Ausgabe 
14.11.1908
 
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keim heiligen Namen Goikes, das soll ihnen nicht so hingehen! Er eilte auf die Tür zu; Lecoq aber hielt ihn an;

Was wollen Sie denn tun, Herr Direktor?

Ich? Ich werde alle Beaniten meiner Anstalt zusammcn- rufen, ihnen erklären, daß ein Verräter unter ihnen ist, und daß nnr dieser Mensch überliefert werden muß. Ich will ein Exempel statuieren! Und wenn binnen nun und vierund-zwanzig Stun­den der Schuldige nicht entdeckt ist, so soll das ganze Personal der Anstalt erneuert werden!

Abermals eilte er dem Ausgang zu, und diesmal mußte Lecoq beinahe Gewalt anwenden, nm ihn jurückzuhaltcn.

Ruhe, Herr Direktor! Ruhe, mäßigen Sie sich!

Ich will den Schuldigen bestrafen!

Ich begreife dies, aber warten Sie danrit, bis Sie wieder Ihr lüttes Blut erlangt haben! Möglicherweise ist der Schuldige gar keiner von Ihren Aufsehern, sondern gehört zu den Häft­lingen, die zu allerlei Dienstleistungen verwandt Iverden und jeden Morgen bei der Austeilung des Essens helfen.

Ach, lu-oS macht das aus!

Bitte, das macht sehr viel aus! Wenn Sie Lärm schlagen, trenn Sie ein einziges Wort verlauten lassen, so werden wir niemals die Wahrheit entdecken. Der Verräter wird nicht so töricht sein, sich selbst anzugeben, wohl aber wird er vernünf­tig genug sein, es nicht wieder zu riskieren. Wir müssen schwei­gen, uns verstellen und warten. Wir werden eine strenge lieber» ivachung einrichten und den Schelm auf frischer Tat ertappen.

Diese Bemerkungen waren so treffend, daß der Direktor nach- Wrb.

Mciuetwegm! seufzte er; ich werde mich also in Geduld fassen. Aber toir wollen doch jedenfalls nachsehen, was das Brotkügelchen enthält.

.Hiervon wollte jedoch Lecoq nichts wissen.

Ich habe Herrn Segmüller benachrichtigt, erklärte er, daß es Heute morgen ohne Zweifel etivas neues geben würde, und er niuß mich in seinem Kabinett erwarten. Ich bin ihm jedenfalls das Vergnügen schuldig, ihn eigenhändig diese Brothülle zerbrechen Ku lassen.

Der Direktor war ganz untröstlich Ach, er hätte jetzt viel darum gegeben, den Virfall geheim zu halten; aber daran war Nattirlich nicht zu denken.

Also gehen wir zum Untersuchungsrichter! sagte er.

Sie gingen, und unterwegs bemühte Lecoq sich nach Kräften, dein würdigen Direktor klarzumachen, daß er sich gar nicht so sehr über einen Umstand aufzuregen brauche, der für den Gang der Untersuchung ein wahrer Glücksfall sei. Als sic das Kabinett des Richters betmten, sprangen Segnrüller und sein Sekretär von ihren Stühlen auf. Sie hatten auf dem Gesicht des jungen Beamten eine große Neuigkeit gelesen.

Was gibt's? fragte der Richter aufgeregt.

Statt zu antworten, legte Lecoq das idstbave BrvtWgelchen Mif den Schreibtisch, und ein Blick belohnte ihn dafür, daß er die AusmerksamLit gehabt, es nicht öffnen.

Es enthielt einen kleinen zufamanengerollten Streifen von Lllerfeinstem Seidenpapiev. Segnrüller entfaltet« es und glättete «S auf seinem Handballen. Kaum aber hatte er einen Blick darauf geworfen, so runzelte er die Brauen und rief, mit einem Heftigen Faustschlag auf den Schreibtisch:

Ah, das Billett ist in Chiffern geschrieben!

Das war zu erwarten! sagte Lecoq ruhig. Er nahm dem Richter den Zettel aus der Hand und las mit klarer deutlicher Stimme die darauf geschriebenen, durch Kommata von einander getrennten Zahlen vor:

235, 15, 3, 8, 25, 2, 16, 208, 5, 360, 4, 36, 19, 7, 14, 118, 84, 23, 9, 40, 11, 99.

Da werden wir also durch diesen J-und nichts erfahren! mur­melte der Direktor.

Wer warum nicht? bemerkte der ewig lächelnde Goquet. Es gibt keine Geheimschrift, die man nicht mit ein wenig Ge­schicklichkeit und Geduld entziffern könnte! Es gibt Leute, die das berufsmäßig machen.

Ganz gewiß, pflichtete Lecoq ihm bei, und ich selber hatte früher eine recht hübsche Gewandtheit darin.

Wie? fragte der Richter, Sie hoffen, den SMüssÄ zu diesem Billett zu finden?

Mit der Zeit, ja, Herr Richter.

Er wollte den Zettel in die Tasche flecken, aber Segnrüller bat, denselben erst zu prüfen und doch wenigstens zu unter­suchen, ob die Arbeit sehr schwierig sein würde.

Oh, das lohnt sich jetzt nicht, sagte Lecoq. In einem so kurzen Augenblick kann nian darüber kein Urteil gewinnen.

Trotzdem aber sah er sich den Zettel noch einmal an, und es

war gut, daß er dies tat, denn plötzlich erhellten sich sein«! Züge, und er rief, indem er sich vor die Stirn schlug-

Ich hab's!.

Richter, Direktor und Goquet stießen gleichzeitig einen Rn, der Ueberraschung, vielleicht des Zweifels aus.

Wenigstens möchte ich darauf wetten, fügte Lecoq vorsichttg hinzu. Der Angeklagte und sein Gehilfe bedienen sich, wenn ich mich nicht sehr irre, des Systems desdoppelten Buchs". Es ist sehr einfach: die beiden Korrespondenten verabreden, welches Buch sie benutzen wollen, und verschaffen sich zunächst jeder ein Exemplar von derselben Auflage. Wie macht es nun der eine, um dein anderen eine Nachricht zu geben? Er schlägt das Buch auf gut Glück auf und schreibt die Zahl der gefundenen Seite hin. Auf dieser Seite braucht er nunmehr nur die Wörter zu suchen, die er notier hat, um seinen Gedanken ausdudrücken. Wenn das erste passende Wort das zwanzigste auf der Seite ist, so schreibt er die Zahl 20, dann zählt er wieder 1, 2, 3 usw, bis er auf das nächste passende Wort trifft. Ist dies Wort das sechste, so schreibt er: 6, und so fort, bis er mit seinem Brief fertig ist. Sie sehen also, was der Empfänger eines solchen Billetts zu tun hat: er schLägt die bezeichnete Seite auf und setzt für jede Zahl dms betreffende Wort ein.

Man kann unmöglich klarer sein! bemerkte der Richter bei- stimmend.

Wenn dieses Briefchen hier zwischen zwei in Freiheit be­findlichen Personen gewechselt wäre, so wäre es Heller Wahn­sinn, tot Sinn desselben herausbringen zu wollen. Dieses ein­fache System ist dlas einzige ganz zweckmäßige, weil man mit dem größten Sckiarfsinn nicht erraten kann, welches Buch zur Vermittlung dieses Verkehrs dient. Aber hier liegt die Sache ander's: Mai ist Gefangener, und er hat nur ein einziges Buch in seinem Besitz, Bärangers Lieder. Holen wir dieses Buch. . .

Der Direktor war einfach begeistert und rief:

Ich werde selbst hintan scn und es holen!

Doch Lecoq hielt ihn noch durch eine Handbewegung zurück:

Bor allen Dingen, Herr Direktor, seien Sie recht vorsichtig, damit Mai nicht merkt, daß man sein Gedichtbuch ange­rührt hat. Wenn er schon von seinem Spaziergang zurück ist, so lassen Sie ihn unter irgend einem Vorwand wieder hinaus­gehen uuo draußen bleiben, so lange wir sein Buch bei uns haben.

Oh, verlassen Sie sich auf mich! antwortete der Direktor.

Er ging hinaus und beeilte sich so sehr, daß er kaum zehn Minuten darauf wieder da war, ein kleines Bändchen in Sedez­format triumphierend in der Lust schwingend.

Mit zitternder Hand schlug Lecoq Seite 235 auf und begann zu zählen. Das fünfzehnte Wort auf der Seite war:Ich", das dritte daraufhabe", das achteihr", das fünsundzwanzigste Ihren", das zweiteWillen", das sechzehntemitgeteilt".

Also schon aus diesen sechs Zahlen ging ein klarer Sinn hervor:

Ich habe ihr Ihren Willen mitgeteilt."

Tie drei anwesenden Personen konnten sich nicht enthalten, ihren Beifall zu äußern.

Bravo, Lecoq! sagte der Richter.

Ich würde keine fünf Franken mehr auf Mai wetten! dachte Goquet.

Lecoq zählte immer noch tveitcr und konnte bald darauf mit einer Stimme, der man seinen inneren Stolz anhörte, die Uebertvagung des ganzen Billetts vorleseir. Es lautete:

ßd) habe ihr Ihren Willen mitgetcilt. Sie ergibt sich darein. Unsere Sicherheit ist also ungefährdet, mir erwarten Ihre Befehle, um weiter vorzugehen. Hoffnung! Mut!

iForlfetzung folgt.)

Aus dsn Erinnerungen eines Redakteurs.

Das reichbewcgte Leben eines Zeitungsmannes, dem in den weiten Kreisen der Gesellschaft und Kunst seiner Zett nichts fremd geblieben ist, entfaltet sich vor uns in den Erinnerungen des langjährigen Chefredakteurs derWien. Zeitung" Friedrich Uhl, die aus seinem Nachlaß unter dem TitelAus meinem Leben" bei Cotta soeben veröffent­licht werden. In vielgestaltigen Szenen und Bildern zieht das Leben Wiens um die Mitte des 19. Jahrhunderts an uns vorüber, und mit der ausgelassenen Tollheit des Pariser Karneval und dem zweiten Kaiserreich wechseln erschüt­ternd tragische Eindrücke vom böhmischen Kriegsschauplatz 1866. In engster Berührung stand Uhl durch seine Stellung mit dem Wiener Theaterleben; Laube und Dingelstedt sind ihm nacheinander gute Freunde geworden. Die Gestal-