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Gerichtssaale, dessen! fluchbeladener HeIV er war. Nun bleibt ihm nur noch der kurze passive Schlußakt übrig, um die Tragödie zu beschließen. — „Zum Tode". Mußte es ikun nicht fast wie ein versöhnender Abschluß einer furchtbar qualvollen, an entsetzlichen Seelenmartern reichen Buße erscheinen, dieses, Ruhe und Frieden verheißende Todesurteil?
In tagelangem dumpfen Hinbrüten, in den schreckhaften Träumen der Nächte hatte er fick hundertmal selbst verdammt, und dennoch regte sich wieoer in ihm eine Stimme, die um Mitleid flehte. Diese wilde dämonische Kraft, die all sein Denken und Fühlen umklammerte, die seine moralischen Triebe niederrang und ihn unaufhaltsam in sein Verhängnis trieb, war ja nicht er selbst — nein, nein, das war ein fremdes, ein unheimliches elementares Wesen, das von seiner Seele Besitz genommen, Ivie das Krank- heitskontagium von: Körper Besitz nimmt. Ja, aber wie kam es dann, daß ihn die Schreckenstat nicht aus seinem Traumzüstande weckte, wie konnte er im Angesichte seines hingestreckten blutenden Opfers an die Beraubung denken? Und all die raffinierten Täuschungsversuche, um von der Spur abzulenken, waren sie auch die halb bewußtlosen Handlungen eines Manioken?
Er saß in seiner Zelle und stöhnte, und-wie der Schmerzlaut eines verwundeten Tieres rang es sich los von feiltet beklommenen Brust. Und wieder, wie feit Wochen und Monaten zog die wilde Jagd der Gedanken an seinem inneren Blick vorüber. War er denn ganz allein der Schuldige? Sollten nicht die Umstände, die Not, die Lieblosigkeit der Menschen, diesen Dämon in ihn gepflanzt haben, der seinen.Geist verdüsterte und seinen Arm zur Schreckenstat zwang? Und er wiederholte sich das Verdikt der Geschworenen, in welchem die Frage auf Straffreiheit wegen Ausschlusses der freien Willensb estimmnn g (§ öl R.-Str.-G.-B.) mit acht Stimmen verneint, mit vier Stimmen jedoch bejaht worden war. Also es gibt Mitmenschen, die Mitleid mit ihm fühlen, die seine Tat als in einem Z u stand von Bewußtlosigkeit begangen, betrachten. Seine Kehle schnürte sich zusammen bei diesem Gedanken, zitternd faltete er die Hände und heiße Tränen flössen über seine Wangen. O könnte er vor diesen vier Edlen niedersinken, ihre Knie umklammern, den Saunt ihres Kleides küssen und heißen Dank stammeln für ihre MitletLs- tat! Zum erstenmal seit Monden entlastete ein tiefer Seufzer feilte kummerschwere Brust. Diese vier Männer hatten also demselben Gedanken feierlichen Ausdruck gegeben, der sich schüchtern und zaghaft in den qualvollen Stunden der Reue und Selbstanrlage bei ihm hervorgewagt, daß. ein Fremdes, ein Anderes in ihm die unheilvolle Tat vollbracht.
In feine Zelle drang der Sonnenschein des Frühlings: Vogelgezwitscher verkündete ihm das Wiedererwachen der Natur — für ihn gibt es keinen Frühling mehr — für ihn keine Menschenliebe, keine Daseinsfreude mehr — aber die vier Stimmen: Ia senkten für kurze Zeit Balsam und Frieden in die sturmdurchwühlte Brust.
Er schlummerte ein und der Tranmgott entführte ihn in die ärmliche Stube, in der er an der Seite seines Weibes gedarbt und gehungert, gesorgt und gelitten hatte. Aber nun erschien sie ihm als ein Paradiese Wie leicht, wie federleicht wog all das Ungemach, das sie erdulden mußten! Wie reichlich wog das alles ihre Liebe auf und das stolze, beglückende Bewußtsein der Schuldlosigkeit. Denn seine Schuldlosigkeit haben ihm vier ehrbare, gute und rechtliche Männer bestätigt und nun jubelt es in ihm und er fühlt sich so froh, so leicht. Ist denn die glänzende Sonne nichts? Ist Leben und Atmen in der goldenen Freiheit nichts? Und ist es nicht das höchste Glück, von einem andern Wesen geliebt zu werden? — Was Sorgen, was Armut! Braucht er es besser, als Millionen seiner Brüder, die täglich den heroischen Kampf mit Elend trnd Not auskämpfen für sich und die Ihren, nicht rechts noch links sehen und still ihre Pflicht tun? Und so von der Wiege bis zum Grabe — Millionen.und Millionen — nichts, als Elend und Not: aber sie bleiben aufrecht, denn sie sind ehrlich und frei von Schuld! Frei von Schuld! O wie das Bewußtsein die Wunde in der Brust kühlt und lindert. Denn das, was ihn so lange bedrückt, das trifft nicht ihn. Das hat der Andere getan! Er selbst war ja stets so mit» leidig, so hilfsbereit; er hätte jede Minute feilt Herzblut gegeben für den, den er liebt. Und wie hat er gestrebt?
Ein Vorzugsschüler, musterhaft in Sitten und dann ein diensteifriger Offizier — leichtsinnig war er — ja — aber wer kommt über all das Ungeinach ohne ein bißchen Leichtsinn hinweg — und jähzornig war er auch — und die Liebe und der Leichtsinn, die machten ihn zum Diebe---
Immer schwerer hob sich die Brust des Schlafenden; der friedliche Ausdruck verschwand von feinen Zügen, er stöhnte schmerzbeklvmmen auf und da — da zeigte ihm der Traum sein blutendes Opfer mit weitaufgerissenen Augen — und mit der Wucht eines Dampfhammers fiel es nieder auf seine Brust: Die Schuld, die Schuld! „Die vier Männer sprechen dich nicht los," so schreit es in ihm auf; „auch in deiner eigenen Brust streiten dieselben Stimmen miteinander. D e r A n d e r e i st i n d i r! Du hast ihn gehegt und aufgezogen. Dieser Arm hat die ruchlose Tat begangen, dieser Kopf hat sie ausgesonnen; dieses Herz ist nicht still- gestanden, als das Opfer sterbend verröchelte — —"
Er wachte auf, in Schweiß gebadet. „Die Sühne, die Sühne!" murmelte er. „Auch ich kann die Stimmen nicht zum Schweigen bringen, die nach Vergeltung rufen."
Die letzten Dämmerlichter der nittergehenden Sonne verglömmet!. Der Gefangene starrte unbeweglich vor sich hin, und wieder begann die nutzlose, wilde Jagd der Gedanken, das schlafverscheuckende Brüten, aus dem er nur zeitweilig anfschreckte mit der wahnwitzigen Frage: „Hab' ich's denn wirklich getan?"
Caufrede S. $. „Gießen".
Gehalten von
Geheimrat Professor Tr. Will aus Grünewald bei Berlin.
Unlängst fand, wie wir mitteilten, auf der Werft Vulkan in Vegesack die Taufe eines neuen Dampfers des Norddeutschen Lloyd auf den Namen „Gießen" statt. Die Taufrede hielt der Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Will aus Grünewald bei Berlin, ein geborener Gießener. Sie wurde uns von seinen hiesigen Angehörigen zum Abdruck freundlichst überlassen. Hier ihr Wortlaut:
Wit dem Heranwachsen unseres neuen deutschen Reiches ist auch in unserem Volk der alte Hansatrieb wieder kräftig ins Leben getreten. Ein guter Teil der Energie unserer Industrie hat sich freudig in den Dienst der großen Aufgaben gestellt, die auf dem Wasser geleistet werden müssen. Bor 40 Jahren mag es eine Ausuahnte gewesen sein, wenn ein Deutscher sich aus dem Wasser zu Hause fühlte, heute ist es aber wohl die Regel, daß unsere jungen Männer ihre Ausbildung noch nicht als vollendet au- schen, solange es ihnen nicht vergönnt war, die See und überseeischen Länder aus eigener Anschauung feinten zu lernen. Das gilt heute nicht nur für die Jungen von der Wasserkante, nein auch für uns Binnenländer. Und wenn es auch wohl zutreffen mag, daß der letzteren einer, wenn er zum ersten Maie nachts auf hoher See int Sturm die Wogen an die Schiffswand toben hört und das ganze Gebäude in allen Fugen erschüttert fühlt, eiiteg bänglichen Gefühls sich schwer erwehrt und erwägt, ob des Schiss dein Sturm standhatten kann, — bald weicht die Sorge festem Vertrauen auf die Zuverlässigkeit von Schiff und Führung, und beim Landen erfolgt der Abschied vom Schiss gewiß nicht ohne ein lebhaftes Gefühl des Bedauerns darüber, daß der Schutz und Schirm nun fehlt, den cs aus dem Wasser gewährte. Man gewinnt solch ein Schiff lieb auf der See, wie sein eigen HauS und Heim. So wenigstens gings mir bei allen meinen Fahrten, die mich auf den Schiffen des Lloyd über den Ozean gesiihrt. Sie werden es begreiflich finden, daß mit dieser Er- fahrung cs mir eine Freude ist, Mitwirken zu können bei der Taufe eines solchen Schiffes. Eine doppelte Freude, da das Schiff durch den Namen in eine gewisse Berbindung tritt mit meiner lieben Vaterstadt.
Tie kleine Lahnstadt Gießen, die Stadt Liebigs, die Ge- bnrtsstadt Hofmanns, hat in der Geschichte einen guten Klang, Bei der Feier des dreihundertjährigen Jubiläums der Universität ist aus berufenstem Munde darauf hingewresen worden, daß Universität wir Bürgerschaft niemals hinten marschiert sind, wenn es galt, Bahn zu brechen auf dem Wege der Wahrheit! und des nationalen Fortschritts, und daß beide Körperschaften allemal guten Kurs gehalten haben, wenn.es galt, ihnen nn- vertrante Güter treu zu bewahren und sicher zu bergen.
So möge beim dem Schiff der Name eine gute Vorbedeutung sein. Möge auch ihm vergönnt fein, niemals zurückzubleiben, wenn es gilt, die deutsche Flagge voranzntragen; möge es allezeit einen glücklichen Kurs haben und so die ihm anver- tranten Güter sicher behüten trotz Sturm und Wogen und Wind und jeglicher Fährnis, und sie tzwhlbehalten im erstrebten Hafen landen.
Möge es ein neues Ruhmesblatt werden im Buche der.


