Ausgabe 
11.11.1908
 
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Vorkommen, als man denkt. Sie hatte auf Kredit gekauft, um Mit Verlust, -a<cr gegen bar, wieder zu verkaufen, so da st ihr für den Augenblick die Differenz zwischen der angezahlten und der eingenommenen Sun'.me zu statten kam

Lecoq entschloß sich trotzdem, der Sache auf den Grund zu gehen, er wollte sich jedenfalls keine Vorwürfe zu machen haben.

Er ging alfo wieder zu Dai sch und erhielt wirklich unter einem glaubhaft klingenden Vorwand die Erlaubnis, Einsicht von den Geschäftsbüchern zu nehmen.

Der Posten war in dem angegebenen Monat des genanntere Jahres nicht nur in das Kassenbuch, sondern auch ins Hauptbuch eingetragen. Die neuntausend Franken waren gebucht, und nach und nach auch die anderen Summen, ja nachdeuc die Marquise sie bezahlt hatte, gutgeschrieben. Das; es Frau Milner gelungeir Ivar, in ihr Fremdenbuch eine falsche Eintragung hineinzuschmug­geln, daS liest sich begreifen. Unmöglich aber konnte der Juwe­lier seine ganze Buchführung vier Jahre hindurch gefälscht haben.

Gegen Tatsachen lästt sich nicht streiten; trotzdem war Lecoq Stotl) nicht zufriedengestellt.

Er begab sich nach dem Faubourg Saint-Honorß, in das Haus, wo die Bawirin Watschau bei Lebzeiten gewohnt hatte, und erfuhr dort von einem gespriichigen Portier, dast nach dein Ableben der armen Dame ihre Möbel und sonstigen Habselig­keiten im Hotel Drouot versteigert seien, und 3to.tr durch den Notar Petit.

Ohne eine Minute zu verlieren, eilte Lecoq zu diesem Herrn, dessen Spezialität die Versteigerungreicher Mobiliars" war. Maitre Petit erinnerte sich sehr gut derVersteigerung Watschau", die ihrer Zeit ein gewisses Aufsehen gemacht hatte, und hatte bald das umfangreiche Aktenbündel aufgesunden. Es waren darin viele Juwelen verzeichnet, bei jedem einzelnen Stück die Höhe, des Erlöses und der Name t>es Erwerbers, aber keine einzige dieser Eintragungen paßte auch nur annähernd zu den verfluchten Ohr­ringen.

Lecoq zeigte den Diamanten, den er in der Tasche hatte; der Auktionator erinnerte sich nicht, den Stein gescheit zu haben. Aber das wollte nichts bedeuten, sagte er; ihm wären so viele Sachen durch die Hände gegangen und gingen noch! Aber so viel konnte er bestimntt versichern, dast der Bruder der Baronin, ihr einziger Erbe, sich kein Stück von dem Vorhandenen hatte schicken lassest, keinen Ring, keine Nadel, und dast er es anscheinend eilig gehabt hatte, sich den Erlös schicken zu lassen, der sich nach Abzug aller Kosten auf die angenehme Summe von 167 530 Franken belief.

Also, sagte Lecoq nachdenklich, alles was die Baronin besaß, ist bestimmt verkauft worden?

Alles.

And tote heißt ihr Bruder?

Ebenfalls Watschau. Ohne Zweifel hatte die Baronin einen Verwandten geheiratet. Dieser Bruder hat noch voriges Jahr einen hohen Postett in der Diplomatie bekleidet; ich glaube, ev wohnte in Berlin..

Das ist doch sonderbar, dachte Lecoq, als er seiner Wohnung zuschritt, überall stoße ich bei dieser Geschichte auf Deutschland. Der Mörder behauptet, von Leipzig, zu kommen, Frau Milner ist jedenfalls eine Bayerin, und jetzt taucht eine österreichische Baronin auf.

Es war fite den Abend zu spät, noch etwas zu unternehmen; Lecoq ging also zu Bett, aber am nächsten Morgen, in aller Frühe, -nahm er mit neuem Eifer seine Nachspürungen wieder auf.. Nur sine einzige Aussicht auf Erfolg schien ihm noch zu bleibett: der in der Tasche des falschen Soldaten gefundene Brief mit der Unterschrift Lacheneur.

Dieser Brief war, Ivie aus einem halb verwischten Stempel -am oberen Rande hervorgino, in einem Cafe des Boulevard- Beaumarchais geschrieben worden.

Dieses Lass zu enLecken war natürlich nur ein Kinderspiel. Der vierte Wirt, dem Lecoq den Zettel vorlegte, erkannte mit «aller Bestimmtheit sein Papier und seine Tinte. Aber weder er, noch feine Fran, noch die Kellner, noch die Stammgäste, die Lecoq nach und nach geschickt ausfragte, hatten in ihrem Leben je den Namen Lacheneur vernommett.

Was nun tun?. Nun war doch jede Hoffnung entschwunden! Doch noch nicht ganz: Der Soldat hatte ja im Sterben erklärt, hieser Bandit Lacheneur wäre ein früherer Schauspieler. An diese unbestimmte Andeutung sich anklammernd, wie ein Ertrinkender Wach einem Strohhalm greift, machte Lecoq sich wieder auf den Weg, und befragte bei allen Theatern Portierslente, Sekretäre, Künstler.

Kennen Sie nicht einen Schauspieler Namens Lacheneur?

Uebcratl hörte er NurNein", zuweilen durch Kulissenscherzö geivürzt. Ziemlich ost fügte man hinzu;

Wie sicht 'denn Ihr Künstler aus?

Ja, das konnte er eben nicht sagen! Alle seine Kenntnisse! darüber beschränkten sich aufTugend-Tonis" Satz:Ich sand, er sah aus, wie ein recht respektabler Herr." Das ist aber keine Personalbeschreibung. Außerdem war es noch recht fraglich, was Polyte Chupins Frau unter der Bezeichnung:respektabel" ver­stand. Bezog sie sie auf das Alter oder auf das äußerliche Auf­treten ? 1

Au anderen Orten fragte man:

Welche Atollen spielt denn Ihr Schauspieler?

Und Lecoq mußte schweigen, denn er wusste nicht. Rur das wußte er, daß Lacheneur in diesem Augenblick eine Rolle spielte, wobei Lecoq, hätte aus der Haut fahren mögen.

Schließlich nahm er seine Zuflucht zu dem allerletzten Hilfs­mittel, der Polizei, das zwar sehr langweilig zu gebrauchen ist, aber stets gute Resultate liefert, weil es ausgezeichnet ist. Er beschloß, alle Fremdenbücher in sämtlichen Hotels und Gasthöfen durchzusehm. So stand er denn beim Morgengrauen auf, ging spät zu Bett, und lief beit ganzen Tag von einem Logierhaus! zum anderen.

Alles vergeblich! Nicht ein einzigesmal traf er auf den Namen Lacheneur. Existierte derselbe überhaupt? Oder war es nur ein Theatername? Er hatte den Namen nicht einmal int Pariser Adreßbuch gefunden, wo doch sämtliche französische Namen vorkommen und darunter die unwahrscheinlichsten An­häufungen von Silben, und Buchstaben.

Aber itichts war imstande, ihn zu entmutigen, ihn von der Aufgabe abzubringen, die er sich selbst gestellt. Seine Hart­näckigkeit war beinahe zur fixen Idee geworden.

(Fortsetzung folgt.)

Die elegante §rau.

Eine Epistel für die Leserinnen von Genov. Wir t-Stuttgart,

Sei es zum Beginn des Sommers oder des Winters, zieht der Frühling ins Land oder beginnt es zu herbsteln, immer erscheinen mit tödlicher Sicherheit deut-che tote fremde Modeblätter und beeilen sich, uns ausführlich zu erzählen, toasman" diese Saison trägt, tragen muß. Eine Sintflut von Stossen, Spitzen, Bändern, Blumen, F.littern, Borten schwillt vor unseren lesenden Augen empor; Budgets, viel- zifferig wie Staatsschulden, scheinen die einzig berufenen, um sie ausznschöpfen. Traurig, entmutigt legen wohl viele schöne Leserinnen" ihre Leib- und Modezeitung beiseite und schicken sich zu heroischer Entsagung an:Ich muß verzichten, jemals eine elegante Frau zu sein, denn nach den Berichten, die ich jahraus, jahrein lese, ist die Eleganz nur für die Reichen da, für die Glücklichen, die nie die .Waffe, sondern nur das Modeblatt befragen müssen: Was brauche ich für diese Saison?" v r

Schöne oder auch nicht schöne Leserin, erhebe dem be­trübtes Köpfchen und laß muh dir sagen, was du brauchst, nicht nur für diese eine, sondern für jede beliebige Saison. Laß mich dir sagen, daß die wirkliche Eleganz durchaus nicht von den Kosten abhängt, die sie verursacht, sondern einzig und allein von dem Geschmack, dem Stilgefühl und dem Finanzgenie der Frau, die sie sich zu eigerr machen will. Ein klein wenig Mitgift von der Natur und ich verpachte mich, auch aus dir eine elegante Frau zu machen, voraus­gesetzt .... , .

Ja, die Boraussetznugen wollen wir uns jetzt etwas näher ansehen!

Zunächst also, tote gesagt, ein klein toentg gute Laune 'seitens Fran Mutter Natur, kein Gebrechen, keine schreck- erregenden Fett- ober Knochenmassen, keine Abnormität. wenn sie sich so weit zu Konzessionen herbeigelasieu hat, kann man schon ganz zufrieden sein und hosfnungsfreudig ans Werk gehen, ans der normalen Frau eine elegante zu machen. ,

Gleich nach der Mitgift von der Natur kommt die Ver­waltung, die du deinem dir anvertrauten Gut angedeihen lassest: die Körperpflege. Tie elegante Frau läßt sichs nicht an dem obligaten Samstag-Abendbad der Klein­bürgerin genügen, sondern nimmt jeden Tag eine gründliche Waschung' ihrer Person vor. Ein Badezimmer mit großer Wanne und kostspielig zu heizendem Badeofen braucht fte dazu gar nicht; das uns, wie so vieles Praktische, von England überkommene billige Gummitub, das mit ein paar Kannen Wasser zu füllen ist, tnts anch; nebenbei hat es den