Ausgabe 
14.10.1908
 
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in den Kops gesetzt, und ich bin Bretone. Es ist eine Gefälligkeit, um die ich Sie bitte. Sie können meinen Wagen wenigstens so lange benutzen, bis die dreißig Franken von den Frauenzimmern abverdient sind.

Es wäre lächerlich und zugleich unhöflich gewesen, diesen Wunsch abzuschlagen. Leeoq nickte also und trat schnell in die Morgue ein.

Wenn draußen schon viele Menschen standen, so waren die düsteren Stimme selbst geradezu gepreßt voll. Lecog mußte ener­gisch seine Ellbogen gebrauchen, um sich durchzudrängen. Der Anblick war häßlich, ja so häßlich, daß man sich wohl fragen durfte, welchen Trieben die neugierigen Besucher folgten, indem sie an diesen Ort kamen. Und es waren sogar Frauen in großer Anzahl da, auch junge Mädchen!

Allerdings war an diesen! Morgen das MusstellungszimMer reich besetzt. Auf allen Marmorplatten, außer zweien, lagen Leichen.

Durch die kleinen Bogenfenster fiel ein bleiches Licht auf die ausgestellten Körper, ließ die Muskeln der grünlichen Glieder hervortreten und beleuchtete mit trübem Schein die ringsumher Mfgehängten meist zerlumpten Kleider, die ausgestellt werden, um vielleicht zur Erkennung zu führen, und die nach Ablauf einer gewissen Zeit verkauft werden denn verloren geht nichts!

Mer der junge Kriminalbeamte war zu sehr mit seinen Ge­danken beschäftigt, um dem häßlichen Schauspiel Beachtung zu schenken. Kaum warf er einen Seitenblick auf die drei Opfer seines Falles". Er suchte den alten Absinth und entdeckte ihn Nicht. Hatte etwa Gövrol, absichtlich oder nicht, sein Versprechen verletzt, oder hatte etwa der Alte von der Rue de Jerusalem beim Morgengläschen seinen Auftrag vergessen?

Schließlich wandte Leeoq sich an den Oberansseher und fragte:

Wie es scheint, hat noch niemand einen von den drei Un­glücklichen von voriger Nacht erkannt?

Niemand, obwohl seit heute früh ein wahnsinniges Gedränge hier >oar. Missen Sie, wenn ich zu bestimmen hätte, ich würde an Tagen wie heute ein Eintrittsgeld von zwei Sons für die Person verlangen, Kinder und Soldaten die Halste, und man würde famose Einnahmen machen, man würde auf diese Art die Kosten decken.

Entschuldigen Sie, unterbrach Leeoq ihn, ohne auf diesen Gesprächsgegenstand einzugehen, hat man Ihnen nicht gleich heute früh einen Kriminalbeamten geschickt?

Allerdings.

Wo ist er denn hingekommen? Ich bemerke ihn nicht.

Der Aufseher musterte, ehe er antwortete, mit einem miß­trauischen Blick hen zudringlichen Frager und sagte endlich zögernd:

Sind SieEiner"?

Tiefer Ausdruck war aufgekommen, als zur Restaurations- Keit niederträchtige Lockspitzel ihr Wesen trieben, und bezog sich nur auf die geheime Polizei. Man warEiner" oder man war Keiner". Die Bezeichnung hat den Wechsel der Zeitläufte über­dauert.

Ich binEiner", antwortete Seern?, indem er zur Bekrästi- 0ii.it8 seine Marke sehen ließ.

And Sie heißen. . . ?

Leeoq.

Das Gesicht des Oberaufsehers verzog sich plötzlich zu einem Lächeln und er sagte:

In diesem Falle habe ich einen Brief für Sie, er ist mir Vor kurzem von Ihrem Kameraden zugestellt worden, der sich Entfernen mußte. Hier ist er.

Leeoq riß hastig den Umschlag aus und las

Herr Leeoq . . .

Herr" diese einfache Höflichkeitssormel entlockte ihm- ein leichtes Lächeln; doch er las weiter:

Herr Leeoq, ich lvär .seit der Oeffnung der LeichenhalA auf meinem Posten, als gegen neun Uhr drei junge Leute ein­traten, ihrem Anzuge und Benehmen nach Geschäftsangestellte. Plötzlich sehe ich, wie einer von ihnen weißer wird als feilt Hemd und seinen Begleitern einen von unseren drei Unbekannten zeigt, wobei er sagt: Gustave!

Sofort legen feine Kameraden ihm die Hand aus den Mund und sagen: Willst du schweigen, Dummkopf; was geht dich das an? Willst du uns denn Unannehmlichkeiten mit den Gerichten auf den Hals laden?

Damit gehen sie hinaus und ich hinterher!

Aber der junge Mann, der gesprochen hatte, war so auf­geregt, daß er sich kaum weiterschleppen konnte; darum! sind die Andern mit ihm in eine kleine Wirtschaft gegangen.

Ich bin ebenfalls eingetreten und schreibe Ihnen von hier aus diesen Brief, wobei ich die Leutchen fortwährend im Auge

behalte. Der Oberaufseher wird Ihnen dieses Papier zustelleii, das Ihnen meine Abwesenheit erklärt. Wie Sic denken können, werde ich mich den Burschen an die Fersen heften. Abs.

Dieser Brief war in einer saft unleserlichen Hand geschrieben und wimmelte in jeder Zeile von orthographischen Fehlern, aber er war klar und deutlich und berechtigte Leeoq zu den schmeichel­haftesten Hosfnungen. Sein Gesicht strahlte also, als er wieder in die Droschke stieg, und der alte Kutscher konnte sich, während er seinem Pferd einen ermunternden Hieb versetzte, nicht ent­halten zu fragen:

Es geht also, wie Sie wollen?

Ein freundschaftlichesPst!" war die einzige Antwort des jungen Beamten; er brauchte seine ganze Aufmerksamkeit, um sich die nenerhältenen Auskünfte im Geiste zurechtzulegen.

Als er vor dem Justizpalast ausgestiegen war, könnte er nur mit der größten Muhe den alten Kutscher loswerden, der durch­aus Noch ihm zur Verfügung bleiben wollte. Schließlich gelang es ihnr aber doch; als er schon im Portal war, rief der altes biedere Mann von seinem Kutschbock ans ihm nach:

Bei Trigault! Vergessen Sie nicht! Vater Papillon, Nummer 998 tausend weniger zwei!

Im dritten Stockwerk angekommen, wo die Amtszimer der Untersuchungsrichter sich besinden, wandte sich Leeoq an feinen Gerichtsboten, der an einem großen Schreibtisch saß und fragte:

Herr d'Escorval ist wohl in seinem Kabinett?

Der Angeredete schüttelte 'traurig den Kopf und erwiderte:

Herr d'Escorval ist heute morgen nicht gekommen und wird noch monatelang nicht kommen können.

Wieso? Was wollen Sie damit sagen?

Er ist gestern abend vor seiner Wohnung beim Aussteigen aus dem Wagen so unglücklich gefallen, daß er sich das Bein gebrochen hat.

(Fortsetzung folgt.)

Aus meinem KstiZbuch.

Von Heinrich Teweles (Prag).

Nachdruck vcrbotcw- S t u m nt.

Sie war eine gesprächige, muntere kleine Frau gewesen. Ihr kleiner Mann war schweigsam und ernsthaft. Man sah ihm seine Sorgen an. Er hatte mehr Kinder als Patienten. Aber die Frau war tapfer. Sie behütete und betreute ihre Kinderschar, wie eine richtige Henne. Den ganzen Tag scheuerte, wusch, kochte, nähte sie und hatte dabei immer ein Auge für den Mann.Wie du wieder aussiehst!" mußte er jedesmal hören, bevor er ausging, und wenn auch kein Stäubchen darauf war sie hatte ihn selbst geputzt so fuhr sie immer noch mit ihrem Blusenärmel über seinen Rockkragen. Er war, wie gesagt, von Natur schweigsam, aber seine Frau überhob ihn zudem jedes Wortes. Was sie sagte, war immer gescheit für zwei. Am Sonntagabend, wenn die Kinder schliefen, durste er sie ins Gasthaus führen.

Nun war sie tot. Beim siebenten Kind war sie gestorben. Der Mann faßte es nicht, rat- und tatlos ließ er seine- Freunde walten. Beim Begräbnis hatte der Pastor einige Worte über treue Pflichterfüllung fallen lassen, hatte an der großen Schar der kleinen Waisen so lange herumgezerrt, bis die Trauergäste sich der Tränen nicht enthalten konnten, und hatte schließlich auch noch das älteste Waisenkind: den Gatten mit seinem Mitleid gestreift. Dann trug man den Sarg zum offenen Grabe.

Und dort warf sich der kleine Mann über den schwarzen Schrein und drückte sein Gesicht fest auf das Bahrtuch, als wollte er mit den Augen durch die grausamen Decken hin­durch noch einmal die Frau sehen, die ihm Freundin, Ge­liebte, Gattin, Mutter gewesen; als wollte er diesen Leib küssen, der ihm als der Inbegriff aller Freuden gegolten, der seine stete Sehnsucht erneuert. Ach, er hatte zeitlebens auch geschwiegen, wo er hätte sprechen dürfen und wo sie vielleicht ein Mort von ihm erwartet hatte. Auch für seine glühende Empfindung war ihm nie ein glühendes Wort über die Lippen gekommen. So zag, so ungeschickt, so stumm war er sein Leben lang geblieben und nur sich selbst hatte er immer vorgesprochen, was er ihr sagen wollte: daß sie ihn glücklich gemacht.

Nicht weil sie ihm alljährlich ein Kind gebar er war auch Kindern gegenüber so ungeschickt, daß er sich möglichst wenig mit ihnen zu schassen machte; nicht weil sie das- karge Haus mit so beispielloser persönlicher Anspruchslosig-