Ausgabe 
14.10.1908
 
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fett ;o bewundernswert führte. Nein. Sondern ivcil sie ihm ihren Leib ohne Widerspruch zu eigen gab. Dieser Leib er hatte nie ein anderes Weib gesehen und sie war ihm die Schönheit selbst dieser Leib lag vor ihm int Sarge. Die lachenden Augen waren gebrochen, die Ohren taub für immer, der redselige Mund auf eivig verstummt.

Stumm blieb auch er. Das einzige, was ihm wert schien, ausgesprochen zu werden, erreichte das Herz nicht mehr, in dem es ein Echo finden konnte. Mair mußte den Ohnmächtigen vom Sarge heben, um das traurige Geschäft vollenden zu können.

Die Mutter des S ch auspicle r s.

Hochgeschätzter Herr Redakteur! Sie haben heute wieder meinen Sohn heruntergerissen, warum verfolgen Sie ihn, er hat doch immer Applaus und sein Direktor ist mit ihm doch so zufrieden, denn er gibt ihm die größten Rollen und neulich hat er seiber zuerst gellatscht!! Mein Sohn gibt sich doch so viel Muhe, um das Publikum uud die werte Kritik zufriedenzustellen, uud heute früh kommt er uud sagt, Mutter, sagt er, ich weiß schon nicht mehr, was ich tun soll, der Kritiker ist mir so aufsässig, wenn ich nur jemanden wüßte, der nut ihm sprechen könnt, das; er mich nicht immer und immer tadelt? Ich lern doch meine Rollen die halbe Nacht, Du weißt ja, Mutterl, Du hörst sie mir ja immer ab und ich könnt sie ganz ohne Souffleur spielen. Nachm dritten Alt haben sie dpch so applaudiert und da steht, daß ich die Rolle nicht verstanden habe. Die Kollegen, nicht alle, aber die meisten sind mir doch neidisch Sie wissen gar nicht, lieber Herr Redakteur, wie viel Jntriguen es auf dem Theater hinter den Kulissen gibt, wie boshaft die Menschen sind und wie man sich um alles annehmen muß, sonst bringt man es zu nichts. Mienn mein Franzi eine Rolle gespielt hat, so kleben sie ihm am andern Tag Ihre Kritik auf seinen Garberobeutifch auf und er darf nichts sagen. Er hat sich auch noch nie verleiten lassen, über Sie zu schimpfen, wie es doch alle seine Kollegen tun, namentlich die, die von Ihnen gelobt werden, die am aller­meisten. Hochgeschätzter Herr Redakteur, mein Sohn hat Recht, er weiß niemanden, der bei Ihnen für ihn spricht, da habe ich mir gedacht, ich bin doch feine Mntter, ich darf für ihn sprechen, aber er soll cs nicht erfahren, das möchte ihn gewiß verdrießen. Er ist ein so guter Sohn zu mir, er bleibt immer bei mir, nicht tote die anderen Künstler, er ist ein braves Kind und ich bin so glücklich, aber nur daß Sie ihn verfolgen, macht mich unglücklich und ihn auch. Ich kann es gar nicht begreifen, daß er Ihnen nicht gefällt, aber freilich, Sie meinen es aufrichtig, ich will nicht daran zweifeln und Ihnen keine Borwürfe machen, Gott bewahre. Ich hab ihn getröstet, er soll sich nichts daraus machen, er soll nur fleißig sein, Sie werden ihn schon eines Tages loben. Wäre es deitn wirklich unmöglich? Entschuldigen, Herr Redakteur, diese lange Belästigung, er ist mein Sohn, und da werden Sie es mir gewiß nicht übel nehmen, daß ich hinter seinem Rücken Ihnen meine Bitte vorgetragen habe und seinen Zustand geschildert. Mit aller Hochachtung Ihre dankschuldige N. N.

Die Haarpflege.

Die verachtete Stellung, welche bisher die Kosmetik einnahm, und die Ansicht, daß die Schönheitspflege nur eine Dienerin der Eitelkeit sei, hat in den letzten Jahren doch eilte wesentliche Aenderung erfahren. Je mehr die Bedeutung jedes Organs unseres Körpers für den gesamten Organismus gewürdigt wurde, je mehr wir die Wichtigkeit der Zähne für die Ernährung und die große Abhängigkeit der Gesundheit von einer wohlgepflegten Haut erkannten, desto mehr waudelte sich der Begriff der Kosmetik, und was früher unwürdig erschien, erhielt jetzt Berechtigung. Man hätte nun annehmen können, daß mit der zunehmenden Ver­breitung einer rationellen Hautpflege auch das Kopfhaar, dieses Produkt der Haut, eine verständigere Behandlung als bisher erhalten und die oft unglaubliche Mißhandlung der Haare aus Gleichgültigkeit ober aus entarteten und falschen Schönheitsvorstelluugen schwinden würde. Gerade in dieser Beziehung haben aber bei dem großen Publikum richtige Ansichten noch wenig Eingang gefunden, und es fcheint sogar, als ob das Gegenteil eingetreten {ft, da man in den letzten Jahren mehrfach einer deniimondatnen un­feinen Mode huldigend sein .Haar regelmäßig zu färben begann. Daß die Anwendung solcher Färbenttttel, die

meistens Gifte enthalten, nicht ohne Nachteil auf das Haar bleiben kann, ist selbstverständlich, und häßliche Härte oder direkter Ausfall ist dann die natürliche Folge. Ein volles weiches Haar ist aber der schönste Kopfschmuck, den Mann oder Frau haben können, und jeder kann sich diesen Kopf­schmuck bis in das höchste Alter sichern, wenn dem Haar die richtige Pflege gewährt wird. Dazu gehört in erster Linie die Erkenntnis, daß die Haarwurzeln gesund bleiben müssen, und mit den Haarwurzeln die Kopfhaut, in der sie sitzen. Die Kopfhaut also muß gleichzeitig gepflegt werden durch geeignete Waschungen, und indem man an sie in ge­nügender "Weise die Luft yerantreten läßt, um die. Aus­dünstung sortzuführen und kräftigend einzuwirken. Daß bei den Männern die Kahlköpfigkeit verhältnismäßig so verbreitet ist, dürfte mit durch Abschluß der Kopfhaut von der Luft veranlaßt sein: Mit Pomade wird das Haar fest angeklebt, der Filzhut des Mannes hält die frische Luft der Kopfhaut fern, und so wird dieselbe systematisch einer natürlichen Anregung beraubt, sie wird blutarm und vermag nicht ihren Kindern, den Haarwurzeln, die notwendige Er­nährung zu geben. Allein der Kampf, die Heftung kräftigen und stählen, uud das gilt auch von der Körperhaut im ganzen sowie der Kopfhaut im einzelnen. Der Neger, der Seemann, bereit Kopf jeder Witterung, und sehr oft unbe­deckt, begegnen muß, haben fast ausnahmslos ihr volles Haar, weil ihre Kopfhaut int Kampf mit den Witterungs- verhältnissen stark und kräftig blieb. Dieses Beispiel sollte auch bei uns nicht unbeachtet gelassen werden. Es wäre sehr gut, wenn wir uns daran gewöhnen würden, im Freien den .Hut bisweilen in der Hand zu tragen, damit Sonne uud Wind um Haar und Kopfhaut ungehindert spielen und ihren wohltätigen Einfluß ausüben können. Daß die Kahlköpfig­keit bei Frauen seltener als bei Männern ist, verdanken sie unziveifelhaft unter anderm ihren wesentlich leichteren Hüten und der Art und Weise, wie sie bett. Hut auf dem Kopf befestigen. Er umschließt nicht eng wie beim Mann fast den ganzen behaarten Oberteil des Kopfes, sondern läßt die Kopfhaut selbst der Luft zugänglich, da der Hut haupt­sächlich auf der Haarkrone getragen wird. Allerdmgs be­gehen die Frauen außer der fchou oben gerügten Geschmack- iofigkeit des Haarfärbens häufig den Fehler, daß sie beim Waschen der Haare deren Nährboden, die Kopfhaut ver­gessen. Bei ihr aber hat das Haarwaschen zu beginnen,, damit sich nicht die Hanptporen verstopfen und die Haar- wurzeln leiden, ttnb sehr empfehlenswert hierfür smb Teer­feifen ober entsprechende Teerpräparate, weil mit btqett die Reinigung in mehrfacher Beziehung wohl die vollkom- menste wird. Wenn nach einer solchen oder einer anderen Waschung das .Haar sich hart und spröde ansühlen sollte^ so ist in sehr mäßiger Menge ein feines Oel htneinzuretben, dagegen find alle Pomaden, die die Haare zusammentleben und ihre Durchlüftung verhindern, zu verwerfen.

VermStzchres.

* Eine Re gier tut g als Hüterin des guten Geschmacks. Aus Weimar wird denM. N. Nachr. geschrieben: Tas Großherzogliche Staatsmtntsterium hat an die Bezirksdirektoren einen Erlaß gerichtet, in dem es heißt: ,Wir haben mit Bedauern wahrgenommen, daß die Verwen­dung gemusterter und mit Inschriften versehener Tachdeckun- gen, insbesondere anch mehrfarbige Zementdachsteme ut vielen Ortschaften des Großherzogtums immer mehr in Aufnahme kommt. Daß Dächer, auf denen riesige Buch­staben, Jahreszahlen, Spitzeukanteu, schachbrettartige und andere Muster hergestellt sind, wie kaum em anderer ästhe­tischer Verstoß die ruhige und gefällige Wirkung der. Orts­bilder beeinträchtigen, bedarf nicht der näheren Tarwgttng. In besonders grellen Fällen kann von der Baupoltzetve- hörde von der ihr eingeräumten Befugnis, die Genehmigung zu versagest, Gebrauch gemacht werden."

* Türkische Karikaturen. Seitdem dcw türkische Großstadtleben sich von dem Ansturm eines neuen refor­matorischen Geistes durchwühlt und erregt suhlt, ist die leider erst von einem neuen, großen Brande heiingesuchte Haupt- und Residenzstadt Konstantinopel eine ganze andere geworden. Eine der charakteristischsten Erscheinungen der neuen Zeiten ist das Ueberhandnehmen der Streiks; nicht minder charakteristisch sind das geradezu erstaunliche Aus. blühen der Presse und das Erscheinen von Witzblatterst. Bisher hatte man Witzblätter ut der Türkei ube.Haupt