Ausgabe 
14.3.1908
 
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Sic schic sich schnell neben Frau von Beffcndorf, von der Jic keine Frage zu befürchten hatte, denn diese gute Frau war icils aus Phlegma, teils aus Grundsatz nicht skandalsüchtig und sprach wenig, was zur Folge hatte, daß gerade sieim Ver- iranen" alles zu hören kriegte, was vorsiel,

Es hatte Marie Anne einen Kampf gekostet, heute zu kommen, aber sie meinte, die Sache durch Fernbleiben nur zu verschlimmern. Rccknitz war eigentlich dagegen gewesen, er meinte, man müsse über die ganze verwünschte Geschichte erst Gras wachsen lassen, ehe man sich wieder in der Nachbarschaft zeige, aber gerade da hatte ihn seine Frau mit lebhafter Beredsamkeit davon zu über­zeugen versucht, das- man der allgemeinen Aufregung gleich die Spitze abbrechen müsse.

Nachdem sie nun ihren ersten Schreck überwunden hatte, denn sic war auf Hennys st>ckc Gratulation nicht inti mindesten vor­bereitet gewesen, fächelte sie sich Kühlung zu, scl-aute mutiger um sich und begann dann, ihre längst ausgeklügelte, kleine Rede herzu- sagcu, des Inhalts, daß es allerdings eine etwas unliebsame llcüer- raschung fei, die ihnen ihr lieber Bruder bereitet habe, da sie sich nie eine Schauspielerin als Schwägerin gewünscht habe aber schließlich, er mußte wissen, was er tat, und wenn er nur glück­lich wurde nicht wahr ? Das blieb die Hauptsache! Er hatte ja schon längst die Absicht gehabt (hier log die gute Seele mit Todesverachtung) den Dienst zu quittieren und sich anzukaufen . . .

Die Damen und die zufällig hier im Zimmer befindlichen Herren hörten mit höflicher Teilnahme zu nur hier und da, so unter dem spitzen weißen Schnurrbart des Grafen Trauen zuckte ein fatales Lächeln.

Selbstverständlich," so schloß die Recknitz ihre kleine Rede, können wir offiziell Hclmuths Wahl nicht billigen, und muß sich seine Frau erst einen Platz in der Familie verdienen, doch Wie kann man wissen, ob ihr das nicht bald gelingen wird?"

Nachdem sie so die ganze Sache in ein mildes Licht gerückt hatte. Lehnte sie sich zurück, nahm dem Diener die hingehaltene Tee lasse ab und begann Von der kalten Fahrt zu reden. i£ie Zunächstsitz enden stimmten lebhaft bei.

Arme Frau," flüsterte indessen Graf Trauen der Balois zu,fürchterliche Verlegenheit für sie, aber weshalb kommt sie auch, um Himmelswillen!"

Die Ellenheims aus Hochwrrth waren noch fällig. Tie kamen immer sehr spät. Sie hielten das für vornehm und die Gesell- schaft war sehr damit einverstanden. Jetzt rauschte die Dame mit dem gewagten Profil, in starrer, glutroter Seide, diamanten- blrtzend, herein. Jsidorchen hüpfte zur tanzenden Jugend in den Saal.

Die Baronin war hochgradig empört. Sie hatte es sich nun »nak in den Kopf gesetzt, dieser schneidige, schlanke Kürassier-Ritt­meister müsse ihrer Isidore gut stehen. Nun fühlte sie sich förmlich beleidigt. Er hatte Isidore gesehen und war an ihr borübergegangen! Ihr Zorn hierüber entlud sich naturgemäß auf die unschuldige Schwester des Delinquenten. Sich nach der ersten allgeuccinen Begrüßung gegen Marie Anne wendend, sagte sie, ihre schwarzen Brauen emporziehend, wie in großer Ber- fpunderung:

Ich bin noch ganz. betroffen, gnädige Frau! Wie man sich nur so täuschen kann! Ihr Herr Bruder hat uns alle düpiert. Können Sie glauben, daß ich ihn bisher für sehr exklusiv, sehr Wählerisch gehalten habe?"

Die arme Marie Anne beschloß, Konrads Ratschläge künftig besser zu befolgen, und sich nicht sobald wieder in der Nachbar­schaft blicken zu lassen!

Während die Schlitten mit klingendem Schellenspiel hierher geeilt waren, schritt ein einsamer Wanderer durch die sinkende Dämmerung von Jarowitz nach Rothaide. Es war Gotthard Becker, der den freien Abend benutzte, um seinen Vater zu be­suchen. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Er schritt kräftig aus, aber sein Blick war unlustig gesenkt intb die Hande hatte er auf dem Rücken verschränkt. So kam er in Rothaide au und erreichte die Pfarre, vor welcher die dickbeschueiten Linden ihre Zweige unter der weichen Last bogen. Er strich sich den Schnee von den Stiefeln, stampfte ein paarmal auf und trat dann ins Haus. Im Borflur brannte schon das Wandlämpchen. Er hängte den Matntel an den Haken, warf den Filzhut drüber und öffnete die Wohnzimmertür. Hier saßen seine Schwestern im Fenster und strickten, das junge, feingliedrige Julcheu und Friedas hausmütterliche Gestalt im grauen Wollkleide. Beide sahen bei /einem Eintritt freudig überrascht empor.

Kommst du zu Fuß?" fragte Frieda,cs ist noch Kaffee da, du sollst gleich eine warme Tasse haben."

Ich wärme ibn, wart' nur Bruder, das soll dir schmecken!"

ries die Kleine und sprang hinaus. Das kam ihm gelegen. Hastig fragte er:

Wie uimmt's der Vater? Oder wißt ihr es noch nicht? Er hat sie geheiratet!" Seine Zähne knirschten hörbar auf­einander er hat um ihretwillen sein ganzes Leben ruiniert aber das gehört nicht hierher. Weiß es der Vater und was sagt er dazu?"

Der Vater hat gestern die briefliche Mitteilung erhalten. Beide hatten geschrieben."

Nun? Weiter?"

Tu kannst dir doch denken, daß es den armen Vater furchtbar erschüttert, so alles wieder aufgewühlt hat, was doch mit der Zeit Kur Ruhe gckomlmeu war . . . und nun die Aussicht auf dies baldige Wiedersehen"

Ter Kandidat fuhr aus, seine Stirn überflog Röte.

Wiedersehen? Was? Sie will doch nicht? Sic wagt doch nicht . . ."

Luise schreibt so flehend, Gotthard, sie ist krank vor Schn- suchs nach Vergebung . . . Sie hat vom Tode der Mutter nichts gewußt nun furchtet sie, auch der Vater könne ihr genommen werden, ehe sie sich mit ihm ausgeföhnt . . ."

Ter Bruder sah sinster vor sich hin.

Unb du denkst, er wird nachgeben? Nein, er muß festbleiben!" sagte er drohend.

Frieda legte ihm die Hand auf beit Arm. Ihre gelassene Stimme klang vorwurfsvoll, als sie sagte:

Mr müssen uns doch freuen, wenn Vater vergibt und sein reuig Kind aufnimmt."

Er lachte bitter.

Reuig? Glaubst du an die Reue einer Kbmödiantin? Wes­halb kommt ihr die Reue erst jetzt, wo sie eines Herrn von Lohsen Frau ist? Eitelkeit ist's, die sich hier zeigen will in Glanz rind Ehren!"

Nein, jetzt bist du hart und ungerecht, lieber Gotthard, Luisens Reue ist echt, und wie ich Vater keime, wird er ihr vergeben."

Mrgeben müssen wir ihr alle, das ist unsere Pflicht," ries er ungeduldigaber sie in diesem: Hause aufnehmen . , . nein, das geht nicht. Das ist unmöglich. Sie hat ihren Platz zwischen euch beiden verwirkt, sie hat sich selbst ausgeschieden und bleibe nun, wo sie , ist! Ich dürfte es nicht dulden, daß die ge­schminkten Lippen dieser Künstlerin Jülchens Stirn berühren, daß etwas von dem Gifthauch ihres Lebens in das eure dringt. Was ändert es an ihrer Person, daß sie jetzt einen edlen Namen tragen darf? Machidas Geschehenes gut? Nein, sage ich dir . ."

Tie Tür war leise aufgegangen, der Pastor stand auf der Schwelle, er hatte die tiefe, markige Stimme seines Sohnes gehört und sah nun unentschlossen und bänglich aus ihn hin.

Sprecht ihr von Luise?" fragte er.

Ter Kandidat fuhr herum

$nten Abend, Vater. Ja. Wir sprechen von ihr."

Gotthard .... weißt du es schon? Sie will kommen , , .- sie fleht

Ich wundere Mich, daß sie wirklich den Mut findet, ja, sch wundere mich sehr."

(Fortsetzung folgt.)

Wie die IchMülMcher ihren Landgrafen empfingen.

Humoreske in Vogelsberger Mundart.

Von Hermann -irack.

(Bei nuferem Preisausschreiben Nr. 1 mit dem ersten Preise ausgezeichnet.)

Der Landgraf hatte schon manches ergötzliche Stücklein von seinen originellen Schwarzbachern gehört und darum beschlossen, sich bei ihnen zu Gaste zu laden. Damit sie aber nicht allzusehr in Aufregung gerieten und kopslos würden, ließ er ihnen vorher kund und zu wissen tun, sie sollten nur keine großen Umstände machen; als Mahlzeit nähme er mit einer einfachen Suppe fürlieb.

Dessenungeachtet war, als diese Nachricht ein traf, die Auf­regung keine geringe in Schwarzbach. Sofort ließ der Bürger- mcister den Gemcinderat durch den Ortsdiener aufs Rathaus berufen, um sestzustelleu, Ivie sie der» Durchlaucht die Suppe präsentieren wollten.

Die Gemeinderatsmitglieder erschienen Mann für Mann; tetfjte doch jeder, daß eine wichtigeBerohring"') statt finden sollte.

Ter Bürgermeister teilt der Versammlung sein Anliegen mit und fragt:Wär mache m'rsch?" Doch keiner wagt, etwas zu sagen, nur manchmal unterbricht ein Räuspern und Krächzen die Stille. Ein so hoher Besuch wie der Landgraf hatte bei