Donnerstag den 12. November
1908
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Herr Lecoq.
fititnittol'diontait von E. Gaboristst.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
31. Kapitel.
Wenn mait mitten in einen Teich einen schweren ©teilt Wirft, so bringt er eine beträchtliche Bewegung der Wasseroberfläche hervor. Wer die Heftigleit derselben dauert nur em« Minute: sie nimmt ab, je weiter die Kreise werden, die Ober- ftädic wird wieder unbeweglich, und bald bleibt ferne Spur mehr Don' dem Stein zu sehen, der in dem Schlamm des Bodens ernt’ gebettet liegt. „ .. . , o c . ,
So ist es auch mit den Ereignissen, die in den Lauf des Alltagslebens hineinsallen. Sie mögen noch so gewaltig sein, daß ntktn glaubt, der Eindruck müsse jahrelang vorhalten — Unsinn! die Zeit schließt sich über ihnen, schneller als der Wasserspiegel über dem Stein, und schneller als dieser gleiten; sic in die Tiefen der Bergangenheit herab.
So war denn auch nach vierzehn Tagen das furchtbare Ber- brecheu in der „Pfefferbüchse", dieser dreifache Mord, der alle Pariser Zeitungen in Aufregung versetzt hatte, ebenso gründlich vergessen, wie irgend ein Todschlag, der Mr Zeit Karls de. Großen vorgekommen war.
Nur im Justizpalast, auf der Präfektur und im Uutersuchüngs- Msüngnis erinnerte man sich noch des Falles. Segmutter hatte es, weiß Gott, an Mühe nicht fehlen lassen, aber er hatte keinen besseren Erfolg damit gehabt als Lecoq. So und so oft wiederholte Verhöre, geschickte ®onfrontatimten, verfLuglicye Fragen, Drohungen, Versprechungen — alles war vergeblich gewesen. Em gleicher Geist schien die Witwe Chupin und Polyte, „Tugend-Dont und Frau Milner zu beseelen. Es ging aus ihren Auslagen klar hervor, daß sie ihre Weisungen vom Komplizen erhalten hatte« und getreulich befolgten, — aber was nützte dem Richter diese Gcwißheitz lu0 Segmüller, der sonst das allerbeste
Herz hatte, voll Verzweiflung über die Unzulänglichkeit seiner lediglich moralischen Waffen, wirklich bedauerte, daß ihm gegen Me Socften sSeu nicht das Rüstzeug der alten Folterkammer &u Gebote stand. , „ , ,,
Auch der Mörder selbst hatte sich wacker gehalten, m, er hatte feine Rolle jeden Tag mit einem neuen feinen Zug aus- gestattet, wie ein Manu, der sich an ein anfangs unbequemes Kleidungsstück mit der Zeit gewöhnt.
Sein Selbstbewußtsein dem Richter gegenüber wurde täglich größer, als wäre er seiner Sache sicher gewesen, als hatte er trotz allen strengen AbsperrungAmaßregeln von draußen ^ie Gcwißhen erlangt, daß die Untersuchung nicht um einen Schritt vorwärts ° einem der letzten Verhöre hatte er sogar, nicht ohne sehr bemerkbare Ironie, sich zu sagen erlaubt: ,
Mollen Sie mich denn eigentlich uocq lange in der Geheim
Aelle behalten, Herr Richter? Werde ich nicht in Freiheit ffe* setzt oder vor die Geschworenen verwiesen? Soll ich noch tong.fi darunter leiden, daß Sie den Einfall gehabt haben, mich für eine« großen Herrn zu hallen?
Ich werde Sie solange festhalten, hatte Segmüller geantwortet, bis Sie gestanden haben.
Gestanden? Was denn?
O, das wissen Sie selbst recht gut.
Darauf halte der unerklärliche Mensch die Ach,elu gezuckt und mit seinem gewöhnlichen, Halb traurigen, halb spöttischen To« geantwortet: , ......
Daun werde ich also noch nicht so bald aus dem verdammten, Loch heran skommcn! .
Ohne Zweifel infolge dieser Uebevzeugnng, schien er sich auf einen Aufenthalt von unbestimmter Länge einznrichten. Er hatte auf sein Gesuch hin einige der in seinem Koffer enthaltenen. Sachen ausgehändigt bekommen uird eine kindliche Freude gezeigt, als er sie hieben in seinen Händen sah. Vermittelst des rhist abgeiiommeneil und deponierten Geldes konnte er sich auch einige Annehmlichkeiten verschaffen, die man Untersnchnngsgefangenest niemals verweigert, da sie ja in der Tat m3 unschuldig betrachtet werden können, solange das Gericht iwch nicht über sie e6ße8u€feineTt'unte*ttung hatte er einen Band von Böraiigers Gedichten gewünscht und erhalten, und er verbrachte ganze Tagg damit, daraus Lied« ansivendig- zu lernen. _ Er sang sie mit lauter Stimme und ziemlich geschmackvoll. Er behauptete, daß er sich damit eilte neue Kunstfertigkeit erwürbe, von der er viel dlutzen Wit könnte, wenn et erst wieder draußen wäre.
Denn er zweifelte nicht an feiner Freisprechung, fo »erfuftevte er immer wieder. Er beunruhigte sich nur wegen des Zeitpunktes der Gerichtsverhandlung, wegen ihres Ausgangs nicht.
Traurig wurde er nur zuweilen, wenn er von seinem Beruf sprach. Er hatte Heimweh nach seiner ^ahrmarktsbiide. Er weinte beinahe, wenn er an )cin flitterbesetztes Akrobatenkostimt. dachte, an sein Publikum, an die Ansprachen, die er bet den Klängen der wilden Jahrmarktsmusiken gehalten hatte. Uebrigens war er niemals offenherziger, mitteilender, folgsamer, als wenn er von diesen Sachen sprach. . ..
Mit augenscheinlichem Vergnügen ergriff er ttde Gclegeii heil zum Schwatzen. Er liebte es, von seinem abenteuerlichen Leben zu erzählen, von seinen Vagabundenfahrten durch ganz-
Er hatte viel gesehen und viel behalten, und er besaß einest unerschöpflichen Vorrat von Schwänken und trivialen W'.tzen,- worüber die Gefangenenwärter sich totlachen wollten. ,
Und alle Worte dieses großen Schwätzers, m selbst feine geringsten Handlungen trugen ein solches Gepräge von Natürlich- kett, daß "die Leute vom Untersuchungsgefängnis nicht mehr ast der' Wahrheit seiner Behauptungen zweifelten.
Schwieriger zu überzeugen war der Direktor. ,
Er' hatte versichert, der augenblickliche Marktschreier kon,» nur ein gefährlicher Zuchthäusler fein, der feine ihn betaftenbe Vergangenheit verheimlicheit wolle; er bot alles auf, nm dies


