Ausgabe 
14.11.1908
 
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Samstag den ft. November

1908

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W^ie DiogeU in feinem nften 9M, So lach' ich fwh und fvei uni» trinke.

'Erst als die Mffchr» mit dem Essen eintraten, hörte er an? zu singen.

So verlief der erste Tag, so der $toeU6; und die folgeudeiL trugen genau das gleiche Gepräge: Singen, essen, schlafen, feine Hände und Nägel pflegen damit verstoß der Tageslauf des angeblichen Akrobaten. Seine sich stets gleichbleibeude .Haltung war die eines Mannes von lehr glücklicher Gemütsaulage, der sich über alle Maßen langweilt.

Jedenfalls spielte der rätselhafte Mensch seine Rolle so aus­gezeichnet, daß Leeoq, nachdem er sechs Tage rind sechs Nächte, platt auf dem Bauch liegend, auf feinem Hängeboden verbracht hatte, feinem Ziel noch nicht um Haaresbreite näher war. Trotzdem! verzweifelte er durchaus nicht. Er hatte bemerkt, daß jeden Morgen' um die Stunde der Esseuverteilung, wenn die Beamten des Ge- fängnisses durch alle Korridore gingen, der Angeklagte unfehlbar sein Lied von Diogenes anstimmte.

Offenbar, sagte Lecog zu sich selber, ist dies Lied ein Signal, Mas geht wohl da bei dem Fenster, wohin ich nicht sehen kann, vor sich? Nun, morgen werde ich das wissen.

Am anderen Tage setzte er es in der Tat durch, daß Mai schon um halb elf zum Spaziergang abgeholt wurde, und uahist den Direktor mit in die Gefangenenzelle. Der würdige Beamte war nicht fehr erbaut über die Störung seiner Morgeuruhe.

Mas wollen Sie mir denn eigentlich zeigen? fragte er wiederholt. Was gibt es denn so merkivürdiges?

Vielleicht gar nichts! antwortete Lecog, vielleicht etwas sclch Wichtiges. . J

In diesem Augenblick schlug es' elf, lind er stimmte das Lied au:

Wie Diogen in seinem alten Rock...

Kaum hatte er die. zweite Strophe begonneir, als eine Kugel aus Brotkrume, von der Größe einer Fliutenkugel, in geschicktem Bogen über den Bretterverschlag vor dem Fenster geworfen> ihnen vor die Füße rollte.

Hätte der Blitz in Mais Zelle eingeschlagen, der Direktor hatte keiner! größeren Schreck bekoimrieir können, als durch dies Harm- lose Wurfgeschoß. Er stand ganz starr vor Erstaunen, mit offenem; Mund und weit aufgerissenen Augen, als ob er seinen eigenen Sinnen nicht traute. Den Augenblick vorher rwch hätte er feinen kahlen Kopf dafür eiusetzen mögen, daß feine Gcheimzellen unnaA bar seien. Er sah seine Airstalt entehrt, lächerlich gemacht.

Ein Brief! wiederholte er verblüfft. Ein Brief!

Schnell wie der Blitz Hatto Seeon die Botschaft aufgehoben und drehte triumphierend die Brotkugel zwischen seinen Fingern, wobei er murmelte: ...

Ich hatte es ja gesagt, nufere Lento haben Beziehungen mir der Außenwelt.

Die Freude des jungen Beamten verwandelte, begreiflicher^ weise, die Bestürzung des alten Direktors in offene Wut.

Ah! rief er, vor Zorn stammelnd. Ah! meine HltftUngq schreiben sich. Ah! meine Aufseher spielen die Briefträger! aber.

Herr Lecoq.

Kiriminal-Roman von E. Gaboriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Leeoq tat, als hörte ev diese verletzende Bemerkung nicht. Seit zwei Wochen tvar der General fortwährend so ausfallend gegen ihn, daß er befürchtete, die Selbstbeherrschung zu verlieren, Wenn er sich in eine Auseinandersetzung einließe. Besser war es, zu schweigen und nach dem Erfolg zit streben. Erfolg haben! Das ist die Rache, die alle Neidischen zerdrückt! .1

Uebrigeus sprach er schon deshalb nicht, damit die beiden Herren nicht etwa länger verweilten. Vielleicht beargwöhnte er Govrol, er könnte imstande sein, durch irgend ein Geräusch die Aufmerksamkeit des Gefangenen zu erwecken.

Endlich gingen sie. Schleunigst breitete Leeog seine Decke aus und legte sich der Länge nach daraus, so daß er abwechselnd fein Ohr oder sein Auge an das Loch bringen konnte. In dieser Lage hatte ev einen ausgezeichneten Ueberblick über die Zelle. Er bemerkte die Tür, das Bett, den Tisch, den Stuhl; nur ein kleiner Raum am Fenster und das Fenster selbst ent­gingen feinen Blicken.

Kaum tvar er mit feiner Umschau fertig, so klirrten die Riegel. Mai kam von feinem Spaziergang zurück. Er war sehr lustig und erzählte eine Geschichte, die ohne Frage sehr interessant fein mußte, denn der Sluffeher blieb noch eine Weile in der Zelle, um das Ende abzuwarten. Leeoq war entzückt Aber den Ausfall der Probe. Er hörte ebenfo gut wie er sah. Die Töne schlugen so deutlich an sein Ohr, als wenn er ein Hörrohr angesetzt hätte. Er verlor kein Wort von der ziemlich schlüpfrigen Geschichte.

Nachdem der Aufseher sich entfernt hätte, machte Mai einige Schritte in seiner Zelle hin und her; hierauf setzte er sich, öffnete den Band von Bsraugev und schieir eine Stunde lang ganz vertieft in das Studium eiues Gedichtes. Zuletzt warf er sich auf sein Bett.

Erst als das Abendessen gebracht wurde, stand er auf, um mit gutem Appetit zu essen. Hierauf nahm er wieder fein Liederbuch vor und ging erst zu Bett, als das Ausloschen Lichtes befohlen wurde.

Leeoq wußte wohl, daß er während der Nacht voll seinen Augen keinen Gebrauch würde machen können;ober gerade tm Dunkeln hoffte er, irgend welche Ausrufe zu hören, aus denen! die Wahrheit sich schließen ließe. Seine Erwartung wurde getauscht. Mai wälzte sich aus seiner Matratze hin und her, stöhnte auch ab und zu, ja, es war sogar, als ob er schluMt-e, aber er sprach feine (Silbe.

Am Morgen blieb er sehr lange im Bett. Erst als er um elf Uhr das Signal zur Austeilung der Frühmahlzeit horte, sprang er mit einem Satz aus dem Bett, ging ein paarmal in der Zelle auf und ab und stimmte dann ans voller Brust ein altes Lied an: