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«ai beweiset. Vierzehn Tage lang wurde Mai jeden Morgen nach und nach allen Beamten der Kriminalpolizei, sowie ihren gelegentlichen Mitarbeitern, vorgesührt. Hierauf stellte man ihn ettva dreißig Zuchthäuslern vor, die wegen ihrer Kenntnis aller französischen Gefängnisse berühmt waren und eigens zu dem Zweck. nach dem Untersuchungsgefängnis transportiert wurden.
Niemand erkannte ihn.
, Seine Photographie war nach allen Zucht- und Arbeitshäusern verschickt worden; niemand erinnerte sich seiner Züge. Zu diesen Umständen kamen noch andere hinzu, die ebenfalls zugunsten des Gefangenen sprachen.
Das Personnlienbureau der Präfektur fand positive Spuren von der Existenz eines gewissen Triuglot, „Jahrmarktkünstlers", der wohl der Mann der Maischen Erzählung sein konnte. Dieser Tringlot war vor mehreren Jahren verstorben. Außerdem ergab sich aus den in Deutschland und England angestellten Nachforschungen, daß dort ein Mister Simpson sehr gut bekannt war Md auf allen Messen und Jahrmärkten in hohem Ansehen stand.
Gegenüber solchen Beweisen ergab der Direktor sich und gab offen zu, daß er sich geirrt habe.
Der Angeklagte Mai, schrieb er dem Untersuchungsrichter, ist wirklich und wahrhaftig das, wofür er sich ausgibt. Zweifel in dieser Hinsicht können nicht mehr obwalten.
Das war natürlich erst recht Gevrols Meinung.
Also blieben Segümller und Lccoq mit ihrer Ansicht allein. Allerdings konnte keiner so wie sie über den Fall urteilen, da sie allein alle Einzelheiten der streng geheim gehaltenen Untersuchung kannten. Aber gleichviel, allein gegen die ganze Welt ankämpfen ist immer peinlich, wenn nicht gar gefährlich, und hätte man auch tausend- und abertausendmal recht.
lieber den „Fall Mai" hatte allerlei verlautet; Lccoq wurde Von gröblichen Späßen verfolgt, sobald er sich auf der Präfektur sehen ließ, aber auch der Untersuchungsrichter konnte nicht ganz allerlei freundschaftlichen Witzen entgehen. Da fragte ihn mehr als ein Kollege, bei Begegnungen int Korridor, was denn eigentlich sein Kaspar Hauser mache, sein Mann mit der eisernen Maske, fein geheimnisvoller Seiltänzer.
Schließlich gerieten denn sowohl Segmuller Ivie Lccoq in die aufgeregte Stimmung eines Menschen, der von einer Ansicht felsenfest überzeugt ist, aber ihre Richtigkeit nicht beweisen kann. Sie verloren beide den Appetit darüber, so daß sie mager wurden und im Gesicht ganz griin aussahen.
Mein Gott! sagte Segmüller manchmal. Warum hat d'Es- eorval das Bein gebrochen? Ohne diesen verdammte:: Sturz hätte er alle meine Sorgen, und ich würde jetzt darüber lachen wie alle anderen.
Der junge Beamte dagegen knurrte in sich hinein: Und ich hielt mich für was Rechtes!
Aber keinen: von ihnen kam der Gedanke, die Sache aufzn- geben. So verschieden sie von Temperament waren, beide hatten sie, jeder für sich, geschworen, sie würden das peinigende Rätsel lösen.
So standen die Sachen, als L-ecoq sich entschloß, seine nutzlosen Laufereien durch ganz Paris aufzugeben und sich einzig der Beobachtung des Gefangenen zu widmen.
. Vc>n Stund an, sagte er zu Segmuller, werde ich Gefangener wie er, und lasse ihn, ohne daß er mich sehen kann, nicht mehr ans heu Augen.
32. Kapitel.
Oberhalb der' engen Zelle, worin der Angeklagte Mai gefangen, faß, befand sich eine Art Hängeboden, der mit Fliesen gedielt, aber so niedrig war, daß ein. Mann von mittlerer Größe in dem Raum nicht aufrecht stehen konnte. Einige dünne Lichtstrahlen, die durch die Fugen der Dachschiefer drangen, verbreiteten kaum eine zweifelhafte Dämmerung.
In diesem ungemütlichen RauM quartierte Leooq sich eines schönen Morgens ein.
Er hatte dazu die Stunde gewählt,. um welche der Go- fangeue unter der Aufsicht von zwei Wärtern seinen täglichen Spaziergang machte. Lccoq konnte also ungescheut an die zu feiner^ Einrichtung notwendigen Arbeiten gehen. Er hob zwei oder drei Fliesen aus und begann darauf ein Loch zu machen. Er hatte für dieses eine trichterförmige Gestalt gewählt; sehr breit an der Oberfläche, verengerte es sich nach unteu zu, bis es bei dein Punkt, wo es auf die Decke von Mais Zelle traf, kaum stoch zwei Zentimeter breit war. Dieser Punkt war übrigens Vorher ausgesucht worden, und zwar so geschickt, daß der Gefangene das Loch unmöglich von unten bemerken konnte.
Während Lccoq an der Arbeit war, standen der Direktor des Untersuchungsgefängnisses und Gßvrol, die ihn durchaus hatten
begleiten wollen, spöttisch lächelnd in der Türöffnung des Hänget oodens.
Dies ist denn also, Herr Leooq, sagte der Direktor, von nun an Ihr Observatorium?
Mein Gott, ja, Herr Direktor.
Sie «Verden es Hiev nicht sehr bequem haben.
Doch nicht so schlecht, wie Sie denken. Ich habe mir eine! dicke Decke mitgebracht, um sie aus dem Boden aus'znbreitcn, und auf dieser werde ich liegen.
So werden Sie also Tag und Nacht IHv Ange an dieser Oeffnung haben?
Tag und Nacht, jawohl!
Ohne zu essen und zu trinken? fragte Gevrol.
Warum nicht gar .' Der alte Absinth, den ich von seinem mm Nützei: Beobachtungsposten' in der Ruelle de la Bnttcaux-Cailles! abgelöst habe, wird mir mein Essen bringen, meine Besorgungen machen und nötigenfalls weine Stelle einnehmen.
Der eifersüchtige General lachte laut auf, aber dies Lachest Ivar offenbar erzwungen.
Höre, sagte er, du tust mir leid.
Kann sein.
Weißt du, wie du ausschcn wirst, mit deinem Auge ämj Loch, um den Angeklagten zu beobachten?
Sagen Sic's und: genieren Sie sich nicht.
Also, du kommst mir vor wie so'n alter verrückter Natnr- forschev, der alle nwglichen Tierchen unter seine dicke Lupe legt und sie beobachtet, wie sie herumkbabbcln.
Lccoq war mit seine« Arbeit fertig; er stand aus und sagte:
Der Vergleich ist außerordentlich treffend, General. Sie habest es erraten: die Erinnerung au diese Naturforscher, von denest Sie so schlecht sprechen, hat mir meinen Gedanken eingegeben. Ihr Verfahren, das Sie. auf Insekten anweuden, werde ich au» einen Menschen anwenden!
Oho! rief der Direktor cin ivcnig erstaunt.
Jawohl, Herr Direktor, so ist es! Ich will das Geheimnis des Angeklagten haben — und ich werde cs haben, ich habe es mit! geschworen. Ja, ich werde es haben, weil er bei der allergrößten! Energie doch einmal einem Augenblick von Schwäche haben muß, und dann werde ich da sein. Ich werde da sein, wem: sein Wille nachläßt, wenn er, sich allein glaubend-, die Maske fallen läßt, wenn er sich eine Selünde lang vergißt, wenn er int Schlaf ein unbedachtes Wort fallen läßt, wenn ev dein: Erwachen nicht: seine ganze Kaltblütigkeit hat, wenn die Verzweiflung ihm eine Klage, eine Bewegung, einen Blick entreißt — dann werde ich da sein, immer werde ich da sein!
Der unerschütterliche Wille des jungen Beamten, der sich so machtvoll aussprach, machte auf den Gesängnisdirektor einest gewissen Eindruck.
Meiner Seel, mein Junge, sagte ev. Sie haben einen artigen Muk!
Und ganz ohne Zweck, brummte Gövrvl.
Der Inspektor sagte das in sehr wegwerfendem Don, aber; im Grunde war er seiner Sache doch nicht mehr ganz sicher.- Der Glaube ist ansteckend, und die unerschütterliche Zuversicht: Leooqs beeinflußte auch ihn. Wenn dieser Rekrut doch gegen ihn recht behielte, gegen ihn, Gsvrol, das Orakel der Präfektur^ was für eine lächerliche Blamage!
Noch einmal schwor er es sich selber zu, daß dieser so überaus rührige Bursche bei der Kriminalpolizei nicht alt werden sollte; und, unwillkürlich eines der Mittel verratend, wodnrch er hierauf hinzuarbeiten gedachte, fügte ev hinzu:
Die. Polizei muß das Geld sehr reichlich habest, um zwei Leute für eine solche Mvrenarbeit zu bezahlen.
(Fortsetzung solgt.)
GseiheZ Trauer um schiller/)
Bo» Kart Berger.
Eine einzige Stimme war in der allgemeinen Toten« klage um Schiller noch nicht erklungen: Goethe allein war zunächst stumm geblieben, er allein schien bei so reichest Huldigungsspenden mit seinem Beitrag zu kargen. Ein Monat war bereits seit Schillers Tod vergangen, da mußte! die junge weimarische Prinzessin Karoline seine Witwe noch also trösten: „Daß Ihnen unser Freund, Goethe, nicht so wv hl tätig sein kann, tut mir leid ffir ihn, denn er muß in
*) Diesen Aufsatz entnehmen wir mit Erlaubnis der C. H. Bcckschen Verlagsbuchhandlung (Oskar Beck) in München! .zweiten Bande hcv bekaimtcu Schillerbiographie von Karl Berger.


