Ausgabe 
13.6.1908
 
Einzelbild herunterladen

363

Das Augenblicksbildchen ist ein echter Gebhardt. Es aibt keinen anspruchsloseren, bescheideneren, leutseligeren Künstler, als Eduard von Gebhardt, den großen Meister des deutschen religiösen Bildes. Er Wird heute siebzig Jahre alt, aber seine Beweglichkeit und Munterkeit, hie prangende Silberfülle seines Haares und Bartes geben niemand ein Recht, auf das Alter des Psal- misten zu raten. Sehr bekannt ist sein Bildnis, das Hugo Crola vor vielen Jahren von ihm gemalt hat. So sieht Gebhardt noch heute aus, und die an der Stuhllehne han­gende Fnhrmannspfeife, die dem Porträtierten einen so famos charakterisierenden Zug des Bescheidenen, Volkstüm- lichen gibt die raucht Gebhardt noch heute. Als er seine Wandbilder in der Friedenskirche malte und Tag für Tag die Rolleiter, die ihm das Gerüst ersetzte, herauf- und herunter- kletterte, traf ich ihn manches Mal auf der elektrischen Straßenbahn. Er saß immer nachdenklich da oder las in einem Buche; in der Tasche trug er die notwendigsten Utensilien bei sich und auch das Butterbrot, das ihm, da er des Mittags nicht nach Hause kam, das Mittagessen ersetzte.

Die religiöse Malerei in Deutschland, die iit Eduard von Gebhardt einen neuen Aufschwung und zugleich einen Gipfelpunkt ihrer Entwicklung gefunden hat, war seit der Reformation fast ganz im Dienste der katholischen Religion geblieben. Altarbilder der Nazarener fanden gelegentlich ihren Weg auch in protestantische Kirchen, und Nachbil­dungen nach Gemälden Karl Müllers waren in protestanti­schen Familien fast ebenso verbreitet, wie in katholischen. Die wenige,r protestantischen Künstler, welche religiöse Mo­tive malten, bewegten sich ganz in der traditionellen Formen­sprache.. Da kam, im Jahre 1860, Eduard von Gebhardt nach Düsseldorf, nnd mit ihm begann die Neugebnrt der reli­giösen Malerei. Als Sohn eines lutherischen Pfarrers in Reval im Jahre 1838 geboren, wurde er im streng posi­tiven Glauben erzogen. Nur der ehrlichen und überzeugten Gläubigkeit, die Gebhardt aus dein Elternhause als Ge­schenk fürs Leben mitnahm, war es möglich, die religiöse .Kunst, die in der Kraftlosigkeit des Nazarenertums erstarrt lag, zu neuem Leben erblühen zn lassen. In seinen ersten Düsseldorfer Jahren konnte Gebhardt, wie er selbst einmal bekannt hat, absolut nichts schaffen, weil er in der naza- renischen Formensprache nichts auszudr icken vermochte. Mit Leidenschaft suchte er nun nach einer Forin, in welcher er persönlich Gefühltes ausdrücken könnte. Drei unfrucht­bare Jahre hatte er an der St. Petersburger Akademie verbracht, dann bereiste er Belgien nnd Holland, später auch Tirol und Italien und war schließlich nach Karlsruhe gekommen, wo Schirmer und Lessing wirkten. Auf diesen Fahrten fand er, was er suchte. Die altniederländischen und altdeutschen Meister, Rembrandt und van Eyck, Dürer, Holbein und Rogier van der Wehden gewannen Einfluß auf ihn an den letztgenannten erinnern besonders die harten, gefurchten Gesichter, das Derbe, Eckige der Gestalten auf den Gebhardtschen Bildern von zeitgenössischen Malern waren es der Antwerpener Henry Leys, Meissonier und Geröme, die auf ihn bestimmend cinwirkten. In Düsseldorf schloß er sich besonders an Wilhelm Sohn an, dessen hochgesteigerte Ausbildung des physiognomischen Aus­druckes Gebhardt zu einer eminenten Charakierschilderungs- und Jndividualisierungskunst entwickelt hat. Tie Erkennt­nis der geschlossenen koloristischen Bildwirknng und die Wiedergabe des seelischen Ausdruckes, die beide eine wirk­lich hervorragende künstlerische Individualität verlangen diese höchsten Errungenschaften der Kunst Wilhelm Sohns, ging von allen seinen Schülern nur auf Ed. von Gebhardt über, der sie dann freilich im höchsten Maße weiter bildete.

Im Jahre 1863 entstand Gebhardts erstes Bild: Christi Einzng in Jerusalem", das sofort mit größter Deutlichkeit den bewußten engen Anschluß an die alten deutschen Meister in Kostüm und Umgebung und den gleichfalls bewußten Gegensatz zu der Süßlichkeit der naza- renischen Schule betonte. Ein deutsch er Maler wollte er sein nnd so wählte er mit vollem Bewußtsein der natio­nalen Forderung in seiner Kunst und in dem richtigen Gefühl, daß in einem altertümlichen Stil das Hauptmittel zur ^Her­vorbringung einer religiösen Stimmung liege, das Kostüm, das Milieu und : hier wenigstens vorerst noch_ den Kolorismns der vlämischen und altdeutschen Meister sich zum Vorbild.Man hat mich oft gefragt", äußerte der Meister einmal,warum ich denn die biblischen Bilder in

altdeutschem Kostürn male? Ja sollte ich denn etwa weiter malen wie die Nazarener? Anfangs dachte ich auch nicht anders, aber meinem hausbackenen Menschen wollten die konventionellen Gewänder durchaus nicht passen. Aber, sagten die kluger Menschen, ich sollte es doch so malen, wie es gewesen, es sei doch im Orient passiert; was ich male, sei doch ein Anachronismus. Merkwürdig! Noch niemals hat ein Mensch es zustande gebracht, in der Form des Orient­bildes ein andächtiges Bild zu malen, warunr verlangt man das von mir? Malen wir denn nicht als Deutsche für Deutsche?" Nur einem Künstler, der, selbst strenggläubig, die Poesie der Religion so im Innersten empfindet wie Gebhardt, konnte es gelingen, beit Glaubens- nnd Gefühls­inhalt der biblischen Begebenheiten zu bewahren und ihren Gestaltenkreis naiv im Sinne der Alten erscheinen zu lassen, ohne durch das Fremdartige des Kostüms und Milieus zu ernüchtern. Wohl haben seine biblischen Bilder anfangs Befremden und Anstoß erregt; aber nur solange als man in der ungewohnten Einkleidung die Hauptsache sah und nicht erkannte, daß Gebhardt feine Ausdrucksmittel aus einer Formen- und Gefühlswelt holte, die er für die uuserm religiösen Empfindungsleben entsprechendste hielt, und daß das fremdartige Kostüm seiner Bilder hinter der Gefühls­wärme, der Kraft des seelischen Ausdrucks und überzeugender Menschlichkeit zurücktritt. Heute ist die Kunst Gebhardts, die obne Revolution und ohne Härte das alte absterbende Nazarenertüm einfach ablöste, so sehr die herrschende und allgemein anerkannte Richtung geworden, daß selbst die jungen katholischen Maler (so Heinrich Nüttgens, Lours Feldmann, Bruno Ehrich, Wilhelm Düringer u, a.) Schuler Gebhardts wurden nnd seinen Wegen folgen. In Düsseldorf selbst zeigt mehr als eine katholische Kirche in dem Schmuck ihrer Altar-Stationen- nnd Heiligenbilder Spuren des .Geb­hardtschen Geistes.

Gesunde und unbestechliche Naturbeobächtung, starkes Nationalgefühl und ein bis zur Härte gesteigerter Widerwille gegen alles Konventionelle, verbunden mit einem ener­gischen, auch das Harte und selbst Häßliche nicht scheuenden Realismus des zeichnerischen Ausdrucks das sind die Hauptmerkuiale, welche schon anChristi Einzug in Jeru­salem", jenem ersten Gebhardtschen Bilde aus dem Jahre 1863 mit größter Klarheit hervortreten und nun von Bild zu Bild sich weiter ausbildeten und sieh mit einem überaus eigen­artigen, feinen Kolorismns verbanden. Rasch folgten nun Jarri Töchterlein" (1864), das den Vorgang in konsequentem Festhalten des angenommenen Prinzips in eine altdeutsche Bauernstube verlegt,Kreuzigung" (1866) für die Domkirche in Reval (später für die Hamburger Galerie und die Kirche in Narva nochmals gemalt),Der arme Lazarus" (1867) und das von der Berliner Nationalgalerie angekaufte Abendmahl" (1871), das Gebhardt mit einem Schlage be­rühmt und zum Haupte der religiösen Malerei in Deutsch­land machte. Ein anderesAbendmahl" aus dein Jahre 1902, für das Museum in Hannover gemalt, übertrifft das ältere Berliner Bild noch an Intimität des fzenischeu Vor­ganges und Realismus der Gestalten und erzielt eine voll­endete Raninwirkung.

In das Jahr 1884 fällt jener Auftrag der preuß. Staats- regierung, einen Saal des im Hannoverschen gelegenen ehe­maligen Zisterzienserklosters Soccum mit Wandgemälden ans der Geschichte Christi ausznstatten eine Aufgabe, die Gebhardt bis 1892 beschäftigte. Sie ließ ihn eine bisher nicht erreichte Freiheit der Komposition gewinnen und wurde für seine Weiterentwicklung besonders in Hinsicht auf seine koloristischen Prinzipien und das Verhältnis des Bildes znm Raum von der allergrößten Bedeutung. Mit allen Mitteln seiner Kunst gerüstet, traf ihn so der Auftrag, die nach Plänen des Leipziger Architekten Weideubach in den Jahren 189599 erbaute Düsseldorfer Friedens- kirche mit einem Zyklus von Wandgemälden zu schmucken. Nicht geringe prinzipielle Schwierigkeiten waren hierbei zu überwinden. Der Protestantismus ist ja iminer noch ein wenig bilderfeiudlich. Doch ließ er tu diesem Falle mit sich reden und die Kunst siegte über das dogmatische Wider­streben. Die Wandgemälde in der Friedenskirche sind Geb­hardts monumentales Lebenswerk, der beredteste Ausdruck seiner auf das Einfache, Feierliche und Charakteristische gerichteten Kunst. Wundervoll klingen sie. mit der archi­tektonischen Ausgestaltung der Kirche zusainmen.Meine Bilder sollen predigen", hat Gebhardt als die Aufgabe seines gewaltigen Bilderzyklus bezeichnet. Ein großer Prediger