Ausgabe 
14.12.1908
 
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brechen ueitb härtere WcherKüldsLLfie »;t bannen, aks sie das w lahrzehntelangen BerzwetflimMämpfeu zermÄMe Prager Dcntsckftuuts freiznnmchen imstande ist: Es ist mitunter eine große Sache um das Ringen ebenbürtiger Nationen, wenn Weltprobleine auf bent. Spiele stehen und mit die Evolution auf wirtschaftlichem oder kulturellem Boden die Entscheidungsschlacht geschlagen wird. Ta wettet sich die Enge eines schlaffen Zeitalters, da brechen ungeahnte Kraftquellen aus der Tiefe der Verborgenheit und der Weltgeschichte entschließen sich Aspekte, die von der Morgenröte rmes neuen Tages überstrahlt werden. Bon allen diesen Hoch­gefühlen eines ehrlichen und ehrenvollen Bölkcrzweikamvfes weiß der Prager Deutsche nichts, der hin- und hergestvßen zwischen der Wut eines rasenden Haufens und der ,Apathie einer dekadenten! Staatsgewalt schuh- und rechtlos für seine letzten Taseiusrechl- streitet. Der panische Schrecken, der in diesen Tagen die Stadt am Fuße des Hradscyru erfüllt hat, wird nur lem gänzlich Ahnungs- losen als Episode in der grossen Auseinandersetzung erscheinen, die put dem Anbruch der Verfassungsära zwischen den deutschen und 1 lawtschen Völkern Oesterreichs schwebt. Wer auch nur halb­wegs belvandert in der leidensreichen Passionsgeschichte der in du'se stadt des Hasses versprengten deutschen Stammesmiuderheit ist, weist nur zu gut, dast es sich hier mit etwas ganz anderes handelt als ,das kriegsgerechte Äafftnkreuzcn antagonalev Bölker- ündwidualitäten. , isticht um Sieg oder Niederlage, nein umi Sein oder Nichtsein wird in Prag gerungen. Darum, ob es einem hundertfacher Nebermacht wehrlos ausgelieferten Häuflein Preis- gegebener noch einmal gelingen wird, sich vor denk UutnMiig zu retten, oder ob diese heldenmütige Wnipferschar! endgültig zwischen den Mühlsteinen der nationalen Vergewaltigung zerrieben werden soll.

Von allen Fundameuteu, auf die sich das komplizierte Ge- bäiide eines Staates stützt, ist wohl das stärkste und heiligste der Satz: wer Frieden hält und die Gesetze achtet, hat Anspruch auf die volle Schirmung seiner bürgerlichen Rechte durch den Staat. Die empörenden Szenen, deren Schauplatz die Hauptstadt Böhmens während der letzten Wochen war, sind eine blutige, höhnische Ver­fratzung dieses ersten aller staatsechaltenden Axiome. Ein Aus­nahmezustand schlimmster Art ist über die in Prag angcsicdslten vierzigtausend Angehörigen jenes Volkes verhängt worden, das Oesterreich gegründet, in schweren Verfallszeiten znsammengehalten und durch den Rang seiner wirtschaftlichen und kulturellen Leist­ungen hochgebracht hat. Mit der Hetze auf den farbentragenden deutschen Studenten fing die Sache an. Ein altes, trauriges Kapitel in der Leidensgeschichte des deutschen. Prag, und eines in unendlichen Fortsetzungen dazu. Nur daß niemals zuvor den Farbenkoller eines verhetzten, sauatisieriten Pöbels so zügellos wie diesmal an dem letzten sichtbaren Wahrzeichen einer blühen­den Stätte deutscher Wissenschaft in Prag sein Mütchen kühlen durste. Man muß diese wackeren Jungens gesehen haben, wie sie einzeln oder in kleinen Gruppen, eingekeilt von einer nach Tau­senden zählenden Menge brüllender und stöckeschwingeuder tzxalta- dvs, mit zusammeugebissenen Zähnen und unbeivehrtcn Händen ihres Weges gingen, und ohne mit der Wimper zu zucken, sich anspucken, steinigen, zu Boden schlagen und mit. Füßen treten liessen. Kein Wort des Lobes ist zu hoch gegriffen für die Selbst­beherrschung und Disziplin dieser heldenhaften Avantgarde, die, sonst gewohnt, auf die leiseste Antastung ihrer Ehre mit deut ge- zückten Schlager zu reagieren, hier im Bewußtsein ihrer völkischen Mission das Aergste widerstandslos über sich ergehen ließ, nur der jesuitischen Berleumdungskunsti des Gegners nirgends auch nur die geringste Handhabe zu bieten, durch die ihre Sache ins! Unrecht gesetzt werden könnte. Auf der Stelle, in der nach wo chen- langer Duldung zum erstenmal ein Mitläufer der verhetzten Masse unter, dem Säbelhieb eines Schutzmannes zusammenbrach, hat die widerliche Theatralik der tschechischen Chauvinisten ein Grab­mal errichtet, und Frauenhände haben Blumen auf den Platz gestreut, tvv sein Blut das Pflaster rötete. Die Orte, an denen das Blut wehrloser deutscher Studenten floß, sind Legion. Kein Denkmal wird sie ider Nachwelt weisen, kein rosiger Finger sie Mit Blumen schmücken. Wer ihr Blutopfer soll auch ohne stei­nernes Memento nicht vergessen werden; beult ihnen wird die Dankbarkeit und Liebe derer, füll die sie ihre Brust dem Feinde boten, Kränze flechten.

Bei dein friedlichen Jubelfest eines akademischen Bildungs- festes war cs, wo die Orgien der wuttrunkenen Menge ihren Hche- puukt erreichten und ihre feigen Ueberfälle sich auch auf die Kom­militonen Volk tzseir reichsdeutschen Hochschulen ausdehuteu, die, dem Rufe der Gastfreundschaft folgend, nach Prag geeilt waren, den von aller Welt Verlassenen den Trost und die Gewißheit zu bringen, daß mtclj1 jenseits der schwarz^gclben Pfähle deutsche Kerzen für sie schlagein und deutsche Treue sich durch geographische Begriffe nicht bezirken läßt. Tie Kronzeugenschaft, die sie mit Leib Und Leben ihren verfolgten Prager Kommilitonen und damit zugleich dem gesamten Deutschtum Prags geleistet Haben, ist der wertvollste, ja vielleicht der einzige Gewinn, den jytr, in diesen schweren Tagen überhaupt zu verzeichnen haben. Traf uns doch stets schmerzlicher und kränkender als manches aridere das kühle Nichtverstehen, das man im Reiche draußen unserer dornenvollen! Mission entgegenbrachte. Es waren, bittere, herbe Gefühle, tue nnS durchzuckten, wenn wir die Deutschen des Reiches nach allem rontautischen Brauch ihre ShmpathieU an fremde Nationen, ast

Buren, Rusten und Polen verschwenden sahen, während die && kretenen Stammesbrüder in Prag vergebens nach einem ivohl- tnenm'n Worte des Begretsens, nach einer wirksamen Tat der Hilfe lechzten. Wenn das letzt wirklich anders werden, wemk diese Tage ves schreckens tatsächlich ein, nnzerreißdaves Band zwischen dem Teiistchtum btesiettS und icnieitS von Bodenbach geknüpft haben loll.cn, dann danken wir diesen so innig ersehnten Wandel vor allein den tapferen Brüdern von Tentschlands hohen Schulen die trotz aller Schreckensbotschaften und diplomatischen Abmah- nuugen den Weg in die Höhle des böhmischen Löwen gewagt haben um, sich durch eigenen Augenschein von der Unhältbarkeit der hiesig en ZuWnde zu überzeugen und, zurückgekehrt, daheim Kunde zu geben von dem, was sie schauernd miterblickt und mitgelitten habeit.

, Und dennoch war es mir ein Ansang, was sich vor den Äugen der rctchsdeutschcn Gäste abspielte, die im offenen Wagen voM Mob überfallen, und mit wuchtigen Stockhieben bewillkommnet wurden. Die wüste Studeutenhetze war nur das verabredete Signal »um allgemeinen Angriffskrieg auf alles, was deuffcher Herkunft oder Gesinnung verdächtig war. Nach den Studenten kamen die Firmenschilder daran, nach beit Firmenschildern die Fensterscheiben. Ate Straßen wurden nach deutschfprecheuben Passanten förmlich durchsucht, deutsche Frauen und Mädchen mit beispielloser Roheit angehalten und mvlestiert, deutsche Kinder auf dem Wege zur schule von dem würdigen Nachwuchs der Nation nach dein Vor­bilde der Erwachsenen als Treibwild durch die Straßen gehetzt. Sogar die Wagen der elektrischen Straßenbahn wurden einer peinlichen Quarantäne aufBurschen" unterzogen uud jeder Halb­wegs Verdächtige schonungslos aus die Straße befördert, mochte er auch in Wahrheit ein harmloser Kaufmann aus Berlin oder . ßnr der Konsul des mächtigen britischen Weltreiches sein. Und all diese Schandtaten und Brutalitäten dürften dieunterem Zehntausend" Prags wochenlang als ihr unantastbares Privilegium betreiben, während die berufenen Hüter der Ordnung sich säst ausnahmslos in die Rolle passiver Zuschauer fügen mußten. Ob freiwillig oder nicht, das wird die Welt wohl niemals mit un­widerleglicher Bestimmtheit erfahren. Erst als der wahre Kern der Revolte durch den schütteren Deckmantel der Deutschenver- folgung brach, als die seroophile und antidynastische Note in dem Exzesse immer schamloser zum Ausdruck kam, als schwarz-gelbe Fahnen am Vorabende des Regicrungsjubiläums in derselben Stadt, in der sich Franz Josef I. nach dem Wunsche der Tschechen! krönen lassen sollte, in Fetzen gerissen nnb auf offener Straße bespien wurden, erst da begann man in Wien zu erkennen, in welche Gefahr man durch unverzeihliche Schonung den Staat wieder einmal von jenem Volke hatte treiben lassen, das mit seinen sechs Millivnen nimmehr seit fünfzig Jahren ganz Oester­reich tyrannisiert und terrorisiert. Und mau verhängte über Prag das Standrecht.

Vom Faustrecht zum Standrecht haben uns die Schrecknisse der letzten fünfzig Tage geführt. Der Deutsche in Prag wagt endlich wieder freier zu atmen und ohne Bangen vor dem Schlimm­sten seiner Wege zn gehen. Aber es ist nur eine geborgte Friedens- panse, eine Freiheit ans Widerruf. Morgen schon können cs die einflußreichen Führer der Tschechen in Wien durchsetzen, daß die Ansnahmeverfügungen über Prag wieder ausgehoben werden, nud der Armee des Herrn Clofae die Bahn zur Vergeltung frei» gegeben wird. Was dann der Deutschen in der Nkoldaukatzitalo harrt, steht bei den Göttern. Vielleicht wird das schändliche Spiel von neuem beginnen. Vielleicht aber dämmert unterdessen auch in jenen verantwortlichen Volksführern, die dasgoldene Mütter­chen Prag" so heiß zn lieben vor geb en, die Einsicht auf, daß sie ihrer Vaterstadt einen mehr als zweifelhaften Dienst erweisen, wenn sie ihre ehrwürdigen, historisch geweihten Mauern wochen­lang zu Zeugen zirzensischer Spiele machen, bei denen sich eine irregeleitete Menge an der Hetzjagd auf hilflose deutsche Stu­denten, Frauen und Mädchen für den Eingang realer, sozialer Errungenschaften schadlos hält.

VeNMßssPSEL.

*Von Gottes GnadeI!." Nachdem sich der Sturm, den die Veröffentlichung der Kaisergespräche entfesselte, ge­legt hat, darf man wohl auch auf Einzelheiten der Reichs- tagsverhaudlung eingehen, die keine aktuelle politische Be- deutung haben, aber doch nicht ohne Interesse sind. In seiner Rede vom 11. November sagte der Abgeordnete Heine: Diese Fortnelvon Gottes Gnaden", die auch ursprünglich ein Ausdruck frommer Bescheidenheit war, ist jetzt ein Aus­fluß des Hochmutes." Diese Ansfassung entspricht nicht den geschichtlichen Tatsachen. Die erste Einfügung der Worte: Bon Gottes Gnaden" vor den Königstitel hat nichts mit religiöser Bescheidenheit und Demut vor Gott zu tun. Sie geschah durch Pipin den Kleinen, nachdem er sich der Zu­stimmung des Papstes zum Kronenraub versichert hatte. Sie drückte daher nur die Benutzung des kirchlichen Etn- flnsses zur Deckung des Kroncuraubes, die Hilfe der Kirche gegenüber den Anhängern des entthronten Königsgel chlechts aus nnd sollte die Berufung auf die Erbfolge, die Legitimität,