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entsetzlich. Eine sonderbare Lust, dem gepreßten Herzen durch Lachen Lust zu nrachen, überkam sie — aber sie konnte nicht lachen.
Ti- Hofuhr schlug eins. Essenszeit? Was sollte sie nur anfangen? Heruntergehen? Wenn sie nicht kommt, schickt die Großmutter den alten Martens herauf. Nein, lieber freiwillig gehen. Sie glättete sich das Haar, so gut es in der Eile ging. Zum Umziehen war keine Zeit. Sic, die cs sonst nie unterließ, des Bruders Augen mittags durch ein Helles Kleid und eine vorgesteckte Blume zu erfreuen, ging in ihrern lodenfarbenen, weiter- festen Wirtschaftskleide hinab, erfüllt von banger Furcht vor deui Begegnen. »
Aber er war gar nicht da. Großmama saß in argloser Verwunderung vor der Suppenterrine und glättete die Schleife ihrer blütenweißen Haube:
„Kinderchen, was ist denn heute? Wilhelm laßt sich eben seine Suppe aufs Zimmer bringen und du kommst so spät?"
„Heumachen," versetzte Edeltraut lakonisch.
Sie empfand cs als eine Wohltat, daß der Bruder nicht zugegen tvar, und war heute dankbar für den Unistand, daß cs der guten Frau von Dahlen nicht gegeben war, seelische Erregungen im Antlitz des Nächsten zu deuten.
„Wie heiß du bist, Kind, iß nicht zu. hastig," ermahnte sic.
Damit hatte es keine Not. Sie zwang mühsam die Suppe herunter. Wenn die Großmutter keine Gedankenlescrin war, so beobachtete sie mit desto intensiverem Interesse, ob und wie man ihrer Küche Ehre antat. Die große Kunst, aus geringen Zutaten schmackhafte Speisen herzustellen, sollte auch gewürdigt werden, und niemand verstand dies liebreicher und liebenswürdiger als Wilhelm, und Edeltrauts prachtvoller Appetit ward auch als Lobpreisung angesehen. Daher aß sie mit Todesverachtung, obwohl ihr.die Bissen im Munde guvllen. Endlich war das einfache Mahl beendet, Martens trug ab und die alte Dame ging geschäftig mit Schlüssel korb und Weinflasche hinterher. Edeltraut stand da wie verloren. Was denn nun? Sie tannte sich nicht entschließen, in Wilhelms Zimmer hinüberzugehen. Hatte er sie etwa zwischen den Tannenzweigen gesehen? Dann fürchtete er ihr Kvmmcn ficher- lich ebensosehr, wie sie das Wiedersehen.
Sie trat ins Familienzimmer und setzte sich hier in das tiefausgebauchte Fenster auf den Hvlzsitz. So verlor sie sich wieder in Gedanken. Eine andre! Eine andre! — Es blieb unfaßbar. War denn sie ihm nicht ein und alles, wie er ihr? Mit jeder Minute toiirbe die Ungewißheit quälender und das bange Wundern unerträglicher. WaS war das nur eigentlich, solch ein Gefühl, welches zwei wildfremde Menschen unwiderstehlich zu einander zog? Stemmt denn das so schnell, daß Sehen itnb Lieben eins ist? Wilhelm kannte ja bicse Dame gar nicht. Wie sollte er irgend jemand kennen lernen, der ihr nicht zu gleicher Zeit bekannt wurde? Oder doch? — Sie war ja in Berlin gewesen. Kam diese Frau etwa nicht zum ersteninal her? Ein abscheulicher Gedanke, den sie mit Entrüstung znrückwies.
Sie hörte die Haustür gehen. Gleich darauf klopfte cs und ein stämmiger Mann, die Mütze in der Hand, schob sich zur Tür herein. Es war des Vorarbeiters Wohlgestalt, die in ihrer ganzen knochigen Kantigkeit dastand.
„Der Inspektor läßt fragen, ob wir jetzt mit der Ricselwiese anfangen sollten, oder erst mal die kleine Wiese nm Kirchberg hauen? Das wäre Arbeit für'n Nachmittag."
„Die kleine Wiese," entschied sie ganz mechanisch.
Der Wackere sah die junge Herrin verblüfft an. Diese Gleichp- gültigkeit, !vv sich's um ihre Lieblingsaroeit des ganzen Jahres handelte? Für die Heuernte ivar sie immer Feuer und Flamme. Sie wird doch nicht heut früh voU der Sonne was abgekriegt haben? Sie sah so sonderbar aus.
„Gehen Sie. Worauf io arten Sie noch?" — fragte sic mrgeduldig — „ich komme bald."
Nun versuchte sie on die Tagesarbeit zu denken, aber es ivar ihr nicht möglich. Sic hätte jetzt müssen in Wilhelms Zimmer gehen und die Arbeitsstunden und Löhne des Vormittags in das Wirtschaftsbuch eintragen. Sie konnte sich nicht dazu entschließen. Langsam zog sie ans ihrer Tasche das alte, abgegriffene Notizbuch, in welches sie heute, am Wiescurand stehend, die Namen tmd Zahlen eingetragen hatte. Welch ein glücklicher Mensch war sie da gewesen! Und jetzt? — Ganz gleichgültig sah sie die Liste durch, bemerkte einen Fehler, aber hielt es nicht der Mühe teert, ihn zu berichtigen. Himmel, da klapperte ja schon das Kaffeegeschirrs So lange hatte sie hier gesessen. Martens' trat «in: „Der gnädige Herr läßt bitten, den Kaffee in seinem Zimmer in trinken" — vertraulich — „mir scheint, wir haben tvieder Sch-merzen."
„Ich komme" — sagte sie und blieb sitzen.
Erst als die helle Stimme der Großmutter rief, stand sie aus nuh trat in die Vorhalle. Hier blieb fie wider stehen, sah
nach Wilhelms Tür hin und blickte sich dann ringsum. Da' hingen die Erntekränze an den Wänden, unb dazwischen alte, fast schwarz gewordene Bilder, Wappenschilder und einige Jagd- trophäcn. Es ivar ihr plötzlich, als sähe sie das alles mit ganz neuen Augen an, das und die schwarzrot gewürfelte Steindiele! und die tiefbraunen Türen und die alte Treppe, die sich so breit und gemächlich heraufwand in den Oberstock. Stent da nicht jener graue Geist die Stufen herab, die Hausschlüssel am Gürtel, und schob sie nicht mit ihren feinen, kalten Händen Edeltraut beiseite, um selbst hinter Wilhelms Tür ztt verschwinden? Die trocknen Aehren- büschel aber da oben schienen im geisterhaften Zugwind zu rascheln: Du bist ja gar nicht mehr du. Das dort ist fortan Edeltraut von der Haide!
, Ungestüm stieß sic nun die Tür auf und trat ein. Frischer Kaffeegeruch füllte das Zimmer. Großmama füllte grade die Tassen. Wilhelm lag lang ausgestxeckt mit bleichem Antlitz auf seiner Polsterbank und Frau von Dahlen klagte:
„Er hat wieder Nervenschmerzen!" —
„Aengstige mir das Kind nicht, Großmama," sagte Wilhelm! lächelnd, „die Schinerzen gehn vorüber!"
Ohne die Augen zu öffnen, streckte er der Schivester die Hand hin, ganz ruhig und selbstverständlich. Sie drückte ihnr im Bor-, beigehen die Hand.
„Du Armer!" — sagte sic hastig — „ist cs sehr schlimm?'' „Oh, cs geht. Danke, Großmutter, du meinst es gut!" — Er nahm aus den Händen der alten Dame die gesiillte Tasse, „Edel, wo steckst du denn?" — fragte er dabei. Sie hatte sich gleich so hinter das hohe Köpfende des Diwans gesetzt, daß sie seinem Blick- entzogen ivar.
„Edel geniert sich," sagte Frau von Dahlen gemütlich, „sie ist nämlich über Tisch im Arbeitskittel geblieben und ich kamt nicht behaupten, daß ihr Zopf sehr glatt ist."
„Das alles möchte ich nun aber grade sehen," beharrte er, sich umwendend.
Sie zog sich noch mehr zurück, so daß auch seine rückwärts tastende Hand sie nicht erreichte.
„Ich bin furchtbar heiß und müde," sagte sie.
„Aber Liebling, du hast -dick) auf den Wiesen übernommen. Morgen iverde ich dort sein."
„Uebernonnnen! Ich!" — sagte sic nur spöttisch.
„Sag mal, Großmutter, ist sie krank? Sie spricht mit sö veränderter Stimme."
„Krank? '—- Sie hat ganz ordentlich gefuttert."
„Gab cs Aergcr mit den Leuten?" fragte er.
„Nein!" sagte sie kurz.
„Ich hatte einen Verdruß in der Schäferei. Die Burschen hatten sich wirklich geprügelt, ich habe ihnen ordentlich den Kops gewaschen. Statür'Hd) ivar ein Frauenzimmer im Spiel."
„Die sind immer im Spiel."
Er stutzte ein wenig. Der Ton klang so fremd. Schweigend wurde das Vesperbrot beendet, und als die Großmutter das Zimmer verließ, sprang auch Edeltraut auf.
„Ich muß auf di« Wiese!" — sagte sie.
Es gelang ihm, ihre Hand zu fassen unb sie aufzuhalten. „Bleib doch," sagte -er bittend, „wenn ich Schmerzen habe, tut mir deine Nähe gut."
(Fortsetzung folgt.)
Die schlacht bei Bergen.
Zum 13. April. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl."). (Nachdruck verboten.)
Etwa eine Stunde von Frankfurt, nördlich vom Main, erhebt sich eine Hochebene mit einem Wartturme, die „Berger Warte" genannt. Von dieser Höhe aus genießt das Ange eine entzückende Aussicht in eine fruchtbare Ebene, die südlich vom Main und nördlich von der Nidda durchströmt wird. Wohl 200 Städte, Dörfer und Höfe, unter ihnen Hanau, Offenbach, Darmstadt, Frankfurt, Homburg, Friedberg, breiten sich im Schoße der Ebene aus. Der Horizont wird begrenzt von der Rhön, dem Vogelsberg, Spessart, Odenwald und Taunus. Unterhalb der „Warte" liegt, von Obstbäumen und Weinbergen umgäben, der Flecken Bergen. Die Gegend bei Bergen eignet sich vorzüglich als Manövergelände. Mehrmals sanden hier Kaisermanöver statt, unter dem alten Kaiser Wilhelm I. das letzte im Jahre 1883.
Um diese Höhe und den Besitz des Fleckens Bergen wurde im siebenjährigen Kriege am 13. April 1759 zwischen Franzosen und dem Herzog von Braunschweig, dem Verbündeten des Preußenkönigs Friedrich II., heiß gestritten. Das nächste Jahr wird uns die l50jähnge Wiederkehr des Tages der Schlacht von Berge» dringen. Da die Operationen des Herzogs Ferdinand von Braum- lchweia nach dem Main hin auch unsere Provinz Oberhessen,


