715
ien der großen Schauspielergeneration des Burgtheaters treten in lebendiger Plastik vor uns; Grillparzers melancholisch umdüsterte Erscheinung taucht auf; während die Revolution von 1848 die Straßen Wiens erfüllt, sitzt er mit einem griechischen oder römischen Klassiker still auf einer Bank im Parke und aus dem leidschwer seitwärts geneigten Haupte schweift das himmelblaue seelenreine Auge in ferne Welten; der Dichter und Intendant Halm toirb in seinem unordentlich engen Arbeitszimmer allmählich hinter dichten Wolken Zigarrenrauches sichtbar; wie ein Wollmond tritt das runde Gesicht mit der kuppelartigen Stirn hervor und der ungeschlachte Goliath mit dem sentimentalen Herzen weint vor dem Redakteur, der ihm den Niedergang des Burgtheaters vorhält. Als dritter steht Bauernfeld daneben, der ewige Nörgler, dessen Liebenswürdigkeit doch alle in seinen Bann zieht. Friedrich tz e b - b e l kommt nach Wien als ein einer fremden Welt angehörendes Menschengebilde. „Stahlblaue Augen, blondes Haar, das gerade herabfiel, blonder Bart, eine Stirn wie eine Kuppel, der schlanke Leib in abgetragenen Kleidern, die Rockärmel erreichten kaum die Handwurzel, die Beinkleider kaum die Knöchel, und dabei wiegte sich, wenn Hebbel ins Sprechen kam, der hagere Körper in den Hüften hin und her, als wenn er geschaukelt würde, und man mußte dem Nachahmungstrieb Gewalt antun, um sich nicht mit hin Und her zu roiegen, und in die Gefahr zu geraten, von der Seekrankheit ereilt zu werden. Die See. - an sie gemahnte Hebbels Erscheinung, sein schöner Nobbenkopf. Der Mann war nordisch vom Wirbel bis zur Zehe, in seinem Tun und Lassen, Dichten, Denken und Sprechen." „Im Gespräche war er am bedeutendsten. Man glaubte selbst inhaltsvoll zu denken, wenn man ihn reden hörte. Ununterbrochen strömten ihm die Gedanken und die Bilder zu und flössen wie ein erfrischender Quell aus dem Munde einer Statue. Und dazu leuchteten die stahlblauen, nixartigen Meeraugen förmlich phosphoreszierend. Hebbels Wesen hatte magnetische Kraft. Er wußte es und übte sie aus." Won seinen Anhängern forderte er uneingeschränkte Ergebenheit. Emil Kuh nahm er es übel, daß er sich verlobte und er also seine Liebe mit einem anderen Wesen teilen sollte. Ms Uhl in seinem Blatt durch einen Zufall über Mosenthals „Sonnwendhof" zwei Kritiken brachte, sah ihn Hebbel bei seinem nächsten Besuch aus seinen schönen stahlblauen Augen vernichtend an und sagte: „Ist das Freundschaft, wenn man über ein schlechtes Stück Mosenthals zwei Berichte bringt und über mein Werk nur einen?" Erwies ihm so direkt die Tur. Groß war sein Glaube an sich selbst. Als eines Morgens die Magd in seine Stube, in welcher er schaffend einherschritt, trat, um dieselbe in Ordnung zu bringen, rief ihr Hebbel donnernd zu: „Sieht Sie nicht, daß der liebe Gott bei mir ist." Die Magd sah im Zimmer umher, konnte aber den lieben Gott nicht erblicken. . . . Auch Richard Wagner wurde damals in Wien kurze Zeit heimisch. In seiner Penzinger Wohnung, für die ihm der treue Jünger Taussig von einem Tapezierer Möbel verschafft hatte, empfing er seine Freunde. Aber eines Tages war er abgereist und Taussig in wilder Aufregung, denn er war Bürge für die Möbel beim Tapezierer. Tags darauf erschien ein Vertrauensmann König Ludwigs von Bayern, um Wagner nach München zu bringen. Nie- mand wußte, wo der Meister hingereist war, nur Uhl konnte seinen Aufenthalt angeben. So folgte denn der bayerische Abgesandte Wagner nach Zürich und dann nach Stuttgart und brachte ihn von hier nach'München. Die Angelegenheit mit dem Tapezierer wurde natürlich geordnet. Auch Wagners größter Antipode in der Musikwelt Jacques Offenbach hatte sich an der Donau niedergelassen; immer wenn er in Paris fein Geld verspielt oder verspekuliert, kam er nach Wien, um hier seinen Beutel wieder zu stillen. Der arme Judenknabe, der einst mit seinem Violoncell als Bettler nach der Seinestadt gekommen war, hatte sich mit dem Zauber seiner Melodien die Welt unterworfen. Bei all feinem Geiz -und feiner Eitelkeit war er eine faszinierende
Erscheinung. „Nicht groß, nicht klein, ein wenig nach vorne, wie über das Violoncell gebeugt, hager, die Glieder wenig mit Fleisch bekleidet, dafür stets, wenn die Mittel es irgendwie erlaubten, mit Kleidern vom besten Schneider, der Kopf schmal und fein, die Schläfen eingesunken und die Adern daran sichtbar, die Stirne hoch, teils von Haus aus, teils durch die Flucht des dünnen aschblonden Haares, der Adamsapfel sehr ausgebildet, rund um diesen welke Hautfalten, Wangen und Oberlippe von spärlichem, in jedem Jahre anders gefärbtem Haare fast bedeckt, schmale Lippen, fast zwei rote Notenlinien, und die Augen, blaue Augen, hinter Gläsern hervorblitzend. So stechende Augen, mit einer Art von Spießblicken, hat man selten auf sich gerichtet gesehen." . . . Die abergläubischen Schauspieler behaupteten denn auch steif und fest, Offenbach habe den bösen Blick und könne Unglück anhexen.
vermischtes.
* Graf Zeppelin durchsegelt nicht nur die Lüfte mit seltenem Wagemut und bahnbrechendem Erfolge, sondern ist auch von Jugend auf em kühner Schwimmer. Dis Schwimmerzeitung teilt darüber bemerkenswerte, bisher unbekannte Episoden mit. In feinen jungen Jahren vollführte der Graf bereits ein gefährliches Wagestückchen bei den Niagarafällen. Er hatte beobachtet, wie ein Stückchen Holz den Strudel hinab zu einem Felsen getrieben wurde, und wohin das Holz gekommen, wollte auch er sich hinwagen. Er warf sich also in die brausende, brandende Flut und gelangte glücklich bis an den einsamen Klippenvorsprung, von dem aus sich ihm das mächtige Naturschauspiel der nieder- türzenden Wasser in seiner ganzen Schönheit erschloß. Seine ;roße Schwimmttichtigkeit hat er im Kriege 1858 rühmlichst bewährt, als er in der Schlacht bei Aschaffenburg schwimmend unter Einsetzung seines Lebens eine wichtige Nachricht über den Main brachte und dadurch das Schicksal der gesamten württembergischen Division entschied, wofür er vom König von Württemberg durch Verleihung des Ritterkreuzes des Militärverdienstordens belohnt wurde. Diese schwimmerische Heldentat ist weniger bekannt, aber zweifellos ebenso mutig und wichtig, als sein Reiterstückchen von 1870. Auf Anfrage wird darüber näheres mitgeteilt: Es handelte sich an dem fraglichen Tage des Jahres 1836 darum, die Verbindung zwischen den württembergischen und den auf dem linken Mainufer befindlichen hessischen Divisionen herzn- stelleu. Die Brücken bei Aschaffenburg und Stockstadt waren, von: Feinde befetzt. Gras Zeppelin hatte den Aufttag, bie Verbindung herzustellen, übernommen. Nach anstrengen- dem Ritt in großer Hitze, der die Kräfte seines Pferdes völlig erschöpft hatte, mußte er ohne dieses, in voller Uniform, mit holten, auf den halben Oberschenkel reichenden Stiefeln unb schwerem Säbel den Strom durchschwimmen. Etwa auf halbem Wege verließen ihn die Kräfte. Er mußte sich auf den Grund sinken lassen, von dem er sich aber wieder ao- stoßen konnte, nm an der Oberfläche Luft einzuatmen. Nacy mehrmaliger Wiederholung dieses Manövers gelang es dem Grasen schließlich, dem Ufer so nahe zu kommen, daß er, noch im Wasser sitzend, sich erholen konnte. Das Zuruckschwimmen nach erfülltem Auftrage bot keine Schwierigkeiten mehr. .
* Eine Uhr, die mit beißen Quellen betriebe n w i r d. Die merkwürdigste Uhr der Welt ist wahrscyein- lich eine Turmuhr, welche den Bewohnern einer kleinen amerikanischen Stadt des Westens die Zeit anzeigt. Hinter dem Marktplatz der Stadt bringt eine heiße Quelle aus dem Boden Uild zwar spritzt der Geyser in ab; olut regelmäßigem Zeitabstande von 38 Sekunden in die Lüfte. Die,er ^t-aifcr» strahl wird nun benützt, nm die Uhr gehen zu machen. Der Wasserstrahl drückt auf einen Mechanismus, welcher wieder mit einem Zeiger in Verbindung steht, der auf einem Zisser- Matt die Zeit angibt. Der Zeiger rückt also alle 38 Sekunden weiter und die guten Bürger von Denbington, so heißt das Städtchen nämlich, können sich nach diesem merkwürdigsten aller Chronometer richten.
» Goethe als Einbrecher. Die neue Ausgabe der Eüermannschen „Gespräche mit Goethe", die soeben im Verlag von F. A. Brockhaus erschienen i)t und neben dem zum ersten Male kritisch gesäuberten Text und manchem neuen Material über Eckermanns Leben und Werk eine reiche Auswahl sachgemäßer Illustrationen enthalt, die den Wortlaut der „Gespräche", besonders die zahlreichen Kuiistdebatten


