarbeit," sagte er, *keine andre Ernte hat so viel Liebliches. Tort am Garten--

zann ist übrigens eine ganze Garnitur der schönsten Wiesenblumen verschont geblieben. Wohl bekomm's!"

Tu bist ja heute sehr froh gestimmt."

Mehr als sonst? Nun ja, ich gesteh cs gern. Gewitter haben eine luftreinigende Kraft, und ein solches ging gestern über meinem Haupte hin. Es war auch für mich so tiefergreifend, sie wiederzusehen, so anders und doch im Grunde so sehr dieselbe. Ich habe ihr geschrieben, alles das, was ich gestern in der Be­stürzung und Ungeschicklichkeit zu sagen versäumte. Dann habe ich fie gebeten, mir manchmal zu schreiben es wäre solch ein Glück für mich."

Ja natürlich."

Tenn siehst du, ich bin vielleicht dazu berufen, fie und Hel- muth wieder zufammenzuführen, ihr die Augen zu öffnen über ihn. Was könnten dann diese zwei Einsamen sich jetzt sein! Er hatte diese Schwester im tu er sehr lieb, ich wäre glücklich, wenn sie sich wieder sänden!"

Edeltrant bückte sich hastig und hob eine Handvoll Gras aus. In ihre Augen schossen Tränen, die er nicht sehen sollte. Das Selbstlose in feiner Liebe beschämte und rührte fie. Freudig teilte er mit dem Freunde. Fest nahm fie sich vor, ihn nicht merken zu lasseir, meld) tiefer Riß durch ihr ganzes Leben ge­gangen Ivar. Aber dieser Riß war da. Er ließ sich wohl kitten, aber nicht ungeschehen machen. Das Gespenst der grauen Frau ging von jetzt an immer neben ihr her, durch Haus und Hos. Was fie auch tat und wo fie auch war, fie mußte in jene andre denken, die um ein Haar hier Herrin geworden wäre. Sicherlich keine Herrin, welche sich in ihren, Edeltrauts Wirkungskreis drängen würde, ganz sicher aber eine, welche ihr das Süße des Lebens raubte den Platz an Wilhelms Seite,

Mit heroischer Anstrengung versuchte sie sich das klar zu machen und sich mit der Möglichkeit abzufinden. Aber ihre Natur bäumte sich gegen die Idee aus und ein scharfer Schinerz begleitete diese Versuche der Selbstüberwindung.

Welch eine Wohltat war in diesen Tagen die Arbeit auf den Wiesen! Sie griss selbst mit zu, um durch körperliche Ermüdung die Gedanken zu bannen. Täglich aussteigende dunkle Wolken, die sich dann zerteilten, gaben einen guten Grund, auch ihre Kräfte dranzufetzen. Ost vergaß fie dann wirklich. Wenn die diisten- beit Fuder schwergeladen in den Hos kamen, freute fie sich des ungewöhnlich reichen Segens, den kein Regentropfen gefeuch­tet und entfärbt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Eründonnersiag.

Die Bezeichnung des Donnerstags vor Ostern als grün kommt schon im Mittelhochdeutschen vor; man hat sie verschieden zu erklären gesucht. Denn weshalb gerade grün? Weil der Tag ins Frühjahr fällt, wo man leicht die ersten grünen Kräuter auf den Tisch zu bringen vermag? Kaum; die Sitte, an diesem Tage frisches Gemüse, grünen Kohl, Gründonnerstags-Kohl zu essen, dürste sich vielmehr erst aus dem Namen selbst ent­wickelt haben; nicht etwa hat umgekehrt eine uralte der­artige Sitte den Namen veranlaßt, auch wohl nicht die Tatsache, daß das Osterlamm der Juden nach dem Gesetze mit grünen Kräutern zubereitet oder gegessen werden mußte. Auch braucht ja der lateinische Namedies viridimn, wie das Hermann Schrader nach Grimm in seinemWunder­garten der deutschen Sprache" einmal so hübsch ausgeführt hat, gar nichtTag der grünen Kräuter" zu heißen, er heißt' nurTag der Grünen". Mitgrün" wird dann hier das bezeichnet, was frisches, neues Leben, was Heil bringt;diejenigen, welche in der Fastenzeit öffentliche Kir­chenbuße getan hatten und durch die Asche des Ascher­mittwochs Graue geworden waren, wurden an unserem Donnerstag wieder Grüne. Reine, Sündlose, und fügen wir hinzu Hossnungs- und Auferstehungsfreudige." Diese feine und "sinnige Erklärung wird bestätigt dadurch, daß Fischart den Tag den grünen oder weißen (also den unschul­digen) Donnerstag nennt, daß auch die Franzosen ihn jeudi saint oder jeudi äbsolu, auch jeudi de l'absolute (Donnerstag der Absolution, der Lossprechung) nennen, und daß die Engländer für ihn die Bezeichnung Sheer Thursdah haben, was den klaren, lauteren, reinen Donnerstag bedeutet (sheer ist unser schier). Auch die BezeichnungGuter Donners­tag" kommt vor und zwar schon recht früh, wie man denn au,ch die anderen Tage der Woche vor Ostern und diese selbst die gute nennen hören kann.