1908
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SUN
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Kelmuih von Lovsen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
XXVI.
Auf den großen Wiesen lag das Gras in breiten Schwaden hittgcmtiht, dazwischen ging die Maschine, deren fliegende Rechen tief untrgrjffeu und die grünen Halme in die Luft warfen, daß sie verstreut zu Boden fielen, um im Sonnenschein zu trocknen. Und die Sonne meinte es gut, sie brannte förmlich.
Edeltraut schritt heiß und hungrig, aber frohgemut von: Schauplatz ihrer Tätigkeit, denn es war Mittagspause und die Arbeiter hatten die Wiesen schon fast alle verlassen. Das Klappern der Maschine verstummte, die Pferde wurden ausgespannt und fortgeführt.
Die junge Gutsherrin schnitt ein gutes Stück Weg ab, indem sie einen mit weißen Margueriten und blauen Glockenblumen bewachsenen Grasrain benutzte, der gradaus zwischen Rapsund jungen Weizenfechern nach dem Hofe führte, und zwar bis tot eine kleine, in den Garten führende Holz-forte. Sie klinkte auf und durchschritt den Gemüsegarten mit seinen geraden, grünen Salat- und Bvhnenbceten und Jvhanuisbeersträuchen, dann kam sie in den Blumengarten. An einem Beet voll starkdufiender buntblühender Erbsen blieb sie stehen und atmete die süßen Gerüche ein. Zwei Schmetterlinge umgaukelten die Blüten und Bienen summten. Auch an einem runden, himmelblauen Beet wurde kurzer Halt gemacht. So schön waren die Vergißmeinnicht noch nie gekommen — eine leuchtende Frühlingspracht. Nach der hinter den Fichten u»t> Tannen versteckten Halle zu gehen, beabsichtigte sie nicht, Wilhelm war auf der Schäferei gewesen, das wußte sie, nachher wollte er im Zimmer rechnen. Wie sie das dachte, ging ihr ein freudiges .Empfinden durchs Herz — wie wohl und wie stark er jetzt doch war. Nach dem weiten Weg, den er M Fuß zurückgelegt hatte, auch noch die anstrengende Kopfarbeit. Das hätte er vor zwei Jähren nicht gebannt.
Plötzlich stutzte sie. Bon der Halle heviiber klang Stimmengemurmel. Nein, sie tauschte sich — es war ja alles still. Immerhin, sie nmß nachschen, ob dort jemand ist.
Auf dem schmalen, zwischen großen Rosenbüschen und Jasminsträuchen sich hinwindenden Weg kam sie mit ihrem raschen, leichten Schritte bis an die Tannenkulisse, wo sie durch eine schmale Lücke im Gezweig das Innere der Halle übersah — doch kaum hatte ihr Blick den lustigen,, traulichen Raum gestreift, als sie, wie von einer Wespe gestochen, zurnckprallte. Sie war so erschrocken, das Herz pochte gleich Hammerschlägen und ihre Suiee bebten. Erst nach einer Weile näherte sie das Gesicht wieder dem Durchblick, getrieben von der Hoffnung, ihre Augen möchten sie das erstemal betrogen haben.- Es blieb dabei. Wilhelm stand da, den Avnt um eine Frauengestalt geschlungen, die schlank und lang wie eine Weidenrute in dieser Umarmung lehnte — und während er sich zu ihr herabbeugt« mit tiefbewegtem Gesicht uild heißem Blich glitt ihre Hand liebkosend, streichelnd über sein Gesicht, — übe- sein Gesicht!
Wie sie dann fortgclaufen war, wie sie daS Haus erreicht« und durch die Gartentür stürmte, daß diese klirrend hinter ihr zuschmetterte, wie sie herauf in ihr Zimmer kam, das wußte Edel« traut nachher nicht mehr. Sie war so bestürzt und verwirrt, daß sie sich in dem stillen Raum erst lange fassungslos umsah, als suche sic etwas, und sich dann ganz mechanisch auf deit Stuhl setzte, der int Fenster vor dem Nähtischchen stand, und von derck aus sie, wenn sie hiev oben arbeitete, den Hof übersehen konnte.^ Hier saß sie und starrte in die bläue Luft. Was war den- nur los?
Nach und ttach gelang es ihr, des gedankenlosen, impulsiven Schreckens Herr zu werden. Es war ettvas gescheheit — eH Wada etwas in ihr Leben getreten, dessen Bedeutung sie sich nie vergegenwärtigt hatte. Wilhelm wurde ihr unken! Ein anderes Wort fand sie nicht dafür, suchte es auch gar nicht. Sv sehr floß ihr Leben in einem gemeinsamen Strom hin, daß das eben Gesehene tu seiner ganzen Tragweite ja noch gar nicht auszudenken' war. Wilhelm schied sich von ihr und ging andere Wege. Er! Undenkbar war's. Was sie nie zu tun vermocht hätte — et tat es!
Ob sie schon lange so dagesessen hatte, ivußte sie nicht, aber jetzt wurden ihre ratlosen Gedanken auf die Gegenwart gelenkt — dort unten durch deit großen, sauber gefegten Wirtschaftshvf schwebte es daher — jene selbe Frauengestalt in enganschmiegendem, grauem Tuchklcid, Hütchen und Gerte in der Rechten, des Kleides Schleppe in der Linken. Rasch, hastend schritt sie direkt auf den Pferdestall zu und verschwand in der Tür. Fünf Minuteit später stieß der Kutscher von innen beide Flügel der großen Türe auf und heraus kant sie — hoch zu Roß, ivandte das Pferd nach dem Torweg und ritt in kurzem Galopp aus dem Hof.
Me gebannt sah Edeltraut der entschwindenden Erscheinung nach. Sie hatte keine Ahnuim, wer diese Fremde sein könne und grübelte auch gar nicht darüber nach Das war ja völlig gleichgültig. Die Hauptsache war, daß sie überhaupt da war. Die graue, fast unirdische Gestalt wirkte beängstigend wie ein zwingender Traum. Es war eilte ganz törichte, der Aufregung des Augenblickes entsprungene Phantasie — aber sie glaubte die Unbekannte immer noch da unten zit sehen, eine Geistererscheinung der Zukunft, ein Ettvas, das sie einst gewesen Ivar und das nun schattenhaft und körperlos dort weiterspukte. Eine sonderbare Bor- ahnung erfaßte sie, daß diese gespensterhaftc graue Frau hier herrschen werde und daß das gar keine Fremde sei, sonderit der Geist einer, die einst Edeltraut von der Haide geheißen halte! Es koirnte keine andere sein, so träumte sie fieberttd, mit offenen Augen —• so vertraut und bekannt mit jedem Schritt da unten war ja nur sie selbst — sogar in Gang und Gestalt Ivar da noch immer so viel Aehnlichkeit geblieben....
Plötzlich erwachte sie. Der Zukunftsspuk zerrann. Nein, si« lebte ja noch und mußte dies ausdenken. Ein Traum war's wahrhaftig nicht gewesen — nüchterne Wirklichkeit. So hatte Wilhelm gestanden — und so, an seiner Seite, die Fremde. Sie sah das wieder deutlich vor sich und die leise murntelnden Sttmmen klangen in ihren Ohren, der frische Duft treibender, Heller Tannensprossen! . Wen sie zu umwehen. Sie schüttelte sich. Es! war doch einfach


