Ausgabe 
12.3.1908
 
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Donnerstag -en 12. Mrz

1908

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Kelmuiß von Lopfen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Er sprang auf, riß die Uniform auf mtb ging tief Atem schöpfend einigemal im Zimmer auf uud nieder. Marie Annens Tränen flössen, Anne Maries Gesicht schien allmählich zu ver­steinern. Mit spröder, harter Stimme sagte sie:

Tarf ich mir eine Frage erlauben? Du brauchst ja nicht zu antworten, wenn es dir nicht paßt. Ist diese Schauspielerin identisch mit einer jungen Verkäuferin in einem Handschuh­geschäft, auf welches du mich durch das Geschenk eines Kartons Dänischer aufmerksam gemacht hattest? Es ist eilte ganz müßige Frage, es mag ja viele dieses Namens geben."

Ja, sie ist es."

Tri kanntest sie also schon damals?"

»Ja."

Es war vor zwei und einem halben Jahr, als du den Arm gebrochen hattest."

»Ja."

Sie stellte mir einmal für die Ladeninhaberin eine Quittung aus. Zufälligerweise habe ich den Namen behalten, weil mir die Person selbst anffiel. Sie sah krank aus. Wie kam es, daß sie Schauspielerin wurde?"

»,Tas zu weichen war ursprünglich ihre Absicht, Krankheit hatte ihre Theaterlaufbahn unterbrochen."

Ich habe dich einmal im Tiergarten spazieren gehen sehen."

Tas ist möglich."

Sie hatte ganz ruhig gesprochen und ebenso ruhig und kühl sagte sie jetzt, ohne den Blick zu heben oder ihre Lage zu verändern:

Zum zweitenmal biete ich dir mein Vermögen, wenn es ausreicht, dir die Freiheit zurückzukaufen."

Eine rote Glut flog über die Stirn des Rittmeisters.

Auf eine solche Beleidigung habe ich nichts zu erwidern. Du sprichst von meiner künftigen Frau. Das bedenke."

Marie Anne hatte ihre Tränen getrocknet, aber sie sah noch ganz verstört aus.

Ter Pastor Becker in Rothaide hatte doch mal eine Toch­ter, die den Eltern davonlief zum Theater die Geschichte machte ja vor einigen Jahren so von sich reden ist das etwa"

Ja, das ist dieselbe."

Helmuth, Helmuth, und die willst du jetzt nein, es ist ja nicht möglich! Nicht denkbar! Also deshalb stakst du immer iu Rothaide und ich dachte . . . wäre nur Conrad hier! Ter würde dir's ausreden. Ach, es ist doch zu schrecklich!"

Bitte, laß das Jammern, willst du?" sagte Anne Marie, du hörst es ja, er will seine künftige Gemahlin nicht belei­digen lassen."

Sie zog einen Schal um den schlanken Oberkörper und wiegte sich im -Stuhl. Hätte sie nicht so aschfarben ausge­sehen, so hätte man glauben können, die ganze Sache ginge

sie nichts an. Aber ein starr gespannter Zug nntl Lippen und Augen, den ihres Gatten Anfall nicht hervorzubringen vermocht hatte, zeigte, daß-sie litt. Als Loysen jetzt an das Feuer trat und den Feuerhaken heftig in die Glut stieß, daß die Funkelt anffuhren, zog sie ihr Kleid etwas zurück.

Bitte, sehe . das Haus nicht in Brand," bat sie ironisch.

Er wandte sich heftig ab nnd begann im Saal hin- und herzugehen, um seine innere Erregung zu bekämpfen.

Hast du mich weiter nichts zu fragen?" sagte er end­lich:

Nein. Wozu denn? Ich weiß nun alles."

Wenn du alles weißt, so tmrßt du auch begreifen, daß ich so und nicht anders handeln muß."

Tas kann ich durchaus nicht einsehen. IM Gegenteil. So was tut man nicht. Aber ich ahne nun schon den Einfluß, der dich geleitet hat. Ter Name Rothaide belehrte mich da­rüber. Wilhelm von der Haide hat dich mit seinen übet> spannten Ideen angesteckt."

So ist's!" rief Marie Amte.

Loysen zuckte die Achseln.

Wilhelm wußte von meiner Bekanntschaft mit Fväuleist Becker nichts. Uebrigens bin ich weit entfernt, zu leugnen, daß ich mich gern von ihm beeinflussen lasse. Indirekt und unbewußt hat er cs vielleicht getan. Im Verkehr mit ihm lernt man Lebensfragen in einem anderen Lichte betrachten, wie zuvor. Er hat so zu sagen seinen Ehrenkodex für sich."

Anne Marie sah mit ihrem kleinen, spöttischen Lächeln in' die Flammen.

Bewnndre nur Meinen Scharfblick," sagte sie bitter: ein merkwürdiger Mensch, dieser euer Wilhelm der Sanft­mütige, das muß ich ihm lassen. In aller Stille wendet er so ciit Lebensschiffchen und es zerschellt für immer an den Klippen, die es bis dahin erfolgreich vermieden hatte. Sa* rüber bist du dir wohl klar, daß du dich, was man so nennt, unmöglich gemacht hast!"

Tas ist meine Sache. Wo es der Fall ist, wird's drum nicht schade fein."

Er sagte das kurz uud herb und wandte sich zum Gehen.

Sag mal," begann nun die Reckuitz wieder klagend,sie ist natürlich bildschön und du wahusiimig verliebt, aber be­denke doch"

Daß Schönheit vergeht uud Tugend besteht?" unter­brach die andere sie spottend,Mieze, du bist und bleibst mit deinen 35 Jahren ein großes Kind. Verlieren wir doch über die ganze Sache kein Wort mehr. Nicht wahr, das ist auch dir das Erwünschteste, Helmuth?"

Er verneigte sich nur, wollte noch etwas sagen, bezwang sich aber und verließ beit Saal. In der Tür> blieb er noch einmal stehen und sah traurig auf die beiden, die bisher feilte besten Freundinnen gewesen und die er eben verlor für immer. Tann ging er in das Zimmer, welches er hier, wie das in Barbes, das seine nannte. Es war geheizt und eine Lampe brannte. Tas, Bett war zurecht gemacht. Darinnen schläft er auch nie wieder. Er warf sich aufs Sofa, zermürbt und tot«