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Mel gedeutet werden nuib dem armen Mädchen nur schaden.

Da glaubte er eines Tages ihr Gesicht hinter der GlaS- tiire eines kleinen Handschuhladens in der Friedrichstraße zu sehen. Er stutzte und blickte durch die Scheibe. Natürlich. Das blasse, magere Gesicht mit dem zerzausten Haar war das ihre. Sic stand hinter hem Ladentisch und sortierte Handschuhe. _

Ohne weiteres trat er ehr, sah, daß sic allein war, und rief nnzeremoniell:

Nun sagen Sic mir, Fräulein Lnisane, was soll denn das bedeuten?"

Er hatte sich augewöhnt, sic so zu neunen, weil das auch chic der kleinen Freuden war, die er ihr bereiten konnte. Der Name, unter dem sie einst berühmt werden wollte, geriet so doch nicht völlig in Vergessenheit.

Gehören Sic zu Frau Jahns Kunden, Herr von Loysen?" frag sie dagegen.Wie Sie sehen, bin ich jetzt hier. Ich habe jene Tretmühle gegen diese fast ebenso inhaltlose Beschäftigung vertauscht. Ties zugfreie, ruhige Lokal ist meiner Gesundheit zuträglicher und deshalb roktr ich zufrieden, daß ich die Stellung erhielt."

Davon hätten Sie mir auch ein Wort sagen können, Fräru- lein Luisane. Ich suchte Sie nämlich."

Und weshalb?"

Er suchte in feinen Taschen nach.

Das werden wir gleich haben. Vorläufig wünsche ich Ihnen Glück zu dieser llnterhtnft Nun werden Sie sich gewiß erholen und zufriedener werden."

Sie schüttelte den Köpf.

Ach, das ist ja alles gleich. Ich vegetiere hier ivie dort."

Nur Köpf hoch und Mut gefaßt. Sehen Sie, was ich Ihnen hier bringe! Nehmen Sie mal diesen Zettel. Er enthält die Adresse eines Arztes, Von bene mir ein Kamerad, der sich ans dem Exerzierplätze heiser geschrien hatte, Wunderdinge erzählte. Jener Doktor will eine Methode erfunden haben, durch welche er jeden Stimmverlust binnen vierzehn Tagen heilt. Na, ivie steh' ich jetzt da?"

Herr von Loysen . . ." murmelte sieHerr von Loysen!" Mit zitternden Fingern entfaltete sie den Zettel und starrte auf die Adresse.Es ist ja nicht möglich es kann ja nicht sein! Müßten Sie nur, wie grausam Sie sind!"

Das klang ivie ein Aechzen.

Ach was! Es kommt eben auf den Versuch an!".

Ihr Gesicht färbte sich dunkelrot:

Solch einen Arzt, der Unter den Linden im ersten Stock jvohnt, kann ich nicht bezahlen. . . ."

Er behandelt Unbemittelte umsonst," log der Leutnant fromm, ober macht die Preise danach. Gehen Sie nur wenigstens hin, ich denke mir, icenn Sie ihn darum befragen, wird er Ihnen für den Tag eine Mark anrechnen."

Nicht ganz sicher kam das heraus. Im Lügen hatte sich Hel- umth Loysen nie geübt. Er meinte, sie müßte erraten, daß er mit dem berühmten Spezialisten ein Abkommen getroffen habe, lvonach derselbe eine gewisse Luise Becker unentgeltlich behandeln, ihm aber die Rechnung znschicken solle. Wenn er sie sieht, hatte Loysen bei sich gedacht, wird es ihm wohl klar werden, daß ks sich nur um ein Werk der Barmherzigkeit handelt, und er wird das Lächeln bereuen, mit welchem er mein Anerbieten quittierte.

Tas Mädchen merkte nichts von seinen Gedanken, sie war ein Raub maßloser Aufregung.

Vierzehn Mark fiitb viel Geld für meine Verhältnisse," sagte sie atemlos,aber ich kann es beschaffen. Ich kann! Noch besitze ich eine Taschenuhr und einige billige Schmucksachen und wenn bas nicht wäre, mit Freuden würde ich hungern, um bas Geld zu erübrigen' Ich danke Ihnen" die Tränen stürzten ihr aus den brennenden Augen.ja, ich danke Ihnen für diesen Hoffnungsschimmer!"

Eine Tür im Hintergründe des Ladens öffnete sich und eine dicke Madame roat herein. Sie trug ein braunes, weißpuuktiertes Kleid und eine schwarze Spitzenbarbe über glatt gescheiteltem, grauem Haar. Ihr breites, rotes Gesicht war gutmütig, aber eben nicht frei von Mißtrauen.

Nanu? Was gibt's denn zu flennen?" frag sie zögernd.

Habe dem Fräuleinnen Halsdoktor rekommandiert. Ist ja stockheiser," sagte Loysen.

Und darüber heult sie?"

Glauben Sie nicht an Freudentränen?" fuhr Loysen in bem- selbeir lustigen Leutnantstone fort.So, und nun bitte um einen Karton feinster Glacös für eine Dame. Handschuhnummer sechs- rinviertel, sechskniöpfig."

Tie Ladeninhaberin war sofort dienstbeflissen zur Hand, der

Karton wärd verpackt und er belud sich selbst so gut es ging damit. Andere Künden betraten den Laden und er nahm diese Gelegenheit wahr, der Berkäuserin zuzurauneu:

Fräulein Luisane, der Ticken würde ich doch mal alles er­zählen. Sie sieht wohlmeinend aus und kann Ihnen vielleicht nützlich sein."

Vielleicht," wiederholte sie lakonisch.

Er verließ den Laden und ein Gefühl der Befriedigung kam über ihn. So gelingt es ihm doch noch, dem armen Ding eine Wohltat zu erweisen weckt der Arzt in ihr auch nur die Hoffnung auf Besseruug, so ist damit schon viel geschehen, denn an ihrer Hoffnungslosigkeit geht sie zu Grande.

Damit m!ag diese kleine EpisodeLnisane" für ihn einen be­ruhigenden Abschluß finden. Er trug kein Verlangen, sie ivieder- zusehen. Nur das große Mitleid, welches ihn für sie erfüllte, hatte ihm geholfen, alle die Härten und den rücksichtslosen Egoismus ihres Charakters erträglich zu finden. Das nwderne Weib war nichts für Helmuth Loysen. Er, der beide Elterir früh verloren hatte und noch betrauerte, hatte kein Verständnis für die Handlungsweise einer Tochter, welche Vater und Mutter reuelos verläßt, um ihre eigenen Wege zu gehen.

Wieder verstrich eine Woche, in welcher sich sein Arm besserte, die Schmerzen, die er litt, bemerklich abnahmen und er anfing, die Vergnügungen der Geselligkeit ungehindert zn genießen. Die Erinnerung an dasarme Ding" trat in den Hintergrund.

Da erhielt er einen mit schlechter Tinte auf schlechtes Papier geschriebenen Brief, welcher lautete:

Mein Herr!

Sie prophezeiten mir einst, daß ich Ihnen noch danken würde für das, was Sie meineLebensrettung" nannten. Heute danke ich Ihnen. Ich tue es doppelt, denn Sie gaben mich zwiefach dem Leben zurück. Das erste Mal an jenem Abend am Fluß und jetzt, indem Sic mir des Lebens Wert zurückerstatteten. Ich kann wieder an meine Zukunft glauben. Tie ärztliche Behandlung beginnt zu wirken, die Schwäche der Stimmbänder wird lueniger fühlbar, die Heiserkeit läßt nach, der Arzt, welcher anfangs daran zweifelte, macht mir jetzt Hoffnung auf Wiederherstellung meiner Stimme. Ahnen Sie, was das für mich bedeutet? Haben Sie Tank! Luisane.

Dias zu lesen freute ihn doch sehr, auch interessierte es ihn. Näheres zu hören, und so trat er schon am nächsten Tage in den Handschuhladen.

Tie Stunde war nicht günstig gewählt, der Laden stand voll von Knuden, welche von dem Ladenfräulein bedient wurden. Sie bemerkte ihn 'gar nicht nnb er wartete geduldig.

Dabei konnte er nicht umhin, das Mädchen mit einiger Verwunderung zu betrachten. Eine Veränderung schien mit ihr vorgegangen zu fein. Daran war nicht die gelbe Bluse aus billigem Foulard schuld, die sic trug, auch nicht die etwas sorgfältiger geordnete Frisur. Worin es lag, hätte er auch nicht recht sagen können. Ihr Gesicht war so gelblich und spitz wie immer, das Haar rauh und glanzlos und doch schien das ganze von einem inneren Lebensstrom durchflutet zu fein. Haltung, Bewegungen waren geschmeidiger, und zum erstenmal dachte er: Donnerwetter, hat das Madel ein paar Augen! Die tote Starrheit des Blickes schien zerschmölzen, sic leuchteten wie zwei glühende Kohlen.

(Fortsetuug folgt.)

Der Andere.

Ein e 3uch t h a n s Phantasie. Nachdruck verboten.

Er hat es vernommen, sein Todesurteil, in strammer Haltung und mit der Selbstbeherrschung, die er sich auf­erlegt hatte in den furchtbaren Stunden, da er vor seinen Richtern stand. Nun wurde er in seine Zelle abgeführt. Zum Tode" summte es ihm in den Ohren, uud immer wieder in endloser Wiederholung glaubte er den Urteils­spruch zu vernehmen, glaubte er das uuheimliche Flüstern und Rauschen zu hören, das durch das Auditorium ging, als der Obmann der Geschworenen das Verdikt verkündet hatte. Run war ja alles vorüber vorüber die entsetz­lichen Stunden, da ihm die Furien der Verzweiflung den! Gedanken zu seiner Schreckenstat eingeraunt, vorüber die titanische Anspannung aller seiner Geisteskräfte, als es galt, im Angesichte seines röchelnden Opfers die Maske des mit­leidsvollen Hausgenossen vorzunehmen, vorüber die blitz­artig aufzuckenden Schreckbilder einer möglichen Ent­deckung durch ein unüberlegtes Wort, durch eine unbe­wachte Miene vorüber e..blich die Folterqualen des Ge­ständnisses und die Martern des zweitägigen Dramas int.