Ausgabe 
13.6.1908
 
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Grvßpafa. Ter liebe Gott läßt Seelen, die er einmal zu sich genommen hat, nicht wieder von sich. Un$> ein Bild kann die Augen nicht belvegen; denn Leinwand und Farbe sind tote Tinge." liitb nun zeige, dass du keine dumme Gans bist, und daß man sich schon mal ein Stündchen auf dich verlassen kann."

Hans kam schon mit den aufgcschirrtcn Pferden aus dem Stall. Walrend er sie mit der Gewandtheit eines Großknechtes an die Deichselstange brachte, holte Martha rasch die Heugabel, das Bindetau und die große Regenplane aus der Remise und setzte den breitkrümpigeu Hut am, der im Vorbau hing. Gewandt schwang sie sich alsdann auf den Wagen, nahm dem Küaben die Seine ab, und jagte vom Hof, was die Braunen laufen wollten. Hans mußte mit Hand und Körper einen Stützpunkt an der schvägstehenden Leiter suchen: denn so viel Mühe er sich auch gab, seine jungen Beine wollten sich der stolprigcn Erschütterung des schweren Gefährtes nicht gewachsen zeigen; aber Martha stand steif und kerzengerade, ohne einen anderen Halt als die Seine, mit der sie die Pferde lenkte. An den Rändern der Chaussee, die bald erreicht tvar, standen die hohen Pappeln, dem Verdorren nahe, gleich riesigen Säulen, und der gelbe Staub, den der dahinsausende Wagen auffcgte, hüllte sie wie in eine ungeheure Rauchwolke ein.

Als Martha an den Seewiesen die Pferde parierte, war die Wettertvand schon um ein gut Tert höher am Himmel emporge- kwchen. Auch konnte man liier in der freien Ebene, wo kein Haus und kein Baum den Ausblick hemmte, deutlich sehen, wie die Blitze mit fahlem Geflimmer durch das stahlblaue Ge­wölk zuckten; auch das Tonnergrollen ward hier heller vernclmr- bart >

Vorwärts; man würde cs schon noch schaffen. Im schlimmsten Fall bekam man wohl eine ordentliche Regeuhusche auf die Haut; doch das mußte ja eine wahre Wohltat sein bei der Glut, die einem das Mark in den Knochen versengte.

Sie. arbeiteten wie toll, sahen nicht mehr nach der Wetter- wand hin, die rascher heranskroch und schwärzer wurde von Minute zu Minute, von immer helleren, flammenderen Blitzen durchschlängelt. Nur das; der Tvnner stärker wurde, hörten sie, obwohl ihnen das erregte Blut wie das Getöse der Meeres­brandung in den Ohren brauste.

Hui . . ." ging auf einmal der Wind durch das Schilf am See, die Wellen kräuselten sich, und im Nu war auch schon die Sonne verschwunden.

Nun wird's Zeit," stieß Martha hervor, wandte im großen Bogen um und lenkte die Pferde bis zur Wieseneinfahrt zurück, wo man zuvor Bindebanm, Tau und Planeüber Bord geworfen" hatte. ,

Rasch brachte man den Bindebaum auf die Sadung, die sich haushoch türmte, und schnürte ihn mit vereinten Kräften fest. Tas Ueberbreiten der Plane aber verursachte Schwierigkeiten. Tenn der Wind, der jetzt aus vollen Backen blies, setzte sich in die entfaltete Leinwand, als ob sie ein Segel wäre, und schlenderte sie wohl ein Tutzendmal wieder auf den Erdboden herab. Taz:: fingen die Pferde an, unruhig zu werden. Aber- schließlich brachte man das mühselige Werk doch glücklich zu Ende.

Herunter, rasch!" befahl Martha dem Knaben in fast barschem Ton. Sie machte sich schon seit geraumer Weile Vor­würfe, daß sie es gewagt hatte, Hinauszufähren.

Als sie, mit Hans zur! Seite des Wagens schreitend, endlich die Pferde aus dem Wiesengelände auf den Feldweg lenkte, war der Himmel nach allen Seiten hin schwarz bezogen, und ob­gleich die llhr höchstens die Mitte der vierten Nachmittagsstunde zeigen mochte, verhüllte Dunkelheit Lust und Land. Ter Sturm heulte, in rasender Eile folgte Blitz auf Blitz, so das; miuutew- lang der ganze Aether in lohenden Flammen stand, und unter dem Machen und Brülle:: des Donners schienen die Grundfesten der Erde zu erzittern.

Ein Glück, daß mir den Wind von hinten haben; er schmisse uns sonst wahrhaftig die fitirre um", rief Haus mit äußerstem Stimmaufwand.

Martha band mit der Linken in der Rechten hielt sie die Seine den Hut los, der ihr schon zehnmal vom Scheitel herab ins Gesicht geflogen war und gab ihn dem Knaben.Ta trag!" Nun riß der Sturm mit wilden Händen in ihrem Haar, bis er die starken Flechten aus der Verknotung gelöst hatte, und des Haares goldgesponnene Pracht ihre Gestalt wie eine zerrissene Fahne umflatterte.

Sv wie du jetzt aussiehst", rief Hans,so muß Thus­nelda ausgesehen faßen, des Germancnbefreiers Weib. Bar- dautz", unterbrach er sich,da hat es schon wieder einge­schlagen."

Als man nur noch etwa hundert Schritte bis zum Ein-, biegen in die Chaussee hatte, fuhr ein armdicker Blitzstrahl, augenblicks von einem knatternden, ohrenbetäubende!: Bonner gefolgt, in die Pappel, die int Mittelpunkt des von Feldweg und Steindamm gebildeten Dreiecks stand. Die hohe Krone knickte um und rauschte zu Boden, als hätte ein einziger Hieb einer Riesenaxt sie gefällt.

Martha, die, einen Moment geblendet, gegen den Wagen! taumelte, fühlte, wie Hans ;ich mit hartem Griff cn ihren Arm klammerte. Aber er faßte sich rasch:

Mein Gott . . /' stammelte er,wenn wir mit dem Aus­bringen der Plane eine Minute früher fertig gewvrfan wären, dann lägen wir jetzt beide tot an der Wegkreuzung."

Tie Braunen hatten vor dem niedersausenden Blitzstrahl jählings halt gemacht und steutmten mit schnaubenden Nüstern die Seine voneinander.

"Tie Tiere haben Recht", sagte Martha.Wir müssen warten." toie schlang die Sein?, um die Wagenrunge, trat an das Handpferd heran, das verängstigt aufbäumte, und klopft» ibm unter beruhigendem Zuspruch den Hals. Nach einer Weile wandte sie sich an den Knaben denn die Sorge um ihn >vich keine Sekunde von ihr:Junge, lauf' hinüber zur Försterei. Es sind nur fünf Minuten, und du bist da in Sicherheit."

Hans lächelte, ein Ausdruck liebevoller Ritterlichkeit lag auf seinem offenen Gesicht.

Wie kannst du denken, Tantchen, daß ich dich hier allein lasse." Er nahm den anderen Braunen, der jetzt auch anfing, Mätzchei: zu machen, an den Zügel, strich ihm über die weiche Nase und sagte:Ruhig, Ticker! ... Dicker, willst du wohl ruhig sein."

Tas Wetcer raste, als wäre der Untergang der Welt herau- gekommen. Plötzlich ein Sausen und Pfeifen in der Luft . . . der schwere Heuwagen hob sich hinten hoch, schwankte, sank aber doch wieder auf die Räder zurück. . . ., Martha und Hans wären unter dem Anprall der heranbrausenden Windhose zu Boden gestürzt, hätten sie sich nicht an den Zügeln der Pferde festgc- falten. Trüben auf der Chaussee sanken die riesigen Pappeln nieder, tote gemäht. . . . Tie eine entwurzelt, die andere in Manneshöhe umgeknickt, die dritte mitten in der Krone ge­brochen. Martha fühlte: trotz aller Furchtbarkeit lag etwas Berauschendes, Beseligendes in der brausenden Musik, zu dem das Heulen des Windes und das Brüllen des Tonners sich mit dem Krachen und Brechen der Stämme mischte. Mit großen Augen blickte sie in die flammen zerrissene Wetternacht: Wie groß ist Gott, der dies alles mit einem Hauch seines Mundes entfacht . . . wie klein bist du mit deinem winzigen Leide.

(Fortsetzung folgt.)

Eduard von Gebhardt.

(Zu seinem siebzigsten Geburtstage am 13. Juni.) - Von Karl Stiefer (Düsseldorf).

Nachdruck verboten.

Es war bei dep^Bankett, das der Chor des Düsseldorfer städtischen Musikveretns seinem scheidenden Dirigenten, Pro­fessor Jill ins Bn ths, zu Ehren veranstaltete, Mitte April dieses Jahres. Bnths rühriger Freund, Dr. Otto Neitzel ans Köln, war eben daran, dem Scheidenden viel Liebes und Gnies zu sagen nub M wünschen, als sich im Hintergründe des Saales Unruhe, Stnhlrücken und Arm- winken bemerkbar machte.Was ist denn los?" Der eifernde Festredner rief es ziemlich mißmutig in den Saal. Gebhardt ist da!" antwortet es ihm aus dem Hinter- grunde.Kommen Sie doch, bitte, hierher nach vorn, Herr Professor!" lud Dr. Neitzel ihn ein. Mit eiligen Trippel- schrittcheu, für das allgemeine Bravorufen und Hände­klatschen sich nach beiden Saalseiteu hin fortwährend be­dankend, kam die gedrungene, etwas gebückte Gestalt des Meisters mit der stark angegrauten wallenden fiiinstler- mähne nach vorn. Man lud ihn ein, am Ehrentische, zur Seite seiues Freundes Julius Buths Platz zu nehmen. Tas war aber nicht so einfach; die Tische standen in Hufeisen­form, Professor v. Gebhardt hätte also den Weg durch den Saal zurückmachen müssen, um auf der andern Längsseite der Tafel zu seinem Platze zu gelangen. Kaum hatte er das' Unbequeme dieser Zwangssituatiou eingesehen, als er auch schon einen Ausweg gesunden hatte. Blitzschnell bückte sich der angehende Siebziger, kroch. unter den Tisch hindurch und tauchte gleich darauf wohlbehalten an der Seite des Professors Bnths empor. Man kann sich die Applausfanfare, die den Vorgang begleitete, vorstellen.