Ausgabe 
11.11.1908
 
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für enge Wohnungen unschätzbaren Vorteil, daß es nach Ge­brauch an einem Nagel aufgehängt werden kann; für die Reise läßt sichs klein zusammenlegen und in jede Reisetasche packen.

Selbstverständlich darf cs für die elegante Frau weder vernachlässigte Zähne noch ungepflegte Hände, noch verwahr­loste Haare geben; ohne besondere Kunstmittel und mit wenig Zeit ist da viel zu erreichen, vorausgesetzt, daß man sich tagtäglich und verständig mit ihrer Kultur befaßt. Das Wie"' zu erörtern, wäre hier nicht am Platze und wurde zu weit ab von meinem eigentlichen Thema führen; mir möchte ich betonen, daß für wirkliche, nicht für Talmi-Eleganz sorgfältigste Pflege des Körpers Grundbedingung ist, nicht nur vom ästl)etijchen, sondern ebenso sehr vom ethischen Standpunkt aus. Glaube doch keine, daß nian's ihr nicht anmerkt, ob sie bis auf das letzte Fäserchen ohne Fehl und Tadel oderaußen hui, innen pfui" ist. Gerades» erkennt man es, wie man echte Seelenreinheit von erlogener unterscheidet, denn Untadelhaftigkeit gibt eine ruhige, heitere Sicherheit, die sich immer wohl fühlt und wohl tut, weil sie nie vor Zufälligkeiten zu erschrecken, keine Ueberraschungen oder Enthüllungen zu furchten braucht. Es klingt grotesk, ist aber darum nicht minder wahr: eine elegante Frau muß jeden Augenblick und überall mit größter Seelenruhe ohn­mächtig werden können . . .

Nun kommen wir allmählich zu den Hüllen des gut gepflegten Körpers, zunächst zur Wäsche. Sauberkeit und Akkuratesse ist auch hier das erste Gebot, dagegen können wir die Prunkwäsche den Damen, die ein großes Portemonnaie und eine Jungfer haben, überlassen.

Bitte, aber nun endlich zur Sache, das heißt zum Anzug!"

Auch für ihn gilt, wie für den Körper, wie für die Wasche, als erstes und strengstes Gebot:Reinlichkeit und Pflege."

Ja, aber was soll ich mir denn nun eigentlich kaufen von all den tausend Sachen, die die Mode ans den Markt wirst?"

Immer nur das Allernötigste." Das klingt überflüssig, ist es aber keineswegs. Wie wenige Frauen verstehen, nur gerade das zu kaufen, ivas sie wirklich benötigen, und wie zahlreich find die kleinen Närrinnen, die den Lockungen der Gelegenheitskäufe" und der geschickten Verläufer nicht widerstehen können, die ausziehen, eine Bluse zu kaufen und mit einemvorteilhaften Rest" heimkomnien. Selbst­verständlich bringt der Gelegenheitskauf nur llugelegenheilen und dervorteilhafte" Rest nur Nachteile. Das Geld ist für lieber flüssiges ausqegeben, das schließlich doch nirgends recht hinpaßt, und für mindestens zwei Saisonen muß Fretterei Ungesagt werden: für das erste, weil der Mammon unnütz vertan ist, und für die zweite, weil das unnütz Erworbene eben doch verwertet werden muß . . .

Neben dem Ueberflüssigen meide man auch alles, was so schreiend deutlich die Jahreszahl der Saison aufweist, daß es schon in der folgenden antiquiert aussehen muß. Le cri de la saison", wie der bezeichnende Ausdruck für dies Sichselbstübertrumpfen einer Modelaune heißt, schickt sich nur für jene, die ohne irgendwelche Rücksicht auf die Geld­börse wirtschaften und der launischen Dame Mode aus all' ihren Schnörkelgängen nachschlüpfen können, die unbe- Wmmert im September beiseite werfen, was sie im Mai mit Gold ausgewogen haben. Keine Angst, daß man deshalb unmodern oder unelegant sei! . . . ;

Wie andere Souveräne hat auch Königin Mode den Ab­solutismus verlernt sie herrscht, aber sie regiert nicht. Ein großer Grundgedanke tritt aus ihr hervor, aber die ihn ausführen, ihin dienen, sind nicht mehr unterwürfige Knecht- secleu, sondern freie Persönlichkeiten, die auch den Mut des Widerspruchs kennen. Darum kleide sich jede Frau, wie es ihr und ihrer Erscheinung paßt, nicht, wie das Modeblatt es vorschreibt oder gläubig ans Paris berichtet. L>ie trachte durch ihre Kleidung etwaige Mängel unauffällig zu machen, Vorzüge dagegen eindringlich, aber nicht aufdringlich er­scheinen zu lassen. , ,

Immer ist das Einfache dem Geputzten vorzuzrehen, e» erfordert nicht nur weniger Zeit und Mühe, es gut m Stand zu halten, sondern entspricht auch entschieden unseren Leben»- bedinaungen, Ansichten und Gewohnheiten vesser als das auffälig ins Auge Stechende. Man lasse sich durch Termen- zen, wiein Paris trägt man dies",für die Pariserinnen ist das unerläßlich", nicht irre machen.

Erstens kleidet sich die Pariserin ans der Straße im

allgemeinen höchst einfach und zweitens sind wir keine Pariserinxsn; darum ist es lächerlich, wenn wir ihnen, deren Erscheinung und Heren Umgebung grundverschieden von der unfern ist, sklavisch nacheifern wollen. Was sich für die kleine zierliche Romanin schickt, schickt sich noch lange nicht für die ungleich größere und kräftigere Germanin; was die Dunkelhaarige kleidet, entstellt vielleicht die Blonde, und wiederum würde der morbide Teint der Gallierin nicht ertragen, was die rosige Frisch der Deutschen nur noch leuchtender hebt. Und nicht zu vergessen ist, daß uns ja fast nie das Schlichte, Gutbürgerliche aus Paris gemeldet und beschrieben iciro, sondern beinahe immer nur das Außer­gewöhnliche und Extravagante. Wir erfahren, wie ein paar große Aristokratinnen, ein paar große Schauspie­lerinnen und etliche zweifelhafte oder auch unzwei­felhafte D a m e n sich anzieheu, was sie für ihren Wagen, für ihre Loge, für ihren Salonceiren"; was aber tausend, hunderttausend Frauen der guten Gesellschaft tragen, wissen wir nicht.

Zweifelsohne aber haben sie ein anderes Wesen der Er­scheinung als jene, geradeso wie sie wohl in nichts dem Typ gleichen, den wir aus französischen Possen und Sitten­romanen alsPariserin" zu erkennen meinen, und doch sind zum größten Teil sie es, die Paris den unerschütterlichen Ruf der elegantesten Stadt der Welt begründet haben, denn die Majorität prägt einem Städtebild den Charakter auf, nicht eine Handvoll Ausnahmeexistenzen.

Am vernünftigsten wäre es natürlich, die Deutschen be­griffen endlich, daß das Rassenchoblem auch in die Mod« hineinspielt, und schüfen sich ihre eigene. Wenns aber schon durchaus Import sein soll, dann doch englischer oder auch amerikanischer, denn die Angelsächsiu gleicht in Art, Ge­wohnheit und Lebensvorausfetzungen der Germanin ungleich mehr als die Romanin. Man kann sich über die Englände­rinnen lustig machen soviel man will, man kann ihnen aber nicht absprechen, daß sie es verstehen, sich zugleich praktisch, einfach und sehr vornehm zu kleiden. Nie lernt man das besser einsehen, als auf Reisen, insbesondere in den großen italienischen Hotels und Pensionen. Während die Französin auf Louis XV.-Absätzen, mit Püschen, Schleppe, Schleife, Schleier belastet, durch die Museen und Galerien stelzt, um ermüdet in jeden nur denkbaren Stuhl zu sinken, während die Deutsche sich in jenen undefinierbaren graugrüngelb- brannen Aufzügen zeigt, von denen mau nie weiß, ob man sich darüber ärgern oder lustig machen soll, erscheint die Engländerin, gleichviel, ob jung oder alt, unweigerlich mor­gens in breitem Dauerstiefel, kurzem Rock, Jacke und Hemd­bluse, nicht minder unweigerlich zur Hauptmahlzeit in Lack­schuhen und full dress. Sie mag so einfach, ja ärmlich leben, wie sie will, nie würde es ihr eiusallen in einem Straßen­kleid zum Diner oder umgekehrt in einer Seidenschleppe in Galerien zu gehen.

Und damit komme ich zu einem Karonialpunkt der Ele­ganz:Zu jeder Gelegenheit das entsprechende Kleid i" Wende mir niemand ein, daß solche Vielfältigkeit ein Luxus sei, den nur die reiche Fran sich gestatten kann; jede von uns hat mehr als eine oder mehr Toiletten im Schrank hängen, und wenn sie ihren Anzug nicht mit seinem Zweck zusammenstimmen kann, so liegt es in hundert Fällen neun» nndneunzigmal nicht an dem Mangel an Auswahl, sondern am Mangel des Geschmacks- und ästhetischen Takts.

Das Hauskleid vor allem kann die elegante Frau nicht missen; meinetwegen auf der Straße, zu Besuchen, im Theater so einfach wie möglich, aber dzr Anzug, in dem man sich seiner Familie, seinem eigenen Heim zeigt, soll alles ausweisen, was die Frau an Geschmack und an Wert zu geben hat; aus jeder Falte soll es rufen:My House is my caftle!" Die elegante Frau läßt sich im schlichtesten Arbeits- kleid erkennen, denn stets wird man die Art dessen erkennen, der es trägt, die Art der Herrin, die immer Herrin bleibt, auch wenn sie Mägdearbeit verrichtet.

Besondere Sorgfalt erfordert die Auswahl der Farben; wer nur wenig anschaffen kann, urüß trachten, alles en möglichst zusammeustimmenden Tönungen zu erwerben, so daß alles in beliebigen Verbindungen zusammengetragen werden kann, sonst entsteht eine Disharmonie, vor deren Mißtönen auch der letzte Schimmer von Eleganz schaudernd die Flucht ergreift. . ,, . ,

Schuh und Handschuh spielen eine große Rolle m der wichtigen Frage der Bekleidung ; an ihnen vor allem, wett mehr dann am Kleid, erkennt man die elegante Frau.