Ausgabe 
11.11.1908
 
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Herr Lecoq.

Küimiiml-Roman von E. Gaborian.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Uber er hätte die furchtbare Folter der Ungewißheit keilte Viertelstunde langer ertragen Wunen. Er bezahlte und klingelte an der Wohnung der Marquise. Eilt Diener machte auf, musterte ihn mit mißtrauischen Blicken uitb antwortete, die Frau Mar­quise sei auf dem Lands. Augenscheinlich erwies.man ihnr die Ehre, ihn für einen Gläubiger zu halten.

Aber er wußte so geschickt zu verstehen zu geben, daß er nicht käme um Geld einzntreiben, er sprach nrit solcher Betonung von dringenden Angelegenheiten, daß der Bediente ihn schließlich int Hausflur allein liess, indem er sagte, er wollte nochmal nach- fehett, ob die gitädige Frau wirklich ausgegangen iväre.

Sie war nicht ausgegangen. Einen Augenblick darauf kam der Lakai wieder, führte Leeoa durch eilten großen Salon von sehr verblichener Pracht u>td liest ihn in em mit rosa Stoff be­spanntes Boudoir eintreten. In diesent lag neben dem Kamin auf einem Ruhebett eine alte Dante ton fürchterlichem Aussehen, groß, knochig, sehr geputzt und noch mehr geschminkt, und strickte eine Binde aus grüner Wolle.

Sie mast den jungen Beamten von oben bis unten und von nuten bis oben, so dass ihm das Blut in die Stirne stieg. Ms sie aber sah, dast er eingeschüchtert zu sein schien, was ihr offen­bar schmeichelte, fragte sie ihn beinahe freundlich:

Nun, mein Junge, was bringt Sie denn her?

Leeoa war nicht ein geschüchtert, aber er bemerkte mit Be­dauern, dast Frau d'Arlang-e nicht eine von den Frauen sein lonnte, die ans derPfefferbüchse" geflohen waren. Gantz ent­schieden nichts an ihr entsprach der von Pavillon gegebenen Be­schreibung. Ferner erinnerte der Beamte sich, ivic klein die im Schnee hinterlassenen Fußspuren gewesen tvaren, und der Fuß der Marquise, der unter ihrem Rock hervorsah, war von heroischer Grösse.

Na, toas beim? Sic sind wohl stumm! fuhr die alte Dame mit beträchtlich lauterer Stimme fort.

Ohne eine direkte Antwort zu geben, zog Leeoq den kostbaren Ohrring aus seiner Tasche und legte ihn auf das Putztischchen, indem er sagte:

Ich bringe Ihnen dies hier wieder, Madame, ich habe eS gefunden, und cs gehört Ihnen, wie man mir gesagt hat.

Die Marquise legte ihre Handarbeit fort, um den Stein zu betrachten. Nach einem Augenblick sagte sie:

ES ist allerdings richtig, dieser Ohrring hat mir früher ge­hört. Es war eine Laune, die mich vor vier Jahren überkam und mich runde zwanzigtausend Livres kostete. Ah, Meister Doisth, der mir diese Diamanten verkaufte, hat einen schonen Batzen Geld daran verdienen müssen. Aber ich habe eine Enkelin «ufzuztehen dringende Geldbedürfnisse zwangen mich bald da­rauf, zu meinem Bedauern mich des Schmucks zu entäußern.

Und an men?

He? sagte die Marquise, offenbar peinlich berührt. WrS ist das für eine Neugier?

Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich wollte ja doch so gerne den Eigentümer dieses hübschen Dings auffinden.

Die Marquise betrachtete ihren Besucher mit neugieriger und überraschter Miene.

Ehrlichkeit? Oho! Unb vielleicht keinen Sous in deck Tasche...

Gnädige Frau!

Gut! Gut! Das ist kein Grund, um rot zu werden wiene Pfingstrose, mein Junge. Ich habe die Ohrringe abgetreten an eine große Dame aus Deutschland denn in Oesterreich gibt es noch reichen Adel au die Baronin von Watschau.

Unb wo wohnt diese Dame, Frau Marquise? .

Auf dem Pcre Lachaisc. Sie ist nämlich voriges Jahr gor storben. Die Frauen von heute einmal int Walzer 'ruin- und ein kühles Lüftchen, und sie sind hin! Zn meiner Zeit tranken nach jedem Galopp die jungen Mädchen ein großes GlaS gezuckerten Wein und stellten sich- zwischen zwei Türen. Und wir befanden uns dabei wohl, wie Sie sehen.

Aber, Madame, fragte Lccoq hartnäckig weiter, die Baronin Watschau hat doch jedenfalls Erben hinterlassen, einen Ge­mahl oder Kinder...

Nur einen Bruder, der am Wiener Hofe ein Amt bekleidet und deshalb seinen Wohnort nicht wechseln konnte. Er hat Auf­trag geschickt, das ganze Eigentum seiner Schwester, sogar ihr« Garderobe, zu versteigern, und man hat ihm das Geld geschickt.

Leeoq konnte eine Bewegung der Entmutigung nicht unter­drücken..

Was für ein Unglück! murmelte er.

Nun, warum beim? sagte die alte Dame. Auf diese Art bleibt der Diamant Ihnen, und daS freut mich, das wird eine gerechte Belohnung für Ihre Ehrlichkeit sein.

Hätte Leeoq wild werden, schreien, seinem Zorn freien Lauf lassen, der alten Dame sagen können, sie sei albern, so wäre das für ihn eine unendliche Erleichterung gewesen. Aber wo blieb dann seine Rolle als ehrlicher braver junger Manu? Er wußte also seine Lippen zu einem Lächeln zu zwingen, er stotterte sogar einen Dank für so viel Güte. Und, da er nichts mehr zu er­warten hatte, so machte er eine sehr tiefe Verbeugung und ging rückwärts aus dem Boudoir heraus.

Er war ganz betäubt über diesen neuen Schlag. Würde er wieder durch eine Komödie gefoppt? Das war nicht aitzunehmen.

Wenn der Komplize des Mörders Doisth ins Vertraue« gezogen hätte, so würde er ihn kurz und bündig gebeten haben, zu antworten, er wisse nicht, an wen die Brillanten verkauft wären, oder einfach zu leugnen, daß sie ans feinem Geschäft stammten,

Leeoq hatte aber auch noch andere Gründe, an der Dar­stellung der Marquise nicht zu zweifeln. Einen zwischen dem Juwelier unb seiner Frau gewechselten Blick erklärte er sich jetzt in einer Weise, daß ihm ein ganz neues Licht über den Sachverhalt aufging. Die Marquise hatte nach der Meinung! der Juwelievsleute mit Ankauf der Diamanten eine kleine Speku­lation gemacht, wie sie unter den Damen der großen Welt öfter