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htüibe, zu müde, unt irigdnb einen Versuch, zu machen. Leer seiner! Stimmung zu werden.
Eine Stunde später tapste jemand mit schweren Schritten den hallenden Korridor entlang und Recknitz kaue, ein Licht in der Hand, herein. Ter Rittmeister sprang auf.
„Kamt ich unten helfen?" — fragte er bestürzt. Er hatte tudt keiner Silbe mehr au Trotz gedacht.
Recknitz machte eine abwehrende Handbewegung.
„Nee, da ist nichts zu helfen. Er hatte wieder Mal so ’nen Rappel, aber der Doktor war gerade gekoumten und gab ihm was Beruhigendes ein, und nun wird er wohl schlafen bis morgen früh."
Recknitz stellte fein Licht auf den Tisch und ging, die Hände auf dem Rücken, hin und her. Sei» braunrotes Gesicht war noch röter als sonst.
„Sag mal", begann er.
„Nun wird er doch wohl in eine Anstalt gebracht werden müssen," sagte Lohse».
„Ja, natürlich. Wahrscheinlich. Aber deswegen komme ich picht herauf. Sag Mal, was ist denn das mit dir? Da komme ich in den Saal und finde die Frauenzimmer in allen Zuständen — du beabsichtigst, eine vom Theater zu heiraten?"
Lohse» seufzte wie einer, der einer Sache schon zum Verzweifeln überdrüssig ist.
„Ja," sagte er kurz, „das tue ich."
Recknitz» beugte sich' vor, stemmte beide Hände auf die S'»iee und starrte ihn an.
„Mfo Ernst?" — fragte er, „und ich denke, die phan- kasieren aus lauter Aufregung über Edmunds Zustand ! Ernst? Ja, bist du beim von Sinne»? Junge! Das kost' dich den weißen Rock da!"
Lohs en nickte nur. Er blieb auch stuncku, als sich die entfesselte Glut von Vorwürfen über ihn ergoß. Ter Zorn des guten Recknitz war ein schmerzlicher Zorn, er hatte ihn, in Angst und Liebe, so gern mit diesen seinen großen Fäusten vvM Abgrund weggerissen, und das tat seinem Zuhörer ja gewissermaßen wohl —■ aber *it einem Verstehen kam es so wenig wie mit beit Schwestern, und nachdem er eingesehen hatte, daß weder Toben noch inständige Bitten „diesen Eisen- Hopf zur Vernunft brachten," wandte er sich ingrimmig ab und ging hinaus, die Tür hinter sich zuschlagend.
Loyseir blieb allein und stand, die Stirn an die kalte Fensterscheibe gepreßt, da, auf die verhallendeit Schritte horchend. Tann öffnete er das Fenster und sah in die Mr- mische, dunkle Herbstnacht hinaus. Ter Wind, der ihm ins Gesicht blies, war eine Wohltat.
Ja, so werden sie ihn alle verlassen und er mutz allein hindurch auf deut selbstgewählten Wege.
Ist er eilt Narr, ihn zu gehen? — Eine harte Frage. Nair, ja vielleicht, aber auch diese Erkenntnis dürfte ihn picht hindern. Er mutz so handeln, es koste ihm, was es wolle.
XIX.
Der ins Wasser geworfene kleine Stein zog seine Kreise weiter und weiter,, bis die ganze Fläche in Bewegung Ivar. Weder der Oberst noch die in . Kenntnis gesetzten Fauiilicumitglieder hatten darüber gesprochen, doch wußte man im Laufe der nächsten Wochen, weshalb der Rittmeister seinen Abschied eingereicht harte. Seine Kameraden waren starr vor Verwunderung und Unmut, und es war ein Glück für ihn, daß Schuadewitz, welcher der nächste zum Major war, erstens durch sein junges Eheglück und dann durch die Aussicht, demnächst in ein anderes Regiment versetzt zu werden, ganz in Anspruch genommen war. Immerhin gab es für Loysen bittere Stunden mit diesem Getreuen, und er war jetzt so weit, den Augenblick herbeizuwünschen, wo er der alten Garnison sein letztes Lebewohl sagen konnte, um vorläufig nach Berlin überzüsiedeln, Wo freilich, wie er wußte, seine Freunde von der Garde bedauerten, je mit ihm Brüderschaft getrunken zu haben. Aber Berlin wär groß und hier konnte seine Trauung unbemerkt vollzogen werden. Er brauchte auch nicht zu befürchten, mit Anne Marie zusammenzutreffen, denn Baron Troß befand sich vorläufig noch in Dobra», wo er unter ärztlicher Aufsicht stand und die Baronin in ihrem freiwillig und ohne Zaudern auf sich genommenen Pflegeramt von , einem Wärter unterstützt würde.
In der Nachbarschaft von Bardes, wo Loysens Erscheinung sm Frühling eine gewisse Sensation erregt hatte, wollte man es anfangs gar nicht glauben. ' Das Gerücht, er habe den Abschied genommen, drang erft allmählich dahin und wurde anfangs mit beifälligem Schmunzeln aufgenommen, denn diese oder jene der jungen Damen glaubte, daran Hoffnungen knüpfen zu dürfen.
ES wäre ja so natürlich gewesen, wenn er sich gerade hier in der Nähe von Bardes niederließ, und hübsche Güter waren genug feil. Dann aber tauchte das erste Gerücht auf von einer sonderbaren Verlobung und in kurzer Zeit wußte man alles. ES konnte! immerhin alles nur Gerede sein, so lange man es nicht schwarz aus weiß vor sich sah, so lange Frau von Recknitz die Sache nicht proklamierte, mußte man es dafür ansehen. Ja nun, irgend, etwas steckt natürlich dahinter, es ist ja unglaublich, tote cs diese jungen Herren treiben, aber dis zur Heirat wird es ja wohl nicht kommen.
Nach Neujahr gaben die Bessendorfs auf Dalitzsch eilten Ball, Sie hatten zwei blutjunge, allerliebste Töchter, die in diesem Winter 'zum erstenmal tanzen sollten, und die gesamte Nachbarschaft war natürlich eingeladen.
Sie kamen denn auch alle mit klingenden Schellen, wohlverpackt in Schlitten, die Jugend in froher Erwartung kommender Tanzfreuden, die alte» Herren in der Hoffnung auf einen ausgedehnten Whist, die Mütter mit prüfenden Blicken auf die stattliche Reihe der aus der nächsten Kävalleriegarnison eilige» !eibenen Tänzer.
Im hübschen großen Saal spielte die Musik und begannen die ersten Paare.sich zu drehen, in den anstoßenden Zimmern hatten sich gerade einige Partien zusammengesunden, und die älteren Damen standen noch begrüßend int kleinen Salon der Hausfrau, als Graf Trauen eintraf in Begleitung der, kleine» Komtesse und der schönen Valois, welcher er einen Platz i» seinem Schlitten angeboten hatte. Man sagte, der alte Herr warte nur darauf, daß sich seine Tochter verheirate, um der Schönheit von Braunstadt Hand und Herz zu bieten. Wenigstens hatte sie einer Freundin gegenüber ihr Herz von der Sorge entlastet, dies könne geschehen und sie genötigt sein, einem liebenswürdigen, alten Manne einen Korb ztt erteilen, da sie sich doch nie entschließen werde, „ihre Freiheit einem Greise zu opfern"^ (Fortsetzung folgt.)
LpaMgänge.
Betrachtungen von O. R. (Original-Artikel der „Gieß. Fam.-Bl.").
(Schluß.)
III.
Richt wieder mitgehen willst du? Weshalb nicht? Aha, ich rede dir zu ernst da draußen in der schönen Natur, ich will dich gar zu einem Pessimisten machen.
Nein, dann haben wir uns doch beide nicht verstanden, und darum geh nur ja wieder mit, damit es klar wird zwischen uns.' Du nimmst mir das Denken übel. Aber das ist doch ganz erklärlich. Sieh mal, wir machen hier unsere Spaziergänge durch die Natur. Jawohl, sie ist schön. Aber wenn ich spazieren gehe, so wandere ich nicht nur durch die Natur. Nein, diese regt mich an, meinen Ausflug fortzusetzen in die Geisteswelt.
Sie mal hier den scheußlichen Sumpf und dort die häßlichen Kröten! Das schreckt dich ab, nicht wahr? Und doch ist es gut so. Es muß auch etwas Häßliches! in der Welt geben, damit uns das Schöne um so lieber wird. Aber es gibt in der Natur schon Unsympathisches die Menge, so gibt es auch in der Geisteswelt manches, das dem Einzelnen zuin mindesten nicht sympathisch ist. Nur erkennt man es nicht so rasch und muß es darum erst sondern. Das geschieht aber nur durch einen freien Geist. Zu diesem aber muß sich jeder erst selber erziehen.
Ich besaß ihn auch nicht gleich. Wenn ich früher allein spazieren ging, so beschäftigte ich mich mit Gedanken auch schon, aber damit „dachte" ich noch nicht. Mein eigenes Ich, meine persönlichen Erinnerungen, Urteile über mit nur verkehrende Personen u. dgl., so etwas war immer der Inhalt meiner Betrachtungen, die ich immer von meinem Standpunkt aus anstellte. Damit aber war., ich unfrei. Als mich dann mancherlei Unglück traf, wurden meine Gedanken zu Vergleichen abgelenkt. Damit aber sand ich den Weg hierher zur Betrachtung nicht von mei- nent persönlichen, sondern vom freien, wenn du willst, allgemeinen Standpunkt aus, und damich habe ich die Erkenntnis wahrer, abstrakter Schönheit gewonnen. Denn was wahr ist, wird nie ein Mensch finden können, aber.


