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entstanden, die beim Karneval herumzogen. Mir den französischen Harlekin hat Otto Triefen den Ursprung aus den struppigen Teufelsfratzen, die mit König Harlekin auf Polterabenden und Diablerien ihr schlimmes Spiel trieben, mit vieler Gelehrsamkeit nachgewiefen. Auch in Deutschland entwickelte sich die literarische Figur des Narren ans den Possen der mit Larven versehenen Lustigmacher, die im Mysterienspiel mit den komischen Teufeln und mit den grotesken Witzen der Salben verkanfenden Krämer in die Kirche eindräugen. In dem frechen, gefräßigen, höhnischen, lüsternen Knechte des Krämers Rubin sowie in den dummen geprellten Teufeln, die mit Hörnern, Schwänzen und Schellen als echte Fastnachtsnarren auftraten, sind die ersten Ansätze einer ganz nationalen komischen Figur zu finden. Der grobe, unflätige Bauer der Fastnachtsspiele mit seinem plumpen Lachen bildet diese Züge weiter aus, und zugleich zuckt ein freierer Humor, eine sieghafte Ueberivindnng des Lebens in einzelnen genialen Gestalten der Volksphantasie auf, im Eulenspiegel, im Claus Narr, int Peter Len rind dem unverzagten Thedel von.Walmoden. Immer ist cs dieser unmäßig gierige, zotenhafte, arg verprügelte und doch nie von feinem Mutterwitz verlassene Diener, dessen allmählich schärfer charakterisierte, genauer Umrissene, schematisch festgelegte Gestalt wir in der Entwicklung unserer Literatur aus den Fastnachtsspielen, den Dramen der Reformationszeit, den Werken von Hans.Sachs und Jakob Ayrer, den unflätigem Clowns der- englischen Kontödianten und gesitteten Possenreißern Christian Weises Hervortreten sehen. Ein langer Aufzug grotesker und wunderlicher Gestalten, ein treues Spiegelbild unseres Humors!
Hans Wurst war zunächst nur einer von vielen; die Bauern der mittelalterlichen Spiele führen gar kuriose Namen, !vie Schweinszagel, Kalbseuter, Molkenbauch, Hans Narr, Hans Mist. Warum sollte nicht auch solch ein bäuerlicher Narr Hans Wurst heißen? Wo der Name 51111t ersten Male schriftlich fixiert erscheint, in der niederdeutschen Nebersetzung von Brants Narrenschiff, erscheint er ebenfalls als Bauernname. Schon Addison hat ja die seine Bemerkung gemacht, daß das Völk seine komischen Figuren gern nach einer Lieblingsspeise benenne. So heißt der franzö- siche Narr Jean Potage, lvas deutsch bald als Hans Supp übersetzt wird, der italienische Maccaroni, der englische Jack Pudding. Die Wurst aber spielt bei den Faschingsauf- zügen eine Hauptrolle; riesige, 1000 Ellen lange und 1000 Pfund schwere Bratwürste wurden von den Metzgern überall, in Königsberg wie in Nürnberg, an ungeheuren Gabeln beim Karneval herumgetragen; ein Hans Wurst, ein dicker, kugelrund aufgefüllter Fettwanst, durfte als Anführer des Zuges nicht fehlen. Seine typische Bedeutung hat dem Namen wohl Luther ausgeprägt, als er 1541 seine wortgewaltige, mit Keulen dretnschlägende Streitschrift „Wider Hans Morst" gegen den Herzog Heinrich von Braunschweig richtete. Seinen „Hanswurst von Wolffenbüttel" nennet er also, weil er gehöre ,,zu den groben Tölpeln, so klug fein wollen, doch ungereimt und ungeschickt zu Sachen, Reden und Tun", weil er ein vom Teufel besessener „Tölpel, Bengel und Rülps" sei. Jin Fastnachtsspiel erscheint dann. Hans Wurst 1553 in einem Stück des Nürnbergers Peter Probst, wo er als gefräßiger Landmann auf eine unflätige Weise durch den Arzt von feilten Magenbeschwerden kuriert wird. Jjit der 15.73 erschienenen „Comödia vom Fall Adams Und Evas" treiben die beiden Narren -Hans Wurst und Hans Hahn neben Gott Vater und Sohn ihre sehr despektierlichen und handgreiflichen Possen. Auch bei Hans Sachs erscheint Wursthans gelegentlich als lustiger Diener eines Edelmanns und neben den Rüpeln der englischen Komödianten, dem Jean Pvsset, so genannt nach einem beliebten englischen Würzgetränk, und dem Pickelhäring, macht Wurst- hänsel feine Sprünge, Späße und Lazzi. Ein kleiner wohlbeleibter Kerl, unbehilflich und doch behend in der engen prallen Jacke mit den großen Kugelknöpsen, das von Gri- masseit beständig verzerrte Gesicht aus dem ungeheuer breiten Halskragen mit unheimlicher Lebendigkeit heraus- guckend, im bunten Kleid, mit kurzem Bart, seltsam springend in seinen viel zu großen Schuhen, so erschien der deutsche Narr, eine seltsame Mischung aus dem alten Maccus der römischen Komödie, dein steifen Grazioso, dem tollen, übermütigen Arlechino, dem brutal gemeinen Clown. Ohne den lustigen Rat, ohne fein Lachen und feine Künste war kein Schauspiel mehr möglich; Hanswurst konnte seinen Siegeszug antreten.
Derjenige nun, der dem Hanswurst seine feste Stellung auf der deutschen Bühne eroberte, sodaß er allmählich über die Genossen Harlekin und Pickelhäring den Sieg davon trug, war der Schauspieler Johann Antoni Stranitzkh, der allmählich als der „sogenannte Wienerische Hanswurst" eine weite Berühmtheit erlangte. Zunächst gefiel er sich in der von ihm geschaffenen Rolle des „durchgetriebenen Fuchs- mnudi", für den er in seiner 1711 erschienenen Ollapotrida alle Witze und Rollen des .Harlekin ans den italienisch-französischen Vorbildern entlehnte. Nicht lange darauf wird Stranitzky eines Tages in einer anderen Rolle erschienen fein, die er teils dem Leben abgelauscht, teils aus der Lektüre seines Lieblings Abraham a Santa Clara in sich ausgesialtet und mit den Elementen der populären komischen Personen verschmolzen hatte: Es war ein Salzburger Bauer, ein „Sau- und Krautschneider" von Profession, und er nannte sich Hanswurst. Das ausdrucksvolle Gesicht mit den schwarzen, breiten, hochgezogenen Brauen, der stark gebogenen Nase und dem großen starren Auge wetterleuchtet von der steten Erregung der Witze, die aus dem breiten, von dem runden kohlschwarzen Bart ganz sreigelassenen Munde hervorbrechen; das Haupthaar ist glatt" zurückge- kümmt 1111b auf dem Scheitel in einem wunderlich possierlichen Schopf zusammengeitommen. Er steckt in einer gelben Joppe, die er offen trägt und ans der die laugen, enganschließenden Aerinel steif herabschlenkern; an den Füßen klappern die derben Bundschuhe; um die Waden schlottern die Pumphosen. Der blaue Brustfleck, des Narren Zeichen, ist durch ein anfgenähtes grünlederues Herz geziert, neben welchem rechts, und links ein großes und W erscheinen. Ein Ränzlein in Form einer dicken Wurst hängt ihm über die Schulter, im Leder gurt führt er die hölzerne Narren- pritsche und auf dein Kopf sitzt der spitze grüne Hut, der Schelmen und Aufschneider Emblem.
(Schluß folgt.)
Ehre, Ehrbegriff und Ehrengerichts.
In München hielt am Montag abend auf Einladung des „Vereins für ethische Kultur" Prof. Dr. Quidde einen Vortrag über Ehre, Ehrbegriff und Staudesgerichte.
Der Begriff Ehre habe zwar verschiedene Bedeutungen, man kenne eine innere Ehre, die mit der Persönlichkeit des Trägers eng verknüpft ist, und eine äußere Ehre. Tiefe innere Ehre könne verletzt werden durch Handlungen, die gegen das moralische Empfinden und Erkennen verstoßen, von einem dritten kann sie nicht verletzt werden, sie bleibt bestehen, auch wenn die äußere Ehre verloren ist. Die äußere Ehre bestehe nur in dem, was einer sei, was er bei seinen Mitmenschen gelte, wie fein Ruf sei und nicht zuletzt, in welcher matertellen Lage er sich befinde. Diese äußere Geltung fei ja wohl ein wichtiges Gut des Lebens, aber es werde mit ihr ein falscher Kultus getrieben, sie werde mit einem Nimbus umgeben, der ihr nicht gebühre. Die äußere Ehre fei eine Frage des Vor-oder Nachteils des Lebens, die innere Ehre sei eine Frage der Moral. Wann die äußere Ehre ein Spiegelbild der inneren fei, dann wäre ihr Kultus erlaubt; aber diese Voraussetzung treffe meist nicht zu.
Die äußere Ehre fei auch feine einheitliche, sie sei bei den verschiedenen Ständen und Klassen eine verschiedene. Diese Standesehre sei nur bis zu gewissen Grenzen berechtigt. Beim Arbeiter verlange die Standesehre Solidarität mit bett im Kampfe' befindlichen Kollegen, beim Kaufmann Beobachten von Treu und Glauben beim Handeln, beim Beamten gewissenhafte Ausübung seines Amtes, vom Ossizier vor allem Mannhaftigkeit. Eine konventionelle, falsche Standesehre wolle höhere Achtung beansprnchen, nicht aus Grund von Leistungen, sondern auf Grund gewisser historischer Einwirkungen. Privilegien seien da entstanden, das Duell solle die verletzte Ehre wieder Herstellen, was ein Unsinn fei. Ursprünglich in Uebuug bei Leuten, die mit der Waffe umgingen, fei es von der Armee zu den Aristokraten und in die akademischen Kreise gedrungen. Aus dem Duell entwickelten sich dann die Ehrengerichte, die Standesehrengerichte. Hier liege ein gewisses Bedürfnis vor. Es gebe eine Menge von Handlungen, die straffrei find, jedoch die Standesehre verletzen, hier sei das Bedürfnis nach Standes- g e r i ch t e n vorhanden. Wenn diese gnt funktionierten, sei ihr Wert nnbestritten. Aber es dürfte nicht Vorkommen, daß die höhere Stelle das Urteil eines militärischen Ehrengerichtes ohne weitere Prüfung einfach umstößt. Am besten haben sich das Standesgcricht der Anwaltschaft, ferner die Ehrengerichte im akademischen Leben bewährt. Bei beut ärztlichen Standesgericht hätten sich schwere Mängel gezeigt. Es bestehe Gefahr, daß Forderungen des Standes in ter ess es zu solchen der Standesehre würden.


