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„Geben Sie mir mein Kind!" bat Eva und streckte die Arme üus . . . „sehen Sie doch, Gabriele, wie es lacht ... ja ganz gewiß das erste Lächeln ists ... das gilt Ihnen; o, sie ist klug, sie weiß, ivas sie Ihnen zu danken hat, tveil Sie mir eine wahre treue Freundin sind . . ."
Tie junge Frau sprach so erregt, so laut . . . das Kleine! verzog wieder das Mäulchen und sing zu weinen an.
Tie Amme wurde gerufen, da ward es ruhig.
„Und nun bin ich wieder neidisch", klagte Eva mit wehmütigem Lächeln, und sah auf die kleine Gruppe, die da neben ihrem Diwan saß ... auf die wohlgenährte, geputzte Amme, die den» kleinen Geschöpfe Labung gab . . . „schelten Sie mich, Gabriele, ich sehe es ein, ich bin ein unzufriedenes Geschöpf. . . ."
„Und doch eine glückliche Mutter, Eva, ich sehe es ja Ihren Augen an, die strafen Jhre_ Worte Lügen. Adieu, kleine Frau, Gott behüte Ihnen das süße Kind!"
Leise war sie hinausgeschlüpft _. . . nun war es eine Weile ganz still im Zimmer ....
Das kleine war wieder eingeschlafen', lag auf dem Schoß der jungen Mutter, die es unverwandt betrachtete . . .
Andere Empfindungen erfüllten jetzt ihr Herz, reinere, selbstlosere . . . heiße Gebete um Erhaltung des zarten Geschöpfchens . .
Dann legte sie es selbst in die Kissen zurück und sang ihm leise ein Wiegenlied.
VermitzHLss«
C. K. Theater auf hoher See. Aus Newyork tvird berichtet: Ter bekannte amerikanische Theaterimpresario Charles Frohmann hat jetzt die Reise nach London angetreten, wo er ein halbes Jahr Aufenthalt nehmen wird, um seine Pläne, die in einer Annäherung und einem regen Gastspielaustausch der englischen und der samerikanischen Bühnen gipfeln. Stach seiner Anschauung ist die Stagnation, der infolge der Finauzkrise die Bühne ausgesetzt ist, überwunden und hat einer raschen Erholung Platz gegeben. An seiner Lieblingsidee, der Errichtung von Theatervorstellungen auf den großen transatlantischen Dampfern, hält Jrohmann durchaus fest. „Die neuen Gunar-Dampfer, die „Lusitania" und die „Mauretania" sind ja ganze schwimmende Städte und wenn man Zeitungen an Bord hat, Konzerte, Turnsäle, türkische Bäder, tvarum keine Theater? Ter Tag ist näher dls die meisten glauben.".
* Die Burschenzigarre. Leutnant Z. hat einen Burschen polnischer Nationalität, der sich sehr für die Zigarrenkiste seines Herrn bezw. deren Inhalt interessiert. Um aber den „Abgang" nicht allzu offensichtlich zu machen, füllt er eines Tages die Lücken mit seiner eigenen Marke höchst gemeingefährlicher Qualität. Ter Leutnant kommt am Abend nach Hans, greift in die Kiste und faßt zufällig eine der „Havannas". Gleich nach dem ersten Zug tanzt er unter Krampfanfällen durchs Zimmer. „Stans, du Himmelhund, was hast du da gemacht?!!" Maßlos verwundert betrachtet Stans den Leidenden, dann bricht er grinsend in die Worte aus: „Paue Leitnaut bist du doch serr ein verfluchter Kerl, daß du host gemerkt Unterschidd zwischen Zigarren meiniges und Zigarren deiniges . . ."
* Der Journalist. B or einiger Zeit gedachte im sächs. Landtage ein Richter, der sich für einen Staatsmann hält, weil er zufällig einen Sitz im Parlament hat, die Journalisten sehr von oben herab abzutun, wobei er allerdings recht kläglich abschnitt. Einen ähnlichen Vorfall, der sich im italienischen Parlament zugetragen hat, nimmt der Journalist Cautalupi zum Anlaß, um im „Mattino" einen Vergleich zwischen Journalisten und Ministern zu ziehen, einen Vergleich, der durchaus zugunsten der Journalisten aussüllt. „Ter Journalist", schreibt er, „muß alles allein machen, sich auf alles allein vorbereiten: Nicht immer kann er, wenn er einen Artikel hinwirft, sich einschließen und in der Stille seines Arbeitszimmers dickleibige Bücher zu Rate ziehen'. Gar manchmal hat der Vielgeplagte für seinen Artikel nur ein halbes oder gar nur ein Viertel- ftündchen Zeit und -ein Tifcheckcheu Raum-: in einem Zimmer, in dem es wie in einem Bienenkörbe zugeht, soll er die tiefgründigsten Sachen ersinnen. Und das ist nicht nur einmal so, sondern fast jeden Tag: wenn er die Schwierigkeiten nicht überwinden kann, wirft ihn das Publikum bald beiseite, und wenn er dem Publikum gefällt, kommen die lieben Gegner, die geistig und moralisch weniger stark sind, und suchen ihn durch allerhand Anzettelungen zu verdrängen. Ein Minister dagegen kann die größten Dummheiten machen — es schadet ihm nichts, denn. die Kollegen decken ihn, uni) die „Allgemeine Lage" rettet ihn. Selten aber findet man ausgesprochene Dummheit bei einem Abgeordneten oder bei einem Minister, der früher Journalist gewesen ist. Wir wollen keine Beispiele anführen, um nicht böses Blut zu machen; wir wollen nur darauf Hinweisen, daß gegenwärtig in Frankreich im Kabinett Clemeuceau nicht weniger als . sieben ehemalige Journalisten sitzen, und wenn dieses Ministerium auch manche Tummheit begangen haben mag, so wird es doch keiner ein Ministerium der Schwachköpfe zu nennen wagen.
MaN könnte übrigens mit Leichtigkeit den Beweis dafür antreteiL daß die aus dem Journalistenstande hervorgegangenen Minister; Botschafter und ©outi erneute mehr Energie, Umsicht und Lebens- klugheit an den Tag gelegt haben, als die meisten der sogenannten geborenen Minister."
Literarisches.
— Bei Alfred Krönet in' Leipzig erschien David Friedrich Strauß als Denker und Erzieher. Von Dr. Adolph K o h u t. Preis 3 Mk. Der Verfasser will Strauß als Denker' und Erzieher dem Bewußtsein der Gegenwart näher bringen; indem er auf Grund der Schriften, Briefe und sonstigen inert* vollen und zuverlässigen Materials von und über Strauß beit Nachweis erbringt, daß Strauß einer der vielseitigsten uM umfassendsten Genien des deutschen Volkes im 19. Jahrhundert war. Wir lernen Strauß in seinen eigenen Worten als Bibel- kritiker, Religionsphilosophen, Ethiker, Aesthetiker, Naturforscher; Geschichtsschteiber, Biographen, politischen Publizisten und als Dichter kennen.
Für die Hausfrau.
Wie kann man Fleisch ersparen? 226 erprobte Rezepte zu nahrhaften und schmackhaften Mittagsgerichten ohne Fleisch. Von Wanda Moser-Friedrich. Preis in Originaleinband 1 Mk. -Konrad Grethlems Verlag in Leipzig. — In der jetzigen, teuren Zeit bringt die Beköstigung einer Familie die Hausfrau gar ost in Verlegenheit, sie muß rechnen, und trotzdem wird nichts mehr erspart! Wieviel verbraucht man allein an Fleisch int Jahre! T a s g l e ich e Q u a n t u m F le is H fü r e i n e sechsköpfige Familie k o st e t jetzt 120 M k. mehr jährlich als noch vor vier Jahren! Muß bentt aber alle Tage Fleisch auf den Tisch kommen? Nein! Wir essen zu viel Fleisch! 25 bis 40 Proz. mehr als andere Nationen, doppelt so viel als vor 30 bis 40 Jahren!! Man braucht kein Vegetarier zu sein; aber man kann wöchentlich 2 bis 3 mal Gerichte ohne Fleisch auf beit Tisch bringen. Unsere Hausfrauen wissen gar nicht; wie prächtige, schmackhafte und nahrhafte Gerichte sich ganz ohne' Fleisch Herstellen lassen, sie haben kaum eine Ahnung, wie mannigfach Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Mehlspeisen, Gemüse usw. zubereiten lassen, ohne und sogar mit Fleischgeschmack, babei durchaus wohlfeil, kräftig, leichtverbaulich! Dieses Bändchen wird Hausfrauen nach dieser Richtung hin ein trefflicher Ratgeber fein.; Schon bie Einleitungskapitel geben bie Ueberzeugung, baß mast bei seiner Ernährung, wenn man es richtig anfängt, beträchtlich sparen nnb seine Gesunbheit fördern kann. Das Buch ist jeder Hausfrau zu empfehlen, bie bie Ihrigen nichts entbehren lassen und boch auch sparen will.
Die Stationen des Lebens. Das Leben ist nur eine Wintertagsreise, Hier irnhstückt „Mancher" bloß nnb damit fort. Viele „Andere" bleiben mittags dort, Und reifen, rvohlgesüllt mit Trank und Speise, Erst mied er ab.
Das Alter bleibt zum Abendessen Und nimmt das Nachtquartier. Groß ist bie Rechnung dessen, Ter eilten vollen Tag hier verweilt Und bleibt zu allen Mahlen.
Wer zeitig stirbt, hat wenig zu bezahlen!
Goldene Worte.
Daß wir Deutschen ein gebildetes Seelenleben, ein tiefstes Naturverständnis tuiD ein Gemüt besitzen, in welchem sich Geschichte und Religion einen Geistesblick gebildet haben, verdanken wir den leicht gelösten Seelen, der Liebe und Zärtlichkeit unserer Mütter, bie sich aus Herzensgewohnheiten und Herzensenergien ein Werktagsgemüt erziehen. Bogltmil Goltz.
Rätsel.
Die erste Silbe ist bekannt
Als Fluß seit allen Zeiten;
Sein Laut durchströmt ein fruchtbar Land
In tieblichen Gebreiten.
Die zwei und drei ist Küchenleid,
Verhaßt in Vorratsschinken.
Denn, der's nicht merkt zu rechter Zeit, Wird bie Versäumnis kränken.
Das Ganze aber wirb begehrt
Von Frauen und von Männern.
Bei Gigerln ist es hoch geehrt
Und Toilettenkennern. A. A m m a n n.
Auslösung in nächster Rümmer.
Auslösung des Rätsels tit voriger Nummer: Vatermörder.
Redaktion: P. Wittko. — Notationsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäls-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«


