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berichtete nun kurz nnd ziemlich gleichgültig von den Licht- und Schattenseiteil dieser Stellung.
„Wissen Sie, daß der Pastor Herbst in Brannstndt einen HilsSgeistUchen sucht?" sragte Edel traut und sah ihn schnell an.
Er runzelte die Brauen.
„Mich wird er nicht suchen," sagte er gr. .end.
„Aber wie können Sie das iuvr- • Gotthard. Haben Sic sich Nur die Stelle beworben?"
Er hackte mit dem Absah in den Kies.
„Nein!" stieß er endlich in tiefen, murrenden Tönen hervor, „glauben Sie wirklich, ich harte Aussichten — hier in dieser Gegend? Ich sehe einer ewigen Kandidatur entgegen. Acht bin ich siebenundzwanzig Jahr — und noch immer Schulmeister. So wird-'s wohl bleiben." -
„Haben Sie es schon je in einer anderen Gegend versucht?" fragte sie teilnehmend.
Frieda zupfte warnend ihreir Aermel.
„Ach, frag' ihn nicht," bat sie, „er wird jedesmal so heftig, jo erbittert."
„Natürlich habe ich dies, aber entweder war der Andrang der Einheimischen zu groß oder sonst ein Hindernis . . . und einmal, wo sich alles günstig zu fügen schien, da war cs, als griffe der böse Geist mit eigener Hand ein. Ter unglücklichste Zufall spielte mit. . ." »
„Las; es!" bat die Schwester wieder.
Er aber, immer mit dem Absatz im Sande wühlend, fuhr fort:
„Ich war Hauslehrer in einer Familie in Thüringen, wie Sie wissen, und hielt die Augen offen nach einer Anstellung. Ta schrieb mir ein Freund, ein junger Jurist, dessen Eltern ein Gut dicht vor den Toren einer größeren Stadt in der Provinz Sachsen hatten, die Pfarrstelle daselbst sei frei geworden nnd solle durch seinen Vater neu besetzt werden. Er habe mich v-or- geschlagen und wenn es mir recht sei, wollten wir zusammen Hinreisen. Tas geschah. Ich wurde sehr freundlich ausgenommen, hielt nueiite Prvbepredigt und empfing nachher die Versicherung, sie habe sehr gefallen. Tie Familie machte einen strenggläubigen Eindruck. Eine alte Tante, die das Haus zu regieren schien, sagte mir vertraulich, der Schlendrian, der unter dem altersschwachen Emeritus in der Gemeinde eingerissen sei, müsse ein Ende nehmen, und dazu schiene ich gerade der rechte Mann. Ich wurde eingeladen, bis äit der Entscheidung im Schlosse zu bleiben. Am nächsten Tage sollte Kirchenvorstandssitzung sein. Am Wend kam Besuch aus der Stadt. Man sprach von geselligen Vergnügungen, vom Theater, an welchem ein Ibsensches Trama Aussehen machte. Eine junge Schauspielerin aus Berlin, die, wie sie sich ausdrückten, „ans Engagement als Heroine gastiere", wurde kritisiert. Einige fanden ihr „Organ spröde und ihr Spiel outriert", andere benmndertcn sie als „echte Bühnenschöir- heit" und erklärten ihre Leidenschaftlichkeit für hinreißend. Die Frau Tante saß während dieser weltlichen Unterhaltung stumm, mit zusammengekniffenen Lippen, und ich leistete ihr daran Gesellschaft, denn mehr und mehr erfaßte mich ahnungsloser Grimm. Sie nannten die Schauspielern» »die Luisane". Mit einem Male sagte ein junger Herr: „Ich habe mich erkundigt. Ihr Name ist Luise Hecker," — Wie ich da ailsgesehcn habe, weiß ich nicht, aber der Hausherr sah mich plötzlich betroffen an und sagte mir: „Herr Kandidat, Ihnen scheint diese Tarne, welche merkwürdiger Weise Ihren Namen trägt, nicht unbekannt zu sein?" — Ta wandte sich die Tante scharf um: „Lieber Herr Neffe, was sagen Sic? Tas ist doch wohl nicht möglich!" — Nun, und ich? — In meiner Verzweiflung habe ich cs ihnen ins Gesicht geschriccn: Sie ist meine Schwester!! — Peinliches Schweigen. Tie Tante reckte sich höher und höher und rückte von mir weg, ein Herr sing rasch au vom Wetter zu reden, der Hausherr bekam einen Hustenanfall, die Hausfrau sah mich tief mitleidig an. Ich stand auf und ging in mein Zimmer und schnürte mein Bündel. Nach einer Stunde kam mein Freund, der Sohn des Hauses, herauf und lief aufgeregt im Zimmer hin und her. Die Gäste waren fort und die Familie hatte Rat gehalten. „Weißt du, Becker," sagte ei- zögernd, „das nenne ich unerhörtes Pech. Tie Eltern sind riesig bekümmert — du hast so gut gepredigt — du bist gerade, was sie sich wünschen . . . aber es geht doch nicht. Weißt „ t ^ir^wohneii zu nah bei der Stadt. Was würden denn unsere l»e^n Bauern sagen, wenn sie erführen . . für unsere sächs. Bauern ist doch eine Schauspielerin eine Teiibelskreatur — und nun gar als Schwester ihres Herrn Pastors . . . und sie wird engagiert, ganz sicher. Verstehe mich nur nicht falsch. I ch bin ja ganz vor- urtcilssrci, lieber Freund, aber meine Eltern — und dann die ^aute — die hat so ihre fixen Ideen. . ." Kürz, ich ließ ihn so weiter reden und am nächsten Morgen bei Tagesanbruch reiste ich ab."
„Tas ist ein merkwürdiges Zusammentreffen," sagte Edett traut, „aber so braucht es doch nicht immer zu gehen."
„Aehnlich ist mir's immer ergangen," versetzte er finster, „und was hilft mir's, daß sie für den Bruder nicht mehr existiert, der Theologe muß sie bei jeder solchen Gelegen^ heil nennen und anerkennen — das fordert die Wahrheit."
„Wie mag es ihr nur ergehen?" fragte Edeltraut, „wo mag sie sein? Und weshalb ist sie wohl nicht Sängerin geworden?"
„Was frage ich nach alledem," gab er schroff zurück, während die Schwester seufzend zu Boden blickte und leisö sprach:
„Er hat sic, damals vor zwei Jahren, als er in Berlin war, einmal gesehen."
„Wirklich!" — rief Edeltraut lebhaft, „das habt ihr mir nie erzählt."
„Tas erzählen?" — er lachte rauh. „Aber wenn Sie es denn wissen wollen, ja, ich sah sie. Es war in der Nähe des kleinen Huiidekehlcr Sees. Sie saß mit einem Liebhaber! im Garten einer Waldrestauration nnd frühstückte."
Edeltraut !var einige Augenblicke still und dann fragte sie: „Woraus schließen Sie, daß es ihr Liebhaber war?"
„Ach!" — er zuckte ungeduldig die Achseln, „das brauchte! mir niemand zu sagen. Ich wußte es. Ich sah cs. Ihr Gesicht konnte ich sehen und die Augen, mit denen sie ihn an- fah. Pfui!" — Es fehlte nicht viel, so hätte der Sprecher ausgespuckt.
„Armes Mädchen!" sagte Edeltraut ruhig. Tabei strich sie liebkosend über Friedas Haar, die sich verstohlen die Augen wischte.
. „Hat sie Sie gesehen?" — fragte sie dann.
„Tie? Die sah und hörte nicht! Uebrigcus. weiß ich es nicht, ich stand hinter ihnen, nnd als ich sie erkannte, machte ich Kehrt und ging fort."
Tas junge Mädchen maß von der Seite die robuste Gestalt.
„Ich muntere mich .eigentlich, daß Sie dem Mann nichts antaten. .
Er runzelte die Brauen.
„Was gingen mich der Mann und die — das Mädchen! an? Für mich ist sie lange tot und begraben."
Sie hörte, daß seine Zähne aufeinander knirschten, ihr mar fast beklommen zu Mut. Frieda zog ihren Kopf zu sich heran und hauchte kaum hörbar: „Nimm ihn nicht so, wie er sich gibt. Im Grunde ist er todunglücklich über Luise. Tu weißt, luic lieb er sie hatte."
Edeltraut nickte nur.
Ringsumher schlugen die Finken und auf der den Kirchhoff abtrennenden Mauer saß eine Amsel und flötete ihr Abendlied, lieber der Mauer wölbte sich ein blütenreicher Faulbaum. Man hörte dort .eine Pforte knarren. Frieda blickte schnell durch das grünende Gesträuch.
„Ta kommt Julchen," sagte sie hastig, „schweigt vor ihr, ich bitte euch!"
Ein schmächtiges, etwa vierzehnjähriges Mädchen kam vom Kirchhof her Mit springenden Schritten durch deu Garten. Ihr dunkles, lockiges Haar wehte zerzaust um die kindliche Stirn» die harmlos fröhlichen Augen glänzten.
(Foitset'ung folgt.)
Vsm deuiWn Hanzwurst.
(Eine literarische Faschingsplauderei.)
Ilm die FastnachtHeit stürmt ein schauerlicher Zug gespenstischer Schatten durch die dunklen Nebel der Lüste» vom Heulen des Windes, vom Peitschen des Regens umtost. Es ist für das christliche Mittelalter eine böse Vision! der verdammten ahgeschiedenen Seelen, dieses wilde Heer» das den alten Deutschen ein derbes, fröhliches GejaiÜ mit lustigem Hundegekläff und stolzem Possegestampf gewesen. Der nächtliche Spuk schreckte die srommen Gemüter» aber die starke, an den altheidnischen Festen hängende! -Phantasie des Volkes lieh sich nicht schrecken von dem Bilde des Teiisels nnd dem scheltenden Eisern der Bigotten, sondern gestaltete sich iueit Zug der germanischen Götter mit ihren Tiermaskcn und phantistischen Vermummungen nach ihrem Sinne um zu erneut tollen, ausgelassenen Jubel» der einmal im Jahre in den von Christentum und- Zivilisation gesänftigten Gemütern die alte Wildheit und Ausgelassenheit anflobent ließ. Wie das deutsche Fastnachtsspiel aus solchen Umzügen und Verkleidungen, so ist die lustige Persoil unserer Literatur, ist der Hanswurst letztest Endes aus den Teufeln, Unholden und' Harlekinsleuten


