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Baroneß Ilse.
Novelle von Gerhard Walter.
Nachdruck verboten.
Ter Abend dämmerte. Das Feuer im Ofen, genährt von trockenen Tannenkloben, knisterte und prasselte und warf zitternde, spielende Lichter auf die Wand. Draußen flogen einzelne Schneeflocken hin und her vom Winde getriclen. Wie stille Feiertagsstimmung lag es über dem abgeschiedenen, rings von dunkelm Kiefernwalde eingefaßten Stück Erde. Cs Ivar ein einsames, tvcitgestrecktes Rittergut. Auf einer Anhöhe, das ganze Gelände beherrschend, stand das neue, aber im Stil einer alten Ritterburg erbaute Schloß Milgow. Einsam am Fenster lehnte der Kandidat.
Heute, an dicsein Dezember-Abend, ganz nahe vor Weihnachten, war es noch stiller als gewöhnlich int Schloß. Die verwitwete Gräfin war mit ihren beiden Kindern schon abgereist auf das väterliche Gut, um nach alter Geivohnheit das Fest dort zu feiern, und der Kandidat und die Erzieherin sollten morgen nachmittag ihr folgen. Er träumte mit wachen Augen als er so in den dämmernden Winterabend hinaussah, in dem hier und da ans dem großen Wirtschaftshofe ein Licht aufleuchtete tu den Stalltüren, und durch dessen Stille aus der gluthell erleuchteten Tür der Schmiede jetzt das Klingen des schweren Hammers ge- d ä mpft herüberschallte.
ES war ein sehr stattlicher Mann, dev Hauslehrer, breit von. Brust und Schultern, mit klaren, stahlblauen Augen und kurzem, blondem Vollbart. Besonders kandidatenhaft sah er gerade Nicht aus. Aber es lag etwas eigenartig Bezwingendes in seinem Gesicht und Wesen, und um seinen Mund ein Zug, der von vornherein für ihn einnahm. Er spielte, seit er die beiden Tnrmzimmer bezogen hatte, eine gewisse Rolle int Schloß. Die Kinder sichvärmten schon am zweiten. Tage für ihn; das'Stnben- mädchen und der Bediente sagten, als sie auf der Treppe einander begegneten, wie aus einem Munde: „Netter Kerl!" und der Bediente drohte der Lisbeth mit dem Finger: „Du —!" Und sie rief lächelnd, den Gang hinuntereilend: „I wo!"
Die Gräfiit, eine noch jugendliche Frau, hatte ihn gern. Sie unterhielt sich über Tisch mit ihm und ging ihm nicht ans dem Wege, wenn sie im Park ihm begegnete, und die junge Erzieherin, Fräulein Effert, das schlanke, braunäugige, herzliche Mädchen, sagte eines Tages harmlos zur Gräfin: „Es ist mir gerade, als iucnit Herr Funke schon seit Jahr und Tag hier wäre." llnd die Gräfin lachte und sagte: ,sJa, er hat etn glückliches Temperament!" Jedenfalls war noch kein Hauslehrer allseitig so gut behandelt worden auf Milgow.
Er stand am Fenster und rauchte. Die Glut der Zigarre schien wie ein kleiner, roter Stern durch die schnell zunehmende Dmtkelheit. .Prächtig so!" flüsterte er vor sich hin, „diese behagliche Winter- und Weihnachtsruhe." Und weich und warm legte sich ihnr die Advents-Stimmung ums Herz. ,
„Und diesmal nicht so einsam!" sann er Weiter. -Mn Mensch, der kein Vaterhaus mehr hat, und keine andere Zuflucht um die Weihnachtszeit als die Verbindungskneipe, ist immer übel
dran. Diesmal bin ich doch unter Menschen, und sogar unter sehr feudalen Leuten. Es soll ja reizend sein auf Riepershagen. Solider, vornehmer Reichtum und gut adliger Ton. Das wird fdjmt gehen."
Er horchte auf. Das dumpfe Rollen eines Wagens kam näher und naher. Jetzt fuhr er auf die Rampe herauf im kurzen Galopp der Pferde.
„Fräulein Effert!" dachte er und streifte behaglich die Asche von seiner Zigarre. „Das kann ja reizend gemütlich werden. Ein Prachtmädel!" Er pfiff leise vor sich hin.
Auf dem Gange wurden Schritte laut. Der Diener trat ein und stellte die Lampe auf den Tisch. „Fräulein Effert läßt fragen, ob der Herr Kandidat auf der Stube speisen wolle, oder mit dem Fräulein in der Halle," meldete er mit Anstand.
„Natürlich mit dem Fräulein," antwortete er heiter; „ich werde gleich erscheinen."
„Warum wollten Sie mich denn von Ihrem Angesicht verbannen ?" fragte er, an ihrer Seite Platz nehmend an dem großes Speisetisch, auf dem heute nur für zwei gedeckt war. Er !var int schwarzen Anzug wie immer.
Das Fräulein lachte ihn freundlich an. Sie hatte etwas unendlich Sympathisches. „Ich wußte nicht, ob es Ihnen besonderen Spaß machen würde mit mir allein zu hausen. IW Vorgänger ließ sich in solchen Fällen das Essen immer ansÄ Zimmer bringen."
„Törichter Kerl!" lachte der Kandidat; „ich rechne es dem Schicksal als eine Aufmerksamkeit an, daß es mich hier neben! Sie gesetzt hat."
Sie sah ihn mit ihren braunen, tiefen Augen an. Wer es verstand, in ihnen zu forschen, der las aus dem Mick viel warme Freundschaft. Oder mehr noch.
„Und morgen bin ich Ihr Reisemarschall!" fuhr er fort. „Da wollen wir aber auch ganz gute. Kameraden fein, nicht wahr? Zwei Stunden im Wagen; dann zwei Stunden Bummelbahst, dann wieder anderthalb Stunden per Achse: eine ganze Reise! Wissen Sie, ich freue mich riesig darauf. Ans gute Kameradschaft !" Er hob das Glas gegen sie. Sie stieß leise mit ihm an und! sah ihm wieder, ioie selbstvergessen, in das gute, freundliche Gesicht.
„Lührssen, bringen Sie die Ente, und daun können Sie gehen!" wandte sie sich zu dem Diener mit anmutig hausmütterlicher Art und Würde. ,
Als er aus der Tür war, sagte sie ernst: „Ich freue mach ja auch auf diese kleine Fahrt a la Boheme; aber fällt Ihne»! dabei nicht etwas auf? Wenn Baroneß Ilse an meiner Stelle wäre, und Sie waren ein blaublütiger Kavalier, — glaubest Sie, daß man sie dann auch ohne „Elefanten" reisest ließe, Wie mau uns reisen läßt?"
„Desto mehr Glück, daß wir beide nicht stiftsfähig sind! - gab er heirer zurück. „Aber bitte, machen Sie mir doch ein Bich von dieser vielbesprochenen Baroneß. Natürlich ein riesiger GraS!, affe, wie?"
Das Fräulein lachte lustig auf. „Nein, ich sage Ihnen gar nichts! Sie sollen ihr ganz untwreingenontmen gegeniibertretot. Und bann sagen Sie mir Ihr Urteil."


