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jyas gut oder schön ist, das können wir beurteilen lernen, und daritt lernen wir auch nie aus. Aber wir gelangen damit auf die höchste für uns mögliche Kulturstufe.
Sieh, du sagtest vorhin das böse Wort „Pessimist"? Bin ich's nun, oder bin ich ein Optimist? Man könnte ja auch behaupten, daß ich zwischen beiden stehe, aber dann läßt sich doch wieder darüber streiten, ob es solch Mittelding gibt. Ich wollte dir heute nur einmal zeigen, wie man frei wird und Ivie man die Freiheit benutzt, nämlich in: Denken. Das Denken aber bedingt das Handeln.
IV.
Es regnet freilich, aber der Hauptguß ist schon vorüber, und da hinten hellt es sich auch schon.mieder auf. Es wird nicht lange dauern, und dann haben wir wieder den allerschönsten Sonnenschein.
Sieh, so denke ich auch immer, wenn mich mal wieder, wie es schon oft vorkam, irgend ein Unglück trifft. Eigentlich ist das falsch. (Sin Unglück konnte mich nur früher treffen, als ich noch rein Maschine und nicht „ich" war. Da hat es mich dann wohl auch umgeknickt und ich sprach dann von seelischen Leiden.
Heute gibt es das für mich nicht mehr, denn meine Seele hat sich frei gemacht. Sie steht über den Neigungen und Leidenschaften und beherrscht diese, aber sie wird nicht von ihnen in Mitleidenschaft gezogen. Eine freie Seele kann auch nicht leiden, weil sie ganz rein ist und über Freuds und Leid steht. Darum kann nur die äußere Maschine mal irgendwo kollidieren. Das berührt aber mein „Ich" ja garnicht. Der freie Geist !veiß, eben weil er frei ist und sich von Stimmungen und Gefühlen nicht beherrschen läßt, daß das Leid und die Freude aufeinanderfolgen wie Tag und Nacht. Darum trifft er seine Maßnahmen, denen sich die Maschine fügen muß. Andererseits weiß er aber auch viel unnützes Leid zu verhüten, und solches Leid ist immer das gefährlichste. Die freie Seele zieht aus der Allgemeinheit Normen, nach denen sich ihr ganzer Mensch zu richten hat.
Siehst du, ich sagte es, da scheint die Sonne wieder. So folgt eben auf das Leid die Freude. Manchmal regnets lange, 'manchmal nicht. Genau so ist es mit dem Leid. Aber du willst wissen, ob sich die freie Seele, da sie nicht leiden kann, auch nicht freut? Genau genommen, nein, denn Freude ist eine Gemütsstinnnung, und diese haben auf einen freien Geist keinen Einfluß. Es ist auch ein eigen Ding um die Freude. Manches wird doch so genannt, was eigentlich nur ein äußeres Genießen, etivas Sinnliches ist. Eine schönere Freude ist die reine, innerliche, und diese lehrt uns die freie Seele kennen. Wir leiden und freuen uns nicht mit dem freien Geist, sondern im Gemüt. Aber jener Geist hilft dem Gemüt, das Leid leichter zu überwinden, er vermindert dieses, während er die Freude vergrößert, so daß sie intensiver wirkt und länger andauert. Die falsche Freude scheidet er aus, die echte ist sein Erzeugnis.
Jetzt hältst du mich gar für einen überschwenglichen Optimisten. O nein, du darfst nicht vergessen, daß ich neben dem Schönen auch das Gegenteil betrachte. Darum bin ich weit davon entfernt, mich als unfehlbar anzusehen und der Welt das Bild des Paradieses umzuhängen. Aber der freie Geist lehrt mich doch:
„In deiner Brust sind deine Schicksalssterne". Dieser Wahrheit vertrauend, vertraue ich auch mir. Das ist eben die große Bedeutung der wahren Freiheit, daß sie uns das Schicksal, das wir in unserer Hand haben, die rechten Wege führen lehrt.
Die jmge Mutter.
Bon Seo Berthold.
(Nachdruck verboten.)
Tie Morgen sonne wirft ihre goldnen Strahlen in das behagliche Genrach, das erst seit wenigen Wochen das neue Glück birgt; der erstp Besuch ist bei der if,>wit Mutter, die ältere
Freundin ist gekomineN und streichelt der jungen Frau die noch ■o blassen Wangen. Ruhig schläft das Kind in dem von Mousse- lin-Gardinen verhüllten Wagen . . . Die junge Mutter sieht so matt aus, die Hände so zart, sie fröstelt und schmiegt sich enger an das seidene Kissen.
„Das ist lieb, Gabriele, daß Sie gekommen sind, ich hatte Sehnsucht nach Ihnen und durfte doch keinen Besuch haben, Sie Hauen sich so um- in meinem Tuskulum, alles verändert, nicht wahr? Goethe und Apoll verhängt, der Schreibtisch abgeräumt. Unser Doktor meinte, hier wäre es am ruhigsten; als ob das Kleine nicht überall schreien würde!"
„So ein Störenfried ist da ins Haus gekommen?" lachte die schöne, stattliche Frau und strich mit der Rechten liebevoll über Evas blonden Scheitel.
„Ach, vom ersten Augenblick an, den sie- da ist, schreit sie fast nnaufhörlich, sie mußte es sich hienieden wohl schöner gedacht haben —" die junge Mutter machte einen leichten Versuch, zu scherzen, — „und auch ich kann mich noch nicht zu einem srendigen Gefühl erheben, wissen Sie, Gabriele. Ihnen will ichs ja gestehen, in mir ist noch alles Groll gegen die Natur — . . . ich habe mich danach gesehnt. Sie zu sprechen!, Sie haben schon wiederholt Mutterglück erfahren, haben Sie cd1 sich auch so gransam erkämpfen müssen?"
Frau Gabriele war ernst geworden, liebevoll umfaßte sie die blasse Freundin.
„Meine gute, kleine Eva, können Sie es noch immer nicht vergessen? Hat sich das Dankgefühl gegen die gütige, spendende Natur, die Ihnen doch so gnädig war, noch nicht durchgerungen ?"
„Tie Natur gnädig?"
Frau Eva rief's fast heftig und erhob sich aus ihren Kissen. Tie abgemagcrten Finger rissen nervös an einem feinen Tuche.
„Wie hasse ich diese unbarmherzige, harte, grausame Natur, die so martern kann, ein gewaltiger Titan ist sie, der uns schwache Menschen mit Riesenkräften bezwingt, ja ... das ist ewig so gewesen und wird so bleiben. . . mir ists noch immer, als Li<.ete ihr grenzenlos schwerer Truck auf mir, — ich habe — mich noch nicht zur Freude durchringen können . . ."
Lebhafte Röte bedeckte jetzt die abgezehrten Wangen, die Augen 'schlossen sich einen Augenblick.
Frau Gabriele saß, wie gebeugt, nebeuau nnf dem Fauteuil, die Hände lagen matt im Scl-oß, große, schwere Tränen tropften langsam die Wangen herab.
„Armes Kind", sprach sie endlich mit müder Stimme . . . „Sie nennen die Natur grausam«, die da gibt . . . ach, Eva, in welchem schrecklichen Irrtum sind Sie besangen! Nein, nein, glauben Sie mir, dann ist die Allgewaltige gütig, milde, barmherzig, ja so segensreich, wenn man auch unter Qualen ihre Gaben empfängt, daß man kniend Tank spenden muß. Mitleidlos, grausam, unerbittlich ist sie nur, wenn sie nimmt, wenn sie vom warmen Herzen gnadenlos reißt, was sie erst vor kurzer Zeit daran geborgen, wenn sie duldet, daß ein junges-, zartes Leben, von dessen Eintritt in die Welt man erst fein ganzes, volles Gluck erhofft, weggerafft wird, ehe die Knospe zur Blüte wird, wenn die Kinderaugen, die einen Himmel von Glück versprachen, gebrochen — im Tode — sind."
„Wie kann die Sonne wieder aufgeheu", schrie ich damals int ersten, wilden SchmeM, „wenn solch ein Kummer das Kutterherz bricht? Keine Religion, kein Trost, keine Liebe half, ich bäumte mich auf int Schmerz, als mir nach einander zwei Lieblinge entrissen wurden, bis der beste Engel des Menschen, die lindernde Zeit, ihren Balsam brachte. Ja, Balsam und neuen Lebensmut, aber keinen- Ersatz, wie oft ich auch die Hände betend zum Höchsten gehobelt--Eva, versündigen Sie sich ntcht! Tas
rechte Muttergefühl ist Ihnen twch nicht aufgegangen, sonst hätten Sie nicht so sprechen können, — nein, besser zehnmal dte Arm-e öffnen und immer wieder das schwer erkaufte Glück aus Herz nehmen, als auch nur eines dahin geben müssen! ... -
Sie weinte leise und schmerzlich- —
Eva ergriff bewegt die Hand der Freundin und drückte fte
„Verzeihen Sie mir, Gabriele", sagte sie leise, „daß ich an diese wehklin.gende Saite gerührt habe . . . ach, Sie sind viel besser als ich, wie konnte ich nur so töricht empfinden, so tmdankbar und selbstsüchtig!"
Hinter den weißen Mousselingardüten regte es sich, .... leises Weinen ward hörbar, . . . kleine rosige Händchen fuchtelten, nachdem Frau Gabriele die Gardinen zurückgeschoben, in der Luft herum.
„Rosi will zu ihrer Mutter", sagte die schöne Frau und nahm das And aus dem weißen, warmen Böttchern


