Ausgabe 
12.11.1908
 
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Einet traurigen Stimmung sein, nicht Stärke genug haben, sich Trost geben zu wollen." So war es in der Tat: wie es Goethe immer erging, wenn ihm seine Liebsten starben, so ging es ihm auch mit dem Freunde. Er war von dem Er­eignis so tief erschüttert, daß er, nach seinem späteren Geständnis, aller eignen Kraft bedurfte, um aufrecht zu bleiben. Wie der Schmerz in ihm wühlte während dieser Zeit, das konnten selbst die Nächststehenden nur ahnen. In der ersten Woch,e des Mai war er in sein altes Leiden zurückgeworfen worden; jede trübe Kunde vom Krauken- lager des Freundes wirkte verschlimmernd auf feinen Zu­stand. Der junge Boß fand ihn eines Tages mit tränen- erfüllten Augen int Garten. Der Besucher brachte schlim- tnen Bericht: ntan fürchtete für Schillers Leben. Gewalt­sam sich fassend, erwiderte Goethe nur:Das Schicksal ist Unerbittlich, und der Mensch wenig." Die Nachricht von Schillers Scheiden ivagte niemand dem Einsamen yt über­mitteln ; denn alle fürchteten, der ohnehin an Leib und Seele schon Erschütterte, f'öiutte der Nebergewült eines plötz­lichen Schmerzes völlig erliegen.Meyer" (Goethes Freund, der Maler Heinrich M. Die Redaktion), so erzählt Heinrich Boß,war bei Goethe, als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hiuausgerufen, hatte aber nicht den Mut, zu Goethe zurückzukehren, sondern ging iveg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahr­nimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, alles dies läßt ihn wenig Tröstliches erwarten.Ich merke es," sagte er endlich,Schiller muß sehr kraitk sein," und ist die übrige Zeit in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen! war; man hörte ihn in der Nacht weinen." Am andern Morgen, als Christiane Bulpius seine tastenden Fragen nur mit lautem Aufschluchzen beantwortete, da wußte er alles.Er ist tot?" fragte Goethe mit Festigkeit, und auf die zustimmende Antwort der Freundin rief er noch einmal: >,Er ist tot," wendete sich seitwärts, bedeckte die Augen mit den Händen und weinte, ohne eine Silbe zu sagen.

Ich ivar nun von allen meinen Nebeln doppelt und dreifach angefallen," so berichtet Goethe int späteren Rück­blick auf diese Zeit. Er lebte, wie er an Eichstädt schrieb, nach deut Tode des werten Freundes nur noch halb fort. Feh dachte mich selbst zit verlieren," so heißt es in einem Brief an Zelter,und. verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins." Dennoch wollte er das Unwiederbringliche nicht ganz aufgeben; dem Tode zum Trotz sollte die geistige Gemeinschaft fortbestehen: um sich den Berittst des Freundes durch Fortsetzuttg seines Daseins erträglicher zu machen, beschloß Goethe, ben De­metrius zu vollenden. Er hielt sich einsam und ging mit leidenschaftlichem Eifer au die Arbeit. Aber der Versuch mißlang. So mußte Goethe auf das schmerzlichste erfahren, was im Bereiche dichterischeit Schaffens mit der Persön- lichkeit Schillers auf immer dahiitgegaitgert war: die eigen­tümliche Verschmelzung von Gedaukengröße und Gefühls­innigkeit, die ungeheure dramatische Energie, das, leiden­schaftliche Pathos. und die tragische Wucht einer ausge­sprochenen Willensnatur, vor allem auch der znsammen- schaüeude Blick und die aufbaneude Kraft, die zur Bewälti- gung gerade dieser Aufgabe unerläßlich waren. Eine Er- keiintuis, die ein halbes Jahrhundert später von Friedrich Hebbel in die Worte gefaßt wurde:Man tonnte ebenso gut für Schiller atmen, als für ihn dichten," mag auch bei Goethes Verzicht auf eine Fortsetzung still mitgewirkt haben. Trauernd bekennt er in seinem Tagebuch:Nun war mir Schiller eigentlich erst entrissen, sein Umgang erst versagt. Meiner künstlerischen Einbildungskraft war ver­boten, sich mit dem Katafalk zu beschäftigen, den ich ihm ckufzurichten gedachte. Sie wendete sich und folgte dem Leichnam in die Gruft, die ihn gepränglos eingeschlossen hatte. Nun fing er mir erst an zit verwesen; unleidlicher Schmerz ergriff mich, und da mich körperliche Leiden von jeglicher Gesellschaft trennten, so war ich in traurigster Einsamkeit befangen." Gleichwohl suchte er auch diesen

Schmerz >,in höhere tröstliche Gefühle auszulösen". Schott im ersten frischen .Herzeleid hatte er den Platt zu einer Trauerfeier auf der Bühne gefaßt.Ich werde," so schrieb! er an Eotta,weniger das, was wir verloren haben, als! das, was uns übrig bleibt, darzustellen suchen." Bon Zelter verlangte er dazu eine musikalische Illustration des Themas:Der Mensch lebt und bestehet." Schiller, dem! Lebendigen, Unsterblichen sollte die Feier gelten; all« Klagen sollten sich attflösen in dem heiterrt Ausblick zum! Cwigett, Unverlierbaren. Einige Werse sittd uns erhalten, lieber der Gruft des entschlafenen Meisters stimmt der Chor, der Jünger das dankbare Bekenntnis an:"

Seine durchgewachten Nächte Haben unfern Tag gehellt.

Der Dichter selbst, ait der Spitze der Alten, klagt mit den Worten:

Wer reicht mir die Hand beim Wersittken ins Reale? Wer gibt so hohe Gabe?

Wer nimmt so freundlich an, was ich zu geben habe?

Zum Schluffe richtet sich der trauernde Blick in das himmlische Jenseits. Die Szene verwandelt sich ins Heitere, ein himmlischer Glanz erfüllt das Haus. Die feierlichste Weise ertönt, das Gloria in excelsis.

Doch dieser gedankenschwere dramatische Entwurf blieb intansgeführt. Im Zusammenhang damit aber entstand der Epilog yt Schillers Glocke, der bei der Schiller-Gedenk­feier zu Lauchstädt am 10. August zum ersten Male ge­sprochen wurde. Was keinem der zahlreichen Nachrufe und keiner der gelehrten Würdigungen, die zu Schillers Gedächt­nis um jene Zeit erschienen sind, gelang, das glückte dem Freunde in diesem herrlichen Hymnus. Aus Goethes Mund zuerst erfuhr die Welt, wie und warum sich jeder Wunsch an den Liebenswürdigen, den der Tod erbeutet, geklammert hält. Zum ersten Male und gültig für alle Zeiten wird da das Wesen und Wirken Schillers, des Dichters und Denkers und Menschen, in großen, klaren, tief empfundenen Zügen dargestellt: die sittliche Uebergewalt des mächtigen Kämpfers, die ihm einst den Großen, Einzigen in seiner, Nähe zum Freunde gewonnen hat und die noch immer sein Volk zu ihm hinzwingt; fein tapferes künstlerisches Streben und seine stolze Schöpferkraft, fein kühnes Erfassen der Menschheitsgeschicke und sein verständnisinniger Verkehr mit den Geistern des Alls, seine kampfgestählte, sich selbst und andere besiegende Willenskraft und seine liebenswerte, hectev gesellige Menschlichkeit, alles Großfühlende und Äroß- geprägte in der Persönlichkeit Schillers tritt hier zu voller Einheit zusammeiigeschlossen vor das Auge. Mit dem Aus­druck seiner Trauer und seiner Bewunderung hat Goethe für immer auch das rechte Trostwort gefunden: was uns an köstlichen Gütern der frühe Tod Schillers geraubt haben, mag, Großes, Gewaltiges, Unvergängliches hat uns fern kurzes Leben auch gegeben. Darum darf allezeit beim Ge­dächtnis jenes Tages, an dem der Genius, die irdischen Fesseln abstreifend, ein erhöhtes und geläutertes Leben, den Gang zur Unsterblichkeit, angetreten hat, das stolze Wort:denn er war unser"den lauten Schmerz gewaltig übertönen". Fort und fort mag uns dieser Epilog daran mahnen, warum für die Verehrung und Geltung des Ge­feierten niemals ein letzter Tag kommen kann. Der ewig Vorwärtsschreitende wird, ein unermüdlicher, immer leben­diger Kämpfer und Sieger, feinem Volke voranziehen, tote er seit dem 9. Mai 1805 sieghaft ourch die Welt gefchritten ist. Sein Leben und seine Werke sind ein unveräußerliches, unverwüstliches Erbe. Aber wir müssen es immer aufs, neue erwerben, um es zu besitzen.

Die täglichen schwantungen der geistigenArbeitslrast.

Ein amerikanischer Psychologe, Howard D. Marsh, be­schäftigt sich in einem auf eingehenden Experunenten be­ruhenden WerkeDer tägliche Ablauf der Lecstungssahcg- keit" mit der interessanten Frage, zu welcher Zeck inner halb von 24 Stunden immer die menschliche Geisteskraft ihren Höhepunkt erreicht. Er stellte bei einer großen An-