Ausgabe 
12.8.1908
 
Einzelbild herunterladen

498

sckKsse, ton3' Sie sahen, war deren Feuer. Wissen Sie, der Tele­graph hat gerade um Mitternacht die Kunde gebracht, daß Cleve-- land ernannt ist, und darum die ganze Geschichte."

Ja", Herr Twain,wie ich gleich zu Anfang sagte," be­merkte Herr Mc Williams zum Schluß,die Vorschriften, um die Menschen vor Blitzschlag zu bewahren, sind so vortrefflich und so zahllos, daß es mir schlechterdings unbegreiflich ist, wie irgend jemand es fertig bringt getroffen zu werden."

Mit diesen Worten raffte er sein Bündel und seinen Schirm Zusammen und stieg aus, denn der Zug war an seinem Wohnort Kngekommen.

Leihgestern.

.Altes 11 itb Neues zur Geschichte des Dorfes von Ludwig S t r a cf.

(Originalbeitrag derGieß. Fam.-Blätter") Nachdruck verboten.

IV.

Nachrichten aus der Zeit nach 1574.

Leihgestern war seit 1574 selbständige Pfarrei. Bon dieser Zeit an bis zur Gegenwart wüßte ich kein derartiges in der Geschichte des Dorfes epochemachendes Ereignis zu nennen. Die Gemeinde nimmt teil an der allgemeinen Geschichte des Landes. Aufschwung und Niedergang, Kriegs- und Friedenszeiten wechseln miteinander ab. Einiges Nähere werden wir noch hören. Durch die ganze nachreformatorische Zeit zieht sich ein Aktenstück des Leihgesterner Pfarrarchivs hindurch, nämlich die series pastorum, das Verzeichnis der Leihgesterner Pfarrer, das uns vollständig erhalten ist. Jeder Pfarrer trug in dies Verzeichnis einen kurzen Lebenslauf ein. Hier sollen nur die Namen mit Angabe der Amtszeit angeführt werden.

1. Samuel Wollenhaupt 15741599.

2. Johannes Wollenhaupt, des ersteren Sohn, 16021604. Z. Adam Will 16041639.

4. Balthasar Wagner 16391644.

p 5. Johann Daniel Stockhausen 16451690.

6. Georg Heinrich Seel, seit 1689 Mitpfarrer des vorigen; Pfarrer: 16901700.

7. Johann Andreas Werner 17001718.

8. Conradus Velten aus Leihgestern, seit 1707 Mitpfarrer des vorigen; Pfarrer: 17181742.

9. Emmanuel Christian Stannarius 17421751.

10. Johann Justus Müller 17511757.

11. Heinrich Christoph Dornseiff 17571773.

12. Johann Heinrich Weichard 17741814.

13. Carl Weichard, seit 1813 Assistent seines Vaters; Pfarrer: 18141821.

14. Ludwig Römheld 18211831.

15. Bernhard Ferdinand Müller 18311838.

16. August Scriba 18391843.

17. Karl Wolf 18431854.

18. Wilhelm Wüst 18541866.

19. Eduard Eckstein 18671873.

20. August Zimmermann 18731878.

Vakanz von 18781890.

Spezialvikare waren: Pfarrverwalter Weber, Watzenborn bis 1880.

Pfarrer Heinrich Adolph von Watzenborn 18811889. Pfarrer Ernst Schönhals von Großen-Linden 18891890.

21. Karl Strack seit 1890.

, Aus der Zeit des Pfarrers Wollenhaupt ist noch zu er­wähnen, daß man in den 90 er Jahren des 16. Jahrhunderts einen, größeren Kirchenumbau vorgenommen hat, wozu abermals die Gemeinde die Mittel aufbrachte. Wahrscheinlich wurde da­mals (1593 ff.) der heute noch stehende Kirchturm fertiggestellt. (Kostenaufwand 1349 st. 20 alb.) Ein weiteres bedeutendes Er- rrgnis ist die Gründung der Schule, die 1598 erfolgte und zu deren Erhaltung die Gemeinde durch freiwillige Beiträge 274 fl. 20 alb. aufbrachte. Man staunt darüber, daß die kleine Gemeinoe (76 Häuser werden gezählt) solche Geldruittel aufbringen konnte. Dre Superintendenten halten öfters Visitation in Leihgestern ab und sprechen sich stets zufrieden aus. Die erste Klage hören tvcr rm Jahre 1600. Es habe der Kirchenbesuch nachgelassen und die Sakramente würden nicht geachtet. (Als einem Manne über das Fernbleiben vom Abendmahl Vorhalt gemacht wird, ant­wortet er, seine Kleider seien zu schlecht.).

. , Bon da ab sind wir über die Geschichte sehr schlecht unter­richtet. , Der 30jährige Krieg hat, wie ganz Deutschland, so auch unsere Gemeinde arg initgenommen. Aus dem Anfang des Krieges haben wir allerdings gar keine Nachricht. Aus dem ^ahr 1640 erfahren wir, daßwegen Kriegsvolk" in Gießen wurde. 1645 findet keine Konfirmation stattwegen des vielfältigen Ausztehens". In den Pfarramts-Protokollen, die seit 16a9 erhalten sind, werden öfters Soldaten aus allen möq- licheii Trup-enteilen genannt. Aus bem Jahre 1667 haben wir een vollständiges. Verzeichnis derNachbarn" (Einwohner) zu Leihgestern, das tm Vergleich zu der Zeit vor bem 30jähriqen Krieg die Veränderung m der Eüiwohnerschaft erkennen läßt. Alte Namen sind verschwundLy, noch mehr neue hinzngekommett.

Im Jahre 1692 Horen wir von einer größeren Kirchenreparatur. Damals wurde die alte Kirche so umgebaut, wie wir sie noch gekannt haben. Doch hiervon weiter unten.

Wie schon erwähnt, kam Leihgestern 1703 an Hessen-Darm­stadt allem, dem es von da an ängehört hat. Im 18. Jahrhundert hat die Gemeinde einen geborenen Leihgesterner als Pfarrer gehabt, nämlich den Conrad Velten (17071742). Dieser ist auch daselbst gestorben. Sein Grabstein findet sich jetzt in der Vorhalle der Kirche, rechts von dem Haupteingang.

Das Jahr 1796 brachte für Leihgestern eine große Not. Am 9. September kamen etwa 14 französische Reiter in den Ort und verlangten hauptsächlich Schlachtvieh und Fuhren. Die Bauern jedoch widersetzten sich, weshalb die ChasseurS, hierüber aufgebracht, aus ihren Karabinern in die Strohdächer schossen und Lunten legten. Der bald entstandene Brand verbreitete sich rasch über das ganze Dorf, zumal da die Franzosen die Einwohner an> Löschen hinderten. 94 Gebäude wurden eingeäschert. Der schaden betrug 30 000 fl. Es hat lange gedauert, bis sich Leih­gestern von diesem Brande erholt hatte. Er ist auch der Grund, weshalb das Dorf einen verhältnismäßig moderneren Eindruck macht als die umliegenden Ortschaften; nach schönen, alten ober- hessischen Fachwerkbauten wird man vergeblich suchen.

Aus der Zeit der napoleonischen Kriege erfahren wir weiter nichts. Nur ist uns aus dem Jahre 1807 ein Gebet für den Kaiser Napoleon erhalten, das für einen Dankesgottesdienst an­läßlich feiner Siege bestimmt war. Die armen hessischen Pfarrer haben, damals um weitere Siege der Franzosen bitten müssen, weil siedie Segnungen baldigen Friedens und ungestörter Ruhe herbeiführten", (cuius regio eins est religio.)

Aeußere Nöte üben auch auf den sittlichen Zustand eines Volkes verderbliche Wirkungen aus und so wollen auch in Leih­gestern im Anfang des 19. Jahrhunderts die Klagen in dieser Beziehung gar nicht aufhören. Wenn mau die Akten des Pfarr- archivs aus beit dreißiger und vierziger Jahren durchblättert, glaubt inan eher ein Polizeiarchiv als ein Pfarrarchiv vor sich zu haben. Klagen über Roheiten der Einwohner, behördliche Verordnungen gegen, Unfug, Ruhestörung 2C., Maßregeln gegen' dse Cholera, Jmpflisten, Aushebungslisten und derartiges mehr findet man vor. Besonders wird über Branntweingelage nach Beerdigungen geklagt und später eine Strafe von 15 fl. auf die Teilnahme an folchen gesetzt.

Der Neuhof war inzwischen in Privatbesitz übergegangen, nachdem 1809 die Deutsch-Ördensgemeinde Schisfenberg dem Großherzoglichen Hause als Domäne überwiesen worden war.' Der erste Besitzer des Hofes, Freiherr von Firnaber Eberstein Gordis, starb 1848 und hinterließ eine ansehnliche Stiftung für für Zwecke der Armenpflege. -Bei der Gemeinde ist er in dankbarer Erinnerung geblieben. Um weiterhin die Armut zu lindern, wurde auf Anregung des Pfarrers Wüst 1859 ein Armenverein gegründet, der lange segensreich gewirkt hat. Er teilte haupt­sächlich Ariueubrote aus. Für Zwecke der Armenpflege wurden ferner 1861 von Johannes Dern I. 300 fl. gestiftet.

Im Krieg gegen Frankreich 1870/71 standen 28 Leihgesterner unter der Fahne. Von ihnen fiel einer, der Jude Meyer Baer, und zwar am 18. August. Sein Kompagniechef berichtet von dem Schlachtfeld aus an die Bürgermeisterei und schreibt, daß die Nmipagnie mit Baer einen ihrer bravsten Männer verloren habe. Dem Hilfsverein für die verwundeten Krieger lieferte Leih­gestern 149 fl., 160 Leib Brot, 768 Eier u. a. m.

Im Jahre 1874 feierte man am 1. Sonntag nach Ostertt das 300 jährige Bestehen der Pfarrei. Von freiwilligen Bei­trägen wurde damals ein neuer Altarschmuck angeschafft, da­runter das schwarze Kruzifix, das feder Leihgesterner kennt.

In der neuesten Zeit nimmt Leihgestern wieder einen großen Aufschwung. An einige neuere Ereignisse sei noch erinnert. 1880 wird das große zweiklassige Schulhaus eiugeweiht. Neun Jahre später baut man das neue Pfarrhaus, nachdem das alte 1879 ab­gebrochen worden war. 1890 bekam dann Leihgestern nach zwölf­jähriger Vakanz wieder einen Pfarrer. Im Jahre 1901 wird das zweite Schulhaus gebaut. Ihren Höhepunkt findet diese Bauperiode in dem Neubau der Kirche, von dem wir noch zu reden Sben werden. Erwähnt sei noch die Gründung der Kleinkinder­ule im Jahre 1892, einer Anstalt, die sich großer Beliebtheit und trefflichen Gedeihens erfreut. Zurzeit baut man in Leih­gestern eine Wasserleitung, die notwendig ist und dem Allgemeiu- wohle dienlich sein wird.

Dies sind einige Daten, in betten sich der Aufschwung, bett Leihgestern in, bett letzten Jahrzehnten genommen hat, klar kund gibt. Zur Besserstellung der Gemeinde hat vor altem die Errichtung der Haltestelle an der Maiu-Weserbahn verhalfen, die 1886 er­folgte. Zählte Leihgestern 1830 nur 845 Einwohner, so zählt es heute deren 1375. Herrschte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts große Armut, so daß der Armenverein eine not­wendige Einrichtung war, so kann man heute von wirklicher Ar­mut in Leihgestern nicht mehr reden. Ackerbau, Industrie und Verkehrswesen geben einem jeden, der sich barum bemüht, reich­lichen Verdienst. Und so ivünschen wfr der Gemeinde Leihgestern weiteres. Blühen und Gedeihen. Möge vor allem die neue Kirche dazu beitragen, daß neben dem äußeren Aufschwung das Reich Gottes innerhalb der Gemeinde stets gemehrt werde.

(Fortsetzung folgt.)