Mittwoch den 15. April
1908 — rrr. 60
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Kesmuth Von Lonlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Schiweigend setzte sie sich wieder und im Zimmer watd es ganz still. Es schien, als habe er ihr wirklich nichts zu sagen. Mit jeder Minute ward das Schweigen peinlicher und fiihlte sie es quälender, daß dir schrankenlose, mitteilende Sympathie zwischen ihnen eine Erschütterung erlitten.
Sir hielt es endlich nicht mehr aus, stand auf und machte sich im Zimmer zu schaffen, zog hier einen Vorhang zu, legte die Bücher in Ordnung und fuhr mit einem Wedel über die Palmblätter.
Als sie sich endlich umsah, bemerkte sie, daß der Bruder sich erhoben hatte und Miene machte, auszustehen.
„Mas willst du? Bleib doch liegen!" — sagte sie.
„Nein, die Schmerzen lassen nach. Ich habe noch zu arbeiten. Vorher aber möchte ich etwas mit dir plaudern, Liebste. Stimm, setze dich hierher."
Sie gehorchte schweigend. Er nahm ihre Hand und sah sie forschend und liebevoll an.
„Denke dir" — begann er und stockte.
„Ja? — Was meinst du?" —
„Weißt du, wer mich heute besucht hat?" —
Sie wurde dunkelrot. Nun galt es bekennen.
„Ich weiß es nicht," stieß sie mit heißerer Stimme hervor — „aber ich ging durch den Garten — und sah — euch."
„Du? Wirklich? Was hast du gesehen?" — fragte er betroffen, ein ganz leiser Ton des Unwillens lief mit unter, bei einem anderen hatte nm.it es nur Ueberraschung genannt, ihr aber klang cs aber wie bittere Rüge.
Heftig wandte sie sich zu ihmj:
„Wer war die Dame?" —
Das hatte sie ja gar nicht fragen ivollen, bas war ihr vorläufig ja noch Nebensache. Die brennende Frage war: Was ist dir die Dame? —- Aber das wollte nicht über ihre Lippen.
„Es war Helmuths Schwester, Anne Marie von Troß." „Ah?. —- Wahrhaftig . . . mir war sie ganz fremd." Kindererinnerungen stiegen in ihr auf, reimten sich aber nicht mit der Gegenwart. Jenes rosenwangige junge Mädchen, welches so freundlich und gern mit ihr, .Helenchen und Gustchen Puppen spielte oder Ball — das konnte doch nicht diese Frau geworden feilt ?
„Sag mir doch alles!" — bat sie endlich gequält und ungeduldig, „ich bin nicht neugierig, aber ich kann es noch immer nicht glauben, daß meine Augen recht gesehen haben."
„Was sahen sie denn?" — wiederholte er und über seine Stirn flog leichte Röte.
„Du umarmtest sie und cs sah so aus, als — habe sie dich geküßt/'
Er schwieg und sah ganz bekümmert in ihr flammendes Gesicht, legte ihr die Hand auf die Stirn und strich ihr über das Haar. Sie bog den Köpf zurück.
„Wilhelm! — Liebst du diese Frau?" —
„Ja, Edel, ich liebe Anne."
„Aber — um Himmelswillen — seit wann oenn? Seit lvann?" — und sie starrte ihn ganz ratlos an.
„Ich glaube, ich liebte sie schon, als ich noch ein Knabe war." „ltnd das — das hast du immer so — so mit dir her uns- getragen und ich — hab's nicht geahnt!"
„Liebes Herz, was solltest du denn ahnen? Es war ja alles längst vorüber — seit siebzehn Jahren habe ich sie nicht mehr gesehen, — und damals, als ich sie zuletzt sah — ich meine, als sic immer mit den Kindern hcrkam, da warst auch du eist kleines Kind, kaum acht Jahr alt. Glaube mir, in diesen langest Jahren, als du Hexanreistest zur verständnisvollsten Gefährtist meines Lebens, hätte ich gern mit dir hierüber gesprochen.
Es war unmöglich."
„Weshalb war es unmöglich!" —
Er sah sie ernst an:
„Sie war das Weib eines anderen. Den Kummer über diese Ehe mußte ich still, allein tragen."
Sic rückte nun doch näher. Schwesterliches Mitgefühl wallte heiß in ihr auf:
„Armer Wilhelm — du Armer, Guter!"
Er nahm ihre Hand und strich sanft drüber hin.
„Ich hatte ja dich, mein Kind."
DaS tut wohl — das labte. Sie sprach nun wieder ganz natürlich:
„Denke dir, Wilhelin, daß ich mich so wenig auf sie besinnest kann! Sie muß sich doch wohl nicht so übermäßig viel mit mit} abgegeben haben."
„Sie saß mehr bei mir in der Halle, das ist wahr."
„Sie muß ja fast in deinem Alter fein. Aussehen tut sw zehn Jahr älter als du."
„Sie ist fast fünf Jahr jünger."
„Weshalb kam sie denn so oft hierher, wenn sie dir schliesst sich doch einen Parforccreiter vorzog?" —
Ein stolz bescheidenes Lächeln flog übet sein schönes Gesicht, „Sie zog mir niemand vor. Edel." „Also? Du warst es, der entsagte?" „Wie hätte, ich denn gedurft? Ich?" —
„Weil du krank warst? War das dein einziger Grund?" —> „Ich sollte meinen, er hätte genügt."
Tas war nun wieder bitter. Nur deshalb — nicht ihret-, wegen? Und sic hatte bisher geglaubt, er habe viele Jahre später eine zärtliche Neigung für die reizende Luise Becker empfunden, sie aber der Schwester zum Opfer gebracht. Ja, das hatte sie bisher gedacht und sich immer gesagt, auch sie würde ihm eine Neigung ausopsern. Jetzt mußte sie erfahren, daß sie sich einer Täuschung hin gegeben hatte. Er hatte all diese Jahre nur an eine gedacht, und wenn er gesund gewesen wäre, und sie frei, so hätte er sie in fein Haus geführt unbekümmert um die Schwester. Nein, unbekümmert gewiß nicht, sie wollte nicht undankbar und nicht ungerecht sein, aber ihr war zu Mut, als sei ihr ganzes bisheriges Leben auf Truggrund gebaut gewesen.
„Und jetzt?" — fragte sie nach einer Pause — „eigentlich kannst du dich jetzt doch zu den Gesunden rechnen."


