Ausgabe 
14.11.1908
 
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zwischen Goethe und Eckermann trefflich erläutern, weckt wieder die Erinnerung an eine dort erzählte niedliche Episode vus Goethes Leben, in der der vielseitige Dichter im wahren Sinne des Wortes als Einbrecher auftrat. Als Staats- minister des Sachsen-Weimarer Landes lag Goethe auch die Verwaltung der akademischen Institute in Jena ob, und so beschäftigte ihn eines Tages die Frage einer Erweiterung der Jenaer Universitätsbibliothek, deren Räume für die vnfchwellende Büchersammlung längst zu eng geworden waren. Zu einem Neubau war kein Geld in der Großherzog­lichen Kasse, aber an die Bibliothek stieß ein Anbau, der jedoch der medizinischen Fakultät gehörte, die dort gelegent­lich ihre Konferenzen abhielt. Goethe wandte sich also an die Herren Professoren mit der sehr höflichen Bitte, ihm den Raum für Bibliothekszwecke abzutreten; er wolle ihnen dafür später einen neuen Konferenzsaal bauen. Das ge­nügte aber der medizinischen Fakultät nicht, und als Goethe später hinschickte, um sich den Schlüssel auszubitten, erhielt er zur Antwort, er sei nicht zu finden.Da blieb nun weiter nichts zu tun, als erobernngsweise einzuschreiten", erzählt Goethe seinem Eckermann.Ich ließ also einen Maurer kommen und führte ihn in die Bibliothek vor die Wand des angrenzenden gedachten Saales.Diese Mauer, mein Freund, sagte ich, muß sehr dick seyn, denn sie trennet zwei verschiedene Wohnungspartien. Versuchet doch einmal und prüfet wie stark sie ist." Der Maurer schritt zu Werke; und kaum hatte er fünf bis sechs herzhafte Schläge getan, als Kalk und Backsteine fielen imd man durch die entstandene Oefsuung schon einige ehrwürdige Porträts alter, Perücken herdurchschimmern sah, womit man den Saal dekoriert hatte. Fahret nur fort, mein Freund, sagte ich, ich sehe noch nickt Helle genug. Genirt euch nicht und thut ganz als ob ihr'zu Hause wäret." Diese freundliche Ermunterung wirkte auf den Maurer so belebend, daß die Oeffilung bald groß genug ward, um vollkommen als Tür zu gelten; worauf denn meine Bibliotheksleute in den Saal drangen, jeder mit einem Arm voll Bücher, die sie als Zeichen der Besitz- ergreifung auf den Boden warfen. Bänke, Stichle und Pulte verschwanden in einem Augeccblick, und meine Getreuen hielten sich so rasch und tätig dazu, daß schon in wenigen Tagen sämtliche Bücher in ihrer: Reposituren in schönster Ordnung an der: Wänden umherstanden. Die Herren Medi­ziner, die bald daraus durch ihre gewohnte Tür in corpore in den Saal traten, waren ganz verblüfft, eine so große un­erwartete Verwandlung zu finden. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten und zogen sich stille wieder zurück; aber sie

. bewahrten mir alle einen heimlichen Groll. Doch rvenn ich sie einzeln sehe, und besonders wenn ich einen oder den andern von ihnen bei mir zu Tisch habe, so sind sie ganz scharmant und meine sehr lieben Freunde. Als ich dem Großherzog den Verlaus dieses Abenteuers erzählte, das freilich mit seinem Einverständnis und seiner völligen Zn- stimmung eingeleitet war, amüsierte es ihn königlich, und wir haben später recht oft darüber gelacht." So löst sich diese Episode nicht ganz so staatsgefährlich, als das obige Stichwort fürchten läßt. Es zeigt den ehrwürdigen Olympier in dem vollen Glanze seines sonnigen Humors, in dem kein anderer ihn so treffend zu malen verstanden hat als eben .Eckermann in seinen berühmtenGesprächen mit Goethe", einem Buch, das in den Händen eines jeden Literatur- und Woethefreundes zu sein verdient.

*Koedukativ n", ein Fremdwort, das in letzter Zeit immer häufiger auftaucht, gehört zu den überflüfsigen und leicht ersetzbaren; dieweil aber der deutsche Michel in alles Fremdklingende närrisch verliebt ist, wird er sich dieses herrliche Wort so leicht nicht entgehe:: lassen. Hätte er es nie gehört, so wäre er gewiß auch mit dem schlichtengemeinsamen Unterrichte" oderGemeinunterrichte" zufrieden. Nun aber haben es gedankenlose oder bequeme Federhelden als etwas »angeblich Neues aus Amerika eingeführt, und das Wort Mit seinem gelehrten Prunkgewande findet hccndertfachen Widerhall. Könnte man doch den allerersten Anfängen zu Leibe gehen! Ist ein solcher Fremdling erst einmal auf dem Plane erschienen, dann ist es meist schon zu spät. Sehr erfreulich ist es deshalb, zu bemerken, auf wie mancherlei Weise ein kürzlich erschienener Bericht der Bremer Schul­

deputation das Fremdwort vermeidet durch die deutschen Ausdrücke:gemeinsamer (Schul-) Unterricht, gemeinfame Einschulung, Gesamtschule". Daneben kämen nochGemein- schule, Gemeinschaftserziehung, Gesacntunterricht" undGe- meinunterricht" in Betracht. Also unsere liebe deutsche Sprache kommt wirklich nicht in Verlegenheit, wenn sie den Begriff mit eigenen Mitteln ausdrücken soll. Natürlich wird man sofort den Einwand erheben, daß ja die Hauptsache der gemeinsame Unterricht beider Geschlechter in denk Worte nicht zum Ausdruck komme. Immer das alte Lied: die gewissenlosen Verächter des heimischen Sprachgutes sind zugleich übergewissenhafte Sprachrichter. Als ob der ver­mißte Begriff etwa in Coeducation, das doch tvörtlich nur Miterziehung" und nichts weiter bedeutet, zum Ausdruck käme! Kann man ihn nicht ebensogut in das WortGemein"- oderGemeinnnterricht" Hineiulegen und -fühlen?, zumal! in das zweite dieser Wörter, das noch in keiner anderen Bedeutung iiblich ist, also nicht zu Mißverständnissen führen kann, während allerdingsGesamtcmterricht" als Gegensatz zuEinzelunterricht" aufgefaßt werden könnte. Sagen wir alsoGemeinunterricht" und wirken wir, ein jeder nach seinen Kräften und in seinem Kreise, dahin, daß das klägliche GewächsKoedukation" baldigst ausgerottct werde!

* Hundert gleichlautende Straßen in einem Postbezirk. Die Postbeamten Londons haben durch die vielen gleichlautenden Straßennamen der Stadt und ihren Vororten sehr oft mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. So gibt es in London nicht weniger als 22 King- straßen, 35 Queensstraßen, 51 Johnstraßen und 52 St. John- straßen. Der Londoner Grafschaftsrat hat nun den Be­schluß gefaßt, die Straßennamen zu ändern, und so eines Verkehrserleichterung zu schaffen.

* D i e A u § h i l f s st i e f e l. Inder Schule eines Vor­ortes von London hat der Lehrer mehrere Paar Stiefel gekauft, um sie armen Schülern zu leihen, die nur eilt einziges Paar Stiefel ihr Eigen nennen. Die Kinder, die sonst gezwungen waren, barfuß zur Schule zu kommen/ wenn sich ihre Stiefel in Wiederherstellung befinden, dürfeir die Stiefel eine Woche lang tragen.

Literarisches.

Die Säalburg! und der Mithraskult, eins kleine Schrift von Fr. Passauer, Verlag von Mahlan tut# Waldschmidt in Frankfurt a. M. bildet eine Bereicherung der schon zahlreich vorhandenen Saalburgliteratur, aber eine ganz besonders wertvolle, die als kulturgeschichtliche Arbeit von Be­deutung ist und deshalb jeden: Freund des römischen Altertums nicht warm gemig empfohlen werden kann. Zugleich tft das Büchlein als ein vollkommener Wegweiser fiir Besucher des Romer- kastels zu begrüßet:, ohne damit den Fachgelehrten das auf diesem Gebiete einschlägige Werk von Geheimrat Prof. Jacobi, dem be­kannten Saalburgforscher und Retchslimcskommissar, ersetzen zU wollen. Was die Passauersche Schrift für den Zweck, als, Rat­geber weiteret: Kreisen bei Besichtigung der Saalburg zu dienen, besonders geeignet erscheinen läßt, ist der Umstand, daß sich ihr Inhalt vorteilhaft abhcbt von den: trockenen und langweiligen Führerstil", der sich in neuerer Zeit in der Reiseliteratur immer breiter geltend zu machen sucht. Der Verfasser halt den Leser nicht lauge mit Einzelheiten auf, sondern schildert das Leben und Treiben in und um einem römischen Heerlager und macht so unter der Hand aud) mit den entschiedenen Teilen teä Kastels bekannt. Vor allen: dürfte das Kapital über den Mtthras- kult, der in so manchen Beziehungen zur christlichen Lehre steht, viele etwas ganz Neues bieten.

Tarrschrätsel.

Puppe

Lachs

Die Aniangsbuchstaben neben­

Ober

Ulm

stehender Wörter sind mit anderen

Nachen

Degen

Buchstaben derart zu vertauschen, daß

Bier

Nudel

man ebensoviele neue Wörter erhält,

Narbe

Diug

deren Anfangsbuchstaben den Namen

Cid

Oder

eines Erstnders und die Gebnrtsstadt

Feder

Feige

Auflösung

desselben ergeben, in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer r

Redakciom E. Anderton. Rotationsdruck und Verla» der Brühl'ichen Untvetfitätä-Buch- und Sletndruckeret. N, Lange, Gießen.