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zwischen Goethe und Eckermann trefflich erläutern, weckt wieder die Erinnerung an eine dort erzählte niedliche Episode vus Goethes Leben, in der der vielseitige Dichter im wahren Sinne des Wortes als Einbrecher auftrat. Als Staats- minister des Sachsen-Weimarer Landes lag Goethe auch die Verwaltung der akademischen Institute in Jena ob, und so beschäftigte ihn eines Tages die Frage einer Erweiterung der Jenaer Universitätsbibliothek, deren Räume für die vnfchwellende Büchersammlung längst zu eng geworden waren. Zu einem Neubau war kein Geld in der Großherzoglichen Kasse, aber an die Bibliothek stieß ein Anbau, der jedoch der medizinischen Fakultät gehörte, die dort gelegentlich ihre Konferenzen abhielt. Goethe wandte sich also an die Herren Professoren mit der sehr höflichen Bitte, ihm den Raum für Bibliothekszwecke abzutreten; er wolle ihnen dafür später einen neuen Konferenzsaal bauen. Das genügte aber der medizinischen Fakultät nicht, und als Goethe später hinschickte, um sich den Schlüssel auszubitten, erhielt er zur Antwort, er sei nicht zu finden. „Da blieb nun weiter nichts zu tun, als erobernngsweise einzuschreiten", erzählt Goethe seinem Eckermann. „Ich ließ also einen Maurer kommen und führte ihn in die Bibliothek vor die Wand des angrenzenden gedachten Saales. „Diese Mauer, mein Freund, sagte ich, muß sehr dick seyn, denn sie trennet zwei verschiedene Wohnungspartien. Versuchet doch einmal und prüfet wie stark sie ist." Der Maurer schritt zu Werke; und kaum hatte er fünf bis sechs herzhafte Schläge getan, als Kalk und Backsteine fielen imd man durch die entstandene Oefsuung schon einige ehrwürdige Porträts alter, Perücken herdurchschimmern sah, womit man den Saal dekoriert hatte. „Fahret nur fort, mein Freund, sagte ich, ich sehe noch nickt Helle genug. Genirt euch nicht und thut ganz als ob ihr'zu Hause wäret." Diese freundliche Ermunterung wirkte auf den Maurer so belebend, daß die Oeffilung bald groß genug ward, um vollkommen als Tür zu gelten; worauf denn meine Bibliotheksleute in den Saal drangen, jeder mit einem Arm voll Bücher, die sie als Zeichen der Besitz- ergreifung auf den Boden warfen. Bänke, Stichle und Pulte verschwanden in einem Augeccblick, und meine Getreuen hielten sich so rasch und tätig dazu, daß schon in wenigen Tagen sämtliche Bücher in ihrer: Reposituren in schönster Ordnung an der: Wänden umherstanden. Die Herren Mediziner, die bald daraus durch ihre gewohnte Tür in corpore in den Saal traten, waren ganz verblüfft, eine so große unerwartete Verwandlung zu finden. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten und zogen sich stille wieder zurück; aber sie
. bewahrten mir alle einen heimlichen Groll. Doch rvenn ich sie einzeln sehe, und besonders wenn ich einen oder den andern von ihnen bei mir zu Tisch habe, so sind sie ganz scharmant und meine sehr lieben Freunde. Als ich dem Großherzog den Verlaus dieses Abenteuers erzählte, das freilich mit seinem Einverständnis und seiner völligen Zn- stimmung eingeleitet war, amüsierte es ihn königlich, und wir haben später recht oft darüber gelacht." So löst sich diese Episode nicht ganz so staatsgefährlich, als das obige Stichwort fürchten läßt. Es zeigt den ehrwürdigen Olympier in dem vollen Glanze seines sonnigen Humors, in dem kein anderer ihn so treffend zu malen verstanden hat als eben .Eckermann in seinen berühmten „Gesprächen mit Goethe", einem Buch, das in den Händen eines jeden Literatur- und Woethefreundes zu sein verdient.
* „Koedukativ n", ein Fremdwort, das in letzter Zeit immer häufiger auftaucht, gehört zu den überflüfsigen und leicht ersetzbaren; dieweil aber der deutsche Michel in alles Fremdklingende närrisch verliebt ist, wird er sich dieses herrliche Wort so leicht nicht entgehe:: lassen. Hätte er es nie gehört, so wäre er gewiß auch mit dem schlichten „gemeinsamen Unterrichte" oder „Gemeinunterrichte" zufrieden. Nun aber haben es gedankenlose oder bequeme Federhelden als etwas »angeblich Neues aus Amerika eingeführt, und das Wort Mit seinem gelehrten Prunkgewande findet hccndertfachen Widerhall. Könnte man doch den allerersten Anfängen zu Leibe gehen! Ist ein solcher Fremdling erst einmal auf dem Plane erschienen, dann ist es meist schon zu spät. Sehr erfreulich ist es deshalb, zu bemerken, auf wie mancherlei Weise ein kürzlich erschienener Bericht der Bremer Schul
deputation das Fremdwort vermeidet durch die deutschen Ausdrücke: „gemeinsamer (Schul-) Unterricht, gemeinfame Einschulung, Gesamtschule". Daneben kämen noch „Gemein- schule, Gemeinschaftserziehung, Gesacntunterricht" und „Ge- meinunterricht" in Betracht. Also unsere liebe deutsche Sprache kommt wirklich nicht in Verlegenheit, wenn sie den Begriff mit eigenen Mitteln ausdrücken soll. Natürlich wird man sofort den Einwand erheben, daß ja die Hauptsache — der gemeinsame Unterricht beider Geschlechter — in denk Worte nicht zum Ausdruck komme. Immer das alte Lied: die gewissenlosen Verächter des heimischen Sprachgutes sind zugleich übergewissenhafte Sprachrichter. Als ob der vermißte Begriff etwa in Coeducation, das doch tvörtlich nur „Miterziehung" und nichts weiter bedeutet, zum Ausdruck käme! Kann man ihn nicht ebensogut in das Wort „Gemein"- oder „Gemeinnnterricht" Hineiulegen und -fühlen?, zumal! in das zweite dieser Wörter, das noch in keiner anderen Bedeutung iiblich ist, also nicht zu Mißverständnissen führen kann, während allerdings „Gesamtcmterricht" als Gegensatz zu „Einzelunterricht" aufgefaßt werden könnte. Sagen wir also „Gemeinunterricht" und wirken wir, ein jeder nach seinen Kräften und in seinem Kreise, dahin, daß das klägliche Gewächs „Koedukation" baldigst ausgerottct werde!
* Hundert gleichlautende Straßen in einem Postbezirk. Die Postbeamten Londons haben durch die vielen gleichlautenden Straßennamen der Stadt und ihren Vororten sehr oft mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. So gibt es in London nicht weniger als 22 King- straßen, 35 Queensstraßen, 51 Johnstraßen und 52 St. John- straßen. Der Londoner Grafschaftsrat hat nun den Beschluß gefaßt, die Straßennamen zu ändern, und so eines Verkehrserleichterung zu schaffen.
* D i e A u § h i l f s st i e f e l. Inder Schule eines Vorortes von London hat der Lehrer mehrere Paar Stiefel gekauft, um sie armen Schülern zu leihen, die nur eilt einziges Paar Stiefel ihr Eigen nennen. Die Kinder, die sonst gezwungen waren, barfuß zur Schule zu kommen/ wenn sich ihre Stiefel in Wiederherstellung befinden, dürfeir die Stiefel eine Woche lang tragen.
Literarisches.
— Die Säalburg! und der Mithraskult, eins kleine Schrift von Fr. Passauer, Verlag von Mahlan tut# Waldschmidt in Frankfurt a. M. bildet eine Bereicherung der schon zahlreich vorhandenen Saalburgliteratur, aber eine ganz besonders wertvolle, die als kulturgeschichtliche Arbeit von Bedeutung ist und deshalb jeden: Freund des römischen Altertums nicht warm gemig empfohlen werden kann. Zugleich tft das Büchlein als ein vollkommener Wegweiser fiir Besucher des Romer- kastels zu begrüßet:, ohne damit den Fachgelehrten das auf diesem Gebiete einschlägige Werk von Geheimrat Prof. Jacobi, dem bekannten Saalburgforscher und Retchslimcskommissar, ersetzen zU wollen. Was die Passauersche Schrift für den Zweck, als, Ratgeber weiteret: Kreisen bei Besichtigung der Saalburg zu dienen, besonders geeignet erscheinen läßt, ist der Umstand, daß sich ihr Inhalt vorteilhaft abhcbt von den: trockenen und langweiligen „Führerstil", der sich in neuerer Zeit in der Reiseliteratur immer breiter geltend zu machen sucht. Der Verfasser halt den Leser nicht lauge mit Einzelheiten auf, sondern schildert das Leben und Treiben in und um einem römischen Heerlager und macht so unter der Hand aud) mit den entschiedenen Teilen teä Kastels bekannt. Vor allen: dürfte das Kapital über den Mtthras- kult, der in so manchen Beziehungen zur christlichen Lehre steht, viele etwas ganz Neues bieten.
Tarrschrätsel.
Puppe
Lachs
Die Aniangsbuchstaben neben
Ober
Ulm
stehender Wörter sind mit anderen
Nachen
Degen
Buchstaben derart zu vertauschen, daß
Bier
Nudel
man ebensoviele neue Wörter erhält,
Narbe
Diug
deren Anfangsbuchstaben den Namen
Cid
Oder
eines Erstnders und die Gebnrtsstadt
Feder
Feige
Auflösung
desselben ergeben, in nächster Nummer.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer r
Redakciom E. Anderton. — Rotationsdruck und Verla» der Brühl'ichen Untvetfitätä-Buch- und Sletndruckeret. N, Lange, Gießen.


