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„Nun, — qm vivra Verra!" gab es leichthin zurück. „Also ttuu das Programm für morgen! Darf ich Ihnen VorscWge Machen? Zunächst schlafen wir so lange wie möglich. Das ist einmal vornehm, und dann haben wir Ferien und nichts zu tun! Angenommen?" Sie nickte lächelnd.
„Nach dem Kaffee hole ich Sie gu einem Spaziergang ab; da bummeln wir so sachte und einträchtig durch den Wald bis zum Frühstück, — bitte, befehlen Sie dazu eilt bischen 'was Gutes, — und daun, dann geht's los zu zweien!"
„Mir recht!" sagte sie im fröhlichen Einverständnis. „Ich glaube, es gibt Schnee, hören Sie, wie es in der Luft heult. — Gesegnete Mahlzeit und gute Nacht!"
Sie stand auf und reichte ihm die Hand, freundlich zu ihm dufschauend. Er hielt die zierlich-schmale Mädchenhand fest. „Darf ich denn nicht bei Ihnen bleiben, und Ihnen etwas vorlesen? Und nachher spielen Sie ein wenig, und der Schneesturm heult dabei ums Haus, und die Wetterfahnen kreischen, und die Eulen klagen. —"
„Es geht ja nicht!" sagte sie; „ich möchte cs ja auch gern, aber —"
„Dann gehe ich zum Inspektor!" sagte er; „aber das geht doch, wie?"
Langsam hob er die kleine Hand der Erzieherin zu seinen Lippen; sie suchte ihm zu wehren, aber ohne Energie. Dann zog er ihren Arm unter den seinen und führte sie ritterlich bis an die Tür ihres Zimmers: „Gute Nacht!"
Ihre Finger schlossen sich fest um die feinen.
Und dann fast sie über ihre Arbeit geneigt; und zuweilen liest sie sie im Schatz ruhen und blickte sinnend in die Glut des Kamins; und einmal seufzte sie tief auf. Dransten ging der Schneesturm heulend ums Haus.
Und untem beim1 Inspektor fast der Kandidat auf dem Sofa, rauchte aus langer Pfeife und fah zu, wie der ein Glas ausgezeichneten Arac-Grog braute, und mischte die Karten mit langsamem Behagen.
„Prost, Herr Kandidat!" sagte der Inspektor und hielt ihm das Glas hin; „dast Sie sich nur nicht in das Edelfräulein verlieben; ich sage Ihnen, das ist ein kleiner Satan. Aber soviel sage ich Ihnen, es ist meines Wissens schon im Alten Testament verboten, ein Pferd und einen Ochsen zusammen zu spannen. Heute nennen sie das „Mesalliance". Prost! Sie geben."
Und draußen heulte der Schneesturm ums Schloß und warf prasselnd ganze Wolken von Schnee über das Land und gegen1 die Fenster. Drinnen war es tief gemütlich. —
„Guten morgen, Fräulein Effert!" — „Guten morgen, Herr Funke!" klang es frisch herüber und hinüber. Sie reichten einander fröhlich die'Hande. Draußen lag die Welt verschneit. Hohe Schanzen batte der Sturm in der Nacht aufgeworfen. Jetzt war's klar und licht.
„Werden Sie denn durch kommen können?" fragte er besorgt Und sah ihr ins Gesicht, das unter dem weißen Pelzbarett heiter und vertrauend in die winterliche Welt hiiwus'sah. Sie war eine schlanke, elegante Figur, wie sie da auf der Rauche stand und mit beiden Händen sich mühte, den Schleier im Nacken zuzubinden.
„Erlauben Sie, das kann ich tun!" sagte er bittend. Sie sah ihn von der Seite an, liest die Hände sinken und liest ihn gewähren.
„Johann Berner ist mit dem Schneepflug zurückgekommen," sagte sie, „da können wir gehen, wo er Bahn gemacht hat. Sie haben Ihre Kürassierstiefel an, und ich bin auch gut versorgt. Mit einem Fuß Schnee nehme ich es schon auf. Wollen wir denn?" Er war mit dem Schleier fertig. Er hatte sich nicht beeilt. Sie hatte so reiches, dunkles Haar.
„Vorwärts!" sagte er und schlug eine sausende Tiefquart Mit dem dicken Handstock.
Weithin kein Klang und kein Laut in der großen Einsamkeit. Nur daß einmal eine Krähe von verschneiter Tanne aufflog und krächzend über das weiße Feld hintaumelte int1 schwanken, schweren Fluge. Aus der Fohlenkoppel hob sich dunkel der „Tannenbusch".
„Schauen Sie nur da hinüber!" bat der Kandidat; „es sitzt sich so prächtig dort im Grünen ans bett Steinen, sind dann! erzählen Sie mir etwas, und ich rauche."
„Jedenfalls bequem für Sie!" lachte sie. „Mir recht, wenn der Schnee nicht zu tief ist!" Sie hatte ihr Kleid hoch geschürzt Und schritt tapfer neben dem großen Kameraden aus. Ihr Gesicht, sonst von etwas zarter Farbe, leuchtete in frischem Rot, und die dunkeln Mähchenangen schauten mit fröhlichem Blick hinaus in die stille, Helle Welt um sie her. Nun kam, den Busch begrenzend, ein tiefer Graben, den die Nacht mit Schnee gefüllt hatte.
„O weh," klagte sie, „dazu reichen meine Schnürstiefel Nicht aus!"
„Mer meiner- ragte er, und schritt hindurch, bis über, die die Knie eiusinkend. Nun stand er drüben und reichte iHv lachend die Hände hinüber. „So, Fräulein Frieda —“ er hatte sie noch nie bei ihrem Vornamen genannt, „nun reichen Sie mir die Fingerspitzen; sehen Sie, es geht. Noch etwas mehr, bis ich Ihre Hände ganz fasse, — nun ziehe ich zn und Sie geben sich einen Schwung, — eins, — zwei, — drei!"
„Halb zog er sie, halb sank sie hin", und drüben war sie und — lag in seinen Armen.
„Lassen Sie mich los", bat sie und wehrte sich gegen seine Umarmung; aber ihr Hertz schlug zum Zerspringen.
„Nicht böse sein!" bat er mit weicher Stimme: „es bleibt ja unter Kameraden".
Sie machte sich los, lachte ihn eigenartig an und wandte; sich ab.
„Da liegen die Steine, ganz frei vom Schnee, die überhängenden Zweige haben sie geschützt. Kommen Sie, da halten wir Rast!" Er ging voran.
„Hier, setzen Sie sich zu mir aus den Stein," bat er; „er hat Platz für uns beide. Wir sind ja beide zwei einsame Menschen auf dieser Welt; halten wir oenit zusammen!" Er hielt ihr die Hand hin; tief gesenkten Hauptes legte sie die ihre hinein.
„Sehen Sie mich an, Frieda!" Da schlug sie die Augen aus. Es lag alles in dem einen Blick. So schauten sie einander in! die Augen. Um sie her war die Welt wie tot.
Dunkle Röte übergoß des Mädchens Gesicht. Und er neigte sich zu ihr: „Frieda, geh nicht fort! Bleib hier! Lehn' dich an mich!"
Sie lag zitternd au seinem Herzen und hatte die Augen gs- schlvssen.
„Max, was tust du?" klagte sie und tat doch die Augen nicht auf, „es wird dir leid werden! Ich bin ein ganz, ganz armes Mädchen."
Er legte sein Gesicht an das ihre. Da richtete sie sich schnell auf. Mit brennenden Blicken sah er ihr in die verschleierten! Augen.
„Hier hab' ich dir gehört," sagte sie, „und ich weist nicht, wie es kam. Und du weißt es auch nicht. Darum will ich kein! Versprechen von dir, hörst du? Du kannst ein ganz anderes! Mädchen bekommen; du sollst nicht mit Reue an den Tauneubusch denken! Willst du mich nachher noch haben: nun, bann weißt du, wo meine alte Taute wohnt —"
Er halte sie an seine Brust gerissen.
Und die Flammen schlugen über ihren Herzen zusammen, sind sie waren beide allein in der großen Einsamkeit. --
Sie waren vom Tisch ausgestanden. Draußen knallte der Kutscher mit der Peitsche. Sie entwand sich Maxens Armen und stürzte auf ihr Zimmer und warf sich in die Knie vor ihrem! Bett. „O Gott!" flüsterte sie; „wenn wir mir nicht nach Riepers- hausen gingen! Ich fürchte mich!"
Als sie sich schnell anzog, fegte sie mit den Handschuhen eilt Briefiein zur Erde. Sie hob es auf und las es wieder durch und wurde blaß. Es war von Baroneß Ilse.
„Wie sehr freue ich mich, Sie zum Feste wieder bei uns zu sehen! Außerdem bringen Sie ja einen! neuen Kandidaten mit, auf den ich, — nach Beschreibung meiner Schwester, — wirklich gespannt bin. Im allgemeinen finde ich die Herren Hauslehrer alle greulich. Hüten Sie Ihr junges Herz bei dem! langen tete-u-tete! Am besten wär's schon. Sie verlören den liebenswürdigen Schwerenöter unterwegs aus dem Wagen. Auf Wiedersehen! Ilse."
Sie seufzte tief auf.
Cs ward eine eigenartige Fahrt voll süßen, geheimen Zaubers und verborgenen Sehnens. Ihre Hände lagen unter der Wagendecke ineinander, und heimlich stahl sein Arm sich wohl einmal nm die Taille des hingebenden, wie im seligen Traum befangenen! Mädchens, die leise ihr Haupt an seine Schulter lehnte. Als fiel in dunkler Abendstunde dem Wagen entstiegen, da bot er ihr beut Arm, und, AN ihm aufblickend, lehnte sie sich darauf, — da tönte ihnen helles Lachen ans dem bullen Kutschschlitten entgegen, der sie von der Station» abholte. Frieda riß hastig ihren Arm aus dein seinen. Sie hatte, die Stimme der Baroneß Ilse erkannt.
(Fortsetzung folgt.)
Hussiten über ms!
Von Richard Millner (Prag).
Fünfzig Tage sind ein wenig viel für einen bösen Traum. Acht Wochen lang gellen. uns nun die Schreckenschöre der entfesselten Straßen in die Ohren, acht Wochen lang hat der Alpdruck einer qualvollen Verlassenheit und Vogelfreiheit über uns gehastet. Die Frist würde genügen, auch stärker^ Energien


