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Mittwoch den P. Januar

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Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ,

Zwei Tage später begegnete er ihr aus der Straße. Ls war Mittagszeit und sie ging essen. Er grüßte und redete sie an:Nun, wie geht es, Fräulein Becker?" Die Frage war ziemlich überflüssig. Sie hustete und sah erbärmlich aus. Zu­erst sah sie ihn verständnislos und fremd an, dann tagte e»,, ihr lichtloser Mick glitt gleichgültig über den Arm in der Schlinge zu seinem Gesicht empor. Sie zuckte die Achseln unb sagte:

Ach S i e sind es. Wie soll es mir denn gehen? Sie Wissen cs ja."

Damit ging sie weiter, ohne Eile ihm zu entrinnen, aber auch ohne Interesse an fernerer Unterhaltung, stumpfsinnig, hoffnungslos.

Er sah ihr mitleidig nach. Mein Himmel! dachte er, was gibt es doch für trostlose Existenzen. Und dieser hier ist nicht mal mit Geld zu helfen ein gcoecktcr Tisch kann ihr Unglück nicht bess.rn.

Am nächsten Tage ging er abends in die Oper. Seine Schwester war ausgebeten und hatte ihm- gesagt, daß er wahr­scheinlich die Waldheims dort treffen würde. Da er die keine Komtesse nun mal allerliebst fand, ließ er sich das nicht zweimal sagen. Lohengrin ward gegeben und eine berühmte Gästin sang die Elsa. Loysen saß im- Halbdunkel einer Parkettloge er hatte keinen anderen Platz bekommen können» da das Theater ausverkauft war. Wie er zu den Ranglogen hinaufspähte, um Bekannte zu entdecken, sah er plötzlich die schwarze, schmächtige Gestalt Luise Beckers im Stehparkett. Eingekeilt zwischen mehr oder minder rücksichtslose Ellenbogen, reckte sie das dünne Hälschen vor, um besser zu sehen, gleichgültig gegen ihre Umgebung. Ihre ganze Aufmerksamkeit gehörte der Bühne. Sie sah ganz aschfarben aus und Loysen glaubte zu sehen, wie sie die Zähne in zorniger Qual aufeinander biß. Bald brannten zwei rote F.ecken auf ihren Wangen und die Augen glänzten fiebrig. Sie sah aus wie eine Schwindsüchtige.

In der ersten Pause ging er hinaus ins Foyer, ftwach mit dem Logenschließer und sah sich dann suchend um, bis er das Mädchen fand. Es lehnte ermüdet an der Wand mit abwesen­dem Blick.

Fräulein Becker," sagte er freundlich,hatten Sie Ver- wcnoung für mein Billett? Ich gehe fort."

Diesmal erkannte sie ihn gleich, aber sie sah ihn zweifelnd an: Ihr Billett? Ich?. Bitte, nur kein Gnadengeschenk!" und sie legte die Hand aus den Rücken.

Ach Unsinn!" versetzte er geärgertna, da lassen Sie's also bleiben!" er warf das Billett auf die Diele und kehrte ihr den Rücken.Alberne Gans!" dachte er und ging davon.

Eine leichte Berührung seines Arm-.s hielt ihn auf. Sie war ihm imchgelausen. Das Billett hatte sie aufgehoben.

Ich wollte Sie nicht beleidigen-." sagte sie, nach Atem ringend, ich werde mich, wenn Sie wirklich fortgehen, gerne ans Ihren

Platz setzen, denn ich bin müde vom Stehen. Aber das ist mir selbst ja im Grunde so furchtbar gleichgültig . .." sie stockte und sprach dann auf seinen ermutigenden Blick hastig weiter:

Wenn Sie wüßten, welche Qualen ich hier leide! Und doch bin ich so dumm ich laufe immer wieder hierher ich spare mir die Groschen vom täglichen Brot ab, um anhörcn zu können, wie andere mühelos leisten, was mir nun für immer ver­sagt ist . . . so fliegt die Motte in die Flamme, sie kann nicht anders" sie spaltete das Billett zwischen ihren nervösen, ,rn- ruhigen Fingern und seufzte schwer.

Er sah schnell nach rechts und links. Der verwöhnte junge Offizier regt- sich. Ganz angenehm iväre es ihm doch nicht gewesen, wenn ihn ein Bekannter eben gesehen hätte. Das Mädchen hatte nicht mal Handschuhe an! Dann schämte ev sich dieser Regung und desto freundlicher sagte er:

Und ich begreife doch, daß Sie Herkommen. Sie können sich doch wohl bei jeder Sängerin, die auftritt, sagen, daß Sie es besser gemacht hätten. Darin liegt Genugtuung, die den Schmerz mildert."

Ganz frappiert sah sie ihn an:Wie Sie das nur erraten haben. Genau so ist cs."

Das Klingelzeichen zum Beginn des zioeiten Alles ließ sie auffahren. Ohne Lebewohl oder nochmaligen Dank eilte sie davon und ließ ihn stehen.

Er ließ sich von der Garderobiere den Havelock umlegen lind ging von dannen. Einen Augenblick dachte er daran, seine Schwester für dies absonderliche, unglückliche Geschöpf zu in­teressieren, aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Anne Marie konnte ihr so wenig Helsen, wie er.

Bon da an begegnete er demarmen Ting" fast täglich. Er kannte nun die Stunden, in welchen sie das Geschäft verließ nlid müßig wie er war, fand er Zeit genug, gerade dann die Querstraße zu passieren. Immer fühlt« er sich so gewisser­maßen v-.rantwortlich für ihr Dasein und d.c Qualen, die sie litt, da er sie gezwungen hatte, die Last, die sic abwerscn wol.tc, wieder auf sich zu nehmen. Sie war nicht mehr so unempfang- lich für ein Wort ermutigender Teilnahme. Namentlich wenn er warmes Wetter und nahen Frühling prophezeite, belebte sich das blasse, hohläugige Gesicht. Sie wechselten immer mir we­nige Worte, aber er wußte nun schon, durch welche er sie er­freuen kennte ri-nd das zu tun, erschien ihm wie eine barm­herzige Pflicht. Etwa eine Woche war so hingegangen, da sah er sie drei Tage lang nicht mehr. Vielleicht war sic krank., Ohne daß er sich dessen bewußt war, gehörte sie bereits in sein Leben. Sie wird- ja nie auf der Oberfläche des breiten, lichten Stromes erscheinen, der sein schmuck bewimpeltes Lebensschiff trägt, aber da unten in der Tiefe wird ihre dunkle, freudlose Existenz von derselben Strömung wcilergefc-oben, die seine Tage treibt und aneinander schließt.

Er bedauerte ihr Verschwinden, da er gerade in diesen Tagen glaubte, durch einen glücklichen Zufall eine Möglichkit für ihre Herstellung gesunden zu haben. Es verdroß ihn, daß er keine Gelegenheit hatte, sie davon in Kenntnis zn setzen. Sollte er im Geschäft nach ihr fragen? Tas konnte